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Full text of "Die Verbalabstracta in den Germanischen sprachen ihrer Bildung nach ..."

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DIE VERBALA 




GERMANISCHEN SPRACHEN 



IHRER BILDUNG NACH DARGESTELLT 



KARL VON BAHDER, 




HALLE. 

MAX NIKMBYER. 

18 SU. 



fftizedDy GOOgk 



«ODERN L»»aUAOES FACULTY UBMKT, 

TAVLOfl mtTITUTION, 

OXFOBB. 



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Torwort. 



Im herbst 1878 wurde von der philosophischen facultät 
der Universität Heidelberg die preisaufgabe gestellt: „Der 
procesB des aufleben» und absterben» atammbildender suffixe 
ist an beispielen aus dem gebiete der indogermanischen 
sprachen darzulegen". Ich reichte darauf hin die vorliegende 
schrift ein, welche auch am 22. November 1879 mit dem 
preise gekrönt wurde. Einzelheiten habe ich in der folgen- 
den zeit noch zu verbessern und nachzutragen getrachtet; 
im grossen und ganzen ist die arbeit dieselbe, wie sie im 
sommer 1879 niedergeschrieben wurde. Ein excurs, der die 
Verwandlung ven dental +t in ss im urgerm. beweisen sollte, 
fiel weg, weil unterdessen Kögel's ausführungen aber diesen 
punkt erschienen sind. 

Den wärmsten dank schulde ich herrn prof. Osthoff, 
welcher durch winke und ratschlage mancherlei art sein 
interesse an dieser arbeit bezeugt bat. 

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, einige neue ge- 
sichtspunkte für die Wortbildung aufzudecken, eine oder die 
andere der besprochenen ableitungen überzeugend zu erklä- 
ren; wo das nicht der fall ist, wird wenigstens die beispiel- 
sammlung künftigen bearbeitern die wege ebnen. Abschlies- 
sende resultate wird kein billig denkender von einem ver- 
suche fordern, der als der erste einer zusammenhängenden 



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betrachtung einer wortkategorie auf dem gebiete des germa- 
nischen wol bezeichnet werden darf. 

Bei der ansetzung indogermanischer Urformen habe ich 
durchweg das Vokalsystem zu gründe gelegt, das durch die 
neueren forschungen gesichert ist. Hier und da sah ich 
mich aber veranlasst, an die frühere ausdrucksweise con- 
cessionen zu machen; ich spreche z. b. von einem suffix -ti- 
statt -tei- oder -toi-. Die hieraus erwachsenen Ungleichhei- 
ten bitte ich zu entschuldigen. 

Leipzig, den 29. October 1880. 

K. v. Bahder. 



fftizedDy GOOgk 



Inhalt. 



Sein 

Einleitung 1 

L Die indogermanischen suffixe für primäre abstractbildung in 

ihrem absterben and ihrer neubelebung .... 10 

1. Die suffixe -o-, -i- und -ä- 12 

2. Die suffixe -ja-, -ja- 60 

3. Das Suffix -es- 52 

4. Die suffixe ano (-t'no-); -na-, -nä- ... 56 

5. Das suffix -tt- 62 

6. Das Suffix -ni- (-mi-, -dni-, -aini) .... 80 

7. Die suffixe -to- und -tu- {-dpu-, -atsu-) ... 90 
IL Das aufleben neuer bü dünge wehen für verbaiabatraeta inner- 
halb des germanischen 127 

A. Der Übergang instrumentaler bildnngen zu verbal ab stracten 128 

1. Die suffixe -mo- nnd -men- 129 

2. Das snffix -tro- 146 

3. Die suffixe -ro-, -lo-, -slo- HB 

B. Der Übergang denominativer bildungen zu verbalabatracten 155 

1. Die endung -ipa 156 

2. Die endnngen unga, -inga 163 

3. ParÜciplalbildungen 192 

4. Bildungen auf -U 196 

C. Der Übergang collectlvisoher bildungen zu verbal ab stracten 198 
Excurs zu B. 120 209 



fftizedDy GOOgk 



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Einleitung. 

1/er tiefere Zusammenhang der casus- und Wortbildung 
ist ein gebiet, welches forscher, die kühnen augea es unter- 
nahmen blicke in den Ursprung der sprachformeii zu werfen, 
vor allem anziehen musste. Die versuche, welche gemacht 
worden sind casusbildende suffixe in wortbildenden und umge- 
kehrt zu erkennen, sind bekannt; ich erinnere nnr an Curtius 1 
(Zur Chronologie 2 s. 74) identificirung des genetiv- Suffixes -sjo- 
rviit der ableitnng des gr. drjfiöatoc, an Scherer's deutung 
des suffixes -o- als alte locativendung. Dass ein blick auf die 
historische spräche ntwicklnng diesen versuchen Vorschub 
leiste, wird niemand behaupten können. Casus- und Wort- 
bildung verhalten sich Überall zu einander wie versteinerte ge- 
bilde und ein blühender Organismus. Noch in den jüngsten 
sprachstufen finden wir auf dem gebiete der Wortbildung ein 
reges schaffen, während das System der casusbildung schon in 
der Ursprache ein fertiges ist und die abweichnngen in den 
einzelspraehen zum grossen teile darauf hinaus laufen, in wie- 
weit dieselben das ererbte gut bewahrt haben oder nicht. Von 
geringen ausnahmen abgesehen, handelt es sich hier nur um 
aufgäbe oder bewahrung der alten, nicht um die bildung neuer 
auffixe; neubüdungen erfolgen im Systeme der Casusbildung 
selbst d. h. durch beeinnuasung der casusformen unter ein- 
ander. Verlust der alten fülle ist also der grundzug in der 
entwicklnng der Casusbildung; er erklärt sich dadurch, dass 
jene scharfe sinnliche beobachtung, der der reich tum der casus- 
formen in der ursprache sein dasein verdankt, in der weiteren 
Sprachentwicklung schwand. Auf der anderen Seite steht eine 



»Nzedoy GOOgk 



schärfere ausbildung der geistigen begriffe. Eb ist bestritten 
worden, daas die IndogermaneD mit den einzelnen Baffixen über- 
haupt schon bestimmte begriffe verbunden hätten, dieselben 
hätten sich erst später herausgebildet. Ich bin dagegen der 
ansieht, dasa wir durch vergleichung der verwandten sprachen 
dazu gedrängt werden, gewissen Suffixen eine bestimmte bedeu- 
tung zuzuerkennen. Allerdings wurden durch dieselben viel- 
leicht nur die allgemeinsten begriffe, wie der tater und data 
getane unterschieden. In den ei nzelsp rächen musste natürlich 
eine feinere gliederung der begriffe erfolgen. Welche mittel 
standen dafür zu geböte? Zunächst die von der grundspraehe 
her Überlieferten suffixe. Dieselben konnten sich aber in den 
ei nzelsp rächen nicht alle intact erhalten, viele litten durch die 
auslautsgesetze und konnten daher nicht mehr als ausdruck 
einer wortkategorie gelten. Ein solches suffix verlor den wert 
eines lebendigen bi Id 11 ngs mittels; die durch dasselbe hervorge- 
rufenen bildungen entbehrten fortan eines characteristicums, 
welches sie in einer bestimmten begrifflichen Sphäre zurück- 
hielt und waren bedeutungsttbergängen ausgesetzt. Die spräche 
konnte aber eine einbusse in dieser richtung nicht ertragen; 
ihr musste ein ersatz geschafft werden. Sie griff nach anderen, 
neuen Suffixen und zwar nach solchen, welche die genügende 
deuttichkeit zum ausdruck einer begrifflichen kategorie beaasseu. 
Es ist die aufgäbe des forschers ihr in diesem bestreben nach- 
zugehn und überall wo möglich die gründe aufzudecken, 
welche die spräche veranlassten diesen oder jenen weg einzu- 
schlagen. Die methode einer Untersuchung über Wortbildung 
wird also eine ganz andere sein, als einer solchen über 
Probleme der laut- und flexi onslehre. Es wird sich nicht 
allein darum handeln die Weiterentwicklung der alten formen 
zu verfolgen, sondern auch das aufkommen der neuen wahr- 
zunehmen und zu begreifen; und das wird wesentlich nur von 
teleologischen gesichtspuneten aus möglich sein. Die 
frage nach dem inneren, psychischen gründe der entwicklung 
muss hier immer im Vordergründe stehen. Darum ist es auch 
die Wortbildung vor allem, welche una über den geist einer 
spräche aufschluss gibt. 

Welches ist nuu das wortbildende dement, das wir einer 



fftizedDy GOOgk 



Untersuchung zu gründe legen können? Nach der hergehenden 
ansieht das suffix. Das suffix — sagt man — tritt an wurzeln 
oder wort stamme an und bildet dadurch diese oder jene wort- 
kategorie. Dies ist nichts anderes, als wenn man sagen wollte: 
das -* tritt an den wortstamm an und erzeugt dadurch den 
begriff des nominativs. So sicher wie die casussuffixe nur 
mittel sind um die äussere beziehung eines Wortes darzustellen, 
so sicher müssen auch die wort auf fixe den begrifflichen kate- 
gorien, welchen die spräche ausdrnck zu verleihen sucht, unter- 
geordnet werden. Genügt ein vorhandenes auf fix seinem zwecke 
nicht mehr, so greift sie zu einem anderen. Ea iat also der 
begriff, welcher eine bildung hervorruft und er allein sollte 
den ausgangspunkt einer Untersuchung bilden. Es soll damit 
die art der forschung, welche ein einzelnes suffix zu gründe 
legt, nicht durchaus verworfen werden; diese verfolgt jedoch 
ein anderes ziel. Von altgemeineren sprachlichen gesichtspunk- 
tt'ii aus hat es sein interesse, die Schicksale, welche ein indo- 
germanisches suffix in einer einzelsprache erfahrt, zu verfolgen, 
einen bei trag zur wortbildungslehre dieser spräche liefert man 
aber erst dann, wenn man das gebiet, in welches das suffix 
eingreift, in weiterem umfange behandelt und die stelle, welche 
es in demselben einnimmt, vor äugen führt. 

In keiner spräche ist es mehr am platze in der Wortbil- 
dung zn der von mir angegebenen methode der forschung zu 
greifen, als in der germanischen. Durch die Zurückziehung 
des accents anf die Stammsilbe, durch die mächtig wirkenden 
anslautgesetze waren die endsüben starken Verstümmelungen 
ausgesetzt. Es behielten daher nur wenige der vom indoger- 
manischen her überlieferten auf fixe die erforderliche deutlich- 
keit um ihre ursprüngliche funetion weiter fortführen zu können. 
Die meisten fanden ihren Untergang; die spräche wurde dadurch 
zu neubüdungen gedrängt. Die art und weise, in welcher dieselben 
erfolgten, hoffe ich in meinen betrachtnngen über die bildungs- 
g es chic litt: der verbalabetracta zur anschau ung bringen zu 
können. Mehr als auf einem andern gebiete zeigt sich hier 
die Weiterentwicklung der sprachlichen formen mit der entfal- 
tung der begriffe in innigater Verknüpfung. Möge es mir ge- 
tiugen, hinter dem ziel, das ich mir gesteckt habe, nämlich 
1* 



»Nzedoy GOOgk 



einen beitrag zur geschickte des deutschen geistes zn tiefern, 
nicht allzuweit zurück zu bleiben! 

Die verbal abstracta oder nomina actio nis des indoger- 
manischen nehmen ihren Ursprung durch primäre ableitung 
aus der wurzel; hieran halte ich fest, wenn man auch in 
neuerer zeit die primäre ableitung als eigentlich aus dem 
verb fliessend hinzustellen versucht hat Für ihre weitere 
entwicklung und vom Standpunkt der einzelsp rächen ist aller- 
dings diese auffassung vollkommen berechtigt. Nur durch 
lebendigen und klar ersichtlichen Zusammenhang mit dem verb 
ist ein verbalabstract im stände sich als solches zu erhalten 
und neubildungen hervorzurufen; diejenigen, bei welchen dieser 
Zusammenhang fehlte, waren bed e ti tu ngsüb ergangen ausgesetzt. 
Zimmer hat in seinem buche „Die Nominalsuffixe 1 und ä in 
den germanischen Sprachen" s. 155 f. auf die Veränderungen 
der bedentung aufmerksam gemacht, welche die durch -o- ge- 
bildeten nomina actionis in den germanischen sprachen erleiden. 
Er hebt hier die Übergänge hervor, dass 1. die handlung auf 
einmal eingeschränkt wird (s. 158), 2. das ursprünglich reine 
abstract später mehr die Wirkung oder folge einer tätigkeit 
ausdrückt (s. 159), 3. das abstractum sich in daa concrctum 
verwandelt, welches mit der handlung in bezieh ung steht 
(s. 162 f.). Diesen Übergängen wird ein verbalabstract dann 
um so weniger ausgesetzt sein, wenn es ein lebendiges verbum 
neben sich hat und zugleich durch das ableitende suffix eine 
gattnngsbezeichnung geschaffen ist, aus der die einzelne bil- 
dnng nicht heraustreten kann. Die kraft neubildungen hervor- 
zurufen kann einer primären' abeitung nur dann innewohnen, 
wenn sie in ein lebendiges Wechsel Verhältnis zum verb d. h. 
zn dem in diesem erscheinenden vocalablaut getreten ist. 



1 Abweichend vom gewöhnlichen Sprachgebrauch bezeichne ich 
als „primär" bloss die wurzelhaften Bildungen, alle anderen als „se- 
uundär". Unter die letztere kategorie falten also nicht allein die 
denowinariven bildungen, sondern auch die, welche abgeleitete verba 
zur grundlage haben. Wenn Schleicher bemerkt, comp.* s. 335: 
„Beim verbnm treten an die verbalstämme dieselben suffixa, wie an 
die nicht abgeleiteten, der verbalstaiuu gilt als würzet, mag er primi- 



»tizedDy GOOgk 



Dann sehen wir ableitungen auftauchen, die sich durch ihre 

lautliche gestaltuug als nicht wurzelhafte doeumentiren, Bondern 
die mit an knüpfung an eine verbalform durch die analogie der 
älteren bildnngeu hervorgerufen worden sind. In dieser und 
nur in dieser weise sehen wir einzelne primären luxe sich bis 
auf die neuesten sprachstufen lebendig erhalten. 

Ganz anders die nicht wurzelhaft, secundär gebildeten 
verbalabstracta. Diese finden ihre entstehung und Ausbreitung 
ausschliesslich auf dem wege der snffixbildnng. Hier wird 
es sich in der folge der bildungsschichtcn stets darum handeln 
das alte, bedeutungslos gewordene auf fix mit einem neuen, 
cli aracteria tischen zu vertauschen. Welches war der gang der 
ent wicklung, welchen die spräche hierbei befolgte? Nicht etwa 
der, dass noch ein suffix an das seinem Untergang entgegen- 
gehende angefügt wurde. Der beliebte ausdruek von dem „an- 
treten" eines neuen suffixes an ein vorhandenes „zur Verstär- 
kung" beruht auf einer sprachwissenschaftlich schiefen auffas- 
sung, welche der spräche einen erhaltungstrieb zuschreibt, den 
diese tatsächlich nicht besitzt. Die bildung, der diese sogen. 
Verstärkung zu teil werden Bollte, wurde entweder noch als 
ausdruek eines abstractums gefühlt und dann war eine Ver- 
stärkung nicht am platze oder dies war nicht mehr der fall 
und dann musste sie eben ihren Untergang, der unausbleiblich 
war, finden. Wo uns eine solche suffixhänfuug begegnet, ver- 
dankt sie ihren Ursprung der einwirkung einer bildung auf 
eine andere in der bedeutnng nahe verwandte, und besteht in 
einer contamination zweier ableitungselemente. Sie ist nie ur- 
Bache, sondern stets folge der bedeutung, welche das betreffende 
wort hat. Nein, nicht darin zeigt sich das schöpferische der 
spräche, dass sie einer notwendigen entwicklung hemmend ent- 

tiv oder abgeleitet sein ; mit recht zählt man daher alle suffixa, 
welche unmittelbar an verbalstämnie treten (partieipien , noinina ac- 
tionis, nomina agentis bildend) zu den primären suffixen", so beruht 
das auf einem sehr einseitigen Standpunkte. Ich werde nachher zu 
zeigen versuchen, dass nur sehr wenige primärauffixe im germ. auch 
an abgeleitete verbal stamme treten, während diese ihre ableitungs- 
elemente zum grossen teil von den denominativen büdnngen ent- 
lehnen. 



fftizedDy GOOgk 



gegeiitritt, sondern darin, dass sie weiss, die hierdurch gewor- 
dene einbnsse reichlich wieder zu ersetzen. An stelle der indo- 
germanischen , jetzt an eich bedeutungslos gewordenen aiiflue 
traten in der einzelsprache nen geschaffene. 

Die entwicklnng dieser nenen snffixe, welche dazu be- 
stimmt waren die alten zn ersetzen, erfolgte nun von zwei 
Seiten ans. Entweder mit anknüpfung an die alten, im falle 
diese in einer reihe von bildnngen mit vorausgehenden verbal- 
ableitenden elementen ' eine so feste Verbindung eingegangen 
hatten, dasB an eine aufgäbe des verbalen eharacters nicht zu 
denken war. Indem so durch die Verschmelzung des alten 
suf fixes mit der vorausgehenden verbalen ableitung ein neues 
geschaffen war, tat man den kühnen schritt hiernach neubil- 
dungen zu wagen, indem man dies neue suffix auf verbal- 
stamme übertrug, denen die verbale ableitnng an sich nicht 
zukam. Oder man gewann dadurch neue bildungsmittel für 
die kategorie der verbalabstracta, dass eine bildnng, welche 
von hause ans anderen Ursprungs war, bald mehr von rein 
äusserlicher, bald mehr von begrifflicher seite her den a nach ein 
eines verbalabstractums gewann und sich jetzt neubildungen in 
der weise anreihten, dass man das zu gründe liegende suffix 
schlechthin zur bildung verbaler abatraeta verwandte. So ge- 
lang es unserer spräche, den vertust der alten bilditngs weisen, 
von dem sie in höherem grade betroffen worden als irgend 
eine andere, reichlich wieder zu ersetzen. 

Neben dem voealablaut in der wurzel und dem antreten- 
den suffix tritt als drittes moment, welches bei der bildnng 
der verbalabstracta zu beachten ist, die geschlechtsbezeich- 



1 Unter verbalableitendeu elementen verstehe ich natürlich vor 
allem den stamm charact er der sog, schnauben verba nach ihren drei 
classen. Aber auch bei den verbeu auf -itdit, -inoit, -iU)n, -atjan, 
die sich aus nominitius auf -r'j-, ina-, ita . al- entwickelt, dann aber 
um sich gegriffen haben, ist der erat« teil der alileitung im Sprachge- 
fühl weiter nichts als ein verbalab teilend es olemonc Auch diese konn- 
ten mit primärsnffiien verschmelzen und ein neues suffix bilden. 
Anaätze zu einer Übertragung auf abgeleitete verba finden sich fast 
bei jedem primäi suffix ; nicht überall aber erwuchs ans solchen über 
tragungen ein neues bildungsprindp. 



tizefley GOOgle 



ii IT ii g hinzu. Ebenso wie das suffix nicht die Ursache bildet, 
dass ein wort die bedeutung eines abstractuma erbalten bat, 
Sündern die spräche sich nur des Suffixes zum anadruck des 
begriff» bedient, so ist auch das genua dem begriff gegenüber 
das aecundäre. Wie wir ferner die von der Ursprache über- 
lieferten Suffixe den in der cinzeisprache anagebildeten gegen- 
übergestellt haben , so dürfen wir auch ein indogermanisches 
and ein germanisches princip der genuabczeichnung unterschei- 
den. Für die indog. grnndsprache wird es allerdings schwierig 
sein ein feststehendes princip bei der bildnng von verbal- 
abstracten ausfindig an machen: mit den Suffixen -o-, -tu- ist 
männliches, mit -ä-, -i-, -ti-, -ni- weibliches, -ano-, -es- neutrales 
genus verbunden. Diese bildungsweisen stehen sich an bäufig- 
keit etwa gleich. Für das germanische lässt sich dagegen wenn 
nicht ein princip, so doch eine stark hervortretende neigung 
feststellen, eine bevorzugung des fem. und neutr. gegenüber 
dem masc. Bei den von der Ursprache überlieferten bildnngen 
haftet zwar das masc. geschlecht zum teil; bei neubildungen 
findet es aber ausnahmslos keine anwendung. Die vorliebe 
des germanischen für das fem. beruht auf einer schon im indog. 
hervortretenden auschauung dem masc. als dem tätigen, wech- 
selnden, das fem. als das beharrende, die tätigkeit geistig in 

sich fassende an die Seite zn stellen. Der modernen anschauung 
für abstracte begriffe am meisten zusagend ist das ueutrum 
als das rein geschlechtslose. Wir können deshalb vielfach 
einen Übergang des masc. und fem. ins neutr um im laufe der 
sprachen twicklung wahrnehmen. — Da die gennsbezeiebnung 
«in hilfsmittel zum ausdruck des begriffes ist, wird auch die 
lautliche darstellung des genns diesem zwecke untergeordnet 
sein. Zum ausdruck des fem. standen schon dem indog. zwei 
Bezeichnungen zu geböte: 1. ersatz des auslautenden vocals 
durch -d- bei stammen auf -0-, 2. antreten von -ja- (nom. sg. 
auf -i) bei allen übrigen stammen. Im urgerro. war die erste 
bildungsweise noch im gebrauch; in den e in zelsp rächen kann 
die zweite allein nur noch anwendung finden. Beim übertritt 
eines nomens zum neutralen geschlecht bedient sich das indog. 
und auch noch das urgerm. keiner besondern genusbezeicbnnng; 
in den gerin. einzelsprachen hat sich dafür das suffix -Jo- aus- 



fftizedDy GOOgk 



gebildet ud*I es ist vom Standpunkte dieser vollkommen gleich- 
bedeutend, ob man sagt: ein wort ist mit -Jo- weitergebildet 
oder es ist zum neutralen geschlecht übergetreten. Die Be- 
stätigung dieser bemerknngen, welche ich hier nur andeutungs- 
weise gebe, wird sich ans meiner darstellung selbst ergeben. 

Es sei mir gestattet an dieser stelle auf das hinzuweisen, 
was seither für die geschieh te der verbalen abstractbildung im 
germanischen geleistet worden ist Im grundlegenden werke 
für deutsche Wortbildung, dem zweiten bände der deutschen 
grammatik, hat Grimm mehr auf die form der suffixe, als auf 
die ihnen innewohnende bedeutung gewicht gelegt Bloss am 
schluss seiner Zusammenstellung s. 395 f. geht er auf die be- 
deutung der ableitnngen ein und hat hier auch eine kategorie 
für „abstraktes". Viel ausführlicher behandelt er bd. 3, 477 f. 
bei beeprechung des grammatischen genus die abstracten Sub- 
stantive. Es ist das immer noch die vollständigste übersieht 
über die bildnng der abstracto, welche wir besitzen. Durch- 
weg vermissen wir noch bei Grimm die richtige einsieht in den 
unterschied der primären und seeundären ableitung. Nachdem 
1847 Jacobi in seinen „Untersuchungen über die Bildung der 
Nomina in den germanischen Sprachen" das gebiet der Wort- 
bildung in höchst fruchtbarer weise in angriff genommen, traf 
dasselbe längere zeit von selten der forscher eine nicht zu 
rechtfertigende Zurücksetzung. Erat die Schriften von Schlüter 
„Die mit dem suffix ja gebildeten deutschen Nomina" (Göttin- 
gen 1875) nnd von Zimmer „Die Nominalsuffixe a und ä in 
den germ. Sprachen" (Strassburg 1876) lenkten wieder in das 
gebiet der Wortbildung ein. Die von Osthoff im ersten bände 
seiner „Forschungen" niedergelegten Untersuchungen über einige 
wortsuffixe des lateinischen streiften zwar nur hier und da das 
gebiet des germanischen, waren aber für das richtige Verständ- 
nis mancher suffixformen dieser spräche wichtig, indem der 
Verfasser auf die historische entwicklnng dieser formen ans den 
älteren hinwies. In anknüpfnng hieran und mit der absieht 
einem lautgewordenen Widerspruche entgegenzutreten schrieb 
er die aufsätze „lieber die Suffixform -sta-" (Paul-Branne, Beitr. 
3, 335 f.) nnd „Ueber das eingedrungene s in der nominalen 
Suffixform -stra- etc." (Kuhns zs. 23, 313 f.). Neuerdings bat 



fftizedDy GOOgk 



Sievers über das Suffix -tra- im g er man. gehandelt (Beitr. 5, 
519 f.)- Alle diese arbeiten waren indirect auch für die ge- 
schieh te der verbalen abstractbildung von bedeutung. Was die 
einzelnen dialekte betrifft, so ist am meisten für das gotische 
getan, wo Leo Meyers buch über jedes der in betracht kommen- 
den suffixe anfschluss gibt. Für das altuord. ist auf die vor- 
trefflichen Outline» of Orammar in Cleasby-Vigfussons Wörter- 
buch zu verweisen, wo s. XXIX f. auch die Wortbildung in 
gründlicher und systematisch wol angelegter weise behandelt 
wird. Ausserdem haben wir eine sehr schätzenswerte mono- 
grapbie von F. Taram „Om Forunordiska Feminina afledda 
pä Ü och pä ipa" (in Upsala Universitets Arsskrift. Fest- 
skrifter 1877). Dagegen fehlt es für das angelsächsische an 
einer gründlichen darlegung; die betreffenden abschnitte bei 
Koch und Mätzner sind dürftig und genügen den anforderungen 
nicht. Für das althochdeutsche haben wir in der alemann, und 
bair. grammatik von Weinhold eine gnte Zusammenstellung des 
materials für einzelne suffixe; wortbiläuugslehre in systema- 
tischer darlegung nnd geschichtlicher entwicklung zu geben, 
lag jedoch nicht im plane des Verfassers. Die neugermanischen 
sprachen habe ich in meinen Untersuchungen, die doch nur 
einen beitrag zur bildungsgesehichte geben sollen , vielleicht 
weniger berücksichtigt, als es dem ganzen förderlich war. Man 
wolle diesen und andere mängel mit den Schwierigkeiten ent- 
schuldigen, welche jedem entgegentreten, der auf einem noch 
wenig angebauten felde arbeitet. 



fftizedDy GOOgk 



I. Die indogermanischen Suffixe 

für primäre abstractbifclung in ihrem absterben und 

ihrer neubelebung. 

Nach dem in der einleitung entwickelten müssen wir die 
Biiffixe, welche von der indog. grundsprache überliefert im 
germ. abstractbildend auftreten, teils als tote, teils als lebende 
betrachten. Tot müssen wir ein Biiffix dann nennen, wenn 
zwar bildnngen vorhanden sind, welche es hevvorgernfen hat, 
dieselben aber, weil die ableitnng undeutlich geworden ist, 
nicht mehr im stände sind, neubildnngen in den einzeUprachen 
nach sich zu ziehen. Es ist keineswegs erforderlich, dass diese 
bildnngen nur vereinzelt erscheinen, im gegenteil können sie 
sogar sehr reieh entwickelt sein, wie die durch das auffix -ti- 
hervorgernfenen, das wir trotzdem vom Standpunkt der einzel- 
sprachen als ein totes ansehn müssen. Alle diese bildungen 
müssen als urgermanische betrachtet werden , mögen sie nun 
in allen oder bloss einer der germ. sprachen überliefert sein: da 
das bildungsprineip, welchem sie in den einzelsprachen ihr da- 
sein hätten verdanken müssen, in diesen nicht mehr lebendig 
war, sind wir genötigt, den wortbildenden act in die germ. Ur- 
sprache zu rückzu verlegen, sollte selbst das so gebildete abetract 
erst in einer so späten sprachstufe, wie es das mittelhoch- 
deutsche ist, belegt sein- Es ist nicht abzuleugnen, dass auch 
hier einzelne an&logiebildungen möglich waren, indess kann es 
sich hier nicht um eine ideelle, sondern höchstens nm eine 
individuelle analogiebildung ' handeln; mit andern Worten: 

1 Ich stehe auf dem boden der von Paul Beitr. IV 322 f. 413 

betonten ans «hauung s weise, dass die Wortbildung in der ein zeig p räche 
nicht auf dem wege einer mechanischen sddition der suffixe, sondern. 



fftizedDy GOOgk 



11 

es ist zwar erlaubt — keineswegs geboten — das mhd. gruot 
von griiejen als eine analogiebildung nach gluot von glüejen 
zu betrachten, nicht aber nach einem anderen abstract, das 
durch -t gebildet ist; die Ähnlichkeit der laute der stammverba 
ist es, die hier eine neubildung hervorrufen kann, nicht die 
der ableitung innewohnende wortbildende kraft. Dies kann 
bloss bei einem lebenden suffix der fall sein, das in den 
einze [sprachen üppig wuchert. Eine neubildung wie verwelt- 
lichung schliesst sich nicht an einzelnes vorbild an, sondern 
— wenn ich mich so ausdrücken darf — an die idee aller 
gleichartigen vorhandenen Bildungen, an das wortbildende prin- 
cip überhaupt. Die dnreh ein lebendes suffix hervorgerufenen 
büdungen können ihr urbild bereits in der german. grund- 
sprache haben, aber die einzelnen bildungeu müssen als einzel- 
sprachliche augesetzt werden , sollten sie auch in zwei oder 
mehreren dialekten belegt sein; in jedem derselben kann die 
bildung unabhängig entwickelt worden sein. Der dritte fall 



ausschliesslich auf dem wege der analogiebildung fortschreitet. Und 
hier kann es sich nur um die beiden von mir hervorgehobenen arten 
der neusebiipfung handeln. Die eine — beide fallen unter die kate- 
gorie der .formalen" analogiebildung (Paul, Beitr. l\ 7 f.) — bewegt 
sich in einer beschränkten Sphäre, indem sie nur von einem oder 
wenigen gleichartigen Wörtern auf ein anderes, das durch lautform 
uder bedeutung nahe verwandt ist, einwirken kann, die andere hat 
einen unbegrenzten Wirkungskreis vor sich, indem allein dem suffix 
die bildende kraft innewohnt. Auf die erstere hat man bis jetzt 
wenig geachtet. Ich führe bilduugen wie mhd. mugent (nach tugent) 
unbedenklich auf sie zurück. Scherer hat z. geseh. d. d. spr. a 241 f. 
auf mehreres der art hingewiesen, das ich jedoch im einzelnen nicht 
als durchaus gesichert bezeichnen möchte. — Als dritte art der neu- 
bildung ist der fall zu bezeichnen , dass die ableitungen zweier Wör- 
ter aus derselben bedeutungskategorie mit einander verbunden wer- 
den, vgl. oben a. 5. — Aueh für die formenlehre kommen, wie ich 
hier gelegentlich bemerken will, eowol die ideelle als die individuelle 
analogiebildung in anwendung. Wenn s. b. von französiren ein praet. 
französirte gebildet wird, so Ist das ideelle analogiebildung; wenn 
dagegen in mittel den tseben mundarten brauchen in die analogie der 
praeteritapraes. gezogen wird: ich brauch, du brauchst, er brauch, 
praet. ind. brauchte, conj. brauchte, so beruht das auf individueller 
analogiebildung. 



fftizedDy GOOgk 



12 

ist endlieh der, dase das biklungspriucip selbst erst in der 
einzelsprache auftritt; er wird uns nicht allzu häufig begegnen. 
unter den suffixen, weclhe der indog. grundsprache für pri- 
märe abstractbildung zu geböte standen, ist keines, das sich als 
solches in den german. sprachen lebendig erhalten hätte. Zwei 
derselben, -Mi- nnd -tu-, haben sich durch hinzutritt verbal- 
ableitender demente verstärkt und in dieser gestalt neue Ver- 
breitung gewonnen, andre haben durch ein bei der Wortbildung 
ursprunglich eecundäres element, die im gerro. als »blaut be- 
zeichnete erscheinung sich in beziehuug zum verb erhalten und 
dadurch neubildungen im gefolge gehabt, die meisten sind je- 
doch ganz erloschen, indem sie teils grössere, teils geringere 
spuren hiuterliessen. Dies im einzelnen auszuführen wird im 
folgenden meine aufgäbe sein. 



1. Die sufflxe -o-, -i- und -ä-. 

Den suffixen -o- und -ä-, welche von J. Grimm in seiner 
grammatik noch übersehen worden waren, ist durch H. Zimmer 
eine umfassende und einsichtige behaudlung zu teil geworden. 
Wenn ich nnn dieser stelle nicht einfach auf die arbeit dieses 
forachers verweise, so veranlasst mich hierzu ein punkt, der 
obgleich er für die geschiente der suffixe überhaupt und inabe- 
sondere für ihre Verwendung zum ausdruck von verbalabstrac- 
ten von grösster Wichtigkeit ist, doch bei Zimmer nicht die 
richtige Würdigung gefunden hat. 

Der umstand, dass die von der verbalwurzel durch die 
snffixe -o-, -i-, -ä- abgeleiteten primären abatraeta fast durch- 
gehend eine der vocalstufen aufweisen, welche auch im neben- 
hergehenden verbum erscheint, hatte Grimm veranlasst zwischen 
abstractum und der betreffenden verbalform einen engen Zu- 
sammenhang zu vermuten, ja das erster« als direct vom verb 
abgeleitet hinzustellen, indem er den wurzelablant als das 
einzig stammbildende element betrachtete. Später hat man, 
nachdem ein suffix ■■«- längst constatirt worden war, doch die 
von Grimm aufgestellte theorie weiter auszubilden gesucht, in- 
dem man teils die abstraeta je nach ihrer ablautstufe in ver- 
schiedene kategorien zn scheiden versuchte, so z. b. Wacker 



Q z ?cay GüOgk 



13 

nagel (vgl. Zimmer a. 4, Jeittelcs, nhd. Wortbildung s. 25) oder 
aber eine bestimmte ablautstufe aia das regelmässige hinstellte, 
abweichendes als ausnähme betrachtete. Jacobi in seinen 
„Untersuchungen 11 verlangte für die mit suffix -o- gebildeten 
masculina entweder den laut des präsens oder den des präter. 
sing. In ganz entgegengesetzter weise suchte Amelung in sei- 
ner abh&ndlung „Ueber den Ursprung der deutschen a- Vokale" 
(Haupts zs. XVIII, 161 ff.) nachzuweisen, dass die „ans stark 
conjugirenden verben durch einfaches a oder t abgeleiteten 
mannlichen nomina actionis" regelmässig den schwächsten unter 
denjenigen vocalen aufzeigen, die in den tempusstämmen des 
stamm verbums zum Vorschein kommen. lieber alle diese ver- 
suche änssert sich Zimmer e. 200 f. absprechend. Auf grund 
statistischer Zusammenstellungen weist er nach, dass Jacobis 
und Amelungs tbeorien unhaltbar sind; er bestreitet überhaupt, 
dass im indog. der Wechsel zwischen grundvokal und Steige- 
rung ursprünglich an sich wortbildend, bedeutungsvoll sei und 
und hält alle ablest ungserseheinungen in der Wortbildung für 
seeundär. Indem ich das berechtigte seiner einwendungen uicht 
verkenne, hebe ich doch hervor, dass 1. wenn auch der Wech- 
sel zwischen grnndvokal und Steigerung an sieb nicht wort- 
bildend ist, doch die suffixale ableitung und accentverhältnisse 
denselben im gefolge haben konnte und es hier nicht nur er- 
laubt, sondern selbst geboten ist nach regeln zu suchen und 
dass 2. wenn auch die alten, ursprachlich gebildeten verbal- 
abstraeta gewis nicht in näherer beziehung zu den tempusfor- 
men des verbs standen, sich doch hier im laufe der Sprach- 
entwicklung eine beziehung einstellen und daher neubilduiigen 
sich an eine verbalform anschliessen konnten. Es erhebt sich 
daher an den forscher die anforderung, dass er 1. eine rege! 
zu eruiren suche, ob die nomina actionis — je nach ihrem 
suffix — von schwacher, mittlerer oder gesteigerter wurzel- 
form gebildet sind und 2. durch beohachtung das prineip aus- 
findig mache, durch das im leben der spräche neubildungen 
mit anknupfung an eine tempusform geschaffen wurden. 

Dass Zimmer sieb der ersten aufgäbe nicht unterzogen 
bat, hängt mit tieferen lautlichen grün d an sc hau un gen zusammen : 
die theorie von der Spaltung des ö-lauts erlaubte die hervor- 



:z„: ;) y G00gle 



14 

tretenden nüancirungen in die einzelsprachen zu verlegen. Seit- 
dem Zimmer sein buch geschrieben hat, haben sich in den an- 
sichten Ober das vocalsyatera des indog. die tiefgreifendsten 
Veränderungen vollzogen. Ich muss es mir versagen auf jenen 
hochinteressanten abschnitt in der geschickte der vgl. Sprach- 
forschung näher einzugehen, der durch Brngmaus aufsätze er- 
öffnet worden und von einem abschluss — wie es scheint — 
noch weit entfernt ist, wenn auch die annähme einer mehrheit 
der a-vokale in der grundaprache bereits ein sicheres resultat 
der Wissenschaft geworden ist. Auch das ablaut Verhältnis, in 
welchem die vei-schiedonen «-laute mit einander stehn, ist — 
wenigstens in seinen Hauptpunkten — festgestellt und niemand 
wird künftig darüber leicht hinweggehn können. Dass ich von 
dieser anschanung ausgehend, hier und bei andren Suffixen ver- 
suchen werde feste regeln für die stufe des wurzelvokals aus_- 
findig zu machen, ist natürlich und man möge dies streben 
nicht verurteilen, wenn die resultate nicht Überall klar und 
durchsichtig entgegentreten. Einer durch das princip gebote- 
nen Untersuchung glaubte ich mich nicht entziehen zn dürfen. 
— Wunder nimmt es mich, dass Zimmer auch der zweiten von 
mir gestellten anforderung nicht rechnung getragen und ein 
princip der neubildung aufgestellt hat. Nur andeutungen fin- 
den sich hie und da. Vom Standpunkt einer historischen 
sprachbetracbtnng aus darf man derselben nicht aus dem wege 
gehen; für uns ist eine solche Untersuchung von entscheiden- 
der Wichtigkeit, da sie uns darüber aufklärt, ob wir die suffixe 
-o-, -i-, -ä- in den germ. sprachen noch als lebende betrachten 
dürfen. 

Wörtlich genommen dürfen wir das nicht. Das suffix 
-o- ist auslautend schon in der frühesten periode des einzel- 
lebens der germ. sprachen verloren gegangen — die annähme, 
dass auslautendes o schon nrgermanisch geschwunden sei, ist 
dnreh Sievers, Beitr. 5, 115 f. und Paul, Beitr. 6, 124 f. wider- 
legt — es konnte daher seinen stammbilden den character nicht 
bewahren. Das suffix -i- hatte einen etwas längeren bestand: 
im ostgerm. schwand es zwar gänzlich auslautend, im westgerm. 
hat es sich jedoch, wie Sievers, Beitr. 5, 106 f. dargelegt bat, 
nach kurzem stammvocal erhalten und bietet sich besonders im 



fftizedDy GOOgk 



t 



alt- and angelsächsischen in ziemlicher ausdehnung d ar>^dneji-— ~-,^i- 
musste es auch hier mehr den au schein eines casussuffixes ge- 
winnen. Nicht viel besser erging es dem suffix -ä-; es trat 
zwar inlautendes mehr hervor, als die kurzsilbigen und erhielt 
sich auch auslautend vorwiegend, mnsste aber doch der an- 
schau iing als blosser themavokal zum opfer fallen. Die suffixe 
-0-, -i-, -&- konnten also schon im altgermanischen nicht mehr 
als solche gefühlt werden; es muss jedoch die frage aufge- 
worfen werden, ob die durch sie hervorgerufenen bildungen, 
indem sie eine deutlich ausgeprägte kategorie darstellten, nicht 
nicht dennoch fähig zu neubildungen waren. Den character 
einer deutlich ansgep ragten kategorie konnten sie aber nur 
dadurch erhalten, dass das ablautverhältnis , in welchem sie 
zum verb standen, ein fest geregeltes war. Und diese feste 
reget hoffe ich trotz des Widerspruchs von Zimmer bei einigen 
der von mir behandelten bildungs weisen nachweisen, bei an- 
deren wenigstens den grund der abweichungen wahrscheinlich 
machen zu können. 

Ich beginne mit den durch suffix -i- abgeleiteten männ- 
lichen und weiblichen verbalabstracten. Hier tritt eine bemer- 
kenswerte Abweichung in der genuabezcichnuug zwischen dem 
germanischen und sanskrit zu tage. Während hier die durch 
-(- abgeleiteten abstracto, die besonders in deu Vedeu begeg- 
nen, weiblich sind (Bopp, vgl. gramm. III 3 § 922; Lindner, 
altin d. Nominatbildung II § 23) und auch in den anderen 
sprachen — allerdings nur vereinzelt — weibliche bildungen 
dieser art begegnen , sind die germ. bildungen vorzugsweise 
männlich. Das gotische kennt nur zwei Wörter, die weib- 
lich sind: 

vins hoffnuug, erwartung = an. von, ags., afr. min, alte. 
wärt. Das ahd. wän ist masc. geworden; das fem. er- 
scheint noch in der redensart in wäni, ana tv&ni sin 
(bei Otfrid). Nicht hierher gehören die denominativa 
anawäni, urtväni etc. 
vröhs anklage. Im altn. ein neutr. a-st. rüg (verläumdung, 
streit), im mhd. ein fem. st auf -jö- rüege (wol von den 
obliquen casus aus entwickelt, in comp, erscheint noch 
ruog- Lexer II 548). 



»Nzedoy GOOgk 



16 

Aus den andren germanischen sprachen lassen sieh nur 
drei wörter 1 mit Sicherheit den gotischen an die seite stellen: 
germ. *kuzi- wähl, afr. kere, ahd. kuri f. Das afr. kere 

ist häufiger masc. Dies genns haben auch and. kuri (in 

selfkuri Denkm. LXXI 67) und ags. cyre. 
germ. *vafäi- macht, ags. -rveald (in comp.), afr. wald, as. 

ffi-mald fem. /-st., ahd. -rvall (in comp.) fem. i-sL und maac 

a-nt. Im altn. neatr. a-st. vald. 
germ. *vurtii- Schicksal, an. Urtfr eine der drei nornen. 

ags. wyrd f, as. wurd f., ahd. tvurt t 
Diesen wenigen femininen gegenüber, die Überdies mir 
teilweise ihrer ursprünglichen decünation tren geblieben sind, 
haben wir eine grosse reihe masc. »-stamme. Haben wir es 
hier mit einem genuswechsel innerhalb des germanischen zu 
tun? Ich glaube, daas bereits die grnndsprache masc. und 
fem. verbalabBtracta auf -/- besass. Auch im sanskrit fehlen 
erstere nicht, vgl. bei Lindner s- 56: dhv<mi Behalt, bali dar- 
bringung, nidhi aufstellung, pratishti widerstand etc. Im skr. 
haben aber dann die fem. bildungen mehr um sich gegriffen, 
während im germ. das masc. geschlecht fast das allein herr- 
schende wurde. Ein erklarnngsgrnnd dieser erschein nag wird 
sich uns sogleich ergeben. 

Die im germ. so zahlreich vorhandenen masc i'-stimme 
Bind bisher meist verkannt oder falsch anfgefasst worden; das 
verdienst auf sie hingewiesen zu haben gebührt Schlüter und 
Sievers, vorher hatte aber schon Bngge in den Aar böger 1870 
sich über die /-stamme im ags. ausgesprochen. Der grnnd 
ihrer uu deutlich keit liegt darin, dass sie ihrer nrsprün glichen 
flexionsweise im sing, fast ganz untren geworden nnd der ana- 
logie der a- oder /«-stamme gefolgt sind. Ersteres ist bei den 
langsilbigen durchweg der fall, im goL auch bei den kurz- 
silbigen, da diese ihren thematischen vokal spurlos eingebüsst 
haben. Im westgerm. bewahren dagegen, wie Sievers Uber- 



1 Fiele setzt im Vgl. Wb. III 311 dem lat sedes zu liebe einen 
st *siü- an. Aber dazu berechtigt nichts; an. sät, ags. säet (acc. 
Dicht belegt) beweisen zwar an sich nichts, aber ahd. säza ist voll- 
kommen ausreichend, um den ö-stanim «u erweisen. 



fftizedDy GOOgk 



17 

zeugend nachgewiesen hat, die stamme mit kurzer Wurzelsilbe 
lautgesetzlich das auslautende i. Die flesiun derselben ist im 
ags. und afriee. die von hirde, im alts. hat zwar der gen- 
immer die endting der /a-stämme, der dativ endigt aber auch 
auf -i, übereinstimmend mit den fem. Es stehen nne sichere 
merkmale zu gebot um die t- und /«-gtäninie auseinander zu 
halten. Besonders gilt dies fürs ags. Hier sind alle alten 
('-stamme am umlaut kenntlich, die kurzsilbigen ausserdem am 
auslautenden e vgL Sievers Beitr. V 106 f. Letztere scheiden 
sich scharf von den kurzsilbigen ,/a- stammen, welche anf ge- 
minata ausgehn (Sievers s. 112). Im plur. haben nur wenige 
j-stämme ihre ursprüngliche declination gewahrt Im altfries. 
ist bei kurzsilbigen das auslautende i als i oder e meistens er- 
halten, uralant findet sich durchweg; doch gehen unumgelantete 
formen nebenher. Im altsäcbs. ist bei kurzsilbigen das auslau- 
tende -i erhalten; die obliquen casus, die nach der j'o-decL 
gebildet werden, haben nie consonantengemination erfahren, 
wie die /a-stämme. Den plur. bilden alle /-stamme auf -i; be- 
legt sind von masc: gesti, kumi, liudi, quidi, seggi, -seit, 
trahni, mini, tvurmi. 1 Eine ausnähme bildet gruriö (für gru- 
rids Cott. 112) und -seliös (Cott.). 

Im ahd. sind nur reste der lantgesetz liehen formen auf -i 
vorhanden, vgl. Sievers a. a. o., Kögel, Ueber das Keronische 
Glossar s. 157. Im übrigen vollzog sich ein totaler Übergang 
der i -stamme /.a. den ^-stammen im sing., wodurch auch im 
plur. Vermischungen eintraten. Im mhd. ist bekanntlich der 
umlaut im plur. vielfach anf alte «-stamme übertragen. 2 Im 
ahd. erscheint zwar häufig bei alten i- (und u~) stammen ein 



' Da hrvarf im Hei. den plur. htvarBos bildet, wird ambi-toerbi 
in den gl. Arg. 139 nicht mit Heyne als plur., sondern als sing, an- 
zusehen sein (wahrscheinlich neutr. ja -st.). Ein gleiches gilt von 
ahd. umbi-marfi in Pa {järes umbiwarfi anniversaria), wo gl. K. umbi- 
werf, Ka umbiwerft haben. 

1 In der früheren periode desselben jedoch keineswegs in dem 
grade, wie bisher angenommen worden ist z. b. von Zimmer s. 186 ff. 
Eine reibe ganz sicherer i-stämme sind bisher verkannt worden. Eine 
nähere Untersuchung über das Umsichgreifen des Umlauts im mhd., 
bei dem zunächst individuelle aualogiebilduug im spiele gewesen sein 
mag, wäre sehr verdienstlich; vorläufig vgl. Weinhold, mhd. gr. §432. 
Bahder, VeilwUlMtiHla. 2 



»Nzedoy GOOgk 



18 

plur. auf -a, selten aber nur ein plur. auf -i bei sicheren 
a -stammen. Folgende plnr. auf -i sind belegt: 

1. von (-stammen: abansti, balgi, belli, bruhhi, velli, vilzi, 
vluzzi, gesti, liuti, mezzi, risl, rizzi, scefti, scritt, scuzzi, 
sprungi, stihhi, strihhl, striti, smerbi, swihhi, wägt, wäni, wurfi, 
mtrmi, gi-ziugi. Abweichend von den anderen dialekten zeigen 
im hochd. überwiegend, z'-flexion: behhi (sonst Ja-at.), brenti 
(sonst a-at.), esti (sonst a-at.), gengi (sonst a-at.), wtnli (sonst 
a-st.), zeini (sonst a-at), züni (sonst a-st.). Schwankend sind: 
leihhi und leihha (an. leikir und leiicar, got. t'-st.) , negili und 
nagala (as. naglös, aber an. eonsouantisch negl), stephi und 
stapha, stoufi und stou/a, stricchi und striccha. 

2. von w-atämmen: öwo^i (an. bögr w-st.), erwi (an. Öm), 
firahi, fuozi, heilt, lidi, lusti, secki, siti, skilti, sunt, widiri, 
zendi, Wörter auf -ödi. Vielleicht sind als «-stamme anzu- 
setzen: huoti (an. hattr u-st.), renti (an. couaonantiseb rönd pl. 
rendr), zahari (=* tfaxpi), sonst u-st.). 

3. von fremd- und lehnwörtern : briefi, bolzt, diski, ephüi, 
kruogi, livoli, pedi (mit Grimm von jiäzoq), phluogi, phungi 
(got puggs), selmi u. a. Ebenso in volkanamen: Huni etc., wo 
auch das lat eingewirkt haben mag. 

Abgesehen von fällen, wie behhi, wo das hochd. im thema- 
vokal differirt, und leihhi, wo meist vorhochdeutsches schwan- 
ken im Btammaualant vorliegt, begegnen (-formen von a-atammen 
nur vereinzelt: gfa&zi (Gr. 111136), batmi (Gr. 1IU24), öerj/i (Gr. 
III 184), blicchi (Gr. III 244), fiandi (Gr. III 382). ' Etwas häufiger 
begegnen plur. auf -i von Wörtern auf -ari (beispiele bei Graff 
I 32), was aber anders zu beurteilen ist Umgekehrt sind 
«-formen von t-stämmen nicht gerade selten, vgl. Gram. 1 * 526 
und bei Graff batga neben balgi, falla neben felli, guzza, 
scuzza neben scuzzi, snita neben sniti, strita neben striti, 
worma neben tvurmi etc. Ebenso bei «-stammen (jedoch nur 
bei langsilbigen): heida (Is.) neben heiti, lusla neben lusti, 
skilda neben skilti, Wörter auf -öda neben -ödi. — Wo ein 
plnr. auf -i belegt ist, ist also die annähme eines a-atamroes 



1 Auffallend ist pari tabemaenla (Gloss. I 257, 15 in g\, K. Ra.) 
und ziiki sarmenta (Gloss. I 245, 3 in gl. K.l. 



:z„: ;) y GüO^le 



19 

mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen, während ein plur. auf 
-a nicht mit notwendigkeit auf einen a-stamm zurückgeführt 
werden musa. 

Warum hat das ahd., das also keineswegs a-decl. und 
t-decL bunt durch einander geworfen bat, im sing, die laut- 
gesetzlichen formen auf -* aufgegeben, die das ags. und 
alte, bewahrt? ÜieBe befremdende erscheinung hat Paul Beitr. 
IV 395 f. zum aufstellen einer beachtenswerten theorie veran- 
lasst. Er kann sich den vollständigen zugammenfall der -a 
und i-stämme im sing, nur so erklären, das» letztere in ihrer 
ursprünglichen declin&tion sieb bereits der der a-stämme sehr 
angenähert hatten. Die ursprüngliche declination der masc. 
t-stämme denkt er sich — gewis mit recht — der der fem. 
vollkommen gleich. Nehmen wir nun an, die flesion der fem. 
j'-stärome im got ansls, anstais, anstai, anst sei auch dem west- 
germanischen ursprünglich eigen gewesen, so hätte sich hieraus, 
im gen. die endnng -es (nach abgefallenem s -e), im dat. -e 
entwickeln müssen. Diese ursprüngliche declinations weise habe 
sich bei den masc. '-stammen erhalten, nur sei im gen. durch 
einwirkung der a-stämme abfall des s verhindert worden 1 nnd 
kürzung des e erfolgt. Dieser auffasaung ist neuerdings Kogel 
s. 153 entgegengetreten. Er weist aus Fa die dat.-instr. quidi 
und anaquimi nach und meint, dieselben machten allerdings 
die ursprünglich gleiche flesion der masc. nnd fem. i-stämme 
wahrscheinlich, aber so, daas die jetzige declination der fem. 
anst ansti ansti anst ehemals auch die der masculina gewesen 
sei. Die von ihm beigebrachten formen sind indes keineswegs 
geeignet, Panl's hypothese umznstossen. Es kann jetzt als aus- 
gemacht gelten, dass die westgerm. dativform ansti sich laut- 
lich nicht mit dem got. anstai vermitteln lässt. Letzteres ist 
der alte locativ. Welchen casus haben wir in ansti zu sehen? 
Paul entschied sich für den ablativ. Viel wahrscheinlicher er- 
scheint mir die annähme Osthoff's welche dieser mir gegenüber 
geäussert hat Bereits Morph. Unters. II 139 f. hat er darauf 



1 Paul stellt Beitr. VI 551) die ansieht anf, dass nur z im aus 

aut schwindet, s dagegen bleibt. Da die i-siämme grösstenteils oxy- 
r.uTiin sind, wä.e also Erhaltung des s das regelrechte. 



Dig, : .z eaD y GOOgk 



20 

aufmerksam gemacht, (laus die bildung des instr. sg. der i- and 
«-stamme auf 4 und -w, die im vedischen und aitbak frischen 
begegnet und die Windisch auch im altirischen nachgewiesen 
hat (Beitr. IV 240. 241), als indogermanisch anzusetzen ist 
Auch die germ. dative anf -i führt er jetzt auf dieselbe zu- 
rück. 1 Ein urgerro- -i musste uach Sievers' ausfuhrungen bei 
langsilbigen abfallen, bei kurzsilbigen als -i erhalten bleiben. 
Dies ursprüngliche Verhältnis ist verwischt Die formen mit 
erhaltenem -i (im ags. zu -e geschwächt, das altn. mnss vor- 
erst bei seite bleiben) sind auch bei den langsilbigen die 
häufigeren. Aber spuren der lautgesetzlichen formen sind 
doch da. Die schon in alten denk malern (Gr. I 4 620, Wein- 
hold AI. Gr. § 398) begegnende sog. nnflectirte form für den 
gen. dat. sg. wurde von Scherer z. Gesch. 2 572 als eine ana- 
logiebildnng nach dem eon so n antischen st naht- angesehen. 
Näher liegt es in ihr die lautgesetzliche entwieklung von ur- 
genn. * aimti zu sehn. Aber häufiger findet sich die form auf 
-i, die eigentlich nur bei den kurzsilbigen berechtigt ist, je- 
doch auch bei den langsilbigen als pausalorm von hause ans 
gegolten haben wird (Paul, Beitr. VI 160). Dieselbe verdankt 
dem bestreben nach Unterscheidung der casus ihre verallge- 
mein ernng. 

Der annähme Osthoffs stehen also lautliche Schwierigkeiten 
nicht im wege. Wie nun bei den o-stämmen der dat (eigent- 
lich loc.) *dagai und der instr. *dagö von jeher nebeneinander 
geständen haben, so auch bei den (-stammen der dat (eigent- 
lich loc) anstai und der instr. "ansii. In quidi, anaqu'tmi ist 
uns der alte instr. (in der bedeutung wahrscheinlich von dem 
dat auf -e nicht unterschieden) erhalten. Später aber setzte 
sich bei den ina.se. der dat auf -e durch den einfluss der 
«-stamme allein fest und die form anf -* schwand. Nachdem 

1 Dass das germ. ausser diesen durch „proportionale analogiebil- 
dung" hervorgerufenen auch nach der alten art gebildete instr. hatte, be- 
weist aliil. falliu, lovgiu, slegiu etc. Ebenso sind bei den «- stammen 
beide arten von instrumental bildungen nebeinander vorhanden: die 
dat. auf -u beruhen anf einer alten analogiebildung, während die auf 
-tu anf die ursprüngliche form = -etvd (mit ausfall des w. Paul, Beitr. 
VI s. 167) führen. Anf letztere geht wol auch das an. syni zurück. 



fftizedDy GOOgk 



21 

hierin gleich« eit eingetreten war, wurde auch nom. acc. nach 
den a-stämmen normirt. Bei den fem. dagegen, wo die ana- 
fogie der a-stämme keine einwirkung haben konnte, drang die 
form auf -* im dat. durch und setzte sich dann anch im gen. 
fest. 1 Im nom. acc. ist für die kurzsilbigen kein grund zur auf- 
gäbe des lautgesetzlich erhaltenen -i vorhanden. Und in der 
tat haben sie es auch meist, vgl. buri (in hart-, kächburi, ge- 
wöhnlich als buri angesetzt, aber bur-lik bei Nötker erweist 
die kürze), kuri, kuna-withi, turi, tveri; dagegen immer slat (t 
ist wol als positionsbildend zu betrachten). — In den anderen 
westgerm. dialekten, dem ags. und alts., ist zunächst auch bei 
den masc. der alte dat. durch den instr. auf -i ersetzt worden. 
Dann erfolgten hier vom nom nom. acc. aus Übertritte zur a- 
resp. y'a-deel., die aber im alts. das alte nicht ganz verdrängt 
haben. 2 

Nehmen wir mit Faul an, die bei got. ansts erhaltene ■ 
decünations weise sei im urgent], allen (-stammen zugekommen, 
so erklären sich daraus zwei erscheinungen, die ich weiterhin 
noch oft gelegeuheit haben werde zu betonen. Zunächst der 
Wechsel zwischen fem. und masc. geschleeht bei den (-stammen; 
er ergab sich aus der totalen formen gleich he it. Wahrscheinlich 
hat das erstere auf kosten des anderen einbussen erlitten; bei 
den wenigen dem fem. geniiB treu gebliebenen bemerkten wir 
ja auch schwanken zum masc. hin. Ferner aber anch der 

1 Nach Paul's regel über die behandlung des auslautenden * 
wäre bei den paroxytonirten i-stämmen die alte endung des gen. -ais 
•Ss zu -e, also mit der des dat. (-e aus -at) gleichlautend geworden. 
Vielleicht erklärt sieh das erscheinen des -t im gen. aus dieser gleich- 
beit, die bei einem teil der j-stämme eingetreten sein muss. 

1 Paul hatte Beitr. IV 395 auch in den alts. gen. burges, nahtes, 
kustes , [weroldet], kraftes, gihurdies (letzteres beide — kraft, das 
auch sonst a-stsmm ist, kann aber nicht in betracht kommen — mit 
mäüiil. artikel) spuren einer mit dem gut. Übereinstimmenden flexion 
der i- stamme gesehen. Beitr. VI 550 erblickt er in ihnen vielmehr 
die reguläre eonsonantische flexion. Aber ags. böce, bürge etc. neben 
blc, byrig kann doch kaum anders als aus *bdkais, *burgai> erklärt 
werden \ analogiebildungen nach den d-stämmen sind mir nicht wahr- 
scheinlich. Die verschiedene behandlnng des auslautenden s im alt- 
nnd aogelaächs. ist. in beurteilen wie im nom. plur. der a- Stämme 
(Paul s. 550 f.). 



»Nzedoy GOOgk 



T2 

Übertritt von t-stämmen zur a-declinntioti, beziehungsweise mit 
gebrochenem wurzelvokal. In den obliquen casus des Bing, 
erschien dieser wegen der a-haltigcn endnng laut gesetzlich und 
wenn auch in der regel eine uniformirung nach dem nom. acc. 
eintrat, so konnte doch aucb gebrochener vokal durchdringen, 
indem nämüch durch den bei a- wie bei i-stämmen auf ai aus- 
lautenden dat. Übergang zur a-declination und bei femininis zu 
dem mit dieser verbundenen maac. oder neutr. geschleeht her- 
beigeführt wurde. 1 In allen dialekten gab eine grössere oder 
geringere anzahl alter i-stämme in dieser weise seine ursprüng- 
liche flexi on auf. Gebrochener vokal schliesst also die an- 
nähme eines alten i-stammea nicht so a limine aus, wie natür- 
lich ungebrochener vokal die annähme eines a-stammes. 

Nachdem ich so meine ansieht dargelegt habe, darf ich 
wol auch wagen an das altnordische heranzutreten, wo die 
Verhältnisse ungemein verwickelt sind. Hier gibt es allerdings 
- noch eine i-declination, aber die meisten alten i-stämme haben 
sich ihr entzogen. Es fragt sich, wie weit es uns gelingen 
kann sie noch aus anderen declinationen zu erkennen. Ich 
setze zunächst das ursprüngliche paradigma der i-stämme hier- 
her, wie es nach analogie des westgerm. fürs nordische zu 
vermuten ist: 
siug. 



stdb(i)r 


*bur5(i)r 


staftör -ir 


*bort£r -ir 


stabe -i 


*borfte -i 


stab{i) 


**«rÖ(0 


stafä -(i) 


*btirfä -(0 



Wie im westgerm. erfolgten von diesem paradigma aus 
Übertritte zu den a-stämmen und zwar im altn. in besonders 
grosser zahl. Der vermittelnde casus war der dat. Auch die 



1 Im hochdeutschen, wo ja alle masc. i-stämme nach und nach 
zu «-stammen, wenigstens für den sing, übergeführt wurden, müssen 
wir zwei epochen lies Übergangs unterscheiden. Nur in der ersten 
drangen, wie oben ausgeführt, die gebrochenen formen durch. Hier- 
her gehören nur wenige fälle. Viel später, nachdem ungebrochener 
vokal durch alle casus durchgedrungen war, vermischten eich alle 
masc. i-stämme mit den a-stämmen und nahmen deren declination an. 



»Nzedny GOOgk 



23 

u-declination nahm (ebenfalls dnrcli Vermittlung des dat. auf -i) 
einige alte i-atämme in sich auf. Die zur a-declination über- 
gegangenen recipirten zugleich den im dat. lautgesetzlich er- 
scheinenden gebrochenen vokal. 

Die der i-declinatlon treu gebliebenen verloren ihren (von 
mir eingeklammerten) thematischen i-vokal eehr frühzeitig, doch 
so, dass dieser noch z. t. umlaut gewirkt bat. Sievers ver- 
suchte a. a. o. a. 111 f. das gesetz zu entwickeln, dass die 
kurzsilbigen ^-stamme das i schon vor eintreten des umlauts, 
die langsilbigen aber erst nach demselben getilgt hätten. Er 
mnas aber selbst zahlreiche auenahmen von diesem gesetze zu- 
geben, namentlich für die langsilbigen. Während er zwölf bei- 
spiele für seine regel anführen kann, sprechen zehn dagegen: 
ftniÖr (f.), burtfr, kostr, sautjr, skurtir, stulSr, sullr (von 8. 
übersehen), sultr, purdr, futidr. Der versuch in einzelnen 
dieser wörter alte w-stämme zu sehen ist mir nicht recht ein- 
leuchtend, besonders da doch eine anzahl der Wörter uner- 
klärt bleibt. Es scheint mir notwendig, dass wir im ca- 
suellen System selbst formen ohne umlaut finden, durch deren 
einflnss sieb der unum gelautete vokal im ganzen sing, und pl. 
festsetzte. Dass der nom. lautgesetzlich bei den langsilbigen 
umlaut erhalten musste, hat Sievers allerdings durch die heran- 
ziehnng der conson antischen stamme, welche im plur. umlaut 
haben, vollkommen erwiesen; unbewiesen ist es aber für den 
acc, wo das i (nach frühzeitigem abfall ' des m) im auslaut 
stand. Von vornherein ist es durchaus nicht unglaublich, dasB 
ein solches auslautendes z eine andere behandlung erfährt, als 
ein noch durch einen consonanten geschütztes. Positive be- 
neise werden sich allerdings kaum beibringen lassen. Wenig 
beweist die praep. umb, um, welche nach Sievers' regel ymb 
lauten musste. Auch die 2. sing, des imp. und 1. 3. sing, des 
starken praet, welche durch die formen bitt, bau etc. sehr 
frühzeitigen abfall des auslautenden vokals erweisen, dürfen 
nicht herbeigezogen werden, da die endung nicht i, sondern e 
gewesen ist, vgl. Paul, Beitr. 6, 127. Die gründe aber, welche 
mich zur annähme veranlasst haben, dass hier im acc weder bei 
knrz- noch bei langsilbigen umlant eingetreten war, sind diese. 

Das vou mir oben aufgestellte paradigma gestaltete sich 



»Nzedoy GOOgk 



24 

in folgender weise. Ganz aufgegeben wurde der gen. *staÜir, 
*6orÖi> and durch den genitiv teils der a-stämme, teils der 
ö-stämme ersetzt. Diese späte bildung richtete sich natürlich 
im vokal nach dem nom. Der dat. auf -i hatte eine grosse 
anzahl der ('-stamme zur a-declination hintlb ergeleitet; im System 
der t'declination wurde er durch den instr. ersetzt. Derselbe 
hätte lautgesetzlich *sletf *byr$ lauten müssen (aus urgerm. 
*statit *&urÖi wie imp. ner soeh aus *nazi *sb/ci). Bei den 
kurzsilbigen tnnsste diese eine umgelautete form der mehrzahl 
der nicht umgelauteten weichen, wie es auch im plur. geschah: 
sie drang dagegen durch bei pytr und wahrscheinlich mehreren 
anderen kurzsilbigen mit umlaut, wie hrytr schnarchen (zu 
hrjöta stv. = agB. hrftttm ahd. rüzzan), pyss getUmmel (ein 
stv. pj'ösa erschliesst Vigf. 736 aus paum f., peysa schw. v.) 
etc. Bei den langsilbigen hätte nach Sievers' annähme die um- 
gelautete form im einklang mit den übrigen gestanden: dabei 
bleibt es unbegreiflich, warum ein so grosser teil dennoch 
durchweg nur unnm gelautete formen zeigt Nehmen vir da- 
gegen an, nur der nom. hatte umlaut, der acc. dagegen nicht, 
so erklärt es sich recht wol, warum die mehrzahl der Wörter 
sich für den umlaut entschieden, ein beträchtlicher teil dagegen 
den wurzelvokal nach dem mi um geläuteten acc. uormirt hat. 
Man könnte sich vielleicht zu der annähme entschliessen , im. 
dat. burÖ eine contamination aus dem alten dat. auf -i und 
dem umgelauteten instr. zu sehen und aus jenem casus den 
mangel des umlauts herzuleiten. Aehnlich äussert sich Heinzel, 
Bndsilben der altnord. Sprache s. 429: m burif entstand ans dem 
schwanken zwischen burtfi und byrtf. Han fasste den um- 
laut in byrtf wahrscheinlich als fehler auf, weil man daneben 
armi und arm (d. sg.) hörte". Diese annähme ist jedoch zu 
verwerfen, weil sie in das chronologische Verhältnis Verwirrung 
bringt. Der alte dat. konnte lautgesetzlich nicht *burtfi, son- 
dern nur *bortfi heissen nnd einer contamination von *borÜi 
und *byrtS zu burS wird niemand zustimmen. Zudem halte 
ich es überhaupt für unrichtig den alten dat *bor&i herbeizu- 
ziehen, denn der übertritt von /-stammen zu a-stämraen erklärt 
sich ja gerade dadurch, dass ein dat. auf -i bei ersteien ausser 
gebrauch gekommen war. 



fftizedDy GOOgk 



Der letzte schritt in der Entwicklung der (-stamme war 
der, dass die tun geläuteten mit den ja -stammen vollständig 
confundirt wurden nnd in der flesion sich teilweise diesen an- 
bequemten. Nur durch vergleichting der verwandten sprachen 
ist es hier möglich, alte i- und ja- stamme auseinader zu 
halten. 

Alle verbal abstracta, für die in dieser weise das ursprüng- 
liche i-thema gesichert ist, bieten den schwächsten wurzel- 
vokal. 1 Dies scheint mit der bemerkung Bopp's III 3 380 im 
widersprach zu stehn, dass die abstracta auf -i- die wurzel be- 
tonen: bei dieser betonungsweise sollte man starken oder ge- 
steigerten wurzelvokal erwarten. Indessen lehrt ein blick auf 
Lindner's Zusammenstellungen s. 57, dass betonnng des Suffixes 
im vedischen noch häufiger erscheint, als betonung der Wurzel- 
silbe ■ z. b. krshl pflügen, drei sehen, citi Verständnis, yudhi 
kämpf; Steigerung erscheint — auch wo der wurzelvokal be- 
tont ist — nur vereinzelt. Es ist also nicht daran zu zweifeln, 
dass die germ. bildnngsweise auch die ursp räch liebe ist. Speciell 
für die betonung erweisen dies noch das ahd. zug zu ziohan, 
slag zu slahan, ags. cyre zu ceosan, dryre zu dreosan etc. 
Nur ein wort *kvipi- neben *kvitti- spricht für betonung auf 
der Wurzelsilbe: aber auch dies hat schwächste wurzelstafe. 
Nur einige ganz vereinzelte fälle weichen von dieser regel ab. 
Ich ordne die belege im folgenden in kurz- und lang- 
silbige stamme, innerhalb dieser kategorien nach dem wurzel- 
vokal (t, eu, e + muta, e -f- liquida; ai, au, a + muta, a + 
liquida, langer vokal als mittlere [präsens] stufe). 
I. Kurzsilbige: 
germ. *biii- bisa, ags. bite, afr. an. bili, ahd. Uz. Im altn. 

nentr. a-st bit. 
germ. *bliki- glänz, blick, ags. blice. Im altn. neutr. a-st. 

hlik. Anch ahd. blick ist a-st 
germ. *gripi- griff, an. gripr „kostbarkeit" (eigentlich 
„griff", mit einer ähnlichen bedeutungsentwicklung wie 



1 Einen langen vokal, dessen entstehung nicht klar ist, haben 
*$vögi- *vrögi- und "vini- (vgl. das nom. ag. *vlgi-). 



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gulzefl-y GOOgk 



frz. robe gegenüber alid. roub), ags. gripe, afr. bi-grip, 

ahd. grif. Im altn. auch grip n. 
germ. *Arwö- berllhrung, aga. hrine, afr. Aren«, 
germ. *Wj(- nieder gang, aga. sige, ahd. *i$r in gasig 

„pfuhr(?), mhd. sie (Lexer I 90). 
germ, *skrttH- gang, an. skritir, ags. scride, alid. «rtf 

{pL 5CTi'(i, die form scriti- begegnet auch noch in comp. 

Beitr. 5, 108). 
germ. *tlitfp- fall, aga. slide, ahd. »cht (Gloaa. I 204, 21 

in gl. K.). 
germ. *slipi- ausgleiten, aga. slipe, ahd. slif und sftjöft. 
germ. "sliti- zerreissen, aga- stite, ahd. sftz (noch in ab- 

stracter bedeutung: sitz des riches, harisiiz Graff.VI 818), 

mbd. sliz, slüzes concret: spalte, schlitz). Im altn. 

neutr. o-st slü, wah räch ein lieh auch afr. in aft-sUt ehe- 
brach. 
germ. *mitii- schnitt, ags. snide, afr. snith, abd. snit (pL 

einmal als snita belegt), mhd. auch mitz. Im altn. neutr. 

o-at. «iJÖ. 
germ. *stigi- aufstieg, aga. stige, up-stige. Daa an. sligr, 

ahd. sieg ist a-st. 
germ. *stiki- stechen, got. stiks (nur in einem singular- 

caaua belegt), agB. stice, ahd. stih (dat. plur. stihhin). 
germ. * strikt- strich, got. striks (nur im nom. ag. belegt), 

ahd. strih (pl. strihhi). 
germ. *sviki- eigentlich weggang, dann daa imatichelaasen, 

verraterei, betrug, aga. svice, ahd. stvih (pl. nach der i- 

nnd a-decL belegt). Im altn. neutr. a-st. svik. 
germ. *vlili- glänz, gestalt, angeaicht, got. vlits (nur in 

singnlarcasuB belegt), an. litr (zur w-decl. Übergetreten 

wie kvitSr), ags. mlite, as. tvliti. 
germ. *svipi- bewegung, an. svtpr, md. «wi/ - (ahd. nur in 

smiphan), Fick III 365 f. 
germ. *vritt- risa, got. vrils (nur im acc. aing. belegt), 

ahd. riz (pl. rizzt), mhd. riz rizzes nnd riz rifze.» (spalte, 

wunde). Daneben neutr. a-at. an. rit, aga. tvrit in der 

der bedeutung „schritt, schreiben", 
germ. *bugi- biegung, an. bugr. 



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27 

germ. * drugi- betrug, :ihd. trugt- in eomp. (oder trugt = 
mhd. (rti^e f.?) Unser trug ist jungen Ursprünge. 

germ. *äruzi- fall, got. dra* (nur (in singularcasus belegt), 
ags. dryre. 

germ. *dugi- Dichtigkeit, an. dw^r. 

germ. *fiugi- fliegen, an. ftugr (so nach Cl. 162 fast durch- 
weg in älteren Schriften, später /lug n.), ags. flyge, alid. 
(lug (ßuge- in comp. ' Sievera a. a. o.). 

germ. *fluti- Anas, ahd. ftuz (pl. fluzzt). 

germ. *gruzi- schrecken, ags. gryre, as. jrwr*. Ein zu- 
gehöriges starkes v. im ags. erhalten: be-gredsan (Ettm. 
444). 

germ. *guti- ausguss, ags. jyie, ahd. gl« (im pl. ist guzza 
Überliefert). 

germ. *hluti- loos, teil, an. hlutr* (hat im acc. pl. zu- 
weilen klutu, Wimmer § 45 a, § 52 anm. 2), ahd. hluz. 
Im altn. daneben ein schwaches m. kluti; ags. hlyt j'a-at. 
Es kommt auch hier und im afr. (?) ein neutr. «-st. hlot vor. 

germ. *hruzi- fall, ags. hryre. 

germ. -*hugt- sinn, geist, got hugs (nur im gen. hugis), 
an. Aw^r, ags. hyge, aa. Aujtj, aber ahd. meist kugu. Vgl. 
im skr. w. puc sich kümmern, Fick III 77, wo aber ganz 
unberechtigt ein st huga- angesetzt ist 

germ. *lugi- lüge, ags. lyge, ahd. lug. Daueben ein st. 
*lugjd-. 

germ. *tuzi- verluat, ags. iyre. Daneben an. los n., ags. 
los oder lor n., alts. far-lor m. oder n., ahd. far-lor und 
far-los m. 

germ. *nw(t- nutzen. Erat nhd. ge-nuss (vereinzelt mhd. 
ungenuz [: vluz] in der Virg. 285, 9). Das ahd. ratz 
wird wol aus dem fem. *nutjd-, das im ahd. lautgesetz- 
lich nuz acc. nuzzia lauten mnsste mit genuswechsel her- 



1 Natürlich nicht ans klautr entstanden, wie Vigfusson 273 will; 
diene gleichalte form wurde nur durch hlutr verdrängt. Die a. a. o. 
noch angeführten, formen klotr pl. hlotar sind sehr lehrreich flir die 
geschichte des aus * kluti- entwickelten Stammes *Jtluta-. Letzterer 
ist zufälliger weise bei unserem wort nicht im altn., sondern im ags. 
durchgedrungen. 



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vorgegangen sein. Andre falle der art Germ. XXIII 272 f. 
Daneben ein neutr. a-et. an. (wall rechein lieb auch agB., 
»fr., sä.) not. 

germ. *ruki- geruch, mhd. ruch. 

germ. *sku$i- schieben, mhd. schup und schupf. 

germ. "skuti- schusa, aga. scyte, ahd. seuz (pl.scuzzi und 
seuzza). Im altn. neutr. a-at. skot. 

germ. * slupi- schlüpfen , mhd. sluf und sluph. 

germ. *sluti- schliessen, mhd. sluz. 

germ. "sufti- absieden, mhd. sut. 

germ. *tugir zug, ags. tyge, ahd. zwj/ (in comp. zugi-). 

germ. *piugi- fliehen, got. plauhs (nur im nom. sing, be- 
legt, das thema ist piugi-), an. flu.gr, flug (mit dem wort 
für „fliegen" zusammengefallen). 

germ. *pruti- verdruss, ahd. druzi- in druzi-säl, druzi- 
sam (mhd. ur-drulz neben itr-druz). Im altn. neutr. a-st 
/*ro(, vgl, anch far-tftroza taedio (gl. Lips). 

germ. *puli- getan , lärm, got. in put-haurn, an. Pytr, 
mhd. duz. 

germ. *kvepi- und *kve&i- aussage, an. Aez'Ör (nach der u- 
decl.), ags. cwitFe und ctvide, as. guitff, ahd. quidi und 
juftf, vgl. Kögel s. 117. 121. 

germ. *bruki- brach, ags. bryce, afr. breke, ahd. brüh 
(pl. bruhhi). 

germ. *drupi- treffen, ags. drype. Daneben findet sich 
drepe. Liegt hier eine vereinzelte a'-bildung mit Steige- 
rungsstufe vor oder haben wir eine neubildnng mit an- 
achlusa an daa part. drepen, dae neben dem lautgesetz- 
lichen dropen dureh die Einwirkung von e-wurzeln auf 
muta entstand, anzunehmen? 

germ. *spruki- Spruch, mhd. Spruch. 

germ. *bruni- brand, ags. bryne, altn. schw. m. bruni. 

germ. *buri~ das getragene, geschehene, ags. byre, ereig- 
nis, gelegenheit. Gehört hierher afries. bere (Richthofen 
626) getriebe, lärm? Das ahd. buri in h&h-buri tnmulus, 
eigentlich „das aufgetragene", harlburi obrigkeit = as. 
hard-buri ist wahrscheinlich i- stamm, vgl. burßh (bei 



»Nzedoy GOOgk 



29 

Notker) elatus, excellens. Die bedeutnng „ereignis" hat 
giburi, das wol vom v. giburien accidere abzuleiten ist. 

germ. *kumi-- kommen, got. qums (nur im sing, belegt), 
ags. cyme, afr. kerne (einmal kimi), as. kunti, ahd. quumi, 
daneben auch quimi und quetni. Letztere formen Bind 
schwer zu erklären; quemi könnte gesteigerten wnrzel- 
vokal haben, wie vielleicht ags. drepe oder neubildung 
sein nach dem part queman, nebenform zu quoman. 

germ. "tnuni- absiebt, got. tnuns, an. munr, ags. myne, 
as. mutii- in munitik. 

germ. *runi- lanf, got. rtms (nur im sing, belegt), ags. 
ryne, afr. rene, ahd. rww. 

germ. *skapi- beschaffenheit, an. -skapr, ags. -seipe, afr. 
-sAipi -skipe -skip, as. -skepi -skipi (alle nnr in comp.), 
ahd. setz/" (zweimal bei Notker belegt, häufig in comp.). 
Im altn. als simpler skap n. Im hochd. sind die compo- 
sita fem. 

germ. *slagi- schlag, got. slahs, an. slagr, gewöhnlich 
„auf einem saitenspiel gespielte melodie" (Cl. 566 hat 
zwei belege für die bedeutung „schlag", welche sonst der 
neutr. a-st. slag hat), ags. siege, as. siegt, ahd. dag 
{slegi- in comp., Sievers a, a. o.). Das afr. slSk hat nach 
Möller in Euhn's zs. XXIV 459 langes e, welches der- 
selbe durch epenthese aus *slagi- erklärt 
Folgende Wörter müssen nach der analugie der obigen 
auch als i -stamme angesetzt werden, obgleich ein bestimmter 
beweis dafür nicht beizubringen ist: 

germ. *gli8i- ausgleiten, mhd. gut. 

germ. "skiti- diarrhoea, mhd. schiz. Im altn. skit n. 

germ. *sliki- schleichen, ahd. slih. 

germ. *smiti- besehmutzung, ahd. smiz. 

germ. *ti$i- beschuld i g un g , mhd. zic (gewöhnlich be-ge- 
zic). Im altn. neutr. a-st tig (nur in der phrase: i tigi 
vera im verdacht sein; Vigf. folgert daraus ein n. tigi, 
was viel weniger wahrscheinlich ist). 

germ. *viki- wanken, ahd. wih „momentum" (Gr. I 708). 
Im altn. neutr. a-st. vik. 



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30 

germ. *lukt- Öffnung, got. us-luks (nur im dat. sing, be- 
legt). In allen andren dialekten thema luka-. 
Schon von diesen bildungen haben mehrere neben der 
lautgeaetz liehen form eine solche, die nicht auf primäre ablei- 
tung mit schwächster wurzelstufe zurückgeführt werden kann, 
sondern nur durch das nebenhergehende verbums seine erklä- 
rung findet. Dazu kommen sichere neubilduugen. Ich hebe 
namentlich folgende kategorien hervor: 

1. Wiedereinfügung eines lautgeBetzlich geschwundenen v 
im anschluss ans verbum: got. qums, ahd. quumi gegenüber 
ags. cyme, afr. kerne, aa. kumi (grundform *kvmt). 

2. In den bildungen *bruki-, *drupi-, *spruki- vertritt das 
inlautende ru den in schwächster wurzelstnfe erscheinenden 
r-vokal; auch im part. *brukana-, "drupana-, *sprukana- er- 
scheint derselbe. Andere verba von gleicher lautfolge lieBsen 
aber hier den vokal e eindringen, z. b. *tredana- für *tm- 
dana- (nach der analogie von *gebana- etc., Brugman, Kuhn's 
zh. XXIV 259). Auch in einigen abatiactbildungen zeigt sich 
ein heller vokal: 

ahd. gi-rih strafe zn (tv)rechan\ 

ahd. scric sprung zu screchan; 

mhd. trit tritt zu treten. 
Es sind das neubildnngen, die wahrscheinlich nach dem Ver- 
hältnis von *kvidt- zum verb {ahd. quedan) geschaffen wor- 
den sind. 

3. Viele der ans dem deutschen angeführten Wörter haben 
doppelformen , die eine mit einfacher, die andre mit doppelter 
conaonanz. So stehen nebeneinander: slifisliph, sliz : stitz, 
snit : stütz, riz : ritz, nuz : nutz, schub : schuph, sluf : sluph, 
druz : drutz. Die formen mit affricata, denen sich blick an- 
reiht, können nicht lautgesetzlich aus den (-stammen entwickelt 
seien. Üass aie auf ja- stamme znrttckgehn, die neben den 
i -stammen hergegangen seien, ist an sich unwahrscheinlich und 
wegen des mangelnden umlauts unmöglich. Ein teil weiser 
tibergang zu den ./«-stammen in den obliqnen casus ist auch 
kaum glaublich und erklärt die gemination, welche der ent- 
wicklung zur affricata vorangegangen sein muBS, nicht (vgl. das 
alts äe hm s che). Es bleibt wol keine andere annähme übrig, 



fftizedDy GOOgk 



31 

als dass die afTricata ans dem neben hergeben den intensivum 
her übergenommen ist, also in sltph ans sliphan, snitz aus 
snitzan etc. Hier steht das ph, tz lautgesetzlich. Es ist noch 
her voran heben, dass die bildungen auf afiricata z. t. dem alten 
abstractum gegenüber eine verengte, dem concreten zugewandte 
bedeutung zeigen: diese entwickelte sieb dadurch, dass sie sich 
von ihrem stammverbum Lautlich zu sehr entfernt hatten, vgl. 
sitz das zerreissen und slitz schlitz, snit das* schneiden nnd 
snitz das abgeschnittene, rix das zerreissen und ritz wunde etc. 

4. Die neben den i- stammen stehenden a- stamme männ- 
lichen und neutralen geschlechts werden weiterhin besprechung 
finden. 

IL Langsübige: 
Auch diese erkennt man am besten aus dem aga., wo sie 
durchgängig nmlaut (unnmgelantete formen gehen hie und da 
nebenher), das auslautende e aber verloren haben. Aach im 
altn. haben sie vorwiegend umlant, aber auch der mangel des- 
selben kann, wie ich oben gezeigt habe, die annähme eines 
i- Stammes nicht ansschü essen. Von den nmgelauteten (Wimmer 
§41b) habe ich nur diejenigen als /-stamme aufgeführt, welche 
als solche durch die andern dialekte gesichert sind. 

germ. *brusti- *bursti- schade, ags. byrst, ahd. brüst (pL 
brusti) m. und f. Lieber den wechsel zwischen anlauten- 
dem bru- und bur- vgl Morph. Unters. II, 49 anm. 144 f. 
Eine neubildung ist mhd. ge-brist (Lexer I 760). 
germ. *drunki- trunk. Das wort ist ohne zweifei (-stamm, 
obgleich es Zimmer s. 116 bei den a- stammen aufführt. 
Altn. drykkr. Im ags. begegnet fast immer dryne (Grein 
I 209), für das zuweilen — mit jenem häufigen Wechsel 
zwischen y und i — dritte geschrieben wird, drunc ein- 
mal in oferdrunc (Ettm. 573). Das ahd. trunk kommt 
im plnr. nicht vor, im mhd. lautet dieser tränke; dass 
dafür in mitteld. schritten trunke geschrieben wird, hat 
wol Zimmer veranlasst, einen a- stamm anzunehmen. Ich 
muss mich auch gegen Zimmer's anm. 38 wenden, wo 
das ags. dritte, drunc, wie das ahd. trink, trank, trunk 
nur als differenzi rangen der grundform *dranka- betrach- 
tet werden; es liegt vielmehr ein i-st drunki- nnd ein 



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32 

a-st dranka- zu gründe; trink (nur im Keron. glossar) 
ist neubildung. So erklären sich diese ablau terach ei nun- 
gea viel besser, als wenn man sie auf „etwas rein zu' 
fälliges" zurückführen will. 

germ. *dunli- schlag, ags. dynt. Zu an. detta stv. nieder- 
fallen. Fick III 141. 

germ. *funSi- fund, an. fundr (einmal fyndr Ol. 178) mhd. 
funl. 

germ. *kurtri- schnitt, ags. cyrf, afr. kerf. Zu ags. ceor- 
fan, afr. kerva stv. schneiden. 

germ. *stwti- stürz, ahd. stürz. Trotz des einmal beleg- 
ten plur. sturza glaube ich /-st. ansetzen zu müssen, da sich 
das u des wurzelvokals sonst nicht hatte erhalten können. 
Das mhd. hat — nach Zimmer „ unorganischen" — umlaut 

germ. *sulli- gescliwulst, an. sullr. 

germ. *sulti- verschmachten, an. sullr, ags. swylt. Im 
gut. ist nach svulta-vairpja Übergang zur a- declination 
anzunehmen. Fick III 363. 

germ. *vumu- leiden, got vunns (genua nicht gesichert, 
aber die Wahrscheinlichkeit spricht für das maac). 

germ. *punki- meinnng, an. pykkr, mhd. dune, 

germ. *hlaupi- lauf, ags. hly/i, afr. hlep, ahd. lauf (im pL 
ist loufa belegt). Im altn. neutr. a-st. hlaup. 

germ. * fallt- fall, ags. feil, fyll, afr. fal, fei. Das ahd. 
fal hat im plur. vorwiegend falla, nur einmal ist fallt 
belegt (Graff III 464). Doch scheint der t-st. gesichert 
durch den instr. falliu (Gloss. I 239, 36 in gl K. Ra.). 
Im altn. ist fal n. 

germ. *fangi- fang, an. fengr, ags. feng, afr. feng, fang, 
ahd. fang. 

germ. "svSgi- schall, an. soegr, ags. stvig. Zu gründe 
liegt ein redupl. verbum ags. swögan (Grein II 516). 
Ueber verwandtes vgl. Schade, Wb. a 918. 
Ich erwähne schliesslich einige Wörter, welche der theorie 
nach als t-Btämme anzusetzen sind, ohne dass dies erweis- 
lich ist. 

germ. *krusti- knirschen, got krusts (nur im nom. sing, 
belegt). 



ffUzedny GOOgk 



33 

germ. *brungi-? nur im ahd. keim-brunc reditus. 

germ. *dunsi- ziehen, ahd. dum. 

germ. *huntfi- gefangennähme. Das got. hunp (nur im 
acc. sing, belegt) kann sowol masc. als fem. Bein. Das 
ahd. hunda in heri-hunda, ags. AßÖ beute entspricht der 
ableitnng nach nicht. 

germ. *sprungi- sprung, ahd. sprang (pl. sprangt). 

germ. *stungi- stechen, ahd. stung. 

germ. *stun/d- gestank, eigentlich stechen, ahd. stunc. Das 
got. bi-stuggq wird zwar gewöhnlich als neutr. ange- 
setzt, kann aber nach den vorhandenen casnsformen auch 
als masc t'-st. betrachtet werden. 
Als sichere nenbildungen sind zu verzeichnen: 

ags. swylt gegenüber an. sultr. 

mhd. swunc statt des Ungesetzlichen *sunc. 
Bei folgenden Wörtern gehört die dem themavokaL voraus- 
gehende doppelconsonanz nicht der wnrzel, sondern ursprüng- 
lich bloss dem praesenstamme an: 

1. Mit erweiterung durch f. * brüstt-, *sturli-, *sulti- 
"krusti: 

2. Mit erweiterung durch n, das nach liquida assimilirt 
ist: *sulti- *vunnt- "fallt-. 

Meine regel, dass die mit suffix -i- gebildeten verbalab- 
stracta den schwächsten wurzelvokal zeigen, hat also auch bei 
den langsilbigen ihre bestätigung erfahren. Ich muss jedoch 
drei Wörter aus dem ags. erwähnen, welche — wenn man sie 
nicht lieber als ja-nt&camc betrachten will — gegen dieselbe 
sprechen und sich den ausnahmen, wie ags. drepe und ahd. 
quemi anreihen: stetig {Grein II 479) geruch (im ahd. ja-st 
n. pl. stenkhe in Pa. rlögel s. 155), srveng (Grein II 506) warf, 
tvrenc (Grein II 742) krümmnng. Diese ausnahmen können 
jedoch nicht die regel umstossen, welche von der spräche 
selbst als solche empfunden wurde. Dies beweisen die von 
mir hervorgehobenen nenbildungen. Nach dem munter der 
alten abstraeta wurden neue geschaffen, indem man eine ver- 
balform zu gründe legte, welche dieselbe wurzelstufe aufzeigte 
wie die ersteren. Lehreich ist das mhd. schit entscheidung, 
welches auf dem erst spät auftretenden, aus scheiden ent- 



»tizedDy GOOgk 



34 

wickelten verbum schiden beruht. Man wird es unter diesem 
gesichtspunkt vielleicht tadelhaft finden, dass ich alle bil- 
dungen als urgermanische angesetzt habe; indessen war hier 
eine Scheidung kaum möglich, wo nicht äussere anzeichen die 
spätere bildung erweisen. Als sichere neubildungen sind fol- 
gende nhd. wÖrter zu bezeichnen, die im mhd, noch nicht vor- 
kommen: kniff, pfiff, ritt, trieb; genuss, suff, trug; Schwund. 

Ist meine regel richtig, so muss sie auch die gegenprobe 
bestehn, dass die mit suffis -i- gebildeten Wörter, welche starke 
oder gesteigerte wurzelform haben, keine verbalabstracta sind. 
Und in der tat besteht sie dieselbe auch ohne jeden zwang 
z. b. germ. *balgi- (got. balgs, an. belgr, ags. bälg, ahd. balg) 
balg = das geschwollene, germ. *rauki- (an. reykr, ags. afr. 
ric, as. rök, ahd. rouh) rauch = der dampfende etc. Natür- 
lich müssen unsichere beispiele, wie Wörter mit a in der Wur- 
zelsilbe, deren plur. im ahd. nicht belegt ist, wenn sie auch 
im mhd. u miaut haben, aus dem spiele bleiben. 1 

Dasselbe bildungsprincip in betreff des wurzelvokals, wel- 
ches ich fOr die (-stamme begründet habe, nahm Arne lung auch 
für die masc. «-stamme an. Diese annähme steht in directum 
gegensatz zu dem gesetz, welches die sanskritgrammatik für 
die bildung der nomina actionis mit auffix -o- aufstellt: betonte 
und gesteigerte wurzelform (Bopp, vgl. Gramm. III § 867, Lind- 
ner II § 2). Zimmer trat darum Amelung'a annähme entgegen, 
hielt aber mit rücke ich t auf die zahlreichen abweichungen auch 
das gesetz des skr. für erst später hervorgetreten. Den rich- 
tigen weg zur erklärung der Schwankungen — zunächst in 
der betonung — schlug Lindner ein. Er hält für die nomlnal- 
bildung überhaupt an der nrsprüngiichkeit eines bestimmten 



1 Das ans dem germ. hervorgehende gesetz, dass die nom. act 
auf -i- mit schwächster, die nom. ag. dagegen mit gesteigerter wur- 
zelform gebildet werden, muss als idg. angesetzt werden. Auch im 
griecb. sind die i-stämme, welche gesteigerten und betonten wurzel- 
vokal haben, vorwiegend nom. ag., vgl. bei de Saussure, Systeme 
primitif a. So: rpiij;'? laufer, oxQotptq Schlaukopf und die adjectiva 
tpö<pt$, Spams etc. Für die nom. aet. beweisen anch die vedischen 
'nf. auf -ayi, welche die wutzel geschwächt und den ton auf dem 
suffixe haben. 



fftizedDy GOOgk 



35 

betonungegeset&es fest und erklärt die hervortretenden abwei- 
cbnngen dnrch den einflusa des verbuma im praesens s. 17 f. 
War das abstract aber einmal in der betonung nach dem praes. 
geregelt, so konnte man leicht den weiteren sehritt tun, auch 
den wurzelvokal einfach ans diesem her überzunehmen. So sehen 
wir bei den durch Suffix -o- gebildeten verbalabstracten neben 
der gesteigerten wurzelform, was das eigentlich regelmässige 
ist, mittlere. Im gerra. finden wir folgendes bildungsprincip 
für die masc. mit auf fix -o- vor: 1. alte, gemeingerm. bil- 
dangen haben gesteigerte wurzelform (dagegen ruhte 
der accent — soweit sich das constatieren Iässt — auf dem 
snffix, vgl. de Saussure 83 f.); 2. jüngere, einzelsprach- 
licke bildungen werden mit dem vokal des präsens 
versehen. Schwer wird es sein hier im einzelnen gränzen 
zu ziehen; doch glaube ich, dass man immerhin zu einem ge- 
wissen Tesnltat gelangt, wenn man das von Zimmer beigebrachte 
material nach diesen regeln hin ansieht. 
Es l&sst sich folgendes feststellen: 

1. Es gibt keine männlichen verbal ab stracta auf -a-, welche 
schwächsten wurzelvokal aufzeigen (falls dieser nicht zugleich 
vokal des praes. ist). Betrachten wir Zimmer' a beispiele s. 116 f., 
welche hier zn widersprechen scheinen: 

ags. drunc, ahd. trank; oben s. 31 als ist. nachgewiesen, 
ahd. stürz; desgl. 

ags. borh, mhd. borg darf wol ans dem fem. i'-st burgi- 
entwickelt angesehen werden wie vaiÜa- aus vatöi- (s. 16). 
Die hier mehr hervortretende Verschiedenheit in der form 
führte eine differenzirung der bedeutung herbei. 
altn. slüfr, ahd. stumpft; kein verbalabstract 
got. gabaur gelage steht neben dem ntr. gabaur Steuer; die 
grundbedentung für beide iat „das zusammengebrachte ", 
also nicht notwendig als verbalabstract anzusebn, 
altn. dünn mnss als ein ganz unsicheres wort ans dem 

spiele bleiben, 
altn. purkr ist seinem themavokal nach unsicher und kann 

wegen mangels der brechung nicht alter a-st. sein. 
ags. tvUsc, ahd. wunsc ist ans dem fem. = skr. vänchä 
entwickelt, vgl. Behagel, Germania XXIII 273. 



»Nzedoy GOOgk 



i-stämme oben s. 26. '. 



36 

(s. 123) ahd. stec ist vielleicht nebst dem Rita, stigr aus 
dem im ags, erhaltenen ist. entwickelt. Doch scheint 
mir die bedentung eines nom. instr. die ursprünglichere 
zn sein, 
ahd. grif 1 
ahd. .mit i 
(s. 125) ahd. guz\ desgl. 
altn. ftugr, ahd, flug; desgl. 

ags. lor (auch los) nnd forlor, alts. farlor, ahd. farlor 
(anch farlos) steht einem i-st. (ags. /jre) gegenüber. 
Dass es aus diesem enstandeu ist, ist nicht unwahrschein- 
lich. Die formen mit s weisen auf ein schwanken in 
der betonnng hin, vgl. Norreen, Beitr. VII 431 ff. 
ags. prut, ahd. urdruzj i-stämme oben s. 28, and. fartkrot 

wahrscheinlich ntr. 
ags. soc\ ntr. 
ahd. lue; ist. oben s. 27. 

altu. hlulr, ahd. hluz\ i-stämme oben s. 27, afr. ags. hlot\ 
neutrum. 

Auf die von Zimmer selbst als „nach stamm oder genus 
mehr oder weniger unsichere" Wörter bezeichneten brauche ich 
nicht näher einzugehn. Die hierher gehörenden ahd. dum, 
stung, mhd. dune, got. qums, mhd. glit, ahd. mk, sie, slih, 
mhd. slif, ahd. smiz, mhd. schiz, got. plauns, krusts habe ich 
zu den i-stammen gestellt, teils mit beweisgründen , teils ver- 
mutungsweise. 

2. Die den vokal des präsens aufzeigenden verbalab- 
straeta sind grösstenteils einzelsprach liebe bildungen, sehr selten 
in die germ. grundsprachc zurückreichend. 

(s. 117) ags. as. gelp, ahd. gelf kann westgerm. bildung 
sein. Die formen gilp gylp, die das wort im ags. ausser- 
dem noch hat, gehen nach Paul, Beitr. VI 45 ebenfalls 
auf gelp zurück. 
westgerm. *girma- neben neutralem *glnnja-. Für das ags. 

ist das masc. kaum nachzuweisen, 
germ. *sinpa- ist schwerlich verbalabstract; ein stv. sindan 
kennt nur das ahd. Brugman, Morph. Unters. 1, 35 fasst 
das wort als part. praes. 



fftizedDy GOOgk 



37 

ahd. sin ist ebenfalls kein verbalabstract. Zimmers versuch 
in anm. 40 es mit dem vorausgehenden zusammen zu- 
bringen, kann ich nicht beistimmen. 

Was die folgenden Wörter (scftimph bis swing) betrifft, so 
kann zunächst bei den ags. das i ein y vertreten: bring wäre 
dann = ahd. brunc in heimbrunc, ärinc = drync, swing =— ahd. 
swung. Im übrigen sind einzelsprachliche bildungen anzuneh- 
men. Zimmer 's auistellungen sind übrigens sehr anfechtbar. 
So soll das ags. grind in gegrind (ntr., ein zu gründe liegen- 
des masc. wird bloss von Ettmllller vermutet) getön mit ahd. 
griiit körn, au »schlag identisch sein! Sollte hier selbst die 
wnrzel die gleiche sein, so müssen doch die bildnngen als einzel- 
sprachliche angesehn werden. Altn. kurr wird von Zimmer 
nur ans versehn hierhergestellt, das zweite r gehört zum stamm, 
vgl. Wimmer § 35. Vielleicht ein alter stamm auf -es? — 
Ältn. fretr, ags. feort ist, wenn man es als nomen actionis 
fassen will, eine alte biidnng mit präsensstufe. Das ahd. ftrz, 
furz setzt aber i-stämme voraus. 

(s. 123) germ. *stritia- (vielmehr **frflW-, wie ans dem alts. 
and ahd. pl. Sinti zu erkennen, im altn. nentrum ge- 
worden) ist kein verbalabBtract, welches hierher gehörte. 
Das nur im ahd. vorkommende stv. strtian ist ans dem 
ins indogerm. zurückreichenden subst. (altlat. sltiti-) ge- 
gebildet, wie schon Amclung vermutete, 
germ. *st\ga- ist wie stiga- als nomen instr. anzusehn. Das 

altn. stigr ist keineswegs als abstractnm gesichert, 
got. hleis (?), ags. hleo (alts. hleo und filea, afries. hti, mbd. 
He) ist nach ableitung und genus zu unsicher, als dass 
es in die wagschale fallen könnte. 
(s. 125) ags. dreog \ 

an. bjtigr I . . , „ , , ., , 

., Ä ) emzelsprachhche neubilduugeu. 

an. stigr i 
Von den nach stamm oder genus als unsicher bezeichne- 
ten Wörtern bebe ich hervor: 

(s. 128) altn. brestr, ags. berst, mhd. brest ihrem thema- 
vokal nach sehr unsichere Wörter, vgl. Zimmer b. 191. 



»Nzedoy GOOgk 



Das altn. breslr ist siclier kein «-st. und die bildung da- 
her schwerlich gemeingerm. 
Die Übrigen hier angefahrten Wörter beruhen auf neubildungen. 
(a. 130) afr. as. fRl, ahd. ßz; westgerm. bildung. 
ags. ahd. sein; desgl. wenn nicht besser als substant ad 

jeetiv aufzufassen, 
mhd. kip, mnL kijf m., dagegen altn. kif, friea. kif n., waB 
wol das ursprüngliche sein wird. 
Im Übrigen neubildungen, wie auch die unten angeführten von 
u-wurzeln. 

3. Diesen wenigen ausnahmen gegenüber bietet die über- 
wiegende menge der männlichen verbalabstracta auf -a- den 
gesteigerten wurzelvokal, namentlich die als alte bildungen 
anzusetzenden. Ein blick auf Zimmer's Zusammenstellungen 
überzeugt von dieser tatsache. Ich rechne im folgenden die 
unsicheren und von mir als verbalabstracta ingezweifelten Wör- 
ter mit ein: 

PräMMtufe. Steigern njeBtufe 

««unter »loher germ. bildungen). 

t- wurzeln 9 17 4 

«-wurzeln 11 17 7 

ß-wurzeln 22 40 7 

^-wurzeln 8 



42 82 18 



Die bildungen von redupl. verben, welche nichts beweisen, 
lasse ich bei seite. 

Die bildungen mit Steigerungsstufe verhalten sich also zu 
denen mit präsensstufe wie 2:1, anter jenen Bind 18 sicher 
germ. bildungen (d. h. solche, die sowol im ost- als im west- 
germ. belegt sind), unter diesen keine einzige, wenn man von 
einigen unsicheren beispielen, die nicht in die von mir behan- 
delte kategorie hineingehören, absieht. Die bildung mit steige- 
rungBBtufe ist also ohne zweifei die ältere, germanische bil- 
dungsweise. Die neigung, den masc abBtr&cten den vokal des 
präs. zu geben, entwickelte sieh besondere in den westgerm. 
sprachen; einzelne bildungen mögen in die westgerm. einheit 
zurückreichen. Weniger ist das ostgerm. diesen bildungen ge- 
neigt; im gut. gibt es noch kein männliches abstractum mit 



»Nzedny GOOgk 



39 

präscnsstufe. Das aufkommen des neuen bildnngsprincips neben 
dem alten lagst sich im ags. und mhd. gut beobachten, man 
»gl. ags. swing neben stvang, pring neben prang, mhd. biez 
neben Hz, driez neben dröz, er-ge-werp neben wfirp, krimpf 
neben krampf, ferner spat auftretende Wörter wie entwich, 
biet, niez, geberc. Im nhd. ist es sehr gewöhnlich, abstracta 
direct vom präs. eines verbs, namentlich eines componirten, 
abzuleiten, vgl. Wörter wie Verderb, behelf, besitz, beweis; selbst 
von schwachen verben: beleg etc. Die analogie der zahlreichen 
verbalabstraeta mit Steigerungsstufe war indes keineswegs er- 
loschen; zwei sichere neubildungen ans dem nhd. sind hieb 
und wuchs. In dieser weise h»t sich die bildnng männlicher 
verbal abstracta durch suffis -o- bis anf die gegenwart leben- 
dig erhalten, indem die urlypen fähig waren, nicht durch ihre 
längst verloren gegangene ableitung, sondern durch ihre mit 
dem verbum conformen ab lauts Verhältnisse analogie zu wirken. 

Ehe ich auf die neutralen verbal abstracta mit suffix -o- 
nnd deren war zel Verhältnis eingehe, muss ich znvor eine prin- 
cipielle frage erledigen. Zimmer hat s. 19$ f. über das genua 
der mit Suffix -o- gebildeten Wörter gehandelt Gestützt auf 
die tatsache, dass das genns nentr. eine „spätere Schöpfung 
des arischen Sprachgeistes u ist und ausgehend von der ansieht, 
dass der unterschied zwischen den nomina agentis und nomina 
actionis erst später entwickelt worden sei, glaubt er annehmen 
zn müssen, dass bei der ausscheidnng der beiden kategorien 
den nomina actionis als dem „rein begrifflichen, geschlechts- 
losen" das neutrale geschlecht zugekommen sei, erst später sei 
ein teilweiser Übergang zn den masc. bewerkstelligt worden. 
Diese rein theoretisch gewonnene ansieht ist mit den tatsachen 
nicht zn vereinigen. Haben die mit Suffix -o- gebildeten nom. 
actionis in allen indog. sprachen, insbesondere im skr., griech., 
slav. und litauischen masc. genus, so wird man schlechter- 
dings zu der annähme genötigt, dasselbe sei auch Im indog. 
diesen bildungen zugekommen, es wäre ein gewaltschritt son- 
der gleichen anzunehmen, in all diesen sprachen sei erst spä- 
ter das masc. aus dem neutr. entwickelt worden. Unzweifel- 
haft war in der Ursprache mit dem primärsuffix -o- geradeso 
masc. genus verbunden, wie mit dem suffix -tu-, das von Zimmer 



»Nzedoy GOOgk 



10 

an dieser stelle übersehen worden ist. Was speciell das germ. 
betrifft, so liegt es durchaus nicht im geiete dieser spräche für 
abstracta die entwicklung vom neutr. zum masc. einzusehlagen. 
Wie ich in der einleitung auseinandergesetzt, liebt das germ. 
Bich für abstracta des weibl. oder neutr. geschlechts zu be- 
dienen. Wir haben gelegenheit zu beobachten, wie kategorien 
von abstraeten, denen wir von der nrsprache her männl. ge- 
schlecht zuschreiben müssen, allmählich sich in fem. nnd nentra 
umwandeln. So ist es bei den got. masc. auf -assus der fall, 
die in den westgerm. sprachen weibl. und nentrales geschlecht 
annehmen. Fast bei allen arten von abstraeten begegnet die 
neigung ihnen durch ableitung mit -ja- neutr. genus zu. ver- . 
leihen. Die bildungaweisen für verbalabstracta , welche erst 
innerhalb der germ. sprachen hervortreten, sind mit weibl. und 
neutralem, fast nie mit männl. geschlecht verbunden. Nach 
diesen erwäg un gen ist es durchaus geboten, auch bei den durch 
suffix -o- berufenen bildungen einen teilweisen Übergang des 
masc. ins neutrum nnd nicht umgekehrt anzunehmen. Jenes 
streben, das Zimmer für die Ursprache blos postulirt, dem ab- 
straeten als dem „rein begrifflichen, geschlechtslosen" das genus 
neutr. zu verleihen, tritt in den germ. sprachen allerdings her- 
vor. Teilweise vollzieht' sich dieser Übergang vor unseren 
äugen. Zimmer hat s. 196 eine anzahl von Wörtern zusammen- 
gestellt, welche im ostgerm. neutrales, im westgerm. dagegen 
männl. geschlecht haben; er vermutet, dasa das ostgerm. hier 
das alte besser bewahrt habe. In dieser allgemejnheit ist das 
keinesfalls zuzugeben. Es ist Zimmer zunächst entgangen, dass 
sieh hier nicht allein neutr. und masc. a-stamm gegen Überstehn, 
sondern auch neutr. a-stamm und masc. (-stamm, so bei 

ahn. bit n. : ags. Ute, ahd. biz m., 

altn. buk n. : ags. blice, ahd. blick m., 

altn, grip n. : ags. gripe, ahd. grif m., 

altn. slit n. : ags. slite, ahd. sliz m., 

altn. snitS n. : ags. snitfe, ahd. snit m., 

altn. svik n. : ags. svice, ahd, swih m., 

altn. rit (ags. tvrit) n. : (got. vrits) ahd. rix m., 

altn. flug n. und flugr m. : ags. flyge, ahd. ftug m., 

altn. skot n. : ags. scyte, ahd. seuz m., 



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altn. prot n. : mhd. ur-druz m^~~" — " 

altn. skap d. : ags. -scipe, afr. -skipe, as. -skepi -skipi, ahä\ 
scaf m., 

altn. slag n. : (got. slahs), aga. siege, as. slegi, ahd. sfcy m-, 

altn. hlaup n. : aga. hipp, afr. Ä$p, ahd. hlouf m. 

altn. /W n. : aga. feil, fyll, ahd. fol m. 
Da hier an eine entwicklung des z-themas aas dem a-thema 
nicht zu denken ist, ist es viel wahrscheinlicher, dass das alt- 
nord. (das got. kommt nur mit neip and anda- ga- M-hait- 
in betraclit, mit hröps steht es sogar auf seite des westgerm.) 
auch bei den «-stammen die Entwicklung zum neutr. einge- 
gesehlagen habe. Ausgeachloasen ist natürlich nicht, dass in 
einzelnen fällen das nentr. gegenüber dem masc. das ältere 
bietet. 

Ich bin der ansieht, welche, wie ich denke, sich unge- 
zwungen ergibt und durch alle verwandten sprachen bestäti- 
gung erfährt, dass die dem gerin. von der grnndsprache über- 
lieferten nomina actio nis auf -a- männliches geschlecbt hatten 
und dies grösstenteils bewahrten. Einige Bildungen nahmen 
teils schon urgermanisch , teils in den einzelaprachen neutrales 
geschlecht an: diese bieten natürlich dieselbe wurzelstnfe wie 
die masc. Sie sind bei Zimmer s. 138 f., 148 f., 151 f. aufge- 
führt und repräsentiren die mehrheit der neutralen bildungeu. 
Daneben zeigt sich früh das bestreben, neubildungen mit prä- 
sensstufe zu schaffen, denen nentr. geschlecht beigelegt wurde. 
Dergleichen finden sich bereits im got-, wo masc. verbalabstracta 
mit prasenastufe noch nicht existiren, nämlich and-teit, fra-id- 
veit, frius, ga-liug, ga- ana- us-filh, güd. Für die anderen 
sprachen vgl. Zimmer 8. 136 f., 139 f., 147 f., 151 f. Namentlich 
die grosse reihe der mit ga- componirten nentr. abstraeta kommt 
hier in betracht, worüber an anderer stelle mehr. Endlich tritt 
ein drittes bildungsprineip für die neutr. verbalabstracta auf: 
denselben den schwächsten wurzel vokal zu verleihen. Ihm 
sind drei gemeingerm. bildungen zuzurechnen, nämlich: *buSa- 
gebot, *luba- lob, *luka- verschluss, vielleicht auch *dulga- 
wunde und *skufa- scherz, vgl. Zimmer s. 149 f. Dürfen wir 
in diesen ursprüngliche nomina agentis resp. nomina acti sehen, 
was begrifflich keine Schwierigkeiten hat, so ordnen sie sich 



9ll !z enD y Google 



42 

dem für diese bestehen den bildungsgesetz (schwächste oder 
mittlere wurzelstufe) unter, das auch bei den nom. ag. auf -an- 
noeb hervortritt, vgl. Osthoff, Beitr. 3, 17 ff. Auf ein schwan- 
ken zwischen nom. agentis und nom. actionis, wobei das erstere 
als das ursprüngliche zu betrachten ist, macht Zimmer in anm. 
27 aufmerksam. Ausser diesen urgerm. bildungen begegnet 
die bildungsweise fast ausschliesslich im ags, und altnord., na- 
mentlich ist sie in letzterer spräche beliebt und erscheint hier, 
wo andere sprachen t-stämme haben. Hat das altnord. hier 
das ererbte gut treu bewahrt, das deutsche dagegen sich der 
sonst so beliebten neutr. abstracto entänssert? Nichts ist un- 
wahrscheinlicher als das. Umgekehrt vollzieht sich bei den 
t-stämmen vor unseren äugen ein z ersetz ungsproeess. Durch 
die aufgäbe der ursprünglichen declination wurden Übergänge 
zu andren declinationen angebahnt; die formalen Voraussetzun- 
gen hierzu (sie beruhen besonders in der ursprünglichen gleich- 
heit des dat. sg. der i-Btämme mit dem der a-stämme) habe 
ich oben angedeutet. Bereits einige der maac. a-stämme glaubte 
ich auf alte i-stämme zurückführen zu dürfen. Wenn aber 
eine bedeutend grössere anzahl letzterer sich zum neutr. genus 
gewandt hat, so müssen wir uns der Vorliebe des germ. für 
das neutrum zur abstracten ausdrucksweise erinnern, die wir 
schon bei den fl- stammen walten sahen. Beim altnord. 1 kann 
das überwiegen des acc. über den nom. bei leblosen gegen- 
ständen seinen auteil an dieser entwicklung haben. So ent- 
stand innerhalb des altnord. ein neues bildungsprincip, neutrale 
abstraeta mit schwächster wurzelstufe zu schaffen, das jedoch 



' Es kann unmöglich auf zufall beruhen, dasa in vierzehn (mit 
elnrechnung einiger unsicheren beispielen neunzehn) fällen das altn. 
da einen nentr. a-st. hat, wodurch das got. und westgerm. ein masc. 
t-stamm sicher bezeugt ist. Daas erstere auf späterer entwicklung 
beruhen, wird anch dadurch wahrscheinlich, dsss sie durchaus fehlen, 
nenn der masc ('-stamm bewahrt ist. Nur zwei ausnahmen gibt es: 
gripr, slagr m. neben grip, slag n. Hier hat jedoch der alte t-st. 
concreto bedeutung angenommen; die würter in abstraetbedentung 
schlugen daher eine selbständige entwicklung ein, indem sie von der 
sich auf die meisten abatraeta erstreckenden Umwandlung des i-st 
in einen neutralen a-st mit ergriffen wurden. 



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43 

seinem Ursprung nach als ein sekundäres bezeichnet werden 
muH. 

Ebensowenig wie bei den nentren dürfen wir bei den 
femininen, mit Suffix -ä- gebildeten abstraften einheit in der 
bildungsweise und daher auch in der wurzelstufe, die uns entgegen- 
tritt, voraussetzen. Die femininen abstracta auf -A- sind keine 
bereits im indug. ausgebildete wortkategorie , sondern haben 
sich als solche erst später entwickelt. Während wir die masc. 
abstracta auf -o- durch alle indog. sprachen verfolgen können 
und überall verwandte zttge finden, ist dies bei den fem. nicht 
der fall. Zimmer hält b. 286 f. die beiden arten von d-themen, 
die movirten feminin» von nom. agentia und die abstracta mit 
atammansgang -ä- auseinander und meint, nur die letzteren 
seien mit einem suffix -ä- wirklich aus der wurzel gebildet. 
Gehen wir jedoch auf den Ursprung der bildnng zurück, ao 
erweist sich diese scheidung als nicht berechtigt. Lindner, 
altind. nomin albildung s. 150 bemerkt „das fem. der adjectiva 
wird oft als abatractum zu der durch das masc. bezeichneten 
eigenschaft verwendet". Dem entsprechend bemerkt Bopp III 
§ 921, die „weibl- form des anffixes a, nämlich ä, bildet im 
skr. oxytonirte abstracta blidä' haltnng, cidä dass, kshipä das 
werfen, bhikschä' das betteln, kshuda bunger, mndä freude". 
Der wurzelvokal ist, wie man sieht, durchweg auf schwächster 
stufe. Die biidungen sind naturlich späterhin nicht mehr mo- 
virte feminina von nom. agentia, sondern direct aus der wurzel 
gebildet (in den Samhitaa sind nach Lindner's Zusammenstellun- 
gen s. 151 f. solche direete biidungen noch nicht häufig). Mit 
den oben angeführten skr. biidungen vergleiche ich direct die- 
jenigen weibl. vcrbaiabstracta des germ., welche schwächsten 
wurzelvokal zeigen (Zimmer s. 244 f., 257, 261). Dies ist je- 
doch keineswegs das ausschliessliche bildungsprincip, auch ge- 
steigerter vokal begegnet sehr häufig; hier muss ein übertritt 
ursprünglich mäniil. biidungen zum weibl. geschlecht erfolgt 
sein. Ferner erscheint auch der vokal des präsens bei späteren, 
meist einzelsprachlichen biidungen, doch bereits im got. Um 
die mannigfaltigkeit in den vokalstufen noch zu vermehren, 
begegnet bei d-stämmen auch der vokal des prät. plur. e (Zimmer 
a. 254 f.), was bei den masc. gar nicht, bei den ntr. vereinzelt 



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44 

{Zimmer s. 144) vorkommt. Es Bind grösstenteils germ. bil- 
duugen, ihrem Ursprünge nach schwer zu erklären. Klage, 
Beitr. zur conj. s. 25 findet bei ihnen die vierte Yokalgcstalt 
der «reihe, die dehnung, wodurch jedoch das dunkel nicht 
aufgehellt wird. Vielleicht haben sich diese bildungen im 
parallelismus mit denen, die inneres i, u haben, entwickelt, 
indem das Sprachgefühl an das prät. plur. angeknüpft hatte. — 
Die bildungen im einzelnen zu elassificiren und historisch zu 
verfolgen, würde mich über die grenzen dieser arbeit hinaus- 
führen. 1 

Versuchen wir nach dem entwickelten eine geschichte der 
durch die suffixe -a-, -i-, -o- hervorgerufenen abstractbildungen 
in grossen zttgen zu entwerfen. Diejenigen mit suffix -i- zeigen 
männl., nur vereinzelt weibl. gesehlecht und den seh wachsten 
wurzel vokal. Dadurch traten sie mit Zeitformen des verbs, 
namentlich part prät. und prät. plur. in beziehung; neubildun- 
gen erfolgten im anschluss an deren wurzelgestalt Die masc. 
o-stämmc zeigen dagegen in überein Stimmung mit den andren 
sprachen gesteigerten vokal d. h. den des prät. sing. Diese 
bildungs weise ist auch in den einzelsprachen noch die hergehende 
und gelbst fähig neu bildungen hervorzurufen. Daneben tritt 
eine anch in anderen idg. sprachen begegnende erscheinung: 
man verleiht neuen bildungen einfach den vokal des verbs im 
präsens. Damit ist die vollständige abhängigkeit des verbal- 
abstracts vom verbum constatirt und es war von hier aus nur 
ein kleiner schritt dazu, den infinitiv des verbs als abstractum 
zu verwenden. Diese bildungsweise ist durchs mhd. hindurch 
bis ins nhd. lebendig geblieben. Häufiger wird indes neubil- 
dungeu dieser art das neutrale geschlecht verliehn. Unter den 
neutralen abstracten mit suffix -o- sind jedoch auch alte bil- 
dungen, wo wir einen übertritt des masc. ins neutr. geschlecht 
anzunehmen haben, ferner begegnet hier noch eine dritte bil- 

1 Der suffix -ä- hat es seiner volleren lautform zu verdanken, 
Aase es auch bei abgeleiteten vereinzelt Anwendung findet, was bei 
-ö- und -!- nicht der ist. In anlehnung an die verba auf -isön ent- 
wickelte sich die endung -isa, an die auf -man, -ina. Vgl. darüber 
weiter nuten. 



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45 

dungsart, welche schon im urgerm. vereinzelt auftritt, beson- 
ders aber im agtt. und altn. ausgeprägt ist: den neutr. abstracta 
schwächste wnrzelstnfe zu verleihen. Das aec.undäre dieser 
bildungcD erhellt daraus, dass auch vielfach masc. i-stämme zu 
ihnen übergehn. Für die feminina war die bildungsweise mit 
schwächstem wurzelvokal durch beranziehung des skr. als indog, 
festgestellt worden; im germ. erscheint ferner durch Übertritte aus 
den masc. auch gesteigerter wurzelvokal und endlich präsensstu fe, 
die sich für neubildungen bis beute lebendig erhalten hat. 

Da die n-stämme sich aus den o- und (2-themen entwickelt 
haben und zwar nicht durch antritt eines neuen suffixes, son- 
dern, wie Osthoff dargetan, durch einen act, bei dem das be- 
griffliche moment die Hauptrolle spielte, so glaube ich sie an 
dieser stelle anreihen zu dürfen. Männliche abstracta mit dem 
stammausgang -an- begegnen in nicht geringer anzahl und be- 
reits in der germ. Ursprache. Bei einigen derselben ist die 
ursprüngliche bedeutung des nomen agentis, die in die eines 
numen actionis Übergegangen ist, noch wol erkennbar. Ein 
solcher Übergang hat an sich nichts ungewöhnliches: im zwei- 
ten abschnitt meiner abhandlung werde ich gelegenheit haben, 
ihn an einer reihe von suffixen vorzuführen. In nnsrem falle 
beruht er auf einer poetischen personification: man sieht das 
verderben als „das mordende", den verlüst als „den schädigen- 
den'*, den schmerz als „den nagenden" an. Aber bei den 
meisten der hierher fallenden Wörter findet ein begrifflicher 
Zusammenhang mit den nom. agentis auf -an- nicht mehr statt, 
sondern nach dem muster der alten werden neue abstractbil- 
dungen hervorgerufen, die teils aus vokalischen stammen zur 
n-declination übertreten, teils direct aus der wurzel gebildet 
worden sind, wobei allein das bestreben leitend war, der deut- 
licheren, durch seine ableitung mehr hervortretenden form 
den vorzug zu geben. Es wird uns noch öfter die erscheinung 
entgegentreten, dass neugeschaffenen abstracten bildungen neben 
dem femin. und ueutr. cbaracter auch der eines schwachen 
masc. aufgedrückt wird. Die schwache declination hat sich 
bei den masc. als mittel zur bezeichnung abstracter begriffe 
herangebildet, wie bei den neutr. das ableitende -jo-. 



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46 

Die abstracto mit stamm aus gang -an-, welche das germ. be- 
sitzt, Bind nun z. t bloss subatantivirte adjectiva, wie z. b: 

an. äjarfi (Eg. 100) kübnheit. 

an. vari (Ol. 680) vorsieht. 

ags. fruma (Grein I 362) anfang = mhd. vrume vorteil, 
dagegen as. ahd. fruma stf. 

ags. grama (Ettm. 440) zorn. 

ags. geleafa (Grein I 421) as. gildvo, ahd. giloubo glaube, 
daneben häufiger ahd. gilouba stf. Zu gründe liegt got 
galaubs; oder darf an primäre bildung wie urloub ge- 
dacht werden? 

ags. tama (Grein II 522) Zahmheit 

ags. weJa (Grein II 656), as. tvelo, ahd. welo, wolo vorteil. 

ags. gewuna (Grein I 487), as. giwono gewohnheit. 
Diese lasse ich bei seite. Unter den unmittelbar ans dem 
verb abgeleiteten sind folgende alte bildungen: 

germ. *aukan- Vermehrung, an. auki (Eg. 29), ags. eaca 
(Gr. I 251). Zum red. v. aukan. 

germ. *banan- tod, verderben, in ursprünglicherer bedeu- 
tnng: mörder, an. bani, ags. bona, bona, afr. bona, as. 
bona (in diesen drei sprachen nur persönlich, doch engl 
baue verderben), ahd. bano (hier bloss noch nom. act) 
Fick I 690. III 196. 

germ. *baian- vorteil, furtschritt, an- bati, afr. bata. Hier- 
her gehört auch mnd. bäte f., schwerlich aber md. bäte. Das 
stammverbnm ist bloss in medialer form batnan erhalten. 
Ueber die Sippe, Fick III 199. 

germ. *brdgan- schrecken, ags. brbga (Grein I 144) ahd. 
bruogo. Zum ags. starken v. bragan. 

germ. */ehan- freude, ags. ge-fea (Grein 1399), ahd. gt-feho 
zu gifehan stv. (nur im Tatian). Schwerlich alte bildung, 
da als wurzel im germ. fah, idg. pah (mit A) erscheint, 
vgl Fick I 658, III 169 f. 

germ. *skapan- schade, verlnst; in ursprünglicherer bedeu- 
tung: Schädiger, an. skotii nur abatract, doch vgl. den 
namen der riesin SkaSi (als masc flectirt), ags. scea&a 
persönlich, ebenso as. skatfo, afr. skatha, skada abstract, 
ahd. skado nur abatract, doch vgl. die glosse skatho 



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47 

latronum (GIobs. I 248, 29 in gl. K.). L. Meyer, got. 
spräche 396 und Fick I 235. III 330 vergleichen skr. 
kshatd verletzt; das geht aber nicht direct, da hier a 
naaalia bo nana vertritt. Wol aber kann unser wort von einer 
neben sken stellenden, kürzeren w. ska abgeleitet werden. 

germ. *$terban- tod, . peat, an stjarfi (CL 694 epilepsie) ags. 
sieorfa, aa. man-s(er&o, ahd. sterbo. 

germ. *hugan- meinnng, an. hugi (Cl. 290) ags. hoga (Ettm. 
482). Daneben ein t- stamm: an. hugr, ags. hyge (hier 
kommt ausserdem ein fem. hogo vor) ahd. hugi, gewöhn- 
lich hUffU. 

germ. *tregan- bekümmemis, an. tregi (Kg. 882), ags. trega 
(Grein II 550) and. trego (Kl, and. Denkm. 172). Im got 
schw. fem. trigo. Das stv. tregan ist nur im alts. erhal- 
ten. Fick III 125. 

germ. *tvehan- zweifei, aga. tweo (Grein II 651), ae. tweho, 
ahd. zweho. Ein zugehöriges stv. bieten die germ. spra- 
chen nicht mehr. 

germ. *punkan- meinnng, an. pokki (Cl. 741) wünsch, ags. 
af-punca und af-panka (Gr. I 55) neid, hass. Daneben 
t-st an. pykkr. 
Von einzelsprachlichen bildungen sind folgende zu erwähnen: 

got aha sinn, verstand, nach Fick „der sehende". 

got. ganauha genüge za ganauhan stv. 

got gataira riss zu gatairan stv. 

an. ami (Eg. 14) beschwerde. Fick III 20. 

an. efi (Cl. 115) zweifei vgl. das gleichbedeutende ef «„und 
ahd. ihn. Fick III 20. 

an. ekki (Eg. 130) schmerz. 

an. füi (Cl. 178) fäulnis. Änf dieselbe wurzel gehen zu- 
rück: an. ftiinn, füll u. a. Fick III 186. 

an. malt (Cl. 418) art und weise. 

an. pati (Cl. 475) lärm. 

an. »atSi {CL 683) Gefahr. 

ags. brSca (Ettm. 315) afflictro. Daneben bröc neutr. zu 
bracan stv. 

agB. croda gedräng in Imd-croäa (Gr. I 169) colliaus sen- 
torum. Zu creodan stv. 



fftizedDy GOOgk 



ags. foda (Ettm. 335) nahrung. 

ags. hopa (Ettm. 483) hoffnung. Im deutschen fem.: and. 
hopa in lo-hopa (vgl. damit ags. töhopa m. Boeth. 37, 1), 
md. hoffe. 
aga. plega (Gr. II 361) bewegung, spiel. 
ags. slanga (Ettm. 701) cireumactio. 
age. sluma (Gr. II 457) sehlummer. 
ae. stöpo (Hei. 2400) tritt, stapfe. Im ahd. steht slapho 

neben staph. 
and. githanko (in den psalmen £1. and Denkm. s. 173) md. 
und nd. gedanke (im ahd. und mhd. immer stm.). Ans 
dem niederd. ist das an. panki (Ci. 730) entlehnt, 
ahd. Jresfo (Graff III 274) mangel neben bresta f. Im altn. 

brestr i- oder jast. 
ahd. ^in^o (Otfr.) hoffnung. Ueber die etymologie vgL 

Kuhn'a zs. XXV 61 f. 
ahd. smerzo (Graff VI 835) achmerz neben smerza f. Im 
mhd. auch smerz stm. Das fem. ist auch in andren germ. 
dialekten vorhanden, vgl. Schade Wb. 833. Die ursprüng- 
liche bedeutung iat „der nagende". Fick I 3 254. 
ahd. stredo (Graff VI 745) fervor. 

ahd. swero (Graff VI 888) achmerz, krankeit Fick III 362. 
ahd. zuivo (Graff V 724) zweifeL 
mhd. gebreche (Lexer I 759) mangel. 
mhd. werre (Lexer III 790) Verwirrung. Daneben stf. wie 
ahd. werra immer. 

Auf die abgeleiteten abatracta auf -isan- (an. -si, ags. -sa 
ahd. -iso) komme ich später zu sprechen. 

Gewis geht ein grosser teil dieser Wörter auf alte nomina 
agentis zurück, auch solche, bei denen der bedeutungsuber- 
gang nieht ao vor äugen liegt wie bei *banan- und *skapan-. 
Die mehrzahl bezeichnet seelische zustande: denken, zweifei, 
freude, hoffnung, schmerz, bedrängnis u. dgl. Man legte den 
seeienkräften persönliche tätig keit bei. Aber andrerseits haben 
wir anzeicben, daaa die schwache Üexion bloss als hilfsmittel 
zum ausdruck des abatracten begriffe dient Dies ergibt sieb 
aus dem übertritt andrer declinationen zur n-declination. Oben 
hatten wir schon *hugan- neben *hugi-, *punkan- neben *punki-- 



msm Google 



49 

Ausserdem begegnet derselbe im alt», besonders häufig. So 
findet sieb z. b.: 

bruni (OL 83) brand neben germ. *bmni- 

hluti (CL 273) loos neben hlutr 

hugi (Ol. 290) meinung neben hugr 

mini (Ol. 438) absiebt neben rnunr u. dgl. 
Hier sind durchweg i-stämme zu «-stammen geworden. Ebenso 
in ags. wenn, (Grein II 658) meinung, hoffnung neben wen f. 
Ein urgerm. wechsel zwischen a- und «-stamm findet statt bei 
*daga- tag neben *dagan- in der Zusammensetzung- Offenbar 
kommt die letztere form ursprünglich den compositen zu, 
welche abstraetbedeutung haben. Allerdings ist dies Verhältnis 
etwas verwischt (das material e. bei Grimm II 1 465 f.). Im 
ahd. findet sich zwar richtig sieche-tago krankeit, daneben aber 
auch tult-tago, ßer-tago etc. Besser tritt die Scheidung im mhd, 
hervor: leb-tage leben, veic-lage tod gegenüber ende-tac u. dgl. 
Im ags. hat bloss dn-daga (alts. in-dago, an. ein-dagi bestimmter 
tag, ende, termin) schwache fiexion, sonst erscheint immer däg 
in der Zusammensetzung, ohne rficksiebt auf die bedeutung 
z. b. viudäg dies laboris, aber auch fibertragen: miseria. Im alt». 
dagegen sind die abstvacten bildungen von den gewöhnlichen 
Zusammensetzungen deutlich unterschieden. Man vgl. dautSa- 
dagr todestag aber daufi-dagi tod und ebenso bar-dagi kämpf, 
skil-dagi vertrag, svar-dagi schwur u, dgl. m. 

Häufig ist neben dem schwachen masc. ein gleichbedeu- 
tendes fem. vorhanden, vgl. an. iregi m. und got. trigd f., ags. 
hoga m. und hogo f., an. efi m. und ahd. iba f., ags. hopa m. 
und and. hopa f., ahd. bresto m. und bresta f., ahd. smerzo m. 
und smerza f., ahd. werra f. und mhd. rverre m. Ich glaube 
diese erscheinnng nicht auf eine ursprüngliche Verschiedenheit, 
sondern auf einen blossen Wechsel iu der form zurückführen 
zu dürfen: es handelt sich in beiden fällen nur um eine charac- 
teristisch hervortretende ableituugsendung. 

In viel grösserem masaatab als der Übergang von maseu- 
linen zur »-decünation erfolgte die erweiterung von ö-themen 
durch n. Wie Zimmer bemerkt, gibt es im ahd. fast kein wort 
mit Stammausgang -ä-, das nicht neben den vom ö-stamm ge- 
bildeten casus auch solche von einem dn-stamm zeigte und je 



»Nzedoy GOOgk 



50 

jünger unsere alid. denktnaler sind, desto häufiger werden die 
letzteren. Ein Verzeichnis der ostgerm. Wörter mit ursprflng- 
licbem stamm auf -ö-, die nur mehr den erweiterten stamm 
zeigen, gibt Zimmer auf s. 264 f. Selbstverständlich kann liier 
von wirklicher ableitung gar nicht die rede sein, sondern 
nur von Veränderung in der caausbildung. Deshalb gilt für 
diese Wörter auch durchweg nur das über die d-ttamme be- 
merkte. 

Wie das suffix -ä-, so findet auch dessen erweitcrung fm 
anwendung, um abstracto von abgeleiteten Verben zu bilden. 
Im got. haben wir armaid barmherzigkeit (zu arman). Aus 
dem altn. ist verschiedenes zu nennen z. b. äbyrgja (Cl. 39) 
Verantwortlichkeit, fryja (Cl. 176) herausforderung, hneikja 
(OL 276) schände, hyggja (Cl. 303) meinung, 8$ja (Cl. 313) be- 
sehäftigung, ortfa (Cl. 468), ordinance, sveigja (Cl. 608) elastici- 
tüt u. a. Besonderer art ist heiisa (Eg. 311) sanitas. Schlüter, 
suffix ja s. 163. 

2. Die sufflxe -jo-, -ja-. 

Das suffix -jo- bildet im skr. die wurzel betonende verbal- 
abstracta, welche gewöhnlich als participia necessitatis bezeich- 
net werden. Das neutrum derselben hat überall die bedeutung 
eines verbalabstractums, vgl. Lindner a. 96. Auch durch die 
femin. form des snffixes werden primäre abstracta gebildet, die 
jedoch das suffix betonen Bopp 111 § 892. Verwandte bildnn- 
gen weisen das altbaktrische und slavolitauische auf. Schlüter 
hat s. 24 f. seiner schrift auszuführen gesucht, dass auch die 
im germ. durch die Suffixe -jo- und -ja- in primärer weise 
hervorgerufenen bildungen sich aus diesen verbaladjectiven ent- 
wickelt haben. Es liegt mir jetzt ob, seine darstellang für die 
abstracta nachzuprüfen. 

1. Neutra. Schlüter s. 27—32. Schlüter'« auffaasnng ist 
da am einleuchtendsten, wo sich neben dem abstract noch das 
zu gründe liegende adjectiv erhalten hat, so as. ahd. gibäri 
benehmen zu ahd. gibäri schicklich, as. ahd. giföri, gifuori 
nntzen zu ahd. gifuori nützlich, an. kmeSi rede zn got. tm-gips 
unaussprechlich n. s. w. Dagegen fehlt diese Vermittlung bei 



fftizedDy GOOgk 



51 

an. hloegi zu hlahjan, laeti zn iStan etc. Nachzutragen iat 
beim altnord. maeti (Cl. 443) good things zu meto. Diese claase 
von bilduogen characterisirt sieh dadurch, dass sie den vokal 
des praet. plur. aufweisen. Mehr für sich stehen folgende 
worte mit mittlerem wurzelvokal: got. frapi verstand (dagegen 
gebärt an. froetfi unter die oben erwähnte kategorie), germ. 
*gteuja- (an. gly, ags. gleo Fick III 113, fehlt bei Schlüter) 
luet, germ. *heuja- (Schlüter s. 28} gestalt, germ. 'vilja- 
(Scblüter s. 29, Fick 111 304) strafe. Hier war ein vermitteln- 
des verbaladj. schwerlich jemals vorbanden. — Im anschluss 
an. den atamm abgeleiteten vcrba entstehen die snf fix Verbin- 
dungen -atja-, -Uja-, darüber später. 

2. Feminina. Schlüter s. 34 — 37. Ein adjectiv, welches 
der abstracten bildung zu gründe liegen könnte, ist bloss bei 
*sibjo- und *mttjd- belegt. Die übrigen, deren wurzelvokal 
teils auf schwächster, teils auf gesteigerter stufe steht, scheinen 
direct gebildet. Nachzutragen wäre z. b. germ. *hitjö (ahd. 
hizzea and. kitte f., im altn. schw. m. hiti Fick III 74 f.), *lugjö- 
(an. lygi, ahd. lugi, lugin) = sl. lüza. Auf die ungemein 
schwierige frage nach der entwicklung der lautform des Suffixes 
-ja- in den germ. dialekten kann ich nicht naher eingehen; 
ein Wechsel zwischen der jo- und i-form bei primären abstrac- 
ten findet statt bei an. nytr, ags. nyt gegenüber ahd. nuzzi, 
das sich ana adjectiv angelehnt hat. Auf an. byrGr gegenüber 
got, baurpei, ahd. burdi, an. lygr gegenüber ahd. lugi komme 
ich später zurück. Schwankungen finden sich auch bei hildjö- 
(as. dat Midi) und ahd. wunnia (bei Otfrid im reime tvunni 
Kelle II 228 f.) — Im anschluss an abgeleitete verbalstämme 
entstand die endnng -iy'a (s. 56). 

3. Mascuüna, Bier handelt es sich nnr um einige un- 
sichere bildungen. Im altn. können die nach bekkr flectiren- 
den umgelauteten Wörter sowol i- als /«-stamm sein (vgl. oben 
s. 24. Sievera fast alle kurzsilbigen als /a-stftmme). Die Wahr- 
scheinlichkeit spricht für ja-tt. bei dynr getose = ags. dynn, 
sprengr das sprengen, prymr- getöse = ags. prymm a. a. 
Aus dem ags. gehört wahrscheinlich hierher: steng, sweng, tvrenc 
s. oben 9. 33. Dagegen ist das von Schlüter s. 34 angeführte as. 



»Nzedoy GOOgk 



52 

selffcuni mit Heinzel (Denkm. 2 546) als selfkuri zu lesen und 
i-stamm. 

Auch durch die suffixform --Jan- werden einige abstracta 
gebildet: 

genn, *sabjan- geist, an. se/i, ags. sefa, as. se$o. 
germ. *vüjan- wille, got. w7/a, au. vili, ags. wiffa, as. w'tlleo, 
alid. wfV/et». 
Von einzelsprachlichen bildungen weiss ich blos anzuführen: 
an. endi (CL 124) ende, wo neben dem jan-tt auch noch 

der ursprüngliche ja-st* im nom. sg. endir vorkommt. 
ags. smitta (Ettm. 709) macula. Das ahd. smiz habe ich 

als i-st. angesehn. 
ags. pysa (pyssa) und pyse f. (Ettm. 602) getön. Das an. 

pyss ist i- oder j'a-st. Schade Wb. 1 108, 
ahd. gi-dingo (Graff V 194) Übereinkunft, hoffnung. Daneben 
gi-ding, gi-dingi n., gi-dinga, gi-dingi f. Sind dies alles 
ableitungen vom v. gi-dingent Vielleicht ist das ursprüng- 
liche eine alte collectivbildung gi-ding oder gi-dingi, die, 
nachdem sie ins abstracto gewandt worden war, mit den 
für bildungen dieser art gebräuchlichen endungen ver- 
sehen wurde. 

Ferner gehen neben den abgeleiteten verben auf -atjtm 
abstracta auf -atjan- her. 

Anhangsweise sei hier das suffix -ju- erwähnt, das keines- 
wegs aus -ja- entartet ist, wie Schlüter meint, sondern dem 
skr. -yu- gleichzustellen ist, das masc. abstracta bildet. Dem 
skr. mrtyti tod entspricht der bildung nach genau germ. *drunju- 
lärm (got. drunjus, an. drynr). Ausserdem erscheint das suffix 
noch iu got. stubjus (ahd. siuppi) staub und got. vaddfiis (an. 
veggr ags. «fr. wäg) mauer. 

3. Das suffix -es-. 
Das characteristioum der in allen idg. sprachen weit ver- 
breiteten neutralen bildungen auf -es- (Bopp III § 931 f.) iBt, 
dass der wurzelvokal auf mittlerer stufe steht, vgl. Kluge, ßeitr. 
z. Conj. 11. 21; de Saossure, Syst. prim. 129 f. Im germ. war 
dem suffix in seiner einfachen geatalt kein Wirkungskreis eröffnet, 



fftizedDy GOOgk 



53 

da es durch die anslautgesetze zu sehr mitgenommen wurde. 
Dass es aber in der germanischen Ursprache verbreitet war, 
beweisen die zahlreichen Weiterbildungen, in denen es später 
hervortritt. 

Die gern ein germ. bildungen anf -et- hatten in den einzel- 
nen dialekten folgende Schicksale. Entweder es erfolgte ein 
libergang in die ffl-dcclination. Dies geschah besonderB im ost- 
germ. weil hier das auslautende *■ nicht bedroht war nnd zwar 
— wie Zimmer gezeigt hat {Anzeiger f. d. Alt I 113. Suffixe 
a und ä s. 218) — entweder vor oder nach Wirkung des 
vokalischen auslautsgesetzes , so dass der stammauBgang bald 
als -isa- bald als -sa- erscheint. Im westgerm. erfolgte in vielen 
fallen diese erweiterung nicht, sondern das auslautende s fiel 
ab, wodurch meist von der schwachen Stammform aus ein 
i-st. (j'a-at), seltener von der starken ein u-at entwickelt 
wurde. Damit war annähme dea masc geschlecnta verbunden, 
das auch im altn. z. t. an stelle des neutralen tritt. 

Ich lasse die germ. bildungen folgen, soweit sie die be- 
deutung eines abstractums haben: 

germ. *ages- furcht, a) zum a-st. erweitert: got agis n. 

Vielleicht darf man aus egiso „monstra" Graff I 104 auch 

auf ein ahd, n. schliessen. Sonst schw. masc. ags. egesa, 

as. ahd. egiso. b) mit abgefallenem s; ags. ege. Daneben 

got. un-agei, ahd. agi f. und ein «-stamm an. agi. Fick 

III 12. 

germ. *diges- gebilde, got. ga-digis n. zu deigan. Die 

wurzelstufe ist unregelmäBBsg, Kluge S. 11 glaubt darum 

das wort aus gadeigis verschrieben. Fick HI 147- 

germ. 'kates- hasa. a) zum a-stamm erweitet: got. hatis, 

an. hatr n. b) westgerm. mit abgefallenem s: ags. kete, 

as. heli, ahd. kaz. Der einmal belegte got. gen. hatis 

darf vielleicht als alte ableitung vom s-stamme betrachtet 

werden. Fick III 60. 

germ. *rekves- finsternls, got. riqis, an. rÖkkr a. Fick 

III 253. 
germ. *remes- ruhe, got. rimis. Fick III 246. 
germ. *seges- sieg, a) zum o-stamm erweitert: got sigis n., 
an. sigr in., ags. sigor m-, b) mit abgefallenem s: ags. sige, 



msm Google 



54 

as. siffi (in sigl drohltn), ahd. sigi und sigu. Letztore form 
(der man vielleicht das unsichere got. sihus anreiben darf) 
hat sich, wie Paul, Beitr. VI 188 gezeigt hat, von der 
starken Stammform aus entwickelt. — Im altn. haben wir 
ausserdem ein n. sig, das sich wol vom unerweiterten 
s-stamm aus entwickelt hat Fick I 792. 
germ. *setes- sitz, an. selr n. Pick I 792. 
germ. *s/capes- schade, a) zum o-st. erweitert: got. skaftis. 
b) nach abgefallenem s ja-tX. geworden: ags. sce&ti n. 
Daneben der bekannte n-st 
germ. *pihes- zeit, got. zum «-stamm erweitert peihs. Fick 
HI 134. 

Die entwieklnug der lautform bei den concreten ist natür- 
lich vollkommen entsprechend vgl. ostgerm. *bariza- (an. iarr, 
got. bariz-eins) gegenüber ags. bere, got. veihs gegenüber aa. 
mk, ahd. tvih (pl. tviki, wthhi). Die erweiterung durch -o- ist 
gemeinsam bei got. ohs = ags. ear (aus *ahur) ahd. ahir, got. 
ais = ahd. er, an. fax = ahd, fahs. 

Die seeundäre anwendung des Suffixes -es- im germ. er- 
klärt sich aus vielfachem n ebenein and ersteh n eines ««-Stammes 
und eines a- Stammes, der sich aus dem es -stamme entwickelt 
hat. Gerade wie im slav. die «-stamme ohne weiteres in die 
analogie der neutralen a-stämme übertreten können (Schleicher, 
Comp. 4 s. 460), so war auch im urgerm. ein Wechsel zwischen 
beiden durch die formcngleicheit im gen, sg. angebahnt; noch 
leichter konnte der übertritt im westgerm. erfolgen. So finden 
wir got. hats(?) neben hatis, an. sig neben sigr, ags. calfur, 
lombor neben calf, lamb und celf, letnb (diese formen gehn auf 
die schwache Stammform zurück Paul, Beitr. VI 227) ahd. kal- 
bir neben kalb etc. Wie so häufig, legte man auch hier dem 
an sich zufälligen plus um ein ableitungselement bedeutung 
unter. Einerseits collective: hierher fällt die plnralbildung der 
neutra im westgerm.; andrerseits abstracto. 1 Hierher gehören 
nur wenige Wörter: got. svartis schwärze zu svart, ags. hälor 



1 Es soll damit nicht gesagt sein, dass nicht schon das urgerm. 
seeundäre ableitungen durch -es- gehabt habe. Ale solche erweisen 



Di^zea-y GOOgk 



55 

(Grein II 9) heil zu häl, ags. ItScor (Ettm. 487) höhn, daneben 
ttn.es zu höc = alid. huoh, wenn nicht primäre bildung. 

Zahlreicher Bind dergleichen abstraeta mit weiteren ablei- 
tungselementen geworden. Sie stehen in nächster heziehung 
zu den verben auf -ison, ags. sjan, an. -sa. Hier erhebt «ich 
zunächst die frage: dürfen vir in diesen weite rableltungen von 
^-stammen sehn? Dagegen spricht, dass der Übergang von 
s in r, den wir in diesem falle erwarten milssten, unterblieben 
ist. 1 Schon im got. steht valvisdii neben katizön. Im west- 
germ. haben die Wörter, welchen eicher ä -stamme zu gründe 
liegen, regelrecht r z. b. alid. sigirön, uoberön, mit einziger 
ausnähme von agisön. Trotzdem glaube ich, dass die verba 
sich von es-stämmen ans entwickelt haben. Vielleicht war ein 
solcher accent Wechsel, wie ihn das vedische hat zwischen äpas 
werk und apds tuend, das griech. zwischen tyevöot; lüge und 
ipEVÖrfc lügnerisch (Brngman, Kuhn's zs. XXIV 34 f.) auch 
dem nrgerm. eigen. Neben nrgerm. *äges- furcht mag ein 
*ages- fürchtend gestanden haben. Solche adjeetiva sind nun 
allerdings nicht erhalten. Aber vielleicht dürfen wir die verbe 
auf -ison zunächst auf sie zurückführen. Im anschluss an das 
v. agison behielt dann auch agB. egesa, as. ahd. agiso sein s. 
Noch verwickelter wird die suche dadurch, dass schou die got. 
neutra teils ihr s in z verwandeln, teils es bestehen lassen. £rsteres 
ist der fall bei *baris, halis, riqis, svartis, letzteres bei agis" 1 und 
rimis. Ich muss diese schwierige frage leider unerledigt lassen. 

sich: germ. *dd%es- zu *daga-, *hänes zu 'hanan- u. a., wol auch 
got. plvis, ags. päw (grundtorm */>aives-?) zu got pius. 

' Wenn Paul bemerkt, Beilr. VI 548 „Die .«-stamme z. b. mn asten 
ursprünglich in der starken Stammform -us, in der schwachen -\z er- 
geben. Aus dieser duppelheit entwickelte sich durch ausgleich die 
vierheit -us, -uz, -%z, -\s mit beliebigem schwanken, worauf zufällige 
feBtsetzung der einen oder andern form gefolgt ist, und diese vier- 
fältigkeit überträgt sich auch auf die ableitungen", so übersieht er, 
dass die «stamme von hause aus wurzelbetont sind; lautgesetzlich 
konnten sich nur die formen -uz, -is entwickeln. 

3 Ich bin geneigt, agis als seeundärabstraet (wie svartis) anzu- 
sehn zu einem adj. *ags, auf das got. un-ägei, ahd. agi führen. Aber 
auch dem erklärt sich die auffallende behandlung des s nicht, denn 
es heisst ja svartiza. 



gulzefl-y GOOgk 



56 

Im anschlüge an die verba auf -isdn sind nun abstract- 
bildungen mit weiterer ableitnng geschaffen worden. Es er- 
scheinen feminin» mit dem ausgang -ö- -3n- -JSn- und schwache 
mascnlina. Von einigen nentren aus dem altn., deren ablei- 
tungen als -isjo- anzusetzen wäre, wie glens (Ol. 203) scherz, 
gums (Cl. 221) betrng, hrifs (Ol. 284) raub, kallz (Ol. 330) 
scberz, sehe ich ab. Sonst ist zu nennen: 

an. heilsa (Eg. 311) sanitas. 

an. ofsi (Eg. 615) Wildheit zu of adv. 

an. vansi (Eg. 850) bescbimpfung. 

ags. hals (Grein II 9) sanitas. 

ags. litis (Orein II 183) weichlic.it. 

ags. milds (Orein II 251) milde. 

ags. brytsa (Ettm. 365) bruchstttck. 

ags. gcklsa (Grein I 374) Üppigkeit. 

ags. geocsa (Grein I 497) schluchzen. 

ags. Icbwsa (Ettm. 169) destitutio. 

na. blidsea fröhlich keit. 

ahd. lingiso (bei Notker) prosperitas darf vielleicht als pri- 
märbildung angeBehn werden, da es seiner wurzelstufe 
nach ganz der regel entspricht 

4. Die Buffbce -ano- {-ino-)] -no- -n&-. 
Den gebrauch des suffixes -ano- (-ino-) zur bildung pri- 
märer abstracta teilt das germanische vornehmlich mit dem 
sanskrit. In beiden sprachen haben auch diese abstracta infini- 
tivische Verwendung erhalten. Im skr. sind die bildnugen auf 
-ana- vorwiegend neutral (Lindner, altind. nominalbildung s. 40, 
Whitney, ind. Gr. 1150), seltener begegnet die feminine form 
-an&-. Im germ. ist nur das neutrale suffix sicher bezeugt 
Hier berühren sich die so gebildeten abstracta nahe mit denen 
auf -no- und -nd-. Letztere lassen sich z. t. als substantiierte 
part. prät auffassen wie das gut fullo ans *ful-nö-, vgl. skr. 
pürnä. Bei anderen spricht das ab lauts Verhältnis gegen diese 
annähme. Wahrend nämlich die partic. prat auf -no- 
schwächste wurzelstufe verlangen, haben wir eine reihe neu- 
traler und femininer bildungen, die Steigerungsstufe aufweisen, 



fftizedDy GOOgk 



57 

so germ. * laihvna- zu ahd. iihan, an. lausn zu Ijdsa, nauin zu 
iy<>ta etc. Die feminin* stellen sieh aufs schönste zu griech. 
bildungen, wie OQfpvtj, xotvi), welche de Sacsaure, Syst. prim. 
s. 77 f. bespricht Eine deutlich hervortretende ableitungs- 
regel läsBt sich bei diesen femininen nicht verkennen. Von 
den auf -ano- {-ino-) gebildeten neutren läast sich ein gleiches 
schon deswegen nicht sagen, weil sie wenig zahlreich und ihrer 
etymologio nach meist unsicher sind. 

Ich versuche im folgenden die bildungen mit ein- und 
zweisilbigem auf fix auseinander zu halten. Bei manchem worte 
kann aber die eiureibnng unter die eine oder andere gruppe 
nicht aU sicher gelten. 
1. Neutra. 

a) suffix -ano- (-ino-). 
germ. *aigina- (?aigana-) eigentum, got aigin, an. eigin, ags. 
ägen, afr. egln, as. igan, ahd. eigin und eigan. Vielleicht 
bloss substant. adj. Möller in Kulms zs. XXIV 444 f. 
führt die germ. wurzelform aih auf ak* mit epenthese 
vor dem palatalen k zurück (got aih eigentlich „ich habe 
erreicht" = skr. (tca) und jdentificirt unser wort mit 
umbr. actio-, skr. dmca erbteil, bezüglich der suffixform 
jedenfalls mit unrecht 
germ. 'magina (*ma$ana) kraft, vermögen, menge, an. megin 
und magn, ags. tn<egen, as. megin (magan in hand-magen 
M. 730), ahd. megin und magan. Da die wurzel A ent- 
hält, liegt mittlere oder schwächste stufe vor. Curtius 5 
333. 
germ. *ra$ina (*ragana) ratsehluss, got. ragin, an. regln 
n. pl. und rÖgn n. pl. die götter, ags. re%n- (in comp.), 
as. regln- (in comp.) und regan (in regano-giskapu ge- 
schick), ahd. regin- und ragan- (in eigen a amen). Pick I 
189 vergleicht skr. racana an Ordnung. 
Sehr eigentümlich ist die doppelgestalt des auf fixes bei 
dreien der Wörter. Die «-form rindet eich neben der i-form 
im ahd. Auf an. magn, rögn ist nichts zu geben, da dies neu- 
gebildete nominative aus den dat magni, rögnum zu sein schei- 
nen. Sonst ist ausser bei as. egan und regan (contamination 
aus regin und ragan?) die (-form durchgedrungen. Es liegt 



fftizedDy GOOgk 



hier eine doppelheit der suffixform vor, die in ihrem letzten 
gründe ins i n doger m. zurückreicht, vgl J. Schmidt, Kulin's eb. 
XXV 112. Dass in den drei Wörtern, welche Wechsel zwischen 
i und a zeigen, dem anlautenden auffixvobai ein g voraus- 
geht, während "gamana- davon frei ist, verdient immerhin he- 
achtung. 

b) suffix -no-. ä) Steigerungsstufe. 
germ. *baukna- zeichen, ags. beacen, afr. büken, bäken, as. 
bökan, ahd. bouhhmi. Das au. bäten ist, wie Vigfusaon 
bemerkt, fremd wort. Moller s. 439 f. erklart "baukna- 
durch „w-epenthese" ans "bekna- (erhalten im altn., afr.), 
dies durch „n-umlaut" aus *bekna-. Mich haben seine 
ausfuhrungen nicht überzeugt. Daß afr. beken kann recht 
wol mit den Übrigen we st germ. formen vereinigt werden 
(e = au, wie in steta Blossen) und warum soll das an. 
bäkn nicht aus dem fries. entlehnt sein? 
germ. *faikna- betrug, ags. /äcen, as. fekan, ahd. feihhan. 
Im altn. ist f'eihi f. Möller s. 464 will auch hier den 
diphthong aus epenthese erklären: *fekna-*f$kna-*faikna-. 
Die mittlere form sieht er in dem afr. adv. f&ken = mnL 
vaken, rand. väkene oft Zu gründe liegen soll eine Wur- 
zel pak ■ befestigen. Trotz der bestechenden vergleichung 
mit gr. xvxtvöq kann ich mich hiermit gar nicht einver- 
standen erklären, denn das ags. gefic dolus beweist die 
{-würzet. Müller ist es nicht gelungen, die zahlreichen 
ausnahmen von bekannten lautgesetzen, die seine anf- 
stellungen zur Voraussetzung haben, in Oberzeugender 
weise zu erklären. 
germ. *!aihvna- Ichen, an. Idn, ags, laen, afr. iin, ahd. 16- 

han. Fiek I 753. III 2G9. 
germ. *taikna- zeiehen, an. läkn oder teikii, ags. tdeen, 
afr. teken, as. Ukan, ahd. zeihhan. Aber got. taikns f. 
Möller s. 462 f. setzt wie bei *faikna-* die ttbergangs- 
stufen *tekna-, "tekna-, "teikna- an. Die mittlere soll 
hier in an. täkn neben teikn erhalten sein. Aber da 
auch sonBt an. a einem urgerm. el entspricht, nötigt uns 
nichts zu dieser unwahrscheinlichen annähme. Auf die 
weiteren Ausführungen Möller'» über die existen« einer 



9 -Kay Google 



59 

wnrzel dek — die ich nicht für richtig halte — kann 
ich hier nicht eingehu. Ob *taikna- überhaupt mit 6d- 
xwfti und zeigön zusammengebracht werden darf, will 
ich nicht entscheiden; jedenfalls wird die auffällige Be- 
handlung des gutturale nicht durch Verweisung auf eih- 
hön, eihhinen, ureihhi erklärt, Wörter, die man bisher mit 
recht zu got. atkan gestellt hat. 
germ. *Praihna- überfluss, got faihu-praihn reichtura (als 
n. nicht gesichert). Zu preihan atv. 
ß) mittlere stufe, 
germ. *launa- lohn, got. laun, an. laun, ags. kan, afr. län, 
as. ahd. Ion (hier auch m.). Das gr. axoXavttv beweist, 
dass die wurzel A enthalt. Curtius 6 361. 
germ. *leugna- lüge, got. Hugn (als n. nicht gesichert). 
germ. *teuna~ schade, an. Ißn (auch f.), ags. teon. Da- 
neben achw. m. ags. leona, as. tioiio. Nach Fick I 110, 
III 122 liegt eine wurzel den zu gründe. 
In got. lün loskanf sehe ich lieber einen fem. i-stamm. — 
Die ansetzung eines Stammes *räkna- (Fick III 250) anschlag, 
raubanschlag, raub (an. ahd. rAn n. t aber bi-rahenen Hild.) hat 
lautliche bedenken gegen sich. Mit einer grundform *r£fma- 
wäre eher auszukommen. 

2. Feminina, 
a) suffix -inÜ-{?) 

Ob es ein auffix -mär im germ. gegeben hat, ist nicht 
sicher. Erblicken könnte man dasselbe — von denominativen 
bildungen wie germ. *firino- (nach Fick III 175 von der präp. 
got. fair- abgeleitet), ahd. redma neben redia abgesehen — in 
folgenden Wörtern; 

and. drugina (gl. Lipo.) = mlid. irügene betrug. 

ags. lygen (dat. pl. lygenum) = as. ahd. lugina lüge. 

as. stulina diebutal. 
Vielleicht auch zoa-quemma (Qloss. I 248, 14 in gl. K.) eventus. 
Was die ursprünglichkeit dieser bildungen verdächtig 
macht, ist folgendes: 1. neben *drugind- steht ahd. trugi, 
neben *lugitiö- an. lygr, ahd. lugi; 2. die ableitung -inö- be- 
rührt sich aufs nächste mit -ityö-, -utijd-, die ausser bei movirten 



»Nzedoy GOOgle 



60 

fem. aucb in einer reihe von abstraften etc. erscheinen (Sievera, 
Beitr. V 142, Kögel, K. Gl. a. 151 f.). Die as. acc. fastunnea, 
wostunnia, henginna lassen, wie Sievers anageführt hat, auf 
einen nom. auf -in, -im schliessen. Daaa dieser 1 autgesetzliche 
iiom. der ausgangapunkt für unsere Wörter auf -ina gewesen 
sei, ist eine scharfsinnige vermutnng Kögel's (a. 159). Was 
mir dieselbe nicht überzeugend macht, ist, dass erstens nirgends 
die spur eines 'stammes *dru^inj$-, *luginJ6-, *slulinjd- her- 
vortritt und es zweitens kaum glaublich erscheint, dass der 
ags. dat. pl. lygenwn, der as. acc. lugina, der ahd. gen. lugino 
acc. lugina alle von einander unabhängige entwicklungen ans 
einem nom. *lugin gewesen seien. 

Was die abstracten bildnngen auf -injö-, -unj'd- selbst be- 
trifft, ao findet sich das material bei Schlüter s. 128 zusammen- 
gestellt. Hinzuzufügen ist afr. feslne befestigung, heftene haffc, 
wSstene wüste. Sie beruhen auf secnndärer ableitung. Vom 
lautgesetzlichen nom. auf -in ans (Kögel s. 151) erfolgten im 
ahd. Übertritte zur i-decl.: neben ags. misten stellt im ahd. wfisti, 
neben ags. f (Esten ahd./iwtf, festin, neben ags. byrften ahd. burdt, 
burdin (hierher aucb got baurpei? Vielleicht existirte von jeher 
ein at. *burpß- = an. byr&r, der im got, aber durch das da- 
neben stehende *burfehyd- zur n-decl. übergeführt wurde). 

b) suffix -nä-. Bei den meisten der anzuführenden 
Wörter könnte auch ein suffix -and- oder -inä- zu gründe 
liegen. Da aber sichere apuren dieser suffixe im germ. nicht 
vorhanden sind, ao kann diese Eventualität ausser betr&cht 
bleiben. Bei den Wörtern, welche nur im altn. und ags. be- 
legt sind, tritt ausserdem noch die möglichkeit hinzu, dass 
suffix -ni- angetreten ist. Im altn. ist bekanntlich die fem. i- 
und o-decl. vollkommen zusammengefallen und selbst das Vor- 
handensein des u-umlauts schliesst die annähme ursprünglicher 
{-stamme nicht aus. Im ags. wäre zwar bei den j-stammen 
umlaut des wurzelvokals zu erwarten, es gibt jedoch beispiele, 
wo derselbe nicht eingetreten ist, z. b. socen gegenüber got 
sdkns st. sdkni-, er bildet also kein entscheidendes kritorium. 
— Die vergleichung griech. bildnngen wie jioivtj macht es 
wahrscheinlich, dass überall da, wo gesteigerter vokal auftritt, 
-nä- als suffix anzusetzen ist. Der ton ruhte hier wahrscheinlich 



»tizedDy Google 



auf dem snffix; sicher ist das wenigstens anzunehmen bei *aign8-, 
*laugnd- (2), *$agnd-, *pagnS-. 
«) Steigerungsstufe. 
germ. *aign§- (*aigni-) besitz, an. eign. 
germ. *faiknö- ("faikni-) immanitas, an. feikn. 
germ. *haufnö- wehklage, as. höfna zu heotian stv. Heyne 

und Schade Wb. 1 412 setzen hofna mit kurzem o an, 

was minder wahrscheinlich ist 
germ. *laugno- geheimnis, Verheimlichung, an. laun (aus 

*laugn) afr. leine, ahd. lougna, auch lougan m. Zu vgl. 

got. ana-laugns verborgen, 
germ. *laugnd- flamme, as. lögna. Genau entspricht lat. 

lüna (aua "loucna). 
germ. */aus»0- (*/aus«i-) bcfreiung, an. lausn, afr. Win« 

löaegeld. 
germ. *ögnö- (*ögni-) furcht, an. ögn. 
germ. "naulnö- (*nautni-) benützung, an. nauln. 
germ. *rauwß- (*raa»i-) versuch, erfahrung, an. raun, ver- 
wandt mit *rün$-. Fiek I 744. 
germ. *$agnb- (*sagni-) erzählung, au. sogn. 
germ. *varnö- ausrttstung, an. vorn, ags. wearn, ahd. /?^ri- 

warna, vgl. afr. roerne pfand. 1 
germ. *pagnd- i?pagni-) schweigen, an. pögn. 
germ. *pamnä- (*pausni-) getftse, an. pausn. 

ß) mittlere oder schwache stufe. 
germ. 'fullö- (aus *fulnö-) fülle. Nur schwach got, fullo, 

ahd. folla (daneben scbw. m. foilö). Vielleicht als denomi- 

native bildung zu betrachten, wie jedenfalls gut. fullei, 

an. fylli, ags. fyllo, ahd. fulti. 
germ. *hafnd- (*ha/hi-) habe, an. ho/n. 
germ. "rünS- geheimnis, got. rüna, au. rün, ags. rä«, as. 

ahd. r&na. 
3. Masculina. Nur wenige bildungen durch -ho- sind hier 
zu nennen. 



1 In dem afr. leine, lesne (aueh Miene), werne erklärt sich der 
umlaut nur durch einwirkung der verba leina, Uta, werna. Eine 
ähnliche eiuwirkung zeigt das ahd. läsntn für *lösna. 



»Nzedoy GOOgk 



geim "skcrna- scherz, and. ahd. xkern m. nnd n. Fick 

HI 338. 
gern). *svetina- schlaf, an. sve/h, ags. stvefen, ag. stveian. 
Pick III 361. 

Ein schwaches masc. ist das oben erwänte *teonan- neben 
*teona~, ferner das got. drdbna aufruhr, das mit Steigerung 
aus der wurzel (in ga-draban) gebildet scheint, wenn man es 
nicht lieber als eine späte bildung aus dem verbum drolman 
betrachten will. 

Der eindruck, welchen diese ableitungen in ihrer gesamt- 
heit hervorrufen, ist ein trüminerhafter. Man sieht, dass ein 
geregeltes bildungsprineip im gebrauch der Suffixe, die notwen- 
dige Vorbedingung zu deren weiterer ausdehnung, sich nicht 
herausgestellt hat. Ansätze zu einer solchen Entwicklung sind 
allerdings nicht zu verkennen. So haben die feminine auf -nä- 
mit Steigerungsstufe im altn. sichtlich um sich gegriffen. Aber 
eine wirkliche ableitnngskategorie ist auch hier nicht ent- 
standen. 

5. Das suffix -ti-. 
Das suffix -U- ist als ein beliebtes büdungsmittel für fem. 
abstracta in allen idg. sprachen vertreten', in allen zeigt sich 
auch der übereinstimmende zug, dass die wurzel, welcher die 
ableitung -ti- zu teil wird, schwächste stufe erbalt. Damit 
steht im Widerspruch, dass der accent im griechischen durch- 
weg, im skr. vorwiegend (Whitney 1157) auf der Wurzelsilbe 
rnht. Doch handelt es sich hier gewis um eine Verschiebung 
des ursprünglichen Verhältnisses. Im vedischen skr. ist die 
betonung des suffixes so häufig vertreten wie die der wnrzel, 
vgl. Liudner s. 76. Es soll damit nicht gesagt sein, dass 
letztere nur auf späterer ausartuug beruht. Verner hat In 
Kuhn's zs. XXIII 124 auf zwei gnt. bildungen (gabaurps und 
gaqumps) aufmerksam gemacht, bei denen nach ausweis seines 
gesetees die urgerm. betonung mit der sanskritischen überein- 
stimmend war. Zu diesen stellt sich noch dulps, gakunps, ga- 
taurps; dem got. gakunps entspricht (worauf Tamm hinge- 
wiesen hat) auch im altn. -kann (in comp.), sonst haben die 



»Nzedoy GOOgk 



andren dialekte die be Sonderheiten der Wörter im got. ver- 
wischt Mithin ist die wnrzelbetonung ao gut als die suffix 
betonung als urgermanisch gesichert und es ist zn vermuten, 
daea beide in jedem wort durch ein wecheb Verhältnis vereinigt 
waren , durch das jedoch — abweichend von den ableitnngen 
durch -tu- — der vokal der Wurzelsilbe nicht berührt wurde. 

Die Stellung der mit snffix -li- abgeleiteten verbal abstracta 
ist im germ. eine sehr eigentümliche. In folge ihres fest ge- 
regelten ab lauts Verhältnisses ist die bildungsweise neben der 
durch suffix -o- und -i- die verbreitetste für direct aus der wurzel 
abgeleitete abstracta geworden; aber ihre lebenszeit fällt vor die 
der einzelnen germ. sprachen, in die urgerm. periode. Abge- 
sehen von dem umstände, dasB die meisten hierher gehörigen 
bildungen in mehreren sprachen belegt sind, nötigen uns laut- 
liche erwägungen zu dieser annähme. Ein urgerm. gesetz ver- 
langte die Verwandlung von exploslva + ( in Spirans + (. 
In folge desaen wurde aus 

idg. bh, b, p + ( = germ. ft. 

idg. gh, g, k -\- t ™ germ. ht. 

idg. dh, d, t + t wnrden bei auffixbetonung dnrch ein 
ebenfalls urgerm. gesetz in ss verwandelt, vgl. KCgel, Beitr. 
VII 171 ff.; Brugman, Morph. U. III 131ff. 

Alle diese Veränderungen fallen vor die Verschiebung des 
t zu p, also jedenfalls in die früheste periode des urgerm. Da 
wir bei nun bei den verben, deren wurzel auf explosiva aus- 
lautet, diese gesetze ausnahmslos durchgeführt sehen, sind wir 
genötigt, den wortbildenden act Überhaupt, auch bei den andren 
verben, in die germ. grundsprache zn verlegen. Spätere 
analogiebildungen erfolgten deshalb nicht leicht, weil die ab- 
stractbildung in folge ihrer lautlichen Veränderungen sich zu 
sehr vom verbum entfernt hatte und stamm und ableitung 
nicht mehr klar hervortreten liess. Das sufßx erfüllte, nicht 
mehr die forderung, welche ich an lebende Buffixe gestellt 
habe: dass es eine deutlich erkennbare, dem sprach 
geist fühlbare gattungsbezeichnung hervorrufe; schon 
dadurch, dass es teils an vorausgehende Spirans angeschlossen 
sein anlautendes l erhalten hat, teils nach liquida und vocal 
verschoben worden ist, konnte es seinen einheitlichen charactcr 



»Nzedoy GOOgk 



Dicht bewahren. Es ist deshalb vom Standpunkt der einzel- 
sprache aus ab ein totes zu betrachten, obgleich es im nr- 
germ. üppig gegrünt und geblüht hat. Die germ. dialekte 
empfingen mit der klasse der abstracten auf -ti- ein reiches 
capital von der muttersprache , das an vermehren sie jedoch 
nicht mehr im stände waren. 

Ich ordne die bilduogen nach dem anstaut der ' wurzcl, 
innerhalb dieser abteilungen nach dem oben s. 26 von mir an- 
gegebenen vokalischen princip. 
a) labialer wnrzelaualaut. 
germ. *drifti- treiben, an. dript (besser drift), afr. ur-drift 
(Vertreibung), ahd. ana-trift (von Graff V 527 mit un- 
recht nnter treffan gestellt), mhd. trift. 
germ. *griftl- greifen, ahd. grift. 
germ. *prifü- gedeihen, an. pript (besser prift), engl, thrift. 

Zn an. prlfa Btv. 
germ. *klufti- Spaltung, an. im pl. kluftir (in Ortsnamen), 

ahd. kluft. 
germ. *gefü- gäbe, got. fra-gifts, an. gipt (besser glft), 

afr. je/t, ahd. gift. 
germ. *hvurfti- gang, ahd. in umbi - hn/urft (auch umbi- 

htverft) eircuitus. ags. hmyrft ist m. 
germ. *vurfti- warf, ahd. tvurft. 
germ. *purfti- bedttrfnis, got paurfts, an. pwft und pyrft, 

sm. thuruft, ahd. duruft, dürft. 
germ. *hatfsti- streit, got. haifsts, an. heipt (besser helft), 
ags. haest. Ob das an. helft ans * heifst entstanden ist 
oder ob es die einfache suffizform -ti- gegenüber der er- 
weiterten -sti- im got. und ags. aufweist, wage ich nicht 
zu entscheiden. Die etymologie ist dunkel, doch darf 
kaip (mit A) als wurzcl angesehen werden, 
germ. *hlaufti~ lauf, ahd. hlauft, auch m. 
germ. *grafti- graben, ags. gräft, ahd. graft. Im altn. 
ein w-st. grÖptr, auch im ags. zuweilen masc. Das hd. 
gruft hählung hat sich zwar mit anlehnnng an xgvxtrj 
ansgebildet (im ahd. überwiegen noch die formen mit an- 
lautenden c oder ch Graff IV 309), doch ist es mir sehr 
wahrscheinlich, dass auch ein ursprünglich germ. wort 



fftizedDy GOOgk 



65 

damit verschmolzen iat. Dasselbe erregt durch seinen vokal 
befremden, steht aber anf einer stufe mit *shüiti- neben 
*slahti', *druhti- neben *drahti-, *fwrifi~ neben *far$i-. 
Ueberall hat hier die «-form vor der a-form die Priorität; 
erstere trat durch ihren abnormen vokalismus aus der 

. reihe der abstracta heraus und ging in der folgezeit teils 
unter, teils zu concreter bedeutung über. Man hat in 
diesen bildungen spuren der alten e-wurzel gesehen, welche 
ja bei faran sieher der ^4-wurzel im germ. zn gründe 
liegt, vgl. Kluge, z. conj. s. 152. Wer mit Faul, Beitr. 
VI 123 der ansieht ist, dass auch bei ^-wurzeln in 
schwächster stufe ursprünglich sehwund des vokals ein- 
trat — ein Verhältnis, das dadurch verwischt wurde, dass 
diese schwächste stufe im abtaut des verbums nicht vor- 
kam — wird vielmehr in den genannten Wörtern laut- 
gesetzliche bildungen, die nicht von der .analogie des ver- 
bums berührt wurden, sehen. Ich selbst wage über diese 
frage keine entscheidung. 

germ. *ha/ti- das halten, got. anda-hafts antwort (eigent- 
lich das entgegenhalten), mhd. Haft gef an genschaft (ahd. 
als fem. nicht nachzuweisen). 

germ. *krafti- kraft, as. kraft (auch m.), ahd. kraß. an. 
kraptr und ags. crwft sind m. Das wort ist seiner ety- 
mologie nach nicht klar, Fick III 49 befriedigt nicht 

germ. *skafti- besehaffeuheit, got. ga-ufar-skafts, ags. sceaft, 
as. skaft (in comp.), ahd. scaft. 
Unsichere beispiele sind: 

got. gagrefls, gagreifts beschluss. ableitnng dunkel. 

mhd. gufl (auch m.) geschrei, Übermut. Ob man das wort 
(zu giefen n. törichtes betragen, g'tef m. narr Leser I 
1010) als alte bildung ansetzen darf, ist zweifelhaft 
b) dentaler wnrzelanslaut. 

germ. *kvessi- (aus *kvetü-) rede, got qiss (in comp.), ags. 
ewiss. 

germ. *vessi- (ans *vetti-) Verbindung, got. ga-viss. 

germ. "haisi- (aus "hailtir) befehl, ags. haes. 

germ. *stassi- (aus *statti-) Stellung, got. us-slass. 



:z„: ;) y"GoOgle 



Nicht in Übereinstimmung mit diesen bildungen steht: 

germ. "hlasti- last, aga. hlmst. (auch ».), nfr. hlest, ahd. Ata/ 
(im mlid. meist m.). Daneben steht ein neutraler a-at: 
an. Mass, ags. klwss. In den fem. formen ist nach Kögel, 
Beitr. VII 169 die lautgruppe tt deshalb an st gewandelt 
worden, weil der wurzelvokal betont war- Wenn auch 
keins der von ihm beigebrachten beispiele, in denen der 
gleiche process vorliegt, durchschlagende beweiskraft hat, 
ao ist doch anzuerkennen, dass der von ihm eingeschlagene 
weg um die verschiedene entwicklung der tt zu erklären, 
die meiste Wahrscheinlichkeit und an der beobachtung 
verwandter laut Vorgänge eine stütze hat. 
In den folgenden Wörtern ist das auslautende s wurzelhaft: 

germ. *kvi$ti- verderben, ahd. (Otfr.) guist, got. in qistjan, 
qistnan. Fick III 55 vergleicht lit gaisz-ti verderben. 
Abzuweisen sind die vergleich ungen bei Schade Wb.* 696. 

germ. *Hsti- wissen, got. lists, an. list, ags. list (auch m.), 
as. list (auch m.), ahd. list (vorwiegend m.). Zu gründe 
liegt got leisan atv., vgl. kal. Rsti. 

germ. *risti- erhebung, got. us-rists r ags. &-rt$t (auch m.), 
ahd. ur-risi „auferstehung". 

germ. *druslt- fallen, got. us-ärusts, schlechter weg, eigent- 
lich „ort des fallens". 

germ. *hlu$ti- hören, an. hlust, ags. hlyst, as. Must. Ein 
zugehöriges v. got. * human kommt nicht vor, nur das 
abgeleitete ahd. hlosen. 

germ. *kusti- prttfung, auswahl, heschaffenheit, got. ga-kusts, 
ags. cyst, afr. kest, as. ahd. kust. Daneben m. got. kustus, 
an. koslr, ags. cyst, ahd. chost. 

germ. ' *lut ti- lust, got. fra-lusts, an. lyst, afr. lest in ur-iest 
vertust, ahd. lust. Daneben m. got. tustus, an. schwach 
losti, ags. lust, ahd. lust (selten). Das as. lust, dessen 
genus sich aus den belegstellen im Heiland nicht ent- 
nehmen laust, ist wahrscheinlich m. = got. lustus. Da- 
her dat. pl. lustun, nom. pl. lusta neben lusti. Ganz ver- 
kehrt ist es, mit Schade ein f. lusta anzusetzen, lusts 
wie tustus stellen sich wol am besten zn liusan, eigentlich 
„das lossein"', so einerseits „verlast", andrerseits das „frei- 



iraoy GOOgk 



67 

gewordensein der regnngen des gemttts und der Sinnlich- 
keit" Schade Wb. 1 580. 
germ. *nesti- erhaltung, got. ga-nists, ags. rast, ahd. ga-nist. 

Daneben ein st. n. an. ags. ahd. liest. 
germ. *vesti- anfenthalt, got. vists , an. trist, ags. ahd. wist. 
germ. *dursti- kühnhcit, ags. ge-dyrst, ahd. ga-lurst. Genau 

entsprechend skr. dhrshti Fick III 146. 
germ. fraisti- gefährdung, mhd. vreist zu got. fraisan red. v. 
germ. *vahsti- wuchs, got. us-vähsts, ahd. tvahst und wast, 

was nach Kögel, Beitr. VII 194 die lautgesetzliche form 

ist. Daneben m. got. vahstus, an. vöxtr. 
Unsichere beiBpiete sind: 

an. frest f. und. n. pl. bestimmte zeit, ags. frist, fyrst m., 

afr. ferst, first, frist n., ahd. frist f. m. Nach stamm 

and ableitung unsicher, 
an. lest lesen (naeh CI.-V. 356 schwerlich alt). 

c) gutturaler wurzelauelaut. 

germ. "iihti- anschuldigung, ags. iiht, ahd. ziht. 

germ. *pihti- gedeihen, ahd. fram-diht. 

germ. *buhti- kauf, got. anda-fmtr-bauhts . Diese primäre 
bildung beweist mit evideuz, dase wir in bugjan, hauhta, 
wie in vaurkjan, vaurhta, pagkjan, feahta etc. nicht ab- 
geleitete, sondern starke rerba nach der skr. 4. classe 
zu sehen haben, deren ursprüngliches praet. bloss ver- 
loren und durch eine nenbildnng (wahrscheinlich nach 
dem part. praet.) ersetzt worden ist, vgl. Kluge s. 149. 
An den stamm eines abgeleiteten verbums konnte das 
sul'fix -ti- nie in dieser weise antreten. 

germ. *druhti- gefolge, an. droit, ags. %e-dryht, as. druht 
(in comp.) ahd. truht. 

germ. *duhti- angriff, ags. in dyhtig vaMus. Im ahd. hat 
tuht, ana-tuht (Gr. V 368) die bedeutung „impetus". Im 
mhd. hat tuht (Lexer II 563) ebenfalls die bedeutung: 
andrang, tapferkeit im kämpf. In einigen der bei Leser 
a. a. o. angegebenen belege mag tuht, duht = tuged 
sein. Das wort selbst stelle ich nicht zu diuhm drucken, 
auch nicht zu tugen, sondern zu tue m. schlag, stoss 



»Nzedoy GOOgk 



(übertragen: tun, listigen tun), 'lucken eine schnelle be- 
weg ung machen. 

germ. */Juhti- flucht, ags. ftyht, and. (pa.) fluht, ahd. ftuht. 
Im altn. achw. fl&tti. 

germ. *suh(i- krankheit, got. sauhts, an. sdtt, afr. sechte, 
ags. as. ahd. suht. 

germ. *tuhti- zuckt, got. us-tauhts, ags. (t/A(, and. tuht, 
ahd. zwAi. 

germ. *pruhti- vermögen, an. i-prötl (aus ift-pröft) geBchick- 
lichkeit Daneben m. an. prättr, ags. proht. 

germ. */**'*" aussage, afr. j'ecA(, ahd. >WW. 

germ. *sehtl- sehen, ags. ge-si'AÖ (über die auffallende con- 
sonanten Verbindung ftfr vgl. Gramm. II 233, Sievera, Beitr. 
V78) and. gesiht, ahd. sihl. 

germ. *$kehti- anordnung, ereignis, ahd. seiht (in comp., 
daneben giscehida vgl. ags. gesihÜ). 

germ. *bruhti- brechen, ahd. tvidar-bruht. 

germ. *bulhti- zorn, ahd. gi-bulaht. 

germ. ganuhti- genüge, an. gndtt, ags. ge-nyht, and. (ps.) 
ahd. gi-nufit. Die würzet ist hcä; man ist versucht das u 
unserer bildung direct aus einer grnndform nhti- abzu- 
leiten (ebenso auch das part. bi-nauhts aus nhtö-), aber 
das steht mit dem, was wir sonst von der behandlung 
einer anlautenden naaalis sonans wissen, im Widerspruch 
und die partieipia nisans, mitans etc. auf ausgleicbung 
zurückfuhren zu wollen, wäre zu kühn. *ganuhti- wird 
seinen vokal aus dem präsens erhalten haben, wohin er 
nach Kluge s. 63 selbst erst durch analogie von skal, 
skulum übertragen worden ist. 

germ. "vurhti- arbeit, got. fra-us-vaurhts, ags. for-ge-tvyrht, 
as. tvurht, ahd. woraht; vgl. das oben Über buhti- be- 
merkte. 

germ. *aihti- habe, got. aihts, an. alt und aett, ags. ä'ht, 
ahd. eht. 

germ. "plaihti- tröstung, got. ga-plaihts zu gaplaihan, ver- 
mutlich redupl. v. Die heranziehung des Ist. placere 
(Schade, Wb. 2 204) ertauben die vokalischen und couso- 
nantischen Verhältnisse nicht. 



fftizedDy GOOgk 



69 

germ. * gähti- {»x\&*ganhü-) gang, got fram-im-at-gahts, an. 

</ö» tttre, eingang. 
germ. drahti- (älter *druhti-) tragen, rohd. traht, daneben 

das ältere truht in der concreten bedeutnog: last, frucht 

(Lexer II 1542), so namentlich in tnihtsaeze dapifer „der 

die speisen aufsetzt", Wackernagel Wb. 299. Im altn. 

drdttr m. 
germ. *mahli- macht, got. mahts, ags. medht, miht, afr. 

mecht, macht, aa. and. mäht. Das an. m&ttr igt m.; das 

daneben begegnende makt (Cl. 408) ist fremden nrsprungB. 

Zu vgl. ksl. mosti-, die zu gründe liegende wnrzel ist 

mak. 
germ'. *sahti- vertrag, got. ga-m-fri-sahts, an. satt und saett, 

ags. saht; zn i-otoi. 
germ. "slahti- (älter *shihti-) schlagen, got, slauhts, ags. 

sleaht, abd. staA(. Im altn. m. slätlr; auch afr. schw. m. 

stockte. Das got. steht hier in bewahrnng des älteren 

allen anderen dialekten gegenüber, 
germ. *ga-n>ahti- erinnerung, ahd. gi-waht, vgl. skr. ufcti- 

(ancb hier ist die ,4-wnrzel erst im germ. entwickelt), 
germ. *pähli- (aus *f>anhti) denken, ags. peaht, ss. gi-thäht, 

ahd. ana-däht. Die zu erwartende form ist 'punhti- (vgl, 

got. puhtus); *panhti- ist entstanden, als sich bereits das 

v. pankjan von pvnkjan, mit dem ea ursprünglich ein 

paradigma bildete, losgelöst hatte, 
germ. *vr6hti- anklage, ags. as. wröht. Das wqe 

figer m. Eine germanische wnrzel "J^^fttnAnrch *vrögi- 

verbum neben sich hat, hatj" 

• r S eblm - ^*lm*Ä: 

AI. jtlnge.-e bildnnj.-r^ „ T 

"'%"( «fr. plichl, ahd. J>*»« apltgm »tv. Die nr- 

%,rflnglich.te bedeutnng irt .teilnähme", woran, .ich die 

von „fttrsorge", „Verpflichtung" entwickelt. 

d) nasaler wm-zelauslaut. _ 

Bei den auf » oder m ansehenden vrar.eln eraehemt 

„ 5 „tent.il. von dem .nffa ein .ph-.nt entwickelt. Oeber 

di,.e ».chemnng haben gehandelt K. Verner in der U. t. d 



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70 

Altert. XXI 425 ff. und van Helfen ebenda XXIII 418 ff. Verner 
machte darauf aufmerksam, dass die wurzeln, welche vor suffixa- 
lem t ein s entwickeln, ursprünglich mit -nu- abgeleitet sind. 
An diese ableitnng trat auch das sufflx -H- und aus der laut- 
gruppe -nvp- entwickelte sich -afp- -nst-. Diese auffassung 
hat erhebliche bedenken gegen sich, auf die zum teil schon 
van Hellen hingewiesen hat. Zunächst wäre der lautliche Vor- 
gang ein höchst singulärer: das tonloswerden des v vor der 
ableitung hätte etwas sehr befremdendes. Dann darf nicht 
von vornherein angenommen werden, dass die ableitung an die 
durch die präsenser Weiterung verstärkte wurzel getreten sei; 
vgl. die 2-stämme *bruni-, *muni-, *rmi-, denen durchweg 3ie 
unverstarkte würze! zu gründe liegt. Allerdings haben wir 
schon eine reihe von bildungen gehabt, denen sicher das ver- 
hum zur grundlage diente: aber das sind relativ späte neubil- 
dungen, die schwerlich noch in die zeit fallen, als das sufiix 
-mm- noch als solches bestand. Endlich dürfen die Wörter auf 
-mti- doch nicht von denen auf -mfti- losgerissen werden; es 
ist doch augenscheinlich, dass hier ein analoger Vorgang statt- 
gefunden hat. Bei den Wörtern auf -rnftl- kommt man aber 
mit der annähme eines suffixes -mm- nicht aus. Kotigen mich 
diese er wäg u n gen zur Zurückweisung der Verner'Bchen Hypo- 
thesen, so kann ich mich doch auch van Helten's ausführungen 
nicht anschliessen. Die annähme eines „lumbalen" n u. dgl. 
stösst allen lau tphy Biologischen principien zu sehr vor den 
köpf, als dass sie bei der erklärung eines lau (gesetzlichen Vor- 
gangs auch nur in betracht kommen könnte. 

Meine annähme — deren lautphysiologische erklärung ich 
schuldig bleiben muss — geht dahin, daBs sich einerseits hinter 
n, andrerseits hinter m vor suffixalem /' unter gewissen Ver- 
hältnissen eine homorgane spirans entwickelte. Nicht durch- 
aus geschah das , denn wir haben Wörter auf -npi- an& -ndi- 
neben denen auf -nsti-; es begegnen doppel bildungen wie got. 



1 Scherer, Z. Gesch." 158 anm. setzt als Vorstufe für oberdeutsches 
-mft-, -mpt- an. Das geht aber nicht wegen got andanumts, and. 
gilumft. Die entwicklnng deis spirans zwischen m und t ist gemein- 
germanisch. 



fftizedDy GOOgk 



71 

gakunps (gakunds) neben as. ahd. kuti.it, got gamunds neben 
mhd. mimst, an. öfuud und ahd. abunst, got gaqumps und 
ahd. kumft. Es drängt sich der gedanke auf, (laus ver- 
schiedene beton ung die Ursache der abweichenden gestaltung 
der worte gewesen Bei. Aber dagegen spricht, dass die 
formen, in denen kein Spirant als zwischen laut entwickelt 
int, offenbar teile wurzel-, teils snffixbetont waren, man vgl. got. 
gakunps, ffa-/umps und got. gakunds, gamunds, an. Öfund, sam- 
kund. Man müsste denn annehmen, dass diese unterschiede 
auf einer späteren Verlegung des accents von der suffix- auf 
die Wurzelsilbe beruhn, als sich bereits die von hause aus 
wurzelte tonten ableitungcn, in denen die lautgmppen -nst-, -mft- 
cntwickelt waren, abgezweigt hatten. Ein anderer ausweg ist 
Dicht ersichtlich. 

Von wurzeln auf n liegen folgende ableitungen vor: 
germ. *brunsti- brand, got. brunsis, ahd. brunst. 
germ. *bi-gunstt- anfang, mhd. be-gunst. 
germ. *kun<5i-, *kunpi-, "kunsti- kennen, wissen. Im got. 
finden sich ga-kunps und ga-kunds, die in folge der lant- 
der lautlichen differenz auch begrifflich auseinander ge- 
treten sind. Letzteres bedeutet xua/ior?'/ Überredung, 
eigentlich „das wisaenmaclien", erBteres (nur Luc. 3,23) wird 
verschieden erklärt: Heyne „erschein ung", Leo Meyer 
„bekanntsein L . Der grund begriff der beiden Wörter ist 
„kennenlernen", gakunds mehr in activischem, gakunps 
mehr in possiviBchem sinne. Dem got *kuttps 
an. mis-kunn Verzeihung, var-kunn mi^^ahd. kunst 
s. 9). Dem steht gegenüber J&cisneit", „geistiges vor- 
mit der allgemeinen befli 
Dlöft6n "- münÖi- *tmmsli- denken, got ana-minds, 

^'"^S^ltn. im pl. mundir Zeitpunkt, ags. ge-mynd 
fauefn ebenso wie im got. ga-minpi neben gakunds 
S) Anf der anderen sehe steht mhd. *»*j fr-de 
Auflud ist das neben . in der würze. -£-* * 
man vgl. dazu minja und meinan, falls man hier das * 
dnrchligerung und nicht lieber mit J. Sc midt durch 
epenthese eines j in die e-wurzel erklären wOL 



fftizedDy GOOgk 



germ. *rumti- lauf, sturis, ahd. runst waBserstarz. Daneben 
ein st *runsi- (got garuns markt, eigentlich „zusammen- 
lauf", ahd. runs). Tamm, Beitr. VII 461 knüpft auch 
hier an die Veraer'sche grundform *runvpi- an und ge- 
langt nach den wunderbarsten consonanten vertausch nngen 
endlich auf *runsi~. Ich nehme eine wnrzcl rent mit 
dem determinativ t an. Dieselbe liegt vor in an. rönd 
pl. renär aus *ranftis (cons. st.), ahd. rant, vielleicht auch 
in rinde. Aus ihr entsprang das abstract *runsi- für 
runtti-. Ea begegnet auch ein stamm *runsa- (got ur- 
runs, mbd. runs m.) und *runsö- (ahd. runsa). Das ahd. 
runst ist wahrscheinlich nn ursprünglich , an brunsl etc. 
angelehnt 

germ. *$punstt- gespinnst, mhd, ge-spunst (auch n.). 

germ. *ansti- liebe, got. tmste, an. <fsr und aej(, ags. «rf, 
afr. enst, an. ahd. ans/. Daneben bildnngen mit abwei- 
chendem vokal *unÖi-, *unsti-, an. Öf-und miasgunst, as. 
ahd. ab-unst, mhd. g-unst. Im ahd. ist im*/, db-tmst (so- 
wie ab-ansi) vorwiegend m. Die u~ und «-formen ver- 
halten sieh wie *druhti- zu *drahli-, *sluhti- za*slahti- 
etc. Schwerlich durfte man hier in ersteren die spuren 
einer alten e-wnrzel aebu, denn in allen sprachen er- 
scheint die zu gründe liegende wnrzol als an; vgl. Cor- 
tius s 306. 

germ. *spansti- Verlockung, afr. sponsl, ahd. spanst. 
Bei den m- wurzeln fällt die auBbildung eines spirantischen 
z wische ii lautes vor dem sufnx ebenfalls ins urgermanisohe, 
schwerlich aber war dieser schon ein aasgebildetes f, da er im 
got. noch keine graphische darstellung findet. 

germ. *ktmtSi-, */cwnpi-, *kumti- kommen, got. ga-qwmps, 
an. sam-kmd. Auf der anderen seit« gteht ahd. kumft, 
ndd. kumst. 

germ. *numti- nehmen, got. anda-numts, and. (Ps.) var-numt, 
ahd. numft. Der spirantische zwischenlaut des got (er 
muss vorbanden gewesen sein, da er die Verschiebung 
des ( verhinderte) gestaltete sich im hd. zu f, im ndd. 
dagegen zn s. 

germ. *iumti- Übereinkunft, and. (Ps.) gi-tumft ahd. zumft. 



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\y*)j 73 



.OxVoV\ 



o,-x 



Als junge bildung verrät sich: 

ahd. srvumft schwimmen in gi-swumft (wahrscheinlich fem.}. 

Lnutgesetzlich zu erwarten ist *sumft. 
e) liquider wurzelauslant 

Bei auslautendem r tritt das suffixale t unmittelbar an die 
wnraei an, ohne dasa weitere coneon antische erscheiuungen zu 
beobachten wären. 

germ, *6wrÖi-, *burpi- tragen, gebnrt, got ga-baurps, ags. 

ge-byr8, afr. berthe, berde, as. burd (in comp.), ahd. burt. 

Im altn. burtir m., vgl. skr. bhrti, lat fortt-. 
germ. **AwÖi- scheeren, afr. skerd, ahd. scurJ, aber an. 

skurÖr m. 
germ. *turpi~ Zerstörung, got ga-twtrps. 
germ. * färbt- (älter * färbt) fahrt, an. /erÖ, ags. afr. /"erd, 

as. /ard, ahd. fort. Daneben eine ältere bildung: got. 

ga-faurds hoher rat, eigentlich „Zusammenkunft", ags. 

/yro" (kann auch aus *farSi- entstanden sein) zug, reise, 

heer. Heranzuziehen ist auch das m. ags. ford, furd, 

ahd. fvrl. 
germ. *svartii- schwören, ahd. suart. 
Auch bei auslautendem 1 treten weiter keine Veränderun- 
gen ein; vorgeschobenes s begegnet nnr in einem beiapiel 
germ. *}>ultfi- gedald, ags. ge-pyld, as. gi-thuld, ahd. dult, 

gi-dult (Otfrid hat auch thulti). 
germ. *dutöi- fest, got dulps (im dat. consonant. dulp), 

ahd. tuld. Etymologie dunkel. 
germ. "skuRSi- Verpflichtung, schnld, an. skuld und skyld, 

ags. scyld, as. skuld, ahd. sculd, aneh sculda. 
germ. *«/&('- alter, got a^*, ags. <c/d, (daneben #/rfw = 

ahd. a/fi, was natürlich nicht, wie Pick glaubt, zur an- 

Setzung eines u-stammes berechtigt) as. ahd, nur in me- 

rold, tveralt; zu alan. Daneben eine bildnng mit -tro-. 
germ. *galtii- gesang, schwed. gmld zanberei (Tamm s. 20). 

Die /i-wurzel hat sich erst im germ. ausgebildet 
Eine anlehnung ans verbum hat stattgefunden bei; 

ags. cviid (statt *cyiti) Vermittlung; zu cvelan (im part 

praet. begegnet neben dem älteren cvolen auch cvelen 

durch anatogie nach ctvefoan etc.). 



:z„: ;) y G00gle 



ahd. ffi-sniulsl (stntt *su/st) Schwellung. Zur er k lärmig der 
Buffi sform -5/1- zieht Verner a. a. o. s. 434 auch hier ein 
ableitendes -rtu- heran, das er aus der doppelconsonanz 
im verbum smeltan erschließt, 
f) vokaliBcher wurzelauslaut. 

Die hier zu gründe liegenden wurzeln zerfallen in zwei 
klassen: 1. die von hause aus vokalisch auslautenden stä, dhe, 
mS, die sich in ihrem ab laut zwischen lange und kürze bewegen, 
2- wnrzeln, welchen nach Brugman's ausftlhrungen in seinen 
und Osthoff s Morph. Untere. I 1 ff. eine erweiterung durch das 
„verbale Suffix ä" — das genauer teils als S, teils als ä germ. § 
zu bezeichnen ist — zn teil geworden ist. Diese erweiterung, 
ursprünglich dem präsensstamm eigen, erscheint dann aueh 
ausserhalb desselben „in mannigfachen verbaten und nominalen 
Weiterbildungen**. Bei der ableitung durch -ti- tritt eine Ver- 
kürzung der auslautenden länge hier nie ein. Auch das neben- 
hergehende verbum hat durchweg die länge; dasselbe ist ur- 
sprünglich reduplicirt, wie noch vielfach im got und ags., in 
den anderen dialekten hat es meist schwache flexion ange- 
nommen. 

1. germ. *staiSi-, *stapi- statte, afr. sted, as. stedi (auch m.) 

ahd. stat. In den anderen dialekten m. got. staps, stads, 
an. statfr, ags. siede. Das ursprüngliche fem. ist wie bei 
den i-stämmen zum masc. Übergegangen, da die analogie 
der (i-ableitungen nicht mächtig war. Vgl. skr. shtiti, 
gr. otaOiq. 

germ. *döt}i- tat, got. dihts (in comp.), an. däfi, ags. dä-d, 
afr. dide, as. däd, ahd. tat. Hier ist vom verbum her 
die kürze durch die länge ersetzt worden; ursprüng- 
lichere ab lauts Verhältnisse zeigt gr. #£d<§. 

germ. *mepi- masa, Verhältnis, ags. mikb. Fick III 223. 

2. germ. *brepi- dampf, ags. br&&. Zu mhd. braehen riechen, 
germ. *fcnötSi- erkenntnis, ahd. bi-ur-knät. Im agB. cnäwan 

red. v. Brugman s. 46. 
germ. *krebi- krähen. In der Zusammensetzung ags. han- 
erid, as. hano-krdd, ahd. hano-erdt. Im ags. cräwan red. 
verbum. Brugman b. 60. 



»Nzedoy GOOgk 



75 

germ. "niffi- mht, ahd. nrir zu nSan, dns ursprünglich 
jedenfalls rednplicirt gewesen ist. Brugman B. 48. 

germ. "siiii- saat, got. mandrsips, ahd. sät. Das an. s<iÖ, 
aga. A'dd, aa. säd ist n. Zu got. saian red. v. Brug- 
man a, 33. 

germ. *bl&i}i- blühen, aga. biet/, ahd. Öiuol. Im mlid. findet 
sich neben bluot auch bluost mit der suffiiform -alt-, vgl, 
auch aga. bldslm. Im aga. ist bläwan ala red. v. erhalten. 
Brugman 8. 53. 

germ. * brdÖi- brüten, ags. in bredau brüten, mhd. bruol. 
Das mhd. brüejen, ahd. * bruoan ursprünglich redupl. v. 
Brugman s. 68. 

germ. */$*»-(?) Aut, aa. /törf, ahd. /fao/; an. floeftr O'ö-Bt.), 
wol aecundär. Danehen ein maac. st. fl&Üu-, Zu ags. 
tvan red. v. Brugman a. 45. 

germ. *glS&i- glut, an. gltiS, aga. #/ed, afr. glSd, glod, ahd. 
y/wot. Das zugehörige verbum (an. glöa, ags. glö 
ahd. gluoan) ist überall zur achwaclien flexion übergetre- 
ten. Brugman e. 51. 

germ. *gr6fii- grttnsein, mhd. gruot. Im allu. m. grötfr 
und achw. grötfi. Das an. gröa, ags. gröwan gehört noch 
zu den red. v. Brugman a. 51. 

germ. *hrdpi- rühm, ehre, got. in krdpeigs (läast auf ;"- 
oder Jd-st. achlieaaen) , aga. Ar£Ö, ahd. hruod- (in eigen- 
namen). Brugman s. 68. 

germ. *kndiSi- geBchlecht, got. kndds, ahd. chnuat. Brug- 
man s. 47. 

germ. *spöÖi- fortgang, aga. sped, aa. spöd, ahd. spuot. 
Zn ags. spSwan red. v., ahd. spuon, daa tn seiner flexion 
(3. sg. spuot, aber prat. achwach spuota) uralte reBte der 
mi-conj. erhalten hat (Scherer, Z. Gesch. d. d. Spr. 1 273). 
Brugman s. 24. 
iu unsicheres beiapiel ist: 

germ. *naupi-, naufii- not, got. naups, an. nautfr, ttaatf, 
ags. neod, nf/d, afr. nid, aa. nöd ahd. «£f, hier auch m. 
Die jetst allgemein angenommene ableitung von ahd. niu- 
wan reiben befriedigt nicht und wurde gegen das bil- 
dungageaetz für die /i-stämmo Verstössen, welches sich 



»Nzedoy GOOgk 



76 

uns bis jetzt durchaus bewährt hat Ich glaube, dass 
*naupi-, *nautii- ein {-stamm ist Verwandt ist jeden- 
falls ags. neod, as. niud , ahd. niot verlangen. Die be- 
griffe: verlangen, Sehnsucht, eutbehruiig, not, bedrängnis 
liegen einander nicht so fern. 

In den vorausgehenden zusammen stell angen hatten wir 
häutig ein nebenein an derbes lehn männlicher und weiblicher for- 
men zu constatiren. So stehen sich gegenüber: 

ahd. umU-lavurft f. = ags. hwyrft m. 

ahd. hltmft f. = ahd. hlauft m. 

ags. grwft, ahd. graft f. = an. gröptr, agB. greeft m. 

as. ahd. kraft f. = an. kraptr, ags. creeft, aa. kraft m. 

got. lists, an. ags. as. list f. — ags. as. ahd. list m. 

got. us-rists, ags. &-rist, ahd. ur-rist f. = ags. &-rist m, 

got. ga-kusts, as. ahd. kust f. = got. kustus, an. A:o$(r, ags. 
ei/sf, ahd. kost m. 

got fra-lusts, ags, /ysi, ahd. ftwf fem. = got. luslus, an. 
/o*W, ags. lust m. 

got. us-vahsts, ahd, tvahsl f. = got vahstus, an. tröc/r m. 

an. i-prött f. = an. prottr, ags. £roA* m. 

mhd. fraftf f. = an. drdtlr m. 

got. maA/£, ags. meaht, as. ahd. mr/ft/ f. = an. mälfr m. 

got. slauhts, ags. s/eA(, aa. ahd. j/aÄf f. = an. sldttr m. 

ags. as. wröAi f. = ags. as. tvröht in. 

as. ab-unst, mhd. ^-ura** f. = ahd. wws( m, 

got. ga-bavrps, aga. ge-byrd, as. ftwrd, ahd. ftwrf f. = an, 
6wÖr m. 

afr, skerd, ahd. sewrf f. = an. skurtfr m. 

afr. sfed, as. rfedl, ahd. J(a( f. = got. stafis, stads, an. 
statSr, ags. rfetfe, as. stedi m. 

an. floeSr, as. /(öd, ahd. /Zwo» f. — got flddus, as. /ftW, 
ahd. /faof m. 

mhd. ^ruof f. = an, gräbr, grföi m. 

Diese Schwankungen erklären sich teilweise dadurch, dass 

sieh urgerm. ein fi-stamm und ein («-stamm gegenüberstanden. 

Bei dreien der Wörter sind noch aus dem got beide Jjildungs- 

arten erkennbar: wir haben *kusts und kustus, *lusts und 



fftizedDy GOOgk 



luslus, *vahsts und vahstus. 1 Kineo weiteren (»stamm sichert 
sd. groplr. Darnach acheint es gestattet, auch in anderen 
fällen einen alten fw- stamm vorauszusetzen. Man musa indes 
beachten, dass ganz sicher Übertritte alter femininer bildungen 
zum masc. geschlecht vorgekommen sind. Zunächst zu masc. 
(-stammen, blos mit Wechsel des genus. So liess sich vermuten 
für germ. * statii-. Im altn. sind bttrtfr und skurlfr sicher ur- 
sprünglich feminina gewesen; im schwed. haben wir byrp f. 
und skyrp f., vgl. Tamm s. 20. Aber auch secundäre Über- 
gänge zur w-decL begegnen uns liier: dies ist bei drdtlr, tndltr, 
slätlr der fall. Auch hier hat (las ostnordische die alten fem. 
bildungen: schwed. drist, nuet, slwt. Wo im westgerm. ein 
masc. /-stamm neben dem fem. besteht, ist der erstere höchst 
wahrscheinlich erst später entwickelt; es ist dies der fall bei 
hwyrft, hlauft, list, wrohl, tatst. Bei oinigen andern Wörtern 
scheint ein masc. a-stamin neben dem fem. t-stamm bestanden 
zu haben, so bei *krafta- neben *krafti-, *prtthia- neben 
*pruhti-, Ueberall wo wir hier Schwankungen wahrnehmen, hat 
im deutschen allmählich die fem. form den sieg davongetragen. 
Wir haben die list, die gunst, die kraft. Die überwiegende 
zahl der fem. ableitungeu auf -t attrahirte die paar masc. 

Aehnlich ist es zu beurteilen, wenn neben dem femininen 
das neutrale geschlecht begegnet. Wir haben: 

got. ga-nists, ags. »ist, ahd. ga-nist f. = an. ags. ahd. 
nest n. 

mhd. gcspimst f. = mhd. ge-spunst n. 

an. frest, ahd. frist f. = an. fresl, afr. ferst n. 

got. seds, ahd. sät f. == an. säfi, ags, as. säd n. 
Hier hat man die wähl anzunehmen, daas neben der ab- 
leitung durch -(;"- von altersher eine andere durch das parti- 
cipialsuffix -to- vorhanden war oder dass ein übertritt der 



' Dass bei diesen drei Wörtern das simplex («-stamm, das com- 
positum dagegen fi-staiam ist, beruht gewiss nicht auf znfa.ll ; es be- 
weist vielmehr, dass die bildung durch -ti- in höherem grade zum 
ausdruck abstracter begriffe geeignet war, als die durch -tu-. Das 
compositum, bei dem durch den in der präposit.ion liegenden begriff 
der abstracte character mehr ausgesprochen ist, hat -ti- als ableitung. 



»Nzedny GOOgk 



78 

j-stämme zur neutralen <X-decl. erfolgt ist. Etwas anderes ist 
es, wenn das snffix -ti- durch -jo- weiter abgeleitet wird, so 
in got. ga-minpi zu ana-minds etc. 

Nur in beschränkter weise bildet -ti- denomiaative ab 
stracta. Namentlich sind alte, im altn. gnt erhaltene ableitnn- 
gen von Zahlwörtern zu erwähnen z. b. niund = ksl. devflt, 
send, navaiti anzahl von neun, Fick III 164, tiund anzahl von 
zehn — got. taihunü (in Zusammensetzungen), hier indeclinabeL 
Ebenso fiml, anzahl von fünf, setl a body of six (Cl. 525), 
sjaund Zeitraum von sieben tagen etc., vgl. Wimmer § 105b, 
Tamm a. 21 f., Fick, Spracheinheit der Idg. Europas s. 37 f. 

Aus dem got ist ferner zu nennen: ga-mainps gemeinde 
zum st. gamaini-. Eine eigentümliche bildnng ist: 

germ. *Ai(JÖt- gedanke, got. ga-hugds, ags. ge-hygd, as. gi- 
kugd, ahd. find. An eine primäre ableitung ist wegen 
des gd für zu erwartendes ht nicht zn denken; es liegt 
vielmehr der st hup- zu gründe. 

In dem got suffixeomplex -dupi-, der mit dem lat -t&ti- 
schön Übereinstimmt, ist ebenfalls das sufflx -fr, wahrscheinlich 
an stamme auf -tu- angetreten, erhalten. Wie im lat. ist der- 
selbe in seenndarem gebrauch; er tritt an adjeetive an, vgl. 
Leo Meyer e. 126. 

Die Übertragung des Suffixes -ti- anf abgeleitete verbal- 
Btämme begegnet ebenfalls nur in spuren. Es liegt das darin, 
dass die ableitungsendung allein kein geeignetes Clement zn 
neubildungen war: nur durch ihren fest geregelten ablaut er- 
hielten sich die primären bildnngen in so reicher zahl und be- 
wahrten ihren abstracten character bis zum nhd. hinab. So 
nehmen sich die paar fälle, die ich jetzt anzuführen habe, nur 
wie spärliche reste eines von der spräche wieder aufgegebenen 
Unternehmens aus. Nicht alle sind sicher. Das germ. *ar- 
baifti- (got. arbaips, ags. earfoS, as. arabid und arabid [in 
comp.] ahd. arabeit, n. mit weiterer ableitung an. arfitji, ags. 
earfcSt, as. arabeSi) ist von Fick III 25 als eine ableitung 
durch suffix -ti- von einem schwachen v. *arban, thema arbai 
angesehen worden. Diese erklärung halte ich für die beste, 
welche bis jetzt aufgestellt worden ist; doch muss hinzugefügt 
werden, dass sich das abd. arabeit nur durch eine Anlehnung 



fftizedDy GOOgk 



79 

an beitjan erklärt, da sonst ei in nebensilbcn in e übergeht 
Eine ähnliche bildung igt das got. fulleips fülle, das sich an 
fulljan anschliesst Schwerlich hierher gehören die got. ab- 
straeta aslaps, fahips, milaps (letzteres conson. flectirt). Wahr- 
scheinlich sind das alles denominative bildnngen wie auch *ar- 
möbi- (meist weiter abgeleitet as. aramödi n., abd. aramuott f.), 
*kaim6iJi- (ahd. heim&t f., heimöti n.) n. a. 

Aus den anderen germanischen sprachen sind einige bil- 
dnngen anzuführen, in denen uns das auf fix -ti- in der 
erweiterten form -sti- entgegentritt Es lässt sich öfters be- 
obachten, dass man bei weiterem, abgeleitetem gebrauch 
eines primären Suffixes dasselbe durch vorausgehendes s 
verstärkt; hier lag die Veranlassung zu einem solchen schritt 
besonders nahe, da von etwa hundert bildungen mit suftix 
■ti- bei secbsnndzwanzig (die auf s auslautenden wurzeln ein- 
gerechnet) die form -sti- ausschliesslich oder nebenher vor- 
kommt Ich erwähne zunächst das dem got. fulleips nahe ver- 
wandte ahd. volleist f. m. (ags. fylst f., afr. fullisle, folliste, 
folste, an. fullnusta 1 schw. f., as. mit -jo- erweitert fullesti und 
fullisli, bisher ohne grnnd als m. angesetzt, aber ohne zweifei 
n., wie alle durch secundäres -jo- gebildeten abstracta) mit der 
bedeatnng: fülle, Vervollständigung, Unterstützung. Das wort 
wird als ein zusammengesetztes augesehn aus vol und leist zu 
leistjan. Die abweichenden formen in den german. sprachen 
führen jedoch darauf, dasselbe als abgeleitet zu betrachten von 
einem schwachen v. * füllen. Auf dies führen wenigstens die 
deutschen formen; das ei der zweiten silbe erhielt sich durch 
anlehnung an leistjan. Das ags. fylst könnte dagegen aneh 
von fulljan abgeleitet sein. Am meisten für die auffassung 
als ableitang spricht das an. fullnu&ta (auf die er Weiterung 
vokalisch anlautender ableitungssilben durch n im nord. werde 
ich später zu sprechen kommen), das zur schwachen deklina- 
tion übergetreten ist. — Ferner gehört vielleicht hierher abd. 
dionost, das allerdings nur noch als m. und n. erscheint, (da- 
neben dionosti f.), as. thionosl n. (einmal thid thianost Cott), 



1 Diese feminina endigen in den älteren texten auf -asta; das * 
drang von den obliquen casus ein, vgl. Paul, Beitr. VI 180 



»Nzedoy GOOgk 



80 

im altn. wieder schwaches f. pj&nusta zu ahd. diondn. Meist 
f. ist ahd. emusf, ags. eornost (nach Grimm gehört auch an. 
orrusla kämpf aus *ornu$ta hierher) zu einem schwachen v. 
* ernön, das mit got. arniba sicher, fest verwandt ist. Das as. 
dhast (in dbastßko), ags. öfost warde von Grimm, Gramm. II 346 
zu öbjan gestellt; daselbut s. 698 sah er aber eine Zusammen- 
setzung darin und stellte es zu ahd. abanst. Erstere ansieht 
war jedenfalls die richtigere; doch ist nicht öbjan, sondern ein 
*db6n zu gründe zu legen. Vielleicht gehören noch einige an. 
Wörter, wie hollusta, kvnnusta (Gramm. II 390) hierher, deren 
-stn wie oben bei fullnusta auf -Mi- zurück fuhren könnte. 



6. Das suffix -ni- (-iwi-, -Sni-, -aim-). 
Das snffix -ni- dient znv bildung weiblicher abstrseta, 
doch ist es in den indogerman. sprachen nicht allzu häufig 
vertreten, Bopp 111 § 840. Wegen der geringen zahl der bil- 
dnngen ist es auch schwer, ein urteil über die gestalt, welche 
der wurzelvokal der regel gemäss einnehmen musste, zu ge- 
winnen. Der ton kommt im skr. der Wurzelsilbe zu; doch 
war dieBe regel in der älteren spräche noch keineswegs durch- 
geführt, vgl Lindner s. 88. Im germ. ist ea das vorwiegende, 
dass der wnrzelvokal auf der mittleren stufe steht. Geht die 
wurzel auf einen consonanten aus, so erscheint häufig das 
auffix in der gestalt -sni-, eine erweiterung, die das germ. mit 
dem slav. teilt und deren entsteh ungsuraache noch nicht auf- 
geklärt ist. Ein auslautender dental geht vor diesem srä- 
verloren. 

Ich führe im folgenden nur die sicheren büdungen auf 
■ni- an. Schon oben a. 61 bei Besprechung der ableitungen 
auf -nä- habe ich auf die hingewiesen, weche auch als ablei- 
tungen durch -ni- gefcsat werden können, 

germ. *bisni- (ans bitf-sni-) erwart ung, got. us-beisns geduld 

zn usbeidan. 
germ. *bbni- bitte, an. bön und boen, ags. ben. Die umge- 
lantete neben der nicht umgelauteten form im altu. er- 
klärt sich wie bei den (i-stämmen satt neben saetl etc., vgl. 
Wimmer § 48 anm. 3. Flck 111 201 führt sie dagegen 



:z„: ;) y G00gle 



si 

auf *b6nj&- zurück und stellt das wort zu bannan. bön 
ist aber sicher t-gt., ungezwungen kann man nur eine 
ableitnng durch -ni- darin sehen. Die wurzel iat direct 
die des gr. <pq-ui Iat fü-ri. 

germ. *bumi- (aus *bu&-sni-) auftrag, got anabusns, ags. 
bysn, bysen, as. ambusan. 

germ. *dtami- dunst, got. dauns., an. daunn (hier m.) Fick 
III 118. 

germ. *ana-drimi- {aus *-dr£t5-sni-} ? furcht, ags. andrisn 
(Ettm. 574), zu andr&dan red. v. 

gönn. *fragni-1 an. /*«#» (Cl. 172) verstand zu fregna, frä. 

germ. *fvihsni- Verborgenheit. Nur in weite rableitung got 
fulhsni gebeimnis, an. fylgmi versteck. 

germ, *Htni- erlösnng. Das got lun (nur im acc. flg. vor- 
kommend) ward bisher stets als a-st. angesetzt (Heyne, 
Ulf.» 397, L. Meyer s.222, Pick III 272). Mit rtck- 
sicht auf skr. lünis losreisBung wird es besser als ab- 
leitnng durch -ni- gefasst werden. 

germ. 'rihsni- anordnung. Das got. gareksns stellt Leo 
Meyer s. 230 zu skr. rac anordnen. Dann iat als Suffix 
-ml- anzusetzen; Schwierigkeiten macht das innere e. 

germ. *seuni- (aus segvni) seilen, got. siuns, an. sjdn und syn, 
ags. seon nnd s§n, afr. sione, sinne, as. siun mhd. als n. 
siune. 

germ. *söfcni- Untersuchung, got s&kns, an. sikn, ags. söcen, 
afr. sikne. Im ahd. vgl. suohhni. Da sdkj'an ein pri- 
märes verbum iat, ist es nicht nötig mit Fick III 314 
direct an sakan anzukupfen. 

germ. *$treuni- lager, eigentlich „die ausbreitung" aga. 
streon. Dazu die collectiv-bildung ags. gestreon as. ahd. 
gistriuni er w erb, kostbarkeiten. 

germ. *taikni- zeichen, got. taikns. In allen andren sprachen 
o., nur das ags. täcon kommt nach Ettm. 536 auch ah 
f. vor. 

germ. *vezni- verhalten, got. andavizns „unterhalt", vatlavizns 
„gute nahrung" zn visan. Leo Meyer a. 369 stellt da 
gegen die Wörter nebet vizdn essen zur w. ghas essen Iat. 

ßalidor, Varbalubuliaou. £ 



»Nzedoy GOOgk 



82 

vesci. Aber auch an. trist ahd. reist hat die bedeutung 
,, leb ensu nterhalt" . 
germ. * anda-vRzni- (aus -vHt-sni-) angesicht, goi anda- 
vleizns. Dies nur im acc. begegnende wort wird gewöhn- 
lich als n. angesetzt; es kann ebensogut hierher gehören. 
Dem snffix -Mi-, welehea in seiner tätigkeit primäre ab- 
stracte zu bilden weit hinter ~ti- und anderen Suffixen zurück - 
blieb, war es vorbehalten als bildungsmittel für abgeleitete verba 
den breitesten boden zu gewinnen. Warum man . zu diesem 
zwecke gerade zn dem suffix -ni- griff? Darauf wird es schwer 
sein eine befriedigende antwort zu gehen. Im allgemeinen 
mnaste ein suffix, welches sieh eine gewisse Freiheit in der an- 
wendung bewahrt hatte, geeigneter sein als z. b. das suffis -ti-, 
welches in der verbalableitnng einem festen Schema unterworfen 
war. Es war auch natürlich, dass man bei neubildnngen nicht 
zu einem verbrauchten und abgenützten, sondern zu einem noch 
Jugend frischen bildungsmittei seine Zuflucht nahm. Der antritt 
des snffixes -ni- an die stamme abgeleiteter verba fällt bereits 
ins urgermanische d. h. das aufkommen des prineipa, die einzelnen 
bildungen siud als einzelsprachliche anzusehen, selbst wenn sie 
in mehreren sprachen belegt sind. Die geschieht« der bildungen 
in den ei nzel sprachen ist eine sehr mannigfaltige, ihr aufkommen 
und ihr verschwinden ist ganz davon abhängig, ob sie sich 
lautlich iutaet halten konnten. Es zeigt sich hier der grosse 
unterschied einer urgerm. und einer germ. bildnng. Bloss bei 
letzterer darf man nach der Ursache ihres Vorhandenseins 
fragen. Eine urgermanische bildung rechtfertigt sich in den 
einzelsp rächen schon dadurch, dass sie eben über das leben 
derselben hinausragt; bei germ. bildungen dürfen wir fragen, 
warum hat die spräche dieses bildungsprineip bevorzugt und 
jenes vernachlässigt ? Das prineip, welches die spräche befolgt, 
ist ein sehr einfaches, es ist das der deutlichkeit. Nnr ein 
deutlich hervortretendes suffix war tauglich eine gattungs- 
bezeichnung, vornehmlich bei abgeleiteten verben hervor- 
zurufen. Man bevorzugte abo diejenige bildungsweise, welche 
ein solches suffix bot, andre, welche vom urgermanischen her 
ebenfalls zur Verfügung standen, Hess man fallen. Die durch 
letztere hervorgerufeneu Wörter stehen dann in den einzel- 



fftizedDy GOOgk 



83 

sprachen ebenso sporadisch, wie im Urgenin, bildnngen nach 
einem von der uraprache her überlieferten, hier aber wenig be- 
liebten princip. 

Den vorzug der deutlichkeit hatten im gotischen alle ab 
straeta, welche vermittelet des Suffixes -ni- vom stamme eines 
abgeleiteten verbums gebildet worden. Die ausginge -eini- -6ni- 
■otai- 1 ) waren in gleiclier weise geeignet eine gattungabezeieh- 
nuog hervorzurufen. Man sollte also erwarten, daBS die zahl 
der abstraeta der einzelnen cl&ssen sich nach der zahl der zu- 
gehörigen verba berechnen lieaae. Diese reclinnng trifft auch 
für die abstraeta auf -aini- gegeottber denen auf -eini- unge- 
fähr zu. Durch -Jan abgeleitete verba gibt es im gotischen 242 
(L. Meyer, got spräche s. 320 f.); zugehörige abstraeta auf -eins 
66 ohne die composita (a. a. o. s. 230 f.). Verba mit dem 
atammcharacter ai existiren 44 (s. 684 f.), zugehörige ab- 
straeta auf -ains 15 (s. 233). Berücksichtigt man, dass 
unter den verben auf -Jan viele von abstracten abgeleitete sich 
befinden, von deuen nicht leicht wieder ein neues abstraeet 
gebildet wurde, so ist das Verhältnis ziemlich genau ent- 
sprechend. Abstraeta auf -öns gibt es dagegen nur 8 (L. Meyer 
s. 233 f.) , während es doch 74 abgeleitete verba auf -Ön gibt 
(b. 619 f.). Diese eraeheinung findet jedoch ihre ausreichende er- 
klärnng. Die principielle Scheidung zwischen primären und 
seenndären Suffixen erschöpft nicht alle hier hervortretenden 
nüancirungen ; auch unter den seeundären suffixen gibt es 
solche, welche nur an einfach abgeleitete stamme antreten 
können, andre, welche sich auch an stamme mit erweiterter ab- 
loitung anschliessen. Das suffix -ni- gehört zu der ersteren 
kategorie, bei verben mit erweiterten Buffixen wie -inon -itön 
konnte es keine anwendung finden. Dieae machen aber bei 
den verben auf -an etwa die hälfte aus; für diese existieren 
andere auffixe. Daraus erklärt eich die geringe zahl von ab- 
stracten anf -öns im gotischen. 



') Mahlow, Die langen vocale e. 23 fuhrt dieselben auf -ejenni- 
(aus -ejesni-), -öjenni-, -ijenni- zurück, worin ich ihm nur in dem 
pnnkt nicht recht geben kann, dass er die suffixform -sni- für ur- 
sprünglicher hält als ->»-. 



»Nzedny GOOgk 



84 

Ganz anders ist die Verteilung der bildungen im altn. 
Wahrend im got. die abstracte auf -eins überwiegend sind, 
finden wir im altnordischen nur einzelne spuren dieser 
bildnngsart Folgende gehören sicher hierher: 
an. fysn (CI. 184) neigung zu fysa, t. 
au. heyrn (Eg. 334) hören zu heyra, Ö = got kauseins. 
an. njösn (Gg. 603) versuch zu nysa, Ö = got niuhseins. 
an. ikirn (OL 660) taufe zu skira, 8 = got. skeireins. 
an. spitrn (01. 684) erforechung zu spyra, spur&i. 
an. stjorn (Eg. 779) lenkung zu styra, Ö = ags. sleorn. 
Vielleicht gehört anch tön (Eg. 444) Studium hierher, das 
aber von dem v. töja. äff nicht direct abgeleitet sein kann. 

Man sieht auf den ersten blick, dass die altn. Wörter mit 
den entsprechenden got. lautlich nicht ganz identisch sind; 
einem got hau&elns sollte an. *keyrin entsprechen, denn got. 
ei wird in endsilben im altn. lantgesetzlich zu i vgl. hirSir — 
hairdeis. Die form heyrn ist von den obliquen casus einge- 
drungen; hier unterlag das mittlere i den syncopiernngsge- 
setzen. Sievers hat bei besprechnng der altn. syncopiernngs- 
geaetze (Beitr. 6, 66) sich nicht mit bestimmtheit darüber aus- 
zusprechen gewagt, ob auch ursprünglich lange vocale vor dem 
tiefton schwinden; unser fall, der von Sievers übersehen worden 
ist, spricht für diese annähme. Das mittlere i scheint teils vor, 
teils nach wirken des umlauta geschwunden zu Bein. Erste res, 
wie im nord. Tegel, bei kurzsilbiger Stammsilbe, daher spvm. 
Aber wir haben auch njösn und stjörn; hier muss die früh- 
zeitige Vermischung mit den abstracten auf -HO- das eintreten 
des umlaute verhindert haben. Die syncopirung war der grund 
des verschwindens der bildungsweise; sie entbehrte fortan der 
gen Agenden deutlichkeit 

Den got abstracten anf -ains vergleiche' ich 3 altn. Wörter: 
an. fßn (Eg. 177, ein veraltetes wort) hass würde einem 
got *fijains entsprechen, denn an. fjä, Ö = got. fijan. 
Man beachte das ö, das doch wol durch u-umlaut aus 
ä entstanden ist; ein beweis, dass daB wort sehr früh- 
zeitig in die analogie der ableitungen durch -uä- überge- 
treten ist 
an. pjän (CI. 739) dienst zu pjä, Ö = got pivan. 



»Nzedoy GOOgk 



85 

an. smdn {Cl. 570) schände zu smd, Ö, gehört vielleicht auch 

hierher. Ahd. sm&hfoi und smähjan sind in an. smd zti- 

I am n engefallen. 

Ungemein in blute sind dagegen die abstracto auf an, 
die den got. auf -Sns entsprechen. Hier hatte man ein deut- 
lich hervortretendes Suffix , dag durch die syncopirung nicht 
betroffen wurde vgl. Sievera a. a. o. Deshalb gewann diese 
im got. nur spärlich vertretene bildungs weise im altn. die 
weiteste ansdehnung. Die mehrzahl der abgeleiteten verba 
geht hier auf -a prät. -afta aus; dazu kommt, dase auch die 
weiter abgeleiteten auf -na und -sa ohne weiteres durch zutritt 
von -n abstracta bilden können. Vigfusson stellt darum in 
seinen Oatliuer of Grammar XXXI* diiect die regel auf, dase 
von der 1. {Wimmer's 4.) schw. conj. feminina durch zufügung 
von n gebildet werden. Es lässt sich beobachten, wie die 
bildungsweise allroählig im altn. um sich greift. In der älteren 
Edda begegnet meines wissens bloss skraektan, Jammer (Atlamal 
60). Ueberhaupt ist sie in der poet. literatur noch nicht so 
häufig; ich fahre die belege aus Egilseon im folgenden voll- 
ständig an. In der prosa ist sie sehr beliebt und bis auf die 
neueste zeit lebendig, bei Cleasby finden sich viele ausdrücke 
aus dem modernen gebrauch bemerkt Neben der form -an 
findet sich frühzeitig die form -un mit w-umlaut in der wurzel- 
silhe; der vollständige übertritt der fem. /-stamme zur ö-decl. 
führte dieselbe herbei. 

Im folgenden gebe ich die poetischen und eine answahl 
aus den prosaischen bildnngen. 

aktan (Eg. 7) betrauhtung {akta, aS), 

angran (Cl. 21) sorge (augra, afi), 

ärnan (Eg. 21) eintreten (ärna, aft), 

aetlan (Cl. 760) meinung [aetla, atf), 

batnan (Eg. 40) Verbesserung (balna, a5), 

betrau (Cl. Gl) das», (beira, aS), 

blessan (Eg. 62) Segnung {blessa, u5), 

blistran (Eg. 63) zischen (blistra, aS), 

bo'San (Cl. 7f) ankündigung {botia, n5), 

bölvan (Ol. 92) fluch (btflva, aV), 

brakan (Eg. 74) lärm (braka, o3), - 

dagan (Cl. 94) tagesanbruch (daga, atf), 

dyrkm (Eg. 1 16) anbetung (dyrka, a$), 



r.*nv/ Google 



efan (Cl. 1 15) zweifei (efä, ati), 
eggjon (Cl. 1 17) anreizung (eggja, ati), 
fjölgan (Cl. 15$) Vermehrung (fjölga, ati), 
fiaugan (Eg. 181) fing (flauga, ati), 
flmttart (Kg. 135) verhühonng (fiimta, ati), 
fnasan (Eg. ISS) schnauben (fnasan, ati), 
fiiSan (Cl. 173) beruhigung (fritia, ati), 
geipan (Eg. 229) Unsinn {geipa, ati), 
giiaustan (Eg. 255) waffengetün (gnausla, ati), 
gnistan (Cl. 207) Zähneknirschen (gnista, ati), 
hafnan (Cl. 23)) verlassen (hafna, a?l), 
hegtian (Cl. 246) einrichtung (hegtia, ati), 
heitan (Eg. 315) dronnng (heitask), 
helgan (Cl. 255) heilgung (helga, ati), 
hljdtian (Cl. 272) ton {hljötia, ati), 
hneyxlan (Cl. 276) argerais (hneyxla, ati), 
holdjan (Cl. 278) fleischwerdnrig (holdgask), 
höran (Cl. 281) ehebrnch (höra, ati), 
hreinsan (Eg. 391) reinigung {hreinsa, ati), 
hvggan (Eg. 409) trUstnng (hvgga, ati), 
hugsan (Cl. 291) gedanke (hugsan, ati), 
hvikan (Kg. 427) zittern (hvika, ati), 
itijan (Kg. 444) besehäftigung (itija, ati), 
itiran (Eg. 444) rene (itirask), 
jätan (Cl. 325) bekenntnis (jäta, ati), 
klüsan (Eg. 467) Verwickelung (klüsa, ati), 
lifgan (Eg. 516) belebnng (lifga, ati), 
maglan (Kg. 5-12) geräuacli {magla, ati), 
mennlan (Cl. 424) cultur (mermta, ati) 
mitilan (Cl. 427) teilnähme (mitila, ati), 
nitiran (Cl. 455) emiedrignng (nitira, ati), 
predikon (Cl. 478) predigt (predika, ati), 
reitan (Eg. 652) reizung (reita, ati), 
saurr/an (Cl. 515) befleckung (saurga, ati), 
seinkan (Eg. 691) Verzögerung (setnka, ati), 
signan (Eg. 704) segnnng {Signa, ati), 
skapan (Cl. 518) gestaltung (sfeapa, ati), 
skemtan (Eg. 723) Unterhaltung (skemta, ati), 
skipan (Eg. 728) anorduung (skipa, ati), 
skraektan (Eg. 738) Jammer (skraekta, ati), 
svipan (Eg. 603) plötzlicher angriff (svipa, ati), 
varatt (Cl. 679) warnung iyara, ati), 
vingan (Cl. 708) freundschaft (vingask), 
vitjan (Cl. 713) besuch (vitja, ati), 
vitran (Cl. 713) enthüllung (vitrn, ati), 



fftizedDy GOOgk 



87 

l'jman (Eg. 912) dienslleiatting (pjona, aS), 
prasan (Eg. 923) grosstnerei (prala, a%). 
Die bildungssilbe -an ist die einzige gcstalt, in der sich 
das suffix -ni- in einer germ. spräche bis auf unsve zeit lebendig 
er bat teil hat. 

Dass das auf fix -ni- im angelsächsischen als bildun gemittel 
l'lir abstracta abgeleiteter verba nicht mehr in blute ist, begreift 
sich aus der in dieser spräche eingerissenen starken abschleifung 
der endsilben. Lange vocnle sind an dieser stelle durchweg verkürzt 
worden und haben ausserdem meist die abschwiiehung zu ein- 
förmigen e erfahren; daher musste bei den abstracten abge- 
leiteter verba der themavocal, ihr haupteharacteristicum ver- 
wischt werden. Die bildnngsweise musste deshalb als solche 
hier untergehen; doch hat sie noch ziemlich zahlreiche spuren 
hinterlassen. 

Von der 1. schwachen conj. sind folgende zu nennen: 
ags. bycgen (Ettm. 303) kauf zn bycgan. Die bildung 
schreibt sich aus einer zeit her, wo das v. bereits ganz in 
die analogie der abgeleiteten Übergetreten war. 
ags. byrgen (Gr. I 152) begräbnis zn byrigan = got W- 



ags. an-dSfen (Ettm. 555) proportio zu einem schw. v. 

* dSfan, auf das auch gedefednes führt, 
aga. gymen (Gr. I 538) Sorgfalt zu gyman. 
ags. to-lysin (Ettm. 181) anflöaung zu lysan = got. its- 

lauseins. 
ags. myrgen (Gr. II 271) frende zn myrgan. 
aga. rasten (Ettm. 252) rast zu rarsten =* ahd. restin. 
. räden (häufig in Comp.) conditio = got. garaideins. 
. sagen (Gr. II 395) traditio zu seegan. 
. steorn (Ettm. 739) lenkung zu steoran oder styran. 
. tyhten (Ettm. 534) anreizung zu tyhtan. 
. pecen (Gr. II 678) bedeckung zu peccan. 
. pigen (Gr. II 591) eBsen zu. piegan. 
byrgen, gymen, -rmden bilden die obliquen casus nach 
der analogie von niesten, haften etc. z. b. dat byrgenne (doch 
aueb byrgene), gymenne, -rwdenne. Gewis beruht das auf 



ags. 



ags. 



Dig^ze^y GOOgk 



späterer vermiBehnng mit der classe wetten; got. M-battr geint, 

ga-raideins beweisen, dass alte bildungen auf -im- vorliegen. 

Von der 2. schw. Conj. sind folgende au nennen, die den 

got auf -öns und -ains entsprechen; man beachte, dass die ab- 

leitungssilbe z. t. noch die vollere Form -on -un hat. 

ags. heofon (Or. II 64) klage zu heofian. 

ags. leofen (Or. II 176) unterhalt zu lifian, leofian = got 

libains. 
ags. /u/en (Gr. II 195) hoffnung zu lufian = got. lubains. 
ag«. streamen (Ettm. 742) streu zu ttreawian. 
ags. wacon (Ettm. 74) vigiliae zn wacian. 
ags, wergun (Or. II. 662) fluch zu wergian. 
ags. wrcecon (Ettm. 151) exil zn wracian; vielleicht primäre 
bildung zn wrecant 

Sehr zalreich sind abstracte bildungen der art im frie- 
sischen entwickelt. Di cndong ist -ewe: sie erklärt sich 
durch ausgleich der verbalen ableitungen auf -int- mit denen 
anf -ir\j6-. Letztere haben vom nom. aus einfaches n durch- 
fuhrt, erstere sind zur ö-decl. übergetreten (schon im got. 
tvalleint plur. tvalleinös und dgl.). Als beispiole der verbrei- 
teten bildung nenne ich; 

aehtene, schiene (R. 588) Verfolgung zu aehta, 
bleszene (E. 653) eniblüasung zu blesza, 
dtpene (R ü84) laufe zu rfipa = got. daupeint, 
ergene (R. 712) Verschlimmerung zu ergia, 
grttene (R. 783) anklage zu grtta, 
Miene {lt. 819) bekenntnis zn hiia, 
bi-hddene (R. 637) obhut zu bi-hdda, 
kethene (R. 868) Verkündigung zu fcWAa, 
«rf«w (R. 688) leitnng zu ttrf«, 
liszene (R. flOl) gleichmachen zu üsia, 
reden* (R. 986) reden zu reda, 
skridene (R. 1033) zerschneiden zu skrida, 
stretvene (R. 1053) streuen zu strewa, 
tverdene (R. 1138) beschadigung zu werda, 
niigene (R. 1147) weihe zu wia. 

Eine ableitung von einem v. der 2. schw. Conj. ist: 
echtme in lond-echlene (R. 911) landabschätzung so acMo. 
Ein unsicheres beispiel der Übertragung der endung -ene 
anf ein starkes v. ist: 



»Nzedoy GOOgk 



bi-iennene (R. 638) beginn zu bi-ienna. Die leaart igt nicht 
sicher vgl. Ricbthofen a. a. 0. 

Im deutschen sind die bildungen auf -aini- und -öni- 
ganz untergegangen. Der grnnd davon kann nicht darin liegen, 
(Irbs dieselben durch lautgesetze zu sehr mitgenommen waren, 
wie es teilweise im ahn. und ags. der fall war. Die endungen 
-aini - dnt- mnssten im ahd. zu -in on werden; das rerbal- 
abstract wäre also mit dem Infinitiv vollkommen zusammenge- 
gefallen. Das war eben der grnnd, warum diese bildungsweise 
ausser gebrauch kam. Die moderne anschauung, nach -welcher 
der infinitiv mit dem artikel verbunden werden und ein ver- 
balabstract ersetzen kann, war der damaligen zeit noch voll- 
kommen fremd. Man musste sieh scheuen zwei vollkommen 
verschiedene formen lautlich zusammenfallen zu lassen und griff 
daher für die abstraeta nach anderen suffixen, die sieb für die 
verba anf ~Sn reichlich darboten. Nicht so ganz spurlos ver- 
schwunden wie die verba auf -aini- und -dni- sind die auf 
-ini-, Ea finden sich deren noch im alta. und ahd. mit der enduug 
■in oder -t. Letztere form nahmen sie durch Vermischung mit 
den sekundären abstracten auf -i an vgl. Schlüter, Suffix ja 
s. 138. Aus dem alts. ist bloss d&pi taufe = goL daupeins 
anzuführen, aus dem ahd. eine ziemliche auzal: 
ffi-buri (Graff III 168) ereignis zu giburien. 
decchi (Graff V 103) schnlz, decke, zu decchen. Die affricata 
ist hier statt der laut gesetzlich zu erwartenden spirans 
(grundf. *dafäns) aus dem verbum eingedrungen. 
digi (Graff V 116) bitte zu diggen = ags.. pigen. 
dingt (Graff V 192) hoffnnng zu dingen, lieber gtdingi 

und verwandte bildnngen s. oben a. 52. 
dana-fundi (Graff II 639) exodus zu funden. 
hebt (Graff IV 735) besitz zu hebben = haben, 
hem (Graff IV 824) erbebung zu heffen. 
heli (Graff IV 844) hülle zu hellen. 
leid (Graff II 187) fahrung zu leiten, 
ä-lösnin (Graff II 277) erlÖBung, Auffallend ist das zwischen- 
geschobene n, das auch in suoknin erscheint. Dürfen 
wir ea dem n vergleichen, das auch vor anderen auffixen 
z. b. -öd erscheint oder ist hier contamination zweier 



fftizedDy GOOgk 



bilil linken anzunehmen? Vielleicht bestand ein einfaches 
*lSm == an. lausn, ferner ein vom abgeleiteten verbal- 
stamm gebildetes * töstn. Beide bildungen wurden in 
lösnin vereinigt Noch wahrscheinlicher ist dieser. Vor- 
gang bei suohnin = got. sSkns: durch anlehnung an das 
acliw. v. suohhen entstand die erweiternng. 

muohi (Graff II 602) ermödnng zu muojm. 

lip-neri (Graff II 1103} nahrung zu nerxen. 

mzzi (Graff II 1123) nutzen zu nuzzen. 

mendin (Graff II 810) frende zu menden. 

queli (Graff IV 654) quäl zu quellen. 

queti (Grnff IV 648) gmss zu queten. 

ant-reiti (Graff II 479) anordnung zu ant-reiten. 

restin, resti (Graff II 550) rnhe zu resten. Vereinzelt auch 
resia = as. resta neben ra&ta, vielleicht aus Vermischung 
zwischen resti und rasta zu erklären. 

stund (Graff VI 724) starren zu *sttimen? Belegt ist nur 



suohnt(n) (Graff VI 85) quaestio zu suohhen. 

swendt (Graff VI 886) Vernichtung zu swenden. 

touft(n) (Graff V 386} taufe zu toufen = got daupeins. 

wegi (Graff I 660) bewegung zu weggen. 

weli (Graff I 835) wal zu wellen = got ga-valeins. 

wert (Graff 1929) schütz, Verteidigung, zu werten. 
Schon J. Grimm hat Gramm. 3, 505 f. darauf aufmerksam 
gemacht, dass diese bedungen von den'denominativen abstrauten 
auf -i oft nicht zu scheiden sind. So kann das alts. hrSrt so- 
wol als verbal ab stract zu hrSrjtm, als auch als ableitung vom 
adj. Arär gefasst werden n. dgl. m. 

7. Die aufflxe -to- und -tu- {-öpu-, -assu-}. 

Ich fasse hier zwei auf fixe zusammen, die ihrem Ursprünge 
nach sehr verschieden sind, vom Standpunkt des germ. aus aber 
nicht mehr auseinander gehalten werden können. 

Das suffix -to- wird in allen idg. sprachen zur bildung des 
part. prät pass. verwendet Doch hat es von hause ans eine 
allgemeinere bedeutung gehabt vgl. Lindner II § 49. Einzeln 



fftizedDy GOOgk 



91 

im skr., besonders aber im zend, bildet es nomina agentis, da- 
neben auch verbalabstracta. Vgl. aus dem skr. die neutralen 
bildungen rtd recht, p&rld lohn, vrald wiile, ßvitd leben etc. 
Aus dem gerou sind einige sichere spuren dieses gebrauclies 
nachzuweisen, nom. agentis und nom. actionis sind nicht gei 
zu scheiden, das genas meist neutral. 

germ. *fru$ta- frost, an. frort n., ags. afr. forst m., as. 
ahd. frort m. Wol eigentlich nom. agentis „der frieren 
machende''. 
germ. *hafta- fessel, an. hapt n-, afr. heft, ahd. haft m. 

Auch ursprünglich nom. agentis. 
germ. * hleupa- hören, got. kliup zuhören, stillschweigen i 

hljW n. ton, hören. 
germ. *md$a- mut, got. mddr, an. mdtfr ro., ags. afr. möä 
as. möd m-, ahd. muot m. n. Fick III 242 vgl. ksl. . 
meti, gr. ftatoftat. 
germ. *murpa- tötung, an. agB. as. moriS, afr. morth, mord 
n., ahd. mord n. (im mhd. auch m.). Hier steht mir 
massig schwächste stufe bei wurzelbctonung (Klage s. 21), 
ein fall, der übrigens auch bei den ((-stammen gar nicht 
selten gewesen sein kann. Vgl. skr. mrtd. 
germ. rn&Üa- wendung? an. rnütSr drehung, vorteil, ags. 
snüd m. (?) celeritas, alacritas. Zu got. snivan, an. rnüa. 
Fick III 961. 
germ. *mntfa- 1) schwimmen 2) meerenge, an. sund u., 
ags. sund m. Ursprachliches m wandelt sieb im germ. 
vor d in n, während es vor p bleibt vgl. Brngman, 
Morpbol. unters. II 249 f. 
germ. * trausta- Zuversicht, hilfe, an. traust n., ahd. tröst m. 
Im got. weitergebildet trausti btlndnis. Mit der erweiterten 
suffixform -sto-. 
germ. "peupa- gutes, got. piup, an. pjdti n. Nach Fick 

III 136 zur w. tu valere. 

germ. "pruhta- anstrengung, an. prötlr kraft, ags. proht 

in. arbeit. Zur germ. w. pruk bedrängen. 

Sehwache wurzelstufe, wie wir sie nach der regel fUr alte 

partieipial bildungen erwarten sollten, bieten *frusta- *hafta~ 

*murpa- *siwi5o- "pruhta-. Die gesteigerte wurzelform in 



:z„: ;) y G00gle 



92 

*mdtfa- *prausta- findet ebenfalls in den verwandten sprachen 
entsprechendes vgl. de Saussure, Systeme prim. s. 76 f., Kögel 
Beitr. VI 190; *snüfia- muss als nicht ganz sicher zu be- 
urteilen aas dem spiele bleiben. .Dagegen haben 'hleupa- and 
*peupa- starke stufe, die mit ehemaliger Wurzelbetonung ver- 
banden war. Ob diese Wörter hierher zu stellen sind, ist mir 
daher zweifelhaft; * hleupa könnte nom. actionis zu der deter- 
minirten v. Mut sein, die wir auch in hlüt haben. 

Einige andre Wörter, namentlich maac-, die hierher gehören 
könnten, führe ich bei den bildungen mit -tu- an, weil aie von 
diesen nicht zu scheiden Bind. Dagegen ist mit der erweiterten 
form -tan- zu nennen : 

germ. *anSan- geist, gemfltsbewegung , an. andi, as. ando, 
ahd. anado. Daneben ein starkes f. an. önd, ahd. anda. 
Bloss der altnord. spräche gehören folgende Wörter an, 
die 7M den n- stammen Übergetreten Bind: 

an. flötli flocht, in den andren dialecten /t-at. 

an. ffrötii Wachstum = mhd. gruot. 

an. atti furcht 

an. pdtti meinung vgl. got. puhtus. 
Die abstracta auf -tä- sind eigentlich nur die feminin» zu 
participialen bildungen auf -to-. Mit ihnen gehen daher häufig 
ableitungen auf -t parallel z. b. ahd. forahta furcht gegenüber 
got. faurktei zu faurhts furchtsam, ahd. (Otfr) dohta und dohli 
gUte zu doht tüchtig. Mitunter fehlt jedoch ein solches ver- 
mittelndes adj., so bei germ. *rast$- (zur w. ra ruhen, die 
neben rem steht, wie ska neben sken, bfia neben bhen) ruhe, 
auch wegestrecke, nach der man ruht (got. rasta, an. rost, 
ags. rit'st, as. ahd. rasta), *slahtd- eigentlich das schlagen (an. 
slätta mähen, as. slahta niederschlagen, ebenso ahd. slahta, 
daneben mit der bedeutung: geschlecht, art) neben "slahti-, 
got, usfarpö ausfahrt, znr n-decl. übergetreten, neben germ. 
*far&i-, ags. lohte feldzng zu teon, ahd. ahta meinung zu 
ahjan, wahta wache zu got. vakan, vielleicht auch zuahta (bei 
Otfrid) nachkommenschaft. 

Die abstracta auf -tu- sind in ihrer bildung sehr wesent- 
lich von denen auf -ti- verschieden. Bei diesen fanden wir 
schwächste wurzelBtufe als durchgängige regel und nur in der 



fftizedDy GOOgk 



betonung zeigten sich einige Schwankungen. Bei den abstracten 
auf -tu- dagegen findet sich bowoI schwächste, als gesteigerte 
wurzelform, beides in bildungen, die als alt bezeugt sind. Noch 
mehr gehen dieselben in ihrer betonung auseinander vgl. got 
vülpus mit haidus. Mllasen wir überhaupt darauf verzichten 
für die bildungen auf -tu- ein festes geaetz ausfindig zu machen? 
Glücklicherweise Bind anzeichen vorhanden, welche uns erlauben 
die scheinbar so grosse mannigfaltigkeit auf eine ehemalige ein- 
heit zurückzuführen. Wie Bopp vergl. Gramm. III 3 § 860 ff. 
ausführt, dienen in mehreren idg. sprachen ehemalige casus- 
formen von abstracten auf -tu- dazu um den infiniüv und das 
gerundium auszudrücken. .Im skr. wird in dieser weise der 
acc, seltener der gen.-abl. und dat. für den Infinitiv, der instr. 
für das gerundium verwandt. Ein grosser unterschied, besteht 
jedoch zwischen den beiden bildungen: beim inf. ist der wurzel- 
vocal betont und gesteigert, beim germ. das suffix betont und 
der wurzelvocal in schwächster gestalt. Mit dem skr. gerundinm 
stimmt im wesentlichen das lateinische sapinum. Eine Vereinigung 
dieser bildungen sucht Bopp § 862 zu erzielen. Das verbsil- 
abstract habe ursprünglich gesteigerten und betonten wurzel- 
vocal gehabt, nur im instr. sei in folge seines häufigen ge- 
brauch» oder der schwere der endung die wnrzel geschwächt 
und der accent auf das suffix gelegt worden. Als analogien 
führt er die stamme pat und vah an, die in den starken casus 
in vollerer form erscheinen, als in den schwachen. Es steht 
uns jetzt ein viel reicheres material zu geböte, welches Bopp's 
annähme als wahrscheinlich erscheinen lassen kann. Fälle, 
welche „einen grnndsprachlichen Wechsel der accentlagerung" 
und damit der vocalqualität innerhalb ein und desselben para- 
digmas voraussetzen, haben de Saussnre, Memoire s. 221 ff., 
OsthofF, Morph. Unters. 11, 12 f. und besonders J. Schmidt Kuhns 
Zs. XXV 13 ff. aufgeführt. Spec. für w-stämme stellt sich ein 
solches ablautsverhältnis dar in *doru- *deru- *dru-, *gonu- 
*genu- *gnu~, *polu- *pekt- *plu- u. dgl. Nach diesen darf 
auch für (u-stämme ein Wechsel der vocalstufe in der Wurzel- 
silbe angenommen werden und zwar vermutlich so, dass im 
nom. acc. 8g. der ton auf dem gesteigerten wurzelvocal ruhte, 
in den übrigen casus dagegen auf dem suffix, während die 



»Nzedoy GOOgk 



9-1 

Wurzelsilbe schwächste form annahm. Bei den eigentlichen ab- 
stracten wurde dies. Verhältnis durch ansgleichnng verwischt, 
es erhielt sich dagegen fast ungestört bei den zum verbalen 
System hinzugezogenen formen, welche zu weit auseinander ge- 
treten waren um sich gegenseitig zu beeinflussen. Nur die 
gen.- und dat.-bildungen haben nicht die zu erwartenden formen, 
sondern haben sich nach dem viel häutigeren acc., mit dem 
sie die gleiche funetion verband, gerichtet Anders verfuhr die 
lat. spräche: hier gewann die form mit seh wacher wurzelstufe 
(wol durch den einfluss des nebenhergehenden park prät.) die 
Oberhand. 

Was das ursprüngliche geschlecht der abstraeta auf -tu- 
betrifft, so entschied sich Bopp für das fem. Er glaubte darauf 
schliessen zu müsseu aus gr. bildungen wie ßotjrvc und den 
formen des ger. auf -Iva nnd deB inf. auf -tavdi, welche nach 
seiner ansieht notwendig von einem fem. stamm abgeleitet sein 
müssen. Indessen muss man berücksichtigen, dass wir es mit 
bildungen zu tun haben, die frühzeitig erstarrt Bind. Im Veda 
aber wurde der instr. auch der masc. w- stamme vorwiegend 
auf -vä gebildet (Whitney 34i). Der angebliche dativ -tavdi, 
der mit -laue wechselt, hat aber gar nicht die form der fem. 
M-stämme: hier erscheint ~ave -väi als endung. Er beruht also 
überhaupt auf späterer Entwicklung. Dafür, dass die abstraeta 
auf -tu- von hause aus masculina. sind , spricht aber, dass sie 
im skr. meistens dies geschlecht haben (Whitney 1161). Dazu 
kommt die Übereinstimmung des germ. 

Masc. abstraeta mit dentalableitung sind im germ. nicht 
ganz selten, es ist aber nicht erlaubt in diesen allen alte bil- 
dungen mit -tu- zu sehen. Mit voller Sicherheit lassen sich 
diese aus dem got. feststellen, nicht in dem grade ans dem 
altnord. Eine reihe von masc mit dentalableitung, die in 
diesem dialect nach der w-declination gehen, haben sich uns 
durch hcranziehung des ost nordischen als alte fi- stamme mit 
fem. genus ergeben. Kur wo Übereinstimmung zwischen den 
beiden hauptdialecten des nordischen besteht, darf an alte tu- 
stämme gedacht werden. Noch viel unsicherer stellt sich die 
sacbe im westgerm-, wo kein stamm auf -tu- sieh als solcher 
erhalten bat, sondern sie alle, wie überhaupt die alten «-stamme 



fftizedDy GOOgk 



zur i- oder «-declination übergegangen sind. Wo hier die ver- 
gleichung mit dem oatgerm. fehlt, hat die bestimm ung des ehe- 
maligen themavocala Schwierigkeiten. Im aga. sollten wir bei 
«-stammen ungebrochenen und unuragelauteten wurzelvocal er- 
warten; dies trifft auch zu bei lust, /lad, (f'itrst?). Daneben 
haben wir masc. mit dentalableitung, die umlaut aufweisen, 
nämlich lyft, cyst , hwyrft. Diese formen beruhen auf einer 
contamination des masc. stamincB "luflw *kustu- *htvurftit-, 
mit einem fem. *hifti- *kusti- *hrvurfti-, der teils im ags. seibat, 
teils in anderen dialekten tatsächlich erhalten ist. Es bietet 
sich aber auch noch eine andre möglichkeit: dass ein tiber- 
gang vom fem. ins maac. geschleeht stattgefunden habe (wie 
bei an. byrftr, skur&r). Dagegen braucht man mit der annähme, 
dass uns hier maac. nomina actionis, mit suffix -(*'- gebildet, 
vorliegen, wol nicht zu rechnen: diese kennt weder das gotische, 
noch sind sie für die idg. giundsprache nachzuweisen. Geht 
das masc. nach der a-declination oder ist es im ahd. im plur. 
nicht belegt, so kommt zu den zwei schon hervorgehobenen 
möglichkeiten noch eine dritte hinzu, dass wir ea hier mit 
alten ta-stämmeu zu tun haben, ich habe es für angezeigt 
gehalten alle diese unsicheren fälle in einem besonderen ab- 
schnitt zu vereinigen, dagegen die sicheren («-stamme voraus- 
zuschicken. 

Ueber die bildung der abetracten masc mit dentalableitung 
gilt ganz das bei den i-stämmen bemerkte. Sie fällt aus- 
schliesslich in die urgerm. periode, wie sich aus den 
consonantischen ersehe inuugen in der Wurzelsilbe, welche durch 
den antritt des Suffixes verursacht werden , ergibt. Ich ordne 
deshalb die bildungen nach dem aualaut. wurzelconsonanten. 

A. Sichere tu- stamme, 
a) Labialer würze lau Blaut, 
germ. *hiftu- luft, got. luftus, aga. lyft m. f., as. luft m. f., 
ahd. luft m. f. (mhd. begegnet das f. nur in md. gegenden, 
daher nhd.l. Im an. nentr. a-st. lopt. 
germ. *graflu- begräbnis, an. groptr (gen. graptar und 
graptrar Wimmer § 51 a) anm.). In den andren dialecten 
fem. *grafti-. 



fftizedDy GOOgk 



b) Dentaler wurzelnuslaut: 

germ. *kustu- prdfung, auswal, Beschaffenheit, got. kuslus, 
an. kostr (im acc. pl. «och kostu) , ags. cyst , ahd. Aosf. 
Der gebrochene vokal im alt«, ahd. drang aus den obliquen 
casus ein. Im got. nnd westgerm. such fem. fi"- -stamm. 

germ. * lustu- Inst, got. lusius, ags. lust, afr. ahd. lust. Im 
altn. schw. losli. Daneben ein fem. (i-stamm. 

germ. *vahstu- wuchs, got. vahsttts, an. vöxtr. Aneh fem. 
ti stamm (got. ahd.) 

germ. *blästu- blasen, an. bldstr, ags. bltbst, ahd. bläst. 

c) Gutturaler würze lau slaut. 

germ. "rehtu- recht, an. reltr. Nicht das snbstantivirte 
adj. reit, sondern alter /«-st. (Wimmer §45, CleaBby 496), 
der neben dem (a-st sich im altnord. erhielt. 

germ. *punhtu- denken, got. pühtus, ags. ge-poht, an. 
schwach pötli. Daneben ein fem. 'panhti-, das aber 
auch ins maac. hinüber schwankt (mhd. andäht zuweilen 
m. Lexer I 54, nhd. verdacht m.). 

germ. *hahtu- art nnd weise, an. hdttr. Zu dem ahd. 
starken v. hagan (nur noch im part) passen, recht sein. 
Im altn. nur achwach haga, oft. Vgl. hatjr (Cl. 232) 
State, condition. Fick III 59. 

germ. *lahstu- fehler, an. löstr. In den anderen dialecten 
mit auffix -tro- gebildet. Da das wort zu as. ahd. lahan 
atv. „Bclim&lien" gehört ist -stu- als suffix anzunehmen. 

germ. *pvahtu~ waschung, an. pvdtlr; zum stv. got. pvahan. 
Auch schwedisch pvater m. (Tamm s. 26). 

d) Liquider würz clauslaut. 

Nur ein wort mit wurzelbestonung, aber auf schwächster 
Btnfe: 

germ. *vulpu- Herrlichkeit , got. vulpus vgl. an. ü(tr nom. 
pr. Daneben ein st. *vulpra~. Fick III 297. 

e) Vokalischer wurzelanetaut. 

germ. *bat5u- kämpf. Das ahd. Patu- Pala- (in eigennamen) 
scheint anf einen u-stamm zu deuten. Dagegen führen an. 
bot}, gen. böfivar, ags. beado, gen. beadve auf eine grund 
form *6aÖu5- zurück. Die wurzel ist bhen töten, aber 



fftizedDy GüO^le 



97 

in der kürzeren form bhe, die such fttr's irische nach- 
gewiesen ist (Kahns Ze. XXV, 170 f.). 

Steigerungsstufe erscheint in: 
gem. *dauf»u- tod, gut. daupus, ags. deaft, afr. däth, däd, 
as. f/örf, ahd. (Öd. Im altn. schwach dautSi. 

Indifferent ist: 
germ. *fldtiu- flut, got. flodus (warnm man dasselbe als f. 
ansetzt, ist mir unklar, man könnte ebensogut luftus als. 
f. ansetzen, weil demselben in den andren sprachen fem. 
and nentr. formen entsprechen), an. floetfr, floefi f., ags. 
fldd m., as. flod m. und f., ahd. fluot m. und f. Es scheint 
ein fem. st *flöfti- neben einem masc. "fld&u- bestanden 
zn haben. Ausserdem ein nentr. «-st an. fldtf, ags. afr 
flod, einmal auch im alte. (Hei. 3918); dieser hat sich ans 
dem masc' entwickelt, wie an. lopt ans *litftu-. Nicht 
mit L. Meyer von der w. plu, sondern mit Fiok III 
180, Brngtnan s. 45 von der w. prä = par Tgl. ags. 
flövan red. v. 

B. Sonstige masc. abstracta mit dentalableitung. 

a) labialer wnrzelanslaut. 

germ. veftu- (?) gewebe, an. veftr, ags. weft, nrift , ahd, 

gi-tvift, vielleicht auch f. 
germ. *hvurftu- (?) gang, ags. hwyrfi ausgang, umlauf. Das 

ahd. umbi-htvvrft ist f. 
germ. *svaiftu- (?) vibratio, ahd. umbi-sweift „ambitus" zu 

smeifan red. v. 
germ. *kraftu- (?) kraft, an. kraptr (a-st. gen. krapts und 

kraplar) ags. crmft, as. kraft (meist f.). Im ahd. kraft f. 
germ. *hrbftu- (?) rufen, afr. rSft, ahd. hruoft (im pl. ruofta 

nnd ruafti belegt) zn hruofan red. v. 
germ. 'hvdftu- (?) Jammer, ahd. wuofl (dat.pl. tvuoftim) zu 

wuofan red. v. 
germ. *hlauftu- (?) laufen, ahd. hlauft (pl. hlaufü) m. und 

f. (daneben f. htaufti) zn hlaufan red. v. 

b) Dentaler wnrzelanslaut. 

germ. *Httu- (?) wissen, ags. as. (?) ahd. list (pl. listi, ein- 



:z„: ;) y GüO^le 



mal lista). Daneben ein weibl. fi-st, der im oatgerm. allein 
vorkommt. 

germ. *ristu- (?) erhebnng, ags. &-rist -rest auferstehung. 
Daneben auch f. wie das goL us-rists, ahd. ur-rist, 

germ. *purstu- (?) durst, aga. purst (selten pyrst), as. 
thurst, ahd. durst. Im oatgerm. schwach gut. paurstei, 
an. porsti (aber im altschwed. pyrster Tamm 26 aum. 1). 
Ist es erlanbt auf einen, alten tust, zu schliessen oder 
liegt ein nom. agentis mit suffix -ti-, etwa „der aus- 
dörrende" vor? Die ags. form spricht für erstere an- 
nähme. 

c) Gutturaler wurzelausla nt. 

germ. "brahtu- (?) lärm, as. ahd. brdht. Wird gewöhnlich 

zu breckan gestellt; bildung mit steigerungstufe. 
germ. *vr6htu- (?) streit, aga. as. tvrdkt. baueben f. 

Vielleicht könnte hierher gehören: 
mhd. späht lärm. Dazu ein swv. spähen. Ob eine alte 
bildung vorliegt, läset sieh nicht ermitteln. 
Die altn. drdtir, mätlr, sldtlr beruhen, wie Tamm ausge- 
führt hat, auf secundärer entwickhing. 

d) Nasaler würze laus laut 

Ich weiss nur e i n beispiel anzufahren , das and. gensunsl 
(gl. Lins.), das wie die biLdungen auf -ti- vor dem suffix ein 
s zeigt vgl. unser gewinnst, das im mhd. noch nicht vorkommt 
(im vokal au das präsens gewinnen angelehnt, wie auch unser 
gespinnst gegenüber mhd. gespunst f. n.). Mit gesteigertem 
wurzelvocal, aber betonten suffk ist zu nennen: 

an. brandr (a-st.), ags. brand, afr. brond, ahd. brant (pl. 
brenti) feuer, brand, schwort Schwerlich alter /«-stamm. 

e) Liquider wnrzelauslaut. 

In der altn. masc. /-stammen burftr, skur&r, purSr, stultir 
vermutete Sievers, Beitr. 5, 114 alte /(/-stamme. Diese Vermutung 
ist jedoch unhaltbar, nachdem Tamm s. 20 aus dem altschwed. 
die fem. /('-stamme nachgewiesen hat, aus denen sich die altn. 
mase. jedenfalls entwickelt haben. Nur neben purtfr ist kein 
fem. belegt, darf aber vermutet werden. 



»Nzedoy GOOgk 



f) Vokalischer wurzelauBlant. 
germ. *ble8u- (?) blasen, ags. blä)d, ahd. bldt. Ueber die 

zu gründe liegende wurzel vgl. Brugman, Morph. Unters. 

1, 63. 
Aus dem mlid. können hierhergehören : 
mhd. saß uenfzer, eigentlich „das einsehlürfen (süfen) des 

atems" (Lexer), ahd. in säftön. In das mhd. stuften, 

siufzen (davon siufle, siufze seufzer) ist noch eine andere 

ableitung ahd. *sü/izzen verschmolzen, 
mbd. sprät sprühen zu spraejen, das wol ursprünglich redu- 

plicircnd war. Die wnrzel ist Bkr. spkar mit der wnrzel- 

er Weiterung ä Brugman s. 68, 

Der grösste teil der masc. abBtracta mit dentalableitnng 
hat nebenher fem. und neutr. formen. Häufig handelt es sich 
hier um bildungen mit verschiedenem suffix , die von altersher 
nebeneinander bestanden. Besteht im got. fra-lusls neben 
lustus, ga-kusts neben kustus, us-vahsts neben vahstus, so ist 
es nicht zu kühn ein *lufts neben luftus, ein *ßdds neben 
flbdus etc. zu vermuten. Aber andrerseits lässt sich auch das 
Umsichgreifen des fem. genus auf kosten des masc. nicht ver- 
kennen, namentlich im westgerm. Nicht immer möchte ich, wo 
doppelformen vorhanden Bind, der masc. die priorität zuerkennen, 
vielmehr kann, wie es fürs altnord. nachgewiesen ist, gerade 
diese aus der fem. entwickelt sein, so list m. auB list f., ags. 
as. wrbht m. aus rvrdht f., aber im laufe der Sprachentwicklung 
hat das fem. genus, welches der modernen anschanung für ab- 
stracte begriffe geeigneter schien, das masc. wieder verdrängt, 
Bei folgenden abstracten hat innerhalb des deutschen allmählich 
das fem. über das masc. den sieg davongetragen; luft, last, 
list, lust, fluot. Im nhd. gibt es fast gar keine männl. ab- 
stracta auf -/ mehr, nur verlast, durst, verdacht, gewinnst. 
auf -d: brand, tod. Sehen wir bo den Wettstreit, der schon 
im got. zwischen den männl. bildungen anf -tu- und den weib- 
lichen auf -ti- wahrzunehmen ist, im allgemeinen zn gunsten 
des fem. entschieden, so gewann doch auch das masc im einzelnen 
gegenüber dem fem. boden : wir haben in Verlust das masc, während 
der gote von der weiblichen form frahtsts gebrauch machte. 



»Nzedoy GOOgk 



100 

Warum das suffix -tu-, welches in primärem gebrauch nur 
eine beschränkte Anwendung gefnnden hat, als bildungsmittel 
für «bgeleitete verba eine so ungemein Verbreitung gewinnt, 
darüber können wir nur Vermutungen hegen. Ich denke, dasB 
man von der anwendung ausgehen musB, welche die abstracta 
auf tu- im verbalen System gefunden haben. Diese anwen- 
dung reicht — wenu auch nur in allgemeinster beziehung — 
jedenfalls in die idg. Ursprache zurück. Es kann kein zufälliges 
zusammentreffen sein, dass sie sich im skr. und lat. findet und 
ausserdem spuren in der litusla vi sehen sp Fachgruppe hinter- 
lassen hat (Bopp § 864). Durch diese Anwendung im verbalen 
System war aber der weg zu analogiebildungen geebnet. Fand 
sie zuerst auch nur bei wurzelverben statt, bo muiiste nach und 
nach, indem man das suffix mit casusendung rein als ausdruck 
einer verbalen form auffasste, diese bildungsweise anch auf ab- 
geleitete verba übergehen. So ist ea ja auch im skr. wie im 
lat., die endung -tum tritt sowol au wurzeln, als an abgeleitete 
verbalstämme. Dieser process fällt nun im germ. in die vor- 
historische zeit: es ist in den uns erhaltenen sprachstufen kein 
anzeichen vorhanden, dass bildungen mit dem suffix -tu- je in 
beziehungen zum verb gestanden haben. 1 Andrerseite spricht 
auch nichts gegen die annähme, daas diese beziehung ehemals 
vorhanden war und sich wieder gelöst hat. Ein residuum dieser 
ehemaligen Verbindung ist die Übertragung des suffixes -lu- 
auf abgeleitete verba mit der funetion abstracta zu bilden. Dasa 
dasselbe bei wurzelverben weniger häufig erscheint, erklärt sich 
daraus, dass hier andere bildungsweiBen vorhanden waren; bei 
abgeleiteten fehlte es an einem ausdruck fttr abstracte begriffe 
und man ergriff gern die sich bietende gelegen heit. Aber 
selbst bei abgeleiteten verben machte man nicht durchweg von 
demselben gebrauch. Man hatte hier bereits das suffix -ni-, 
dies fand, wie wir Bähen, in allen drei classen der schwachen 
verba anwendung, beschränkte sich jedoch — von der altn. 



1 Wenn Scherer recht hätte, der (z. GeBch." 306) in den an. Inf. 
perf. mundu, skyldu, (vildu) das skr. infinitivsuffix -tum erkennt, w 
wären solche anzeichen allerdings da. Aber ist doch kaum glaublich, 
dass sich das u der endung hier erhalten haben soll. 



»Nzedoy GOOgk 



endnng -an abgesehen — auf die, welche 
verbal stammen einfach abgeleitet waren. 
verba, deren ab 1 ei tu Dg in complicirterer weil 
war: so die anf -in&n -is6n -atjan. Hier ist die verbale ab- 
leitong bereits an einen abgeleiteten nom malst amm getreten. 
Dies ist der boden für das Suffix -tu-. Bei dessen anwendnng 
können wir zwei grosse kategorien unterscheiden. Die eine 
bilden die ableitungen von verben mit dem stamm auslaut -b-, 
mit diesem verschmilzt das -tu- vollständig und bildet den 
soffixcomplcs -6pu- (-oSu-). Die andere nmfasst bildungen, 
welche sich an weiter abgeleitete verba mit dem stamm au staut 
-Ja- anschliesaen. Unter diesen tritt eine klasse von verben 
besonders hervor, die intensiva anf -atfan. Indem das suffis 
•tu- an diese ableitung antritt, entwickelt sich der Buffixcoroplex 
-assu- aus -atlü-. 

Ich habe vorhin wegen der ausbreitung des Suffixes -ta- 
uber abgeleitete verba anf das lateinische verwiesen, wo mit 
der funetion eines supinus neben bildungen wie ortum, victum 
auch solche wie atnätum, auältum im gebrauche sind. Im 
parallelismus hiemit haben sich nun auch unabhängig vom 
verbalen System abstraeta anf -tu- gebildet, welche sich an ab- 
geleitete verbalstämme auachliessen. Man bildete ein ornälus, 
grunnltus ebenso wie man ein interltus etc. gebildet hatte. Mit 
den lat. bildungen anf -älus sind nun die germ. auf -dpus 
direct vergleichbar, hinsichtlich der form und hinsichtlich der 
bedentung. Die lat. verba auf -äre und die germ. anf -dn 
stehen sich in ihrem gebrauch Behr nahe. Jacobi, Beiträge s. 159 
de6nirt den unterschied zwischen der ersten und zweiten schwachen 
conjugation so, dass während ein verbum der ersten geradezu 
das hervorbringen, das vollenden der Sache bezeichnet, ein 
verbum der zweiten nur die beschäftignng mit einer Bache aus- 
druckt. Diesen Charakter haben auch die lat. abstraeta auf 
■ätus und die germ. auf-ö/m-: sie bezeichnen selten — natur- 
lieh kann hier von einer durchgängigen regel nicht die rede 
aein — eine einzelne, abgeschlossene handlung, sondern fast 
immer einen zustand, die fortlaufende beschäftigung 
mit etwas u. dgl. Dieser character haftet diesen bildungen so 
Behr an, dass man selbst — im lat wie im germ. — neubildungen 



»Nzedoy GOOgk 



102 

auftanehen sieht wie lat. trlbunalus, principatus got. manniskddus 
„zustand der menBchlichkeit", neben denen kein verbum tribu- 
nare, principare , mannisfcdn existirt, sondern die direct ans 
nominibus mit dem Suffix gebildet werden um eigonschaften 
oder berufsarten auszudrucken (Bopp, vergl. gr. § 955, 
L. Meyer, got. Sprache a. 623). Diese bildungen wurden jedoch 
im gcrm. nicht allzu zalreich; im allgemeinen kann es als 
regel aufgestellt werden, dass ein abstractum auf -$pu~ nnr 
da erscheint, wo auch ein zugehöriges verbum anf -on vor- 
handen ist. 

Die gotischen bildungen, welche hierher gehören, zeigen das 
suffix teils in der gestalt -opus, teils -ödus: auhj&dus, vrat&dus, 
mannisködus ; gabavrjöpus, gaunöpus (so nach Bernhardt Zachers 
Z». V 187, die codd. bieten gaunopa mit dem adj. izvarana 
n männl. form). Diese doppelheit der auf fixform ist gewis 
ebenso aufzufassen, wie bei den wurzelbaften bildungen mit 
suffix -tu-. Anf grnnd ehemaliger stamm&batafnng haben 
sich verschiedene suffixges taltun gen entwickelt, die früher in 
einem paradigma nebeneinander gestanden, jetzt aber sich anf 
die einzelnen bildungen verteilt haben. Dass dieser Vorgang 
wie bei den primären ableitungen, so auch bei denen auf -öpu- 
wahrzunehmen ist, beweist das hohe alter letzterer. Allerdings 
beschränkt die doppelheit der suffixform sich aufs gotische. 
Im altnord. zwar konnten an sich keine unterschiede hervortre- 
ten, aber die westgerm. formen weisen nur auf die eine grund- 
form -öpu-; ags. -aö -oft, ahd. -öd (-ijth in alten quellen). Ich 
bin jedoch eher zu der annähme geneigt, dass diese das pro- 
dnct einer späteren normalisirung ist, als dass der Wechsel im 
got auf reiner willktir beruht. Ein grnnd, der ein altes -opus 
teilweise in -ödus gewandelt hätte, wie es z. b. beim vereinzelten 
Übergang des Suffixes -ipa in -Uta der dissimilationstrieb ist 
(vgl L. Meyer s. 122), ist durchaus nicht zu finden. Wir haben 
das Verhältnis im got also als eine — später aufgegebene — 
altertflmlichkeit zu betrachten. Unter den got bildnngen ist 
das schon oben besprochene manniskodus hervorzuheben; die 
übrigen sind zu wenig zalreich, als dass wir darin eine be- 
stimmte bedeutungskategorie erkennen könnten. 

Die altnord. bildnngen auf -abr oder -naftr dürfen ohne 



fftizedDy GOOgk 



zweifei mit den got. auf -Spus direct verglichen werden, vgl. 
Paul Beitr. VI, 179 f. Allerdings Bind dieselben zur i-declinaton 
Übergetreten, indessen geht der dat. sg. auf -i aus wie bei den 
«stammen (Wimmer § 45) und der plural kommt der natur 
dieser bildungen gemäss wenig in betracht Neben der form 
-atfr zeigt sich auch -wÖr besonders in späteren quellen: beide 
formen sind aber lautgesetzlich gleich berechtigt und beruhen 
auf Verallgemeinerung. Die form -wfrr beruht auf -otfr, das 
sieh in den ältesten hds. vor folgenden u des snffixes, also im 
iioni. acc. sg. dat. pl. erhalten hat (Paul s. 180). Die form 
-aft'r, die lautgesetzlich in den übrigen casus entwickelt wurde, 
drang gewöhnlich auch in den nom. acc. Sg. ein; -wÖr erhielt 
sieb aber daneben lebendig und kam in späterer zeit wieder 
zur geltung. Mit dieser suffixform ist natürlich w-n miaut in 
der Wurzelsilbe verknüpft. Beide Suffixe erscheinen fast immer 
in der erweiterten -naSr -nwÖr. Diese erweiterung geschah 
von den passivverben auf -na- aus. Im gegensatz zum 
westgerm., wo diese classe von verben nur in einzelnen rechten 
erhalten ist (ags. brosnjan, gnornjan, murnjan, ahd. Urnen, 
morneny perahtenen, stornen, slorhanen etc. vgl. Gramm. II 
161. 162) sind sie im altn. noch in lebendigem gebrauch, nur 
geht nach analogie des prät, auch das präs. nach der ö-classe 
der abgeleiteten verba. An diese verha, welche einen zustand, 
nicht eine tätigkeit ausdrücken, musste sich das suffix -Öpu- mit 
Vorliebe anschliessen. Nachdem dasselbe sich hier festgesetzt, 
geschahen Weiterbildungen. Da die meisten der verba anf -na 
einfachere verba (nach der starken oder 1. schwachen conj.) 
neben sich hatten, bildete sieb allmählich die an schaunngs weise 
aus, das» man die bildung auf -tiaifr direct zum einfacheren 
verbnm stellte und den ausdruck des znstandes, der doch teil- 
weise auch durch die verbalableituug dargestellt war, ganz in 
das suffix, alB das jetzt -natSr erscheinen musBte, verlegte. Von 
hier aus trat dies -natir nun direct an starke verba oder 
schwache erster conj. au, d. h. an den präsena stamm derselben. 
Endlich tat man auch den weiteren schritt, dass man von Sub- 
stantiven direct durch -natir abstraeta ableitete, welche Verhältnisse 
oder zustände, seltener beschäftigung ausdrückten. Hie und da 
mögen verba anf -na zu gründe hegen, die uns nicht erhalten sind. 



fftizedDy GOOgk 



104 

In den Ontlines of gram mar bei Cl. XXX* wird allein 
-nähr als snffix angesetzt, doch erscheint auch -atir in einzelnen 
beispieleu. Die ursprüngliche bedeutung ist in den altem, 
der poetisches spräche angemessenen bildangen deutlicher er- 
kennbar, als in den späteren. In der prosarede bezeichnet 
-aÖr wol schlechtweg den. abstracten begriff des verbnms. 
1. Suffix -atfr bei schw. verben der d-claase. 

ärna&r (CL 45) intercession (äma, a8). 

batnabr (Eg. 40) Verbesserung (battut, atS). 

fagnaSr (Eg. 150) frende (fagna, aÖ). 

/astnaSr (CL 144) Verlobung [fastna, ati). 

hagna&r (Eg. 288) vorteil (hagna, aÖ). 

hegnatir (Cl. 247) Verteidigung (hegna, aö). 

i&nabr (Cl. 313) handwerk (iifna, atS). 

jafnatfr (CL 332) gleichheit (j^f^h <*&)■ 

/a&aÖr (Cl. 369) einladung (latia, ati). 

saknatir (Eg, 759) vermissen (sakna, a&). 

samnafor (Cl. 512) Vereinigung (samna, aÖ). 

sjüknaÜr (Cl. 535) krankheit {sjükna, ab). 

tkotnatJr (Cl. 555) gewinn (skotnar es wird su teil). 

«winaÖr (Eg. 756) günstige wendnng (snüna, ati). 

varndSr (Eg. 853) schütz, vorsieht (varna, alf). 
Mit übertragenem -na&r nnr: 

hernafir (Eg. 327) freibeuterel (herja, ati). 

kostnaSr (CL 352) ausgäbe (kosta, aÖ). Daneben auch 
AosfaÖr (Eg. 476). 

uerfrnaÖr (Eg. 868) arbeit (twfra, o3)- 

2- Suffix *atir bei starken v. und schwachen der /a-dasse, 

wnaSr (CL 652) wonne (wrao, Ö). Anch ntr, 
SonBt durchweg zu -waör erweitert: 

bunatir (CL 89) haushält {büa atv.). 

äugnatfr (Eg. 111) Wichtigkeit, hilfe {<?«?«, Ö). 

farnabr (Eg. 168) guter Fortgang (/nra stv.). 

getnatir (Eg. 237) ompfängnis {geta stv.). 

ft/iwÖr (CL 388) leben (lifo, Ö). 

metnafor (Eg. 566) ehre (me(a stv). 

skapnaÜr (CL 538) gebühr (*/re/?a, skapSi). 



3y Google 



slcitnabr (Eg. 727) teilung {skilja, S). 
sparna&r (CL 681) Sparsamkeit {spara, &). 
toenatir (Eg. 813) hilfe (toejis oder (jyo, (oeöi). 
trünaÜr (Eg. 824) vertrauen (frön, Ö). 
vernafor (Eg. 869) schütz (verjü, carÖJ)- 
3. Suffix -öÖr bei nominibus. Falle das zu gründe 
liegende Bnbat. ein abstraotum ist, ist der bedeutnngsunterschied 
kaum wahrnehmbar. Sonst tritt der begriff des zustande« 
oder Verhältnisses hervor. 

sam-eignaSr (Eg. 681) gemeinsamer besitz (zu eign f. besitz, 

nicht von eigna, ab, das „zueignen" bedeutet). 
lagnaÜr (Cl. 370) auslegen der netze (zu lögn f., gen. 

lagnar netz). 
o/ra&r (Ol. 464) uberflnsB, nur im adverbiellen geu. sg. 
ofratiar exceedingly. Zur präp. o/r vgl. goi ufarassus 
mit andrer ableitung. 
rmaiatfr (Eg. 584) vergnügen (zu tnunr frende). 
vinatSr (Eg. 882) freundschaft (zu vinr freund). 

Mit Übertragenem -natfr: 
fatnaÜr (Cl. 145) anzog (wol zn fat). 

finatr (Eg. 163) viebstand (zu ß, nicht von ßaa ge- 
winnen). 
karnaftr (Ol. 332) concubinat (Vigf. vennutet zu kör bett). 
pjdfhatfr (Cl. 740) diebstal (zu pj'df dieb). 
prifnriÜr (CL 745) gedeihen (zu prif n. pL proeperity). 
Das snffix -(n)aÖr ist ein in der altn. spräche lebendiges 
snffix, wenn auch lange nicht von der ansdebnnng wie etwa 
das suffix -an, Anfangs in seiner bedentnng etwas mehr 
specialisirt, ist es später mit diesem ziemlich gleichbedeutend 
geworden. So haben wir z. b. von drna, drnan nnd drnatir, 
ohne das b ein unterschied zwischen diesen bil düngen her- 
vortritt 

Lange nicht in dieser Verbreitung zeigt sich uns das suffix 
-6pu- im angelsächsischen. Dasselbe erscheint seiner laut- 
lichen gestalt nach in den formen -OÖ oder -ab (Aber das Ver- 
hältnis dieser beiden formen zn einander Paul, Btr. VI 161 ff.) und 
rwb oder -naiS. Letztere formen, organisch nur bei den ab- 



Mcmrruwuu» 



»Nzedoy GOOgle 



106 

geleiteten verben auf -njan, haben dann weiter um sieb ge- 
griffen, Bind jedoch nicht so allgemein geworden wie -natSr im 
altn. Dagegen begegnet im ags. wie hier, daaa die endnng 
-0Ö etc. von den schwachen verben der o-classe, wo ihre eigent- 
liche stelle ist, Übertragen wird anf andre abgeleitete und 
starke verba. Wie im altn. werden vorzugsweise zustünde, 
dauernde beachäftigung, selten einmalige Handlungen be- 
zeichnet; hie und da findet sich die bildnng auf sinnliche 
gegenstände übertragen. Die bildungsweise ist im ags. nicht 
recht zur blute gelangt. Beispiele derselben begegnen bereits 
im Beowulf und andren poetischen denkmälera, in der prosa 
ist sie aber nicht besonders in aufnähme gekommen und bietet 
nur einzelne z. t. auch unsichere belege. 

äroS (Ettm. 67) ehre (ärian). 

drohtat) -oti -raoö (Grein I 206) lebenslage (droktian oder 
drohtnian). 

drugatS -oft (Ettm. 674) trockenheit [drugian). 

faroÜ (Grein I 265) meeresflut (faran). 

fishotS (Ettm. 351) fisehfang (fiskiem). 

folgaS -oÖ (Grein I 311) gefolgschaft (folgian). 

ßdnot) (Ettm. 335) nahrung (fidan). 

fugelöS -noS (Ettm. 354) Vogelfang [fugelian). 

fyttati (Grein I 360) füllung (fyiton). 

hafbiob (Ettm. 453) bewachnng (heeflnian). 

hleonaS (Grein II 85) gemach (zu hleonian?). 

kuntoÜ -nöÖ (Ettm. 469) jagd (huntian). 

innoS -aÖ (Grein II 142) eingeweide [irmian). 

langoft (Grein II 157) verlangen (langian). 

reafoft (Ettm. 262) raub {reafian). Seheint nach dem pL 
reafotfu neutrales genns angenommen zu haben. 

s&Snafi (Ettm. 661) aussaat (s&dari). 

syllati (Ettm. 629) verkauf {sellan oder syllan) 
vgl. auch sinoS (Ettm. 640) synodns, das in die analogie 
dieser ableituugen getreten ist 

War diese bildnng schon im ags. eine unbeliebte, so ist es 
natürlich , dass sie auch in den später»! n sprachst nfen des eng- 
lischen weiter keine Ausbreitung erfuhr, sondern hier ihren 
Untergang fand. 



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107 

Ans dem altfries. kenne ich bloss thingath (Riohth. 1071-5) 
gerichtliche Verhandlung (zn Ihingia). Im altaächs. sind die 
bildnngen auf -öpu- gar nicht vertreten. Dies hat seinen grund 
teilweise in der abneigung der epischen spräche des Heliand 
vor abstracter ausdrucksweise, teilweise darin, dass die bil- 
dnngen wegen der abBchwachnng der endnngen im alte, kaum 
mehr characteriatisch hervortreten konnten. Im althochd. dürfen 
wir dagegen die bildnngen in grosser ausdehnung erwarten: 
der prosaischen Üteratur mn ästen sie willkommen sein. Jedoch 
finden wir sie auch hier in einer gewissen localen beschränkung. 
Vor allem sind sie den oberdeutschen mundarten eigen; viel 
seltener finden sie sich im mitteldeutschen. Die sicheren be- 
lege fürs alemannische hat Weinhold, alem. Gr. fl. 213 , fürs 
Bairische bair. Gr. s. 205 zusammengestellt leb beschranke 
mich darauf diejenigen beispiele anzuführen, die sich weder 
hier, noch auch bei Grimm (Gr. II 241 f.) vorfinden. 

ga-avarbä (Graff 1 180) repetitio (gaavarörij. 

altinöth (1 201) induciae (allindn). 

tawizSd (Uli) fotus (*barviz6n nicht belegt). 

bitlöd (III 91) rictus (zu bellan?). 

brast&d (III 275) fragor (brast&n). 

butlöd (III 92) gemitus (bullön). 

M-buntilSd (III 136) revolutio (bibuntildri). 

deganod (V 122) militia [deganön). 

drangöd (V 262) turba [drangtn). 

egisod (I 104) horror (egisdri). 

eng&d, enginöd (I 341) fames (zu engit). 

ga-fazbd (III 733) sarcinula {gafazön). 

glnbd (IV 107) rictus (ginon). 

granötk (IV 327) grunnitus {gran&n). 

grisgrimmöd (IV 326) Stridor dentium {grisgrimm&n). 

herrSd (IV 987) praedatio (herrön) = an. hernaSr. 

kizilöd (IV 538) titilatio (kizil&n). 

leichdd (II 154) coneubitus (zu leih). 

leisöt (II 279) fragor (ableitung dunkel). 

scourvüd (VI 656) intnitus (scouwdn). 

stvwnmöth (VI 879) natatus (zn mimman). 



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Ueber form und bedentnng dieser bildungen ist im allge- 
meinen noch zu bemerken: 

1. Wie in den andren dialecten liegen überwiegend verba 
auf -an zn gründe. Beispiele, in denen das nicht der fall ist, 
Bind: leichod von leih, stritdd von strit abgeleitet; fcerrdd zn 
kerran, stvummoth zn swimman, billdd wahrscheinlich zn bellan; 
engöd oder enginöd scheint direct zum adj. engt zn gehören. 

2. Eine suffixform -ndf?u- ist im hoohd. nicht nachzuweisen 
(wenn nicht vielleicht in halfttmdd? vgl. auch tretenSd neben 
(rettSd). Dagegen schliesst sich -öd sehr gern an vorausgehende 
ableitungselemente an: die mehrzal der bildungen endigt auf 
-alöd -ilöd -indd -isbd -izzäd (im altn. bilden dergleichen ab- 
geleitete verba ihr abstractum auf -hm). Dadurch hervorgerufene 
analogiebildnngen kenne ich jedoch nicht, ausser etwa enginöd 
zu engi. 

3. Ihrer declination nach folgen die Wörter auf -dd ge- 
wöhnlich der analogie der ('-stamme, wie dies bei ehemaligen 
«-stammen die regel ist. Daneben erscheint aber auch bisweilen 
ein plur. auf -a. Ich gebe nach GrafF diejenigen Wörter an, 
deren plur. belegt ist: 

a) Plnr. auf -i: drangtdin, engddi und enginödm, half- 
tandthi, kerrödi, murmulödi, slagödi, sußödin, weidanSdi, 
dickinSdi (?), gafagödi (?), mittilddi (?), setpwaltddi (?), M- 
Iraklödi (?), tveigrisödi (?). 

b) Plur. auf -a: heittsöda, chlafföda, chUngeldda, süf- 
toda (neben dem dat. s&flddm), rvegSda. 

4. Wie in einem späteren abschnitt auseinandergesetzt 
werden wird, besitzt das ahd. feminine verbalabstracta , welche 
dadurch gebildet werden, dass das Suffix -t an partieipia an- 
tritt. In dieser weise entstehen abstraeta auf -oti von verben 
auf -dn. Diese berühren sich vielfach mit den abstracten auf 
■öd. Allerdings steht der dental auf einer andren stufe; jedoch 
ist dies namentlich in gloss en werken , die einen sprachlichen 
mischzuatand zeigen, nicht streng durchgeführt. Häufig finden 
wir eine ableitung anf -6di, die nach dem beigefügten lat. wort 
zn schliessen, sing, eines fem. sein muss. In manchen derselben 
(bei den unter 3" mit einem fragezeichen versehenen) könnten 
wir doch vielleicht den plur. einer bildung auf -od sehen. Eine 



:z„: ;) y G00gle 



109 

dritte möglichkeit wäre die, dass sich -Sdi- aus der ursprüng- 
lichen form -dftu- ebenso direct entwickelt habe wie ahd. -mm» 
ms -assu-. Doch erlaubt wol die geringe zal der hierher 
fallenden worter diese annähme nicht. 

5) Die grnndbedeutung , welche ich den bildungen anf . 
-öpu- zugeschrieben habe, dass sie vorwiegend einen zustand, 
eise beschäftigung, weniger eine simultane handtung bezeichnen, 
ist im ahd. sehr zur tlckge treten. Allerdings gibt es noch be- 
lege genug, welche die alte bedentung erkennen lassen, so 
beielod bettele! , degandd kriegerschaft, fogalöd Vogelfang = 
igt. fugelaii, herröd räuberei = an. hernatfr, kebisöd con- 
cubinat , ricftisöd, rvaltisöd herschaft , aber die mehrzal der 
bildungen bezeichnet den abstracten begriff des verbuma schlecht- 
hin, wie wir das auch in der altn. prosa wahrgenommen haben. 
In der ahd. ttbersetzungsliteratur bedurfte man neuer abstracta 
am die Ut. wiederzugeben, man griff daher zu dem sich zu- 
nächst darbietenden bildungsprincip und nahm es mit den be- 
deutunga unterschieden nicht so genau. 

Die Sphäre der abstracta auf -öd war wie bemerkt eine 
beschrankte. Ihr hauptgebiet ist das alemannische. In der 
ßenedic t inerrege 1 , den gl. Jnn. und bei Notker sind sie reich 
vertreten. Auch im mhd. sind sie nicht ausgestorben vgl die 
belege bei Weinhold, die bis 1500 reichen: hier haben sie 
aber den cbaracter der alter tu mlichkeit, wie auch das part. 
prät. auf -öl und kommen nur vereinzelt vor. Noch die heutige 
schweizer mundart hat zalreiche masc. bildungen auf -et, die 
eine zeit, einen ort oder eine handlung bezeichnen vgl. Weinhold, 
al. gr. s. 208. Weniger beliebt ist die bildungsweise Im bäuri- 
schen, sie begegnet z. b. im keronischeu glossar nicht sehr 
häufig und ist schon in mhd. zeit ausser gebrauch gekommen. 
Das mitteld. verhielt sieh gegen dieselbe überhaupt ablehnend. 
Im Tatian begegnet nur halftanöd, bei Otfried nur wegdd, im 
Isidor nichts hierher gehöriges. In späteren md. denkmälern 
iässt sich keine spur dieser bitdung auffinden. 

Ungleich wichtiger als der suffixcomplex -öpu- sollte eine 
andere ableitung -assu-, die meist in der erweiterung -nassu- 
erecheint, in. der germanischen Wortbildung werden. Die ge- 



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110 

schichte dieser ableitungselemente lag bis vor kurzem noch in 
dankein; jetzt kann es als ausgemacht gelten, dass das suflix 
-tu- darin enthalten ist. Grimm ist in seiner Gramm. II 311, wo 
er eine erklärnng „der ableitung ss" zu geben versucht, noch 
anf falschem wege. Er sieht in diesem ss entweder eine assi- 
milation aus ks , sh oder — wofür er sich lieber entscheiden 
möchte — eine gemination für älteres einfaches s. Weiterhin 
zieht er auch die griech. feminina auf -aöoa -taoa -taaa und 
die romanischen anf -esse heran. Eine Widerlegung dieser Ver- 
mutungen ist jetzt selbstverständlich nicht mehr nötig. Der 
richtigen auffassung neigt sich Grimm selbst im dritten bände 
der Gramm, s. 527 zu. Er vermutet, dass das ss lediglich aus 
dem zusammenstoss anderer consonanten entspringe und ver- 
gleicht bildungen wie sparist, runs, quiss, stass. Allerdings ist 
es ein merkwürdiger anachronismus, wenn er das schwäbisch- 
bairische -rast, -rtusl als bestätigung hie für heranzieht. Bopp 
sali vgl. Gr. III § 933 im snffix -assu- das skr. suffix -as- im 
verein mit einem anderen, für abstraeta bestimmten suffix nnd 
erklärt -assu- durch assimilation für -astu-. Gegen diese auf- 
fasBung läset sich von seite der lautlehn; nnd der wortbildungs- 
lehre ein einwand erheben. Es ist zunächst zu bestreiten, dass 
aus ursprünglichem s + i im germ. jemals ss werden könnte, 
diese Verbindung erhält sich vielmehr intact vgl. Kögel Beitr. 
VII 190 f. Der principielle einwurf von Seiten einer zusammen- 
hängenden betrachtung der Wortbildung ist der, dass eine An- 
einanderreihung zweier primärer sufnxe im germ. so gut wie 
nie und auch dann nur sporadisch erscheint, keinesfalls aber 
den anlass zur Ausbildung einer so grossen wortkategorie ge- 
geben haben kann. Richtiger war die ansieht Schleichers, die 
er — allerdings nur andeutungsweise — im Comp. § 227 ge- 
geben hat. Er stellt hier als möglich hin, dass ss durch den 
zusammenstoss zweier dentallante entstanden sei. DieB ist auch 
die ansieht Leo Meyers got. spräche s. 171. Dieser zerlegt die 
suffixgestalt -inassu- in alteB inat-tu- und sieht in -inat- „eine 
alte, des nasal beraubte verkürzte endung des p rasen tischen 
part." Letzterer auffassung können wir uns natürlich nicht 
anseh Hessen. Sie leidet wie die Bopp'sche an dem grossen 
mangel, daBB der primäre character des suffix -tu- dabei un- 



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111 

beachtet geblieben ist. Sollte in -assu- — von den lautlichen 
Schwierigkeiten sehe ich hier ab — wirklich die endung des 
part. präs. -anl- enthalten sein, bo mflssten wir im zweiten Be- 
standteil eins jener suffize erwarten, welche denominative ah- 
stracta bilden wie z. b. -ja-- Daa primärsuffix -tu- kann un- 
möglich dazu verwandt worden Bein; vielmehr werden wir um- 
gekehrt genötigt sein im ersten bestand teil von -assu- ein 
verbalableitendes element zu suchen. Nun hat Leo Meyer 
selbst auf die got. verba lauhatjan, svögaljan etc. hingewiesen 
(Kuhns Zs. IV 407). Ich zweifle nicht, dass von diesen aus 
die ableitungsend ung -assu- sich entwickelt hat. Neuerdings 
hat auch R. Kögel diese ansieht vertreten Beitr. VII 181 f. 
Unzweifelhaft richtig hat derselbe auch die got. verba auf 
-aljan mit den griech. auf -aCia -i£co zusammengestellt. In 
der bedeutung berühren sich beide ableitungen aufs nächste. 
Die griech. verba werden von uominibus oder verben gebildet 
und drücken in letzterem falle „eine Wiederholung oder Ver- 
stärkung des einfachen verbalbegrifiV aus (Kühner, Ausführ- 
liche Gramm. V 696). Ganz entsprechend im germ. vgl. got. 
svögatjan zu svdgjan, ahd. hogazzen zu hogin etc. Die ab- 
leitnng erweist sich hjemit als indogermanisch. Ihren Ursprung 
nahm sie von nominibus auf -ad- -id- aus, die die bedeutung 
„mit etwas versehen" haben. Ich weiss, dass sich Ourtius, 
Grunds. 5 637 gegen die existenz eines indg. suffixeu -ad- aus- 
gesprochen hat Aber wenn dasselbe auch im Sanskrit nur 
spärlich vertreten ist, so ist doch sein Vorhandensein im griech., 
lat. und — was noch wenig berücksichtigt worden ist — im 
slav. und germ. vollständig ausreichend um es für die Ursprache 
zu sichern. Im germ. erscheint es wie im griech. in einer 
form mit dumpferem vokal (-ut- -ot- -al-) und einer mit hellerem 
(-#-), ist aber im stammauslaut fast durchweg zur a-decl. über- 
getreten. Auch in der anweudung des suffixes zeigen sich ver- 
wandte zltge. 

1) Es bildet von nominibus substantiva und adjeetiva, 
welche das versehensein, die Zugehörigkeit bezeichnen. Hierher 
die griech. adjeetiva auf -aq (tyoftäg zu df/öfioq etc.) und die 
femin. auf -ag (levxag zu Xtvxög etc.) und -tg. Letztere sind 
mit allen (- und i(/a)-Btammen vermischt Im germ. werden 



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112 

tiere in dieser weise bezeichnet : germ. *aihit- schwan, eigent- 
lich „der weisse" (ahd. albiz, sonst f. an. äift c. t noch con- 
sonantisoh flectirt [Wimraer § 67 A. 2], ags. elfetu, ylfetu) = 
abg. lebedi (Miklosich II 210), germ. *kerut- (ans *hemd- 
*kervat-) hirsch, eigentlich „der gehörnte" (an. h/Örtr, ags. 
heorot, ahd. hiruz) vgl. lat. cervus, gr. xtgaög, germ. *hurnat- 
und humil- horniss „die iiorn träger in" (ags. kyrnet, hd. homuz 
nnd hur/üz), vgl. hornobero crabro in den alt», gl. Arg., germ. 
*krabit- krebs, „der Bcheerentrager" (ad. krevet, ahd. krepiz 
[auch schwach] zu ahd. krapo oder krapho haken, klammer; 
eine ableitung mit -je- ist an. krabbi, ags. crabba, unser AraÄfte). 
— Vereinzelt weisen auch adjectiva das auffix auf: ahd. etnaz 
(nur adverbiell einazem) vgl. gr. povdg, ahd. etnaz, emiz (nur 
in zusammen Setzungen and den Weiterableitungen emizis, emazzig 
oder emizzig etc) vgl. an. ami besehwerde, aml labor (ist das 
e ein um geläutetes nnd von den (-formen auf die a-formen 
Übertragen? In den Hymnen begegnet noch zweimal amazzigo), 
ahd. gremiz erzürnt 

2) Aus dem begriff der Zugehörigkeit entwickelt sich der 
der abstammntig. So entspringen die griech. patronymica auf 
-aÖTjs -lörjq. Diese snffixe sind ihrer form nach als geschlossene 
zu betrachten, doch verteilt sich ihr gebrauch so, dass ersteres 
vorwiegend bei ä- nnd ./o-stammen, letzteres bei o- i- nnd con- 
BOnantischen stammen antritt. Da der begriff der abstammung 
nnd der Verkleinerung sehr häufig im anatausch stehen, glaube 
ich die hypokoristischen eigennamen des ahd. hier vergleichen zu 
dürfen. Das suffix derselben ist -izo (Sigizo, Hugizo etc.), 
auch bloss -zo, dass mit dem auslaut des zu diminuironden 
namens verschmelzen kann (Lazo von Ludennc etc). Auf rein 
lautlichen wege lassen sich diese vorginge natürlich nicht er- 
klären. Vgl. F. Stark , Die Kosenamen der Germanen s. 70 ff- 

3) Abstracte bedeutung haben viele der griech. feminina 
auf -aq -ig angenommen. Im germ. hat unser suffix anerweitert 
nar selten diese fnnction. Die an. ueutra blakt palpitatio, 
flimt calnmnia, gant ludificatio etc, die Grimm Ü 1 203- 204 
anführt, scheinen jnnge bildnngen. Dagegen werden hierher 
gehören die masc oder neutr. a-stamme : ags. eofot (Gr. I 267) 
schuld, sweofot (Gr. U 607) somnns, peorvot (Gr. II 690) Ber- 



fftizedDy GOOgk 



113 

vitus. Häufiger findet die erweiterung -itja- -atja- anwendung. 
Aus dem got. ist zu nennen siiviti geduld. Ans dem ags. 
folgende n.: bernet (Ettm. 290) combnstio, freowet (Ettm. 373) 
Überlas, leget (Ettm. 179) fulgur, nyrrvet (Ettm. 236) angustia, 
rbrvet (Ettm. 269) remigatio, sÖSwet (Ettm. 660) seminatio, siccet 
(Ettm. 663) gemitus. Sehr bemerkenswert ist, dass ganz gleich- 
gebildete worter, aber mit collectiver bedeutnng erscheinen z. b. 
rymet (Ettm. 270) locus, syrwet (Ettm. 631) latibulnm. Ebenso 
in den anderen dialekten. Dae afr. hat benete gebein, stSnte 
gestein. Im ahd. erscheint ftsgizzi fischerei, hanilezzi decke, 
mahalezzi klage. In späterer zeit liebt das mittel fränkische 
diese bildungen besondere vgl. Weinhold mhd. Gr, § 248. Sie 
sind mit der Vorsilbe ge- verbanden und ihrer bedeutung nach 
teils abstracta, teile collectiva. Erstere haben natürlich durch 
anlehnung an die verba auf -azzen -izzen um sich gegriffen. 
Ebenso sind auf diese zurückzuführen ags. wmetta müsse, ahd. 
stvilizo rauch, mhd. blikze, shifze etc. 

4) Nach diesen vielen Übereinstimmungen zwischen griech. 
und germ. im gebrauch des suffixes -ad- scheint es mir unbe- 
denklich auch die gr. verba auf -«£«> und die germ. auf -aljan 
einander gleichzusetzen. Die ansieht von Curtius, der viel- 
mehr die verba auf -«fco mit denen auf -am für identisch hält, 
hat Mahlow, die langen vocale 8. 15 dahin zu modificiren ge- 
sucht, dass er die letzteren aus -äj'co, die ersteren aber aus 
■äj'co erklärt. Verba mit diesem auBgang finden sich aber in 
den idg. sprachen sonst nicht. Auf der anderen Beate stehen 
nomina auf -aq und verba auf -a£co in grosser anzal einander 
gegenüber vgl. Fick in BezzenbergerB Beitr. I 323, wo aller- 
dings der umgekehrte schluss daraus gefolgert wird, nämlich 
dass die nomina aus den verben gebildet seien. In der wei- 
teren entwicklung wurden verba auf -aQco auch von nicht ab- 
stammen gebildet; so erklären sich fälle wie egyäl^ofiai neben 
lQyä-TT)c. Ebenso stehen den verben auf -itjn germanische auf 
-itjan gegenüber, die durch das ahd. gesichert sind. 

Die verba anf -atjan beschränkten ursprünglich ihr ab- 
leitendes -ja- auf das präs. Dies beweist das (im got. allein 
von diesen verben vorkommende) prät. kaupasta, das wol zu- 
nächst für *kaapassa steht und zu beurteilen ist wie got. mösla 



»Nzedoy GOOgk 



114 

neben dem lautgesetzlichen ahd. muosa (Kugel s. 186). Ebenso 
trat das abstractsuffii -tu- direct an den verbalstamm auf -st- 
and bildete mit diesem vereinigt den suffixcomplex -assu- ans 
-attü: Auch Kögel s. 181 f. denkt sich den Vorgang in dieser 
weise, nennt aber die bildungen auf -assus- „supiria 1 * oder „ad- 
jeetivische paTticipien". Da er dies lediglich deshalb tut um 
die westgerm. formen mit got. -assus vermitteln zu können, 
werde icb auf diesen punkt später eingehen. Die grosse Ver- 
breitung , die das auf fix -assu- weiterhin gewann , erklärt sich 
aas dem character der verba anf -atjan. Dieselben werden 
sowol von nominibus als von verben gebildet, doch ist der 
erstere gebrauch offenbar der ältere, ans dem sich der andere, 
der im westgerm. überwiegt, entwickelt hat. Im anschlnss an 
subatantiva und adjectiva dient die ableitnng dazu nm eine 
tatigkeit au bzu drücken, die anf den begriff des nomens eine — 
oft nur sehr lose — beziehnng hat, so got. lauhatjan leuchten 
zu ahd. 16h, ahd. tumbizzen deBipere zu tumb etc. Von verben 
gebildet haben unsere verba iterativ-bedeutnng, die aber oft 
sehr verblasst ist vgl. ;ihd. blechazzen micare zn bRhhan, 
rünazzen nmsaitare zn ränSn, valiazzen collabi zu vallan. End- 
lich findet -atjan dann anwendung, wenn es gilt verba von 
Präpositionen, partikeln etc. zu bilden, eo ahd. heiiazzen „heil" 
rufen, gi-j&zen bejahen etc. Die verba anf -atjan sind also 
eine sich sehr bequem darbietende, ich möchte sagen farblose 
ableitnng. Ein aus dem verb auf -atjan hervorgehendes ab- 
stractnm konnte sehr wol direct als abstractnm des dem verbnm 
zn gründe liegenden Wortes und zwar je nachdem als primäres 
oder seeundäres gefühlt werden nnd zwar um so mehr, da der 
snffix comp lex -assu sich in seiner lautlichen form zu sebr 
von dem verb anf -atjan entfernt hatte und* man daher ganz 
natürlich an das zu gründe liegende wort anknüpfte. Nach- 
dem sich nun in einer reihe von ableitungen grundwort und 
abstractnm auf -assus durch das mittelglied eines verbums auf 
-atjan, das aber nicht mehr als notwendiges mittel gefühlt 
wurde, einander gegenüberstanden, wagte man vermittelst 
dieses sich so bequem darbietenden Suffixes auch directe bil- 
dungen. 

Versuchen wir uns den Vorgang nach den im got. erhal- 



fftizedDy GOOgk 



115 

tenen abstracten auf -assus zu vergegenwärtigen. Diese be- 
stehen aus zehn Wörter auf -inassus (L. Meyer s. 171), welche 
grösstenteils vevba auf -indn zur seite haben (für kalkinassus, 
vielleicht auch blötinassus, vaninassus sind sie zu erschließen, 
neben piudinassus steht piudanön), ferner ibnassusun&itfarassus, 
wo zu gründe liegende verba nicht belegt sind. Meiner an- 
sieht nach geht ibnassus nicht auf *ibnön, wie Leo Meyer 
will, sondern auf *ibnatjan zurück; dies wort ist im ags. be- 
legt: emneitan (Ettm. 26) adaequsre. Ebenso führt ufarassus 
auf ein "ufaratjan. Die bildung durch -atjan ist fftr ablei- 
tungen von präpositionen durchaus am platz vgl. ags. onetlan, 
ahd. anazzen antreiben, von der präp. arm gebildet; ags. an- 
dettan gestehen, von der partikel and gebildet; ags. oretan 
beschimpfen, von der präp. or gebildet. 1 Nachdem sich das 
Suffix -<ws« in diesen und anderen bildungen, die uns nicht 
erhalten sind, festgesetzt, tat man den weiteren schritt es in 
directem gebrauch zu verwenden. Es ist nicht zu verwundern, 
dasa es namentlich für solche verba in anspruch genommen 
wurde, denen kein anderes mittel zu geböte stand ihr abstrac- 
tum zu bilden. Dies war nun bei den verben auf -inön der 
fall. Die got. bildungen dieser art (L. Meyer s. 511), gehen 
zum teil auf ableitungen durch -ino- und -inä- zurück, wie 
fairindn, raginön; zum teil schliessen sie sich unmittelbar an 
männliche nomina agentis an und zwar ursprünglich an solche 
auf -an-, mit deren suffix in der form -in- die ableitung -on 
zu -inön sich vereinigte. Später trat dies -indn als fertiges 
suffix an nom. agentis auch mit anderem Stammauslaut an. So 
entstand in ursprünglicher weise fraujinön von frauja, gud- 
jinön von gudja, weiterhin hdrinön zu hors , reikinim zu 
reiks, skalkinön zu skatks , drauhtindn zu ga-drauhts st 
drauhti-, airinön zu airus, lekinön zu lekeis. Das in der 
„germanischen periode" (Zimmer, Nominalsuffixe s. 179) für nom. 

1 Ich weiss nicht, warum Paul Beitr. VII 122 diese art der ab- 
leitung aus präpositionen .höchst bedenklich" findet. Wir haben doch 
genug beispiele davon, daas aus Partikeln und interjeetionen verba 
auf -atjan gebildet werden. An der oben vorgebrachten erklärung 
der verba onduttan und orettan mochte ich allerdings jetzt nicht mehr 
unbedingt festhalten. 

8* 



»Nzedoy GOOgk 



116 

ag. am meisten beliebte suffix -an- gab das rorbild ab für alle 
Übrigen bildungen. Wenn nun an diese verba auf -inon das 
abstractsuffix -assu- antritt, so erblicke ich hierin die dritte 
schiebt der germ. abstractbildung. In der bildung durch -m- 
war uns die erste, in der durch -npu- die zweite entgegenge- 
treten. Man beachte, wie der character der suffix ein anderer 
geworden ist. In -ni- begegnet uns noch ein idg. Suffix, aller- 
dings mit der erweiterten funetion an den stamm abgeleiteter 
verba antreten zu können. In -dpu- hat sich bereits ein idg. 
suftix mit einem anderen ableitnngselement verknüpft und wenn 
auch im allgemeinen die bildung auf verba auf -im beschränkt 
bleibt, so begegneten uns doch auch weitere Übertragungen. 
In -inassu- stellt sich uns nun ein suffixcomplex der eigensten 
art dar: drei ableitungselemente sind mit einander so verknüpft, 
dass sie wieder als selbstständige, unabhängige ableitnng auftreten. 
Völlige Unabhängigkeit gewinnt er allerdings erst in den west- 
germ. sprachen. Im got. begegnen uns drei beispiele, wo 
-inassu- als ein geschlossenes Suffix angesehen werden könnte: 
kalkinassus, btölinassus, vaninassus; piudinassus von piudanön 
hat sich bloss im mittelvokal nach den häufigeren bildungen 
gerichtet. Zu ersterem darf man ohne weiteres ein *kalkindn 
vermuten, das aus *kaiks gebildet ist [*kalks zu kalkß, wie 
hdrs zu abd. huorra = *horjd), aber ein *bl6tinön neben 
blälan, *vaninon zu vans anzusetzen, trage ich doch bedenken. 
Ich ziehe vor in diesen beiden got. Wörtern Vorbilder für den 
späteren gebrauch des Suffixes zu verbaler und denominativer 
ableitnng zu sehen. 

Die mannigfachen formen, welche das besprochene suffix 
in den westgerm. sprachen annimmt, lassen sich meiner ansieht 
nach alle auf die grundtypen -assu- und -nassu- zurückzu- 
führen. Der erstere erscheint nur in resten vgl. Kugel s, 182 '. 
Der letztere ist als -nassu- und nicht -inassu- anzusetzen; die 
spur eines ursprünglich anlautenden t hätte sich nach kurz- 
silbigen stammen erhalten müssen, wenn dies auch nach lang- 
silbigen der regel gemäss nicht der fall gewesen wäre. Um- 
laut erscheint in beiden fällen nicht. Es wird daher anch 
nicht angehen das suffix -nassu- von den langsitbigen auf die 
kurzsilbigen übertragen anzusehen; vielmehr müssen wir um 



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117 

den Zwiespalt zwischen der got. und der westgerm. bildungs- 
weise (der bisher noch keine beachtung gefunden hat) zu lösen 
auf den bilduogsact innerhalb des nrgerm. zurückgehen. Und 
da drängt sich uns denn die Vermutung auf, dass das westgerm. 
-nassu- das gesetzliche, das got -inassu- eine einzelsprachliche 
nenbildung iat. Die «-stamme, welche, wie ich gezeigt habe, 
der ableitung zu gründe liegen, mussten bei antritt eines voka- 
lisch anlautenden, ursprünglich betonten Suffixes in schwächster 
form erscheinen d. h. auf blosses -n- ausgehend so z. b. im 
gen. pl. abne. Ebenso war ein *skitlk-n-dn und *skalk-n-assus 
zu erwarten. Wegen der härte dieser formen liess man im 
got. — aber nur hier — 6n an die mittlere Stammform auf 
-m- antreten und dehnte dann dies princip auch auf Wörter 
wie hörinon aus, obgleich ein *hörn-6n an sieh nichts an- 
stössiges gehabt hätte. Die westgerm. formen auf -nassu ent- 
sprechen dagegen vollkommen der reget. 

Viel schwieriger sind die abweich ungen im mittel vokal, 
dem thematischen ansgang und dem genns zwischen der got. 
und den westgerm. formen zu erklären. Dem got. masc. •assu- 
stehen folgende bildungen gegenüber: 

1) Nentr. -(n)assja- -{n)issja- -{n)ussja-. Vertreten im and. 
(Ps.) und hd. 

2) Fem. -{nfissd- -(ri)ussd-. Die erBte form liegt wahr- 
scheinlich dem ags. -nes zu gründe, sowie den von Kögel, 
Keron. Glossar s. 26 besprochenen ahd. worten indecnes, thienes 
(mit lau tg es etzli ehern nom.). Die zweite form erscheint im 
ahd. -(n)ussa, mhd. -nusse: zu erwarten wäre -nossa, aber die 
einwirkung der formen -fn)ussja- etc. hat das w erhalten. 

3) Fem. ■(n)is$J§- -(n)ussJ6-, Erscheint deutlieh im alts. 
ffödfiknissea-, hethinussia. Das ahd. -{n)issa wird wol auf 
(n)issjö- zurückzuführen sein; hei ~{n)ussa verbietet es der 
mangel des umlauts im mhd. Das ags. -nis geht wahrscheinlich 
auf -nissjS-, -nys sicher auf -nussjö- zurück. 

4) Fem. -(w)assi- -{n)issi- -(n)ussi-. Im alts. und ahd. 
Diese mannigfachen formen suchte Sievers Beitr. V 140 f. 

von einer grundform -nassja- aus zu erklären , welche ihren 
nominativ nach dem von ihm dargetanen gesetz auf -nassi 
bildete. „Nach der trennung der einzelsprachen tritt die ver- 



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118 

kürzung des i lautgesetzlich ein und es beginnt die Vernichtung 
der ("-form bei Wörtern wie bandi im alts. und ahd., sich bald 
auch auf nnsre abstracta erstreckend; wir sehen die drei 
hauptvertreter der abstracta an dieser Vertilgung teilnehmen : 
die feminina auf -ä- mit ihrem selbst schon neugebildeten nom. 
auf -a (alts. -nissia -nussia, ahd. -nissa) f die abstracta auf -i 
(alts. ahd. -nessi etc.) , endlich die starken nentra auf -i (alts. 
abd. -nessi etc.)-" Diese von Sievers supponirte grnndform 
-nassi hat nun Kögel ausfindig zu machen gesucht in dem 
schon oft citirten aufsatz e. 182. Er siebt in ihr „das regel- 
rechte femininum" zu der masculinbildnng auf -assus. Letztere 
muss er dem entsprechend als ein adjektivisches participium 
fassen. Es stände nun an sich nichts der annähme entgegen, 
das» eine bildung wie got. ibnassus nrsprQnglich „der gleichende" 
bedeutet hätte und sieh erst hieraus die bedeutnng „gleichsein" 
entwickelt hätte. Aber wenn anch das germ. sicher nomina 
agentis auf -tu- hat wie got. hliflus dieb, so kennt doch keine 
der idg. sprachen einen adjeeti vi sehen gebrauch des Suffixes. 
Und sind die bildnngen auf -assus nach Kögel etwas anderes 
als adjeeti va, wenn aus ihnen ausser dem fem. auch noch ein 
neutr, auf -assu entstanden sein soll, dass in den westgerm. 
sprachen zu -assi wurde wie got. hardu zu ahd. Aerrt? 
Auch bleibt es noch der Sievers-Kögel'schen auffassung ganz 
rätselhaft, warum im got. allein das masc. vertreten ist, im 
westgerm. dagegen das fem. nnd neutr. 

Ich fasse allein -(n)amt- als grundform (von den Variationen 
des mittelvokals zunächst abgesehen) nnd gerade so als alte 
abstractbildung wie -dpn-. Dies -nassu- wurde im westgerm. 
lautgesetzlich zu -nass. Diese form ging jedoch vollkommen 
unter, indem sich eine Veränderung des gescblechts und damit 
des thematischen ausgangs vollzog, die rein durch begriffliche 
rnomente herbeigeführt wurde. Im got. kann -assu- noch im 
wesentlichen als ein verbales suffix gelten. Allerdings ibnassus, 
ufarassits dünkt uns, da wir die dazwischen stehenden verba 
*ibnatjan, "ufaraijan nicht besitzen, eine denominative ab- 
leitung, aber die Wörter auf -inassus haben fast alle noch verba 
auf -Mio» neben sich. Dies ändert sich im westgerm. Hier 
entwickelt sich -nassu- zum geschlossenen Suffix. Indem so die 



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119 

vermittelnden verba verschwinden , musste das abatractum un- 
mittelbar zu dem grundwort z. b. weatgerm. *hf>r-nass zu hör 
gestellt werden. Es gewann damit den anachein eines deno- 
minativen Suffixes und die analogie verwandte es auch ganz 
überwiegend zur ableitung von uominibuB. Damit entstand die 
an forde rung. dass sich das suffix auch äusserlieli den andren 
Suffixen für denominative abstractbildnng angleichen musste. 
Nun ist es eine tatsache, dass diese überwiegend mit dem femi- 
ninen, seltener mit dem neutralen, so gut wie gar nicht mit 
dem masculinen geschlecht verbunden sind. Im skr. gibt es 
kein secundärsufßx , welches abstracta masc. gen. bildete, wie 
schon Zimmer, nominalsuffixe s. 194 richtig bemerkt hat Nicht 
anders ist es in den übrigen idg. sprachen. Aus dem germ. 
wtlsste ich nur das suffix -mo- anzuführen, wenn es sich einer 
vorausgebenden dentalableitung anschliesst: krädam etc., doch 
hat hier das totalsuffix durch Verschmelzung seiner beiden bestand- 
teile den ansehein eines verbalen gewonnen. Die alten mascu- 
liiia, welche im weatgerm. lautgesetzlich auf -nass auslauteten, 
gingen also in die analogie femininer und neutraler ab- 
stracta Über oder nahmen, was dasselbe sagen will, eine ent- 
sprechende ableitungaendung an. Ala accidena eines neutralen 
abstractnms bietet sich das suffix -jo- und es entsteht die 
endung -wtssja- neben -nassu- wie -Spj'a- neben -öpu-~, ipja- 
neben -ipö- etc. Für feminine abstracta ist daa älteste bil- 
dungsmittel einfach -ä- (es erscheint auch in -iskö- neben 
-iska- [ahd. diutisca, Aeidisca] -ungö- neben Hnga-), dann -ja- 
(beispiele bei Schlüter, Suffix ja a. 157.) und vor allem -i-. So 
entstehen die formen -nassö- -nassj'6- -nassi-, die sich auf die 
einzelnen dialekte verteilen. Dass die ableitung wirklich keinen 
weiteren zweck hat als den denominativen abstraetcharacter 
mehr hervorzuheben, sieht man auch daraus, dass die Ver- 
stärkung im ahd. noch weiter fortgesetzt wird: wir haben hier 
-nassida und sogar -nassidi. Weit entfernt also mit Kögel 
eine urgerm. oder gar idg. ableitung -attvi -assvi anzusetzen, 
halte ich alle vom gut. abweichenden ableitungsformen für ent- 
wicklungen des westgerm., die zum grossen teil wol erst in die 
einzelsprachen fallen. 

Schwerer ist die frage zu beantworten, wie sich die 



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120 

schwankenden vokal Verhältnisse in der ersten silbe des suffixes 
erklären. Kögel s. 183 glaubt sich nur durch die annähme 
helfen zu können , dass es neben den verben auf -at/an auch 
solche anf -etjan- -itjan und -utjan gegeben habe. Verba auf 
-itjan wenigstens sind ja durch die abd. auf -izzen vollkommen 
sieher bezeugt. Aber es ist nicht einmal notig diese und noch 
viel weniger alte verschollene verba auf -utjan heranzuziehen. 
Die Wechsel von a und u in unserer ableitung beruht auf 
spontaner laut entwick hing. Zu den bedeute nsten partien in 
Paul's reichhaltiger abhandlung „zur geschieht« des germani- 
nischen vocalismns" gebort der abschnitt, in dem der verf, 
über den wechsel zwischen u, o und a in roittelsilben handelt 
Er weisst nach, dass ein solches «, o sowol für a ■= idg. o 
als für a = idg. a auftritt und entscheidet sich dafür — im 
gegensatz zur früher herschenden auffassung — den dumpferen 
laut (o) für das ältere zu halten, vgl. Beitr. VI 178 ff. Letz- 
terer erhält sich, wie Paul an einer reihe von beispielen aus- 
führt, namentlich vor folgendem o- oder w-laut des suffixes. 
Gerade bo mag es einmal bei -assu-, welches, wie ich oben zu 
beweisen gesucht habe, seinem thematischen Ausgang nach die 
einzige urgerm. form des snffixes ist, gewesen sein. Der ur- 
sprüngliche laut wird sich in denjenigen casus dem u zugewandt 
baben, in denen ein u im suffix stand, also im nom. acc. sg. 
dat. acc. plur. ; folgte dagegen ein hellerer vokal, wie im gen. 
auf -aus, im dat. auf -au, so stellte sich ein a her. Beide 
formen, die mit a und die mit u in der ersten silbe, wurden 
dann verallgemeinert. Verfolgen lässt sich leider dieser Vor- 
gang nicht mehr, da das Suffix im got nnr a hat, wie es der 
neigung dieser spräche entspricht, im westgerm. aber bloss in 
Weiterbildungen erscheint. — Was das auftreten von i in unsrer 
ableitung betrifft, so verbreiten auch hierüber Pauls ausfflh- 
rungen Beitr. VI 266 ff. licht. Es haudelt sich hier um jenen 
über das german. hinausgehenden Wechsel zwischen hellerem 
und dunklerem vokal in mittelsilben , Über den ich meine von 
Paul's auffassung abweichende ansieht im excurs zu dieser stelle 
begründen werde. Paul sieht den grund des wechBels in ehe- 
maliger stammabstufung. Diese auffassung lässt sich für un- 
seren fall wol hören. In den wurzelhaften bildungen auf -tu- 



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121 

fanden wir, nach der Verschiebung der dentalia zu schlissen, 
den ton batd auf der wurzeL bald auf dem suffix; .in den bil- 
dungen auf -öpu- fanden wir im got, schwanken zwischen 
-ödus nnd -opus: grimd genug auch den wecbsel zwischen 
-issu- -assu- auf ein schwanken in der betonnng zurückzu- 
führen. Darüber, wie die Verteilung dieser formen anf die 
einzelnen casus war, wollen wir uns hier nicht in Vermutungen 
verlieren; jedenfalls erfolgte später eine Verallgemeinerung der 
formen -issu- -assu-. Natürlich müssen wir uns diesen Vorgang 
viel früher erfolgt denken, als daa ans einander treten der formen 
-assu- nnd -ussu-. Ich bin indess der ansieht, dass diese immer- 
hin complicirte annähme einer Stammabstufung bei unserer ab- 
leitnng nicht erforderlich ist, sondern dass wir aus dem antritt 
des suffixes -tu-, bald an die dumpfvokalisehe , bald an die 
hell vokalische suffixform - -at- die mehrheit der formen recbt 
wol erklären können. Zur begründnng verweise ich auf den 
excurs. 

Ueber die got. bildungen auf -assus habe ich schon oben 
gehandelt. Im attn. fehlen sie gänzlich. Es ist hier eine Ver- 
mutung von Sievers (Beitr. V 67 anm.) zu erwähnen, dass in 
die bildungen auf -neskja, welche secnndäre abstracta sind, 
auch solche auf -nessja (mit demselben Übergang zur /ö-decl. 
nnd zum fem. wie im westgerm.) mit aufgegangen seien, indem 
letztere sich an die neben ihnen bestehenden adjectiva auf 
-{n)eskr angeschlossen hätten. Ich kann mich dieser Vermutung 
nicht anscbliessen. Zunächst sehe ich nicht ein, warum die 
bildungen auf -assus ihre ursprüngliche w-decl. hätten aufgeben 
sollen, während doch sonst die stamme auf -tu- dies nicht 
getan haben. Dann kann ich einen näheren begrifflichen Zu- 
sammenhang zwischen den altn. Wörtern auf -neskja und den 
westgerm, nis-bildungen nicht erkennen. Das auffix -neskja 
bildet nur denominative abstracta und steht ursprünglich so 
neben den adj. auf -neskr, wie das auffix -ska neben denen 
auf skr, hat aber dann, wie auch -ska, weiter um sich ge- 
griffen. Der grund der differenz in der lantform der suffixe 
ist allerdings nicht ersichtlich; aber sie auf die einwirkung 
eines imaginären an. Suffixes -nessja zurückzuführen, berechtigt 
uns nichts. 



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122 

Im angelsächsischen ist die ms - ableitung ungemein 
verbreitet, .jedoch mehr in der prosa als in der poesie. Glimm 
hat Gr. II' 308 bemerkt, dass im Beowulf aooh kein beispiel 
vorkommt; in anderen gefliehten ist sie jedoch nicht mehr sel- 
ten. ■ Es begegnen die formen -ness, -niss, -nyss, letztere erat 
in der prosa. Wir müssen darnach drei verschiedene grunfl- 
formen: nissd-, nissjö-, nussj'6- ansetzen. Dieselben sind dialek- 
tisch zu scheiden; doch ist es hier schwierig grenzen zn ziehn. 
Am 'häufigsten findet sich -niss im Beda und den Psalmen. Die 
endung -nyss findet sich erst in späten quellen und ist viel- 
leicht bloss aus -niss verdorben, da häufig y für t eintritt 
Auch im nags. stehen sich die formen -nisse und -nesse (das 
e durch einwirkung der obliquen casus angetreten) einander 
gegenüber, aber im engl ist die letztere form allein durchge- 
drungen. Das gebiet des auffixes ist hier sehr umfassend; bei- 
spiele bei Koch und Mätzner. Vorwiegend ist es in denomina- 
tivem gebrauch. Schon im ags. iat dieser bei weitem überwie- 
gend (in der poesie 13 ■ 44), daneben findet sich aber auch 
der verbale nieht ganz selten. Im folgenden gebe ich die 
hauptsächlichsten belege für denselben. 

1. -ness (-niss) an den st schwacher verba antretend: 

ae-byligrtess (Gr. I 63) entrüstung (bylgean). — byrigness 
(Ettm. 286) geschmack (byrigari). — berniss (Ettm. 290) brand 
(bernari). — bregness (Ettm. 316) Bchrecken (bregean). ■— breng- 
ness (Ettm. 322) darbringung (brengan). — cyiSness (Ettm. 
377) zeugniss (cytfari). — clyppniss (Ettm. 393) umfassen (clyp- 
pari). — ehtnis (Gr. I, 233) Verfolgung {ehtan). — feegniss 
(Ettm. 3281 schmuck (fiegian). — fastness (Ettm. 338) festung 
{fwstari). — fmlniss (Ettm. 357) anstoss (f&lan). — fedness 
(Ettm. 335) nahrnng {federn). — ge-ßlnyss (Ettm. 329) Wahr- 
nehmung (filari). — ferness (Grein I 286) gang (feran). — 
ge-fredness (Ettm. 367) Wahrnehmung (fredan). — fyligne&s 
(Ettm. 347) folge (fyligan). — g&lniss (Ettm. 424) absehen. 
— hereness (Gr. II 36) lob (kirari). — hrerness (Gr. II 103) 
bewegang {hrerari). — hyspness (Ettm. 469) beschimpfung 
(hyspari). — ge-hyrness (Gr. I 418) hören (hyrari). — l&dniss 
(Ettm. 191) führung (lebdari). — iea/hess, fyfness (Ettm. 174) 
erlaubnis (lyfari). — leorness (Ettm. 190) lehre {leornian). — 



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123 

leorniss (Ettm. 179) Abgang [leoran). — lygniss (Ettm. 177) 
Verheimlichung (lygnan). — ge-reordnyss (Ettm. 266) erholung 
(gereordian). — scildness (Ettm. 682) echutz (scildan). — 
d-tverdniss (Ettm. 109) Verletzung {ätverdan). — tvyrigness 
(Gr. II 763) fluch (tvyrgiari). — ycness (Ettm. 58) Vermehrung 
(ecetm, §can). — frr&stness (Ettm. 612) peinigung (f>r&stan). 
Prycness (Ettm. 611) bedrängnis (pryccari). 

2. -ness (-niss) an den stamm starker v. antretend: 

Hier sind die beispiele weniger zahlreich, ausserdem zum 
gross tcn teil unsicher, da das suffix, im falle d&ss der Inf. 
dem part. praet gleichlautend ist, an letzteres mit unterdrück- 
tem n augetreten sein kann. Ich nenne: 

frigeniss (Ettm. 369) frage (frignan). — gifness (Gr. I 
506) woltat {gifan). — healdness (Ettm. 455) beobachtung 
(healdan), — rötvness (Ettm. 269) rudern (röwan). — sprmg- 
ness (Ettm. 722) ansgang {springan). — tveaxness (Ettm. 84) 
Wachstum {tveaxan). 

Unter den zahlreichen denominativen bildnngen ist eine 
kategorie besonders hervorzuheben: die Wörter, welche das 
autfix an ein particlpiam haben antreten lassen. Indem 
suf'fix und participialableitung in einander aufgehn, entsteht 
gewiBBermaBaen ein neues verbales Suffix. Das pari, iet in der 
regel das des praet., selten das des praes. Ich kenne für letz- 
teren fall nur drei beiapiele: stvelgendness (Ettm. 752) ver- 
schlingen (srvelgan), ofer-swföenäness (Ettm. 765) bedrängnia 
(stviiSian), ä-mstendness (Ettm. 82) Verwüstung (tvistan). 

Die bildnngen, welche . sich an part. praet. anschliessen, 
stellen sich der bedeutung nach ebenfalls direct zum verbum, 
ohne dass ein nachklang der präteritalen bedeutung des part. 
zu bemerken iat. Sehr häufig stehen bildnngen auf -edness 
oder -etmess und. solche, die direct vom verbalstamm abgeleitet 
Bind, gleichbedeutend neben einander. In folgenden Wörtern 
tritt das suffix -ness (-niss): 

a) an schwache part. brysedness (Ettm. 324) und bryted- 
ness (Ettm. 326) zerreibung. — cennedness (Ettm. 404) erzeugung. 
Daneben cenness. — cerredness (Ettm. 379) Wendung. — ge- 
drefedness (Gr. I 393) Verwirrung. Daneben gedri/ness. — 
ge-fSgedness (Ettm. 329) figura. — fr<e(vödne$$ (Ettm. 368) 



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124 

schmuck. — g&gedness (Ettm. 424) eile. — hyredness (Ettm. 
476) gehorsam. Daneben hyreness. — hwerfedness (Ettm. 513) 
Veränderung. — ä-lyfedness (Ettm. 175) erlanbnis. — lyscdness 
(Ettm. 181) lösung. — mitedness (Ettm. 199) begegnnng. — 
ge-reccednyss (Ettm. 252) erzählung. — sealdness (Ettm. 629) 
Verleihung. — on-segedness (Gr. II 351) opfer. — stencedness 
(Ettm. 733) Zerstreuung. — on-wendedness (Gr. II 354) Ver- 
änderung. — at-ywedness (Ettm. 59) zeigen. Daneben at-yw- 
ness. — pearfedness (Ettm. 582) armnt n. a. 

b) an starke part. Fast bei jedem wort kommt neben 
den formen mit nn eine solche mit einfachem n vor. btärven- 
ness (Ettm. 310) anblasen. — corenness (Ettm. 389) aus wähl. 
— on-cnäwenness (Ettm. 396) wissen. — farenness (Ettm. 331) 
fahrt. — gotenness (Ettm. 432) ausguss. — gripenness (Ettm. 
445) gefangen Schaft. — for-Udenness (Ettm. 192) nntergang. — 
metenness (Ettm. 2L0) mass. — spdwenness (Ettm. 719) er- 
folg u. a. 

Im altfriesischen bildet -nlsse -nesse (oft umgestellt zu 
-ense) denominative und verbale abstracta. Von letztern nenne 
ich: U-skirmense (R. 646) beschirmung, hengnese (R. 807) Zu- 
lassung, sSbzisse (R. 1003) nachsuchen, sprekense (R. 1043) 
sprechen, ur-sümenisse (R. 1116) Versäumnis. 

In der epischen spräche des Heliand begegnen, wie zu 
erwarten, nur wenige «i'J-bildnngen: efnissi ebene = got. tb- 
nassus, godliknissea-nissi herrh'chkeit, farlegarnessi ehebrnch, 
giliknessi bild, lauter denominalive Ableitungen. Aus den klei- 
neren and. denkmälern ist das bekannte hethinussia (gebildet 
wie got piudinassus an piudans) zn nennen. In den Psalmen 
sind bildungeu auf -nissi -nussi mit meist neutralem geschlecht 
häufig. Eine ältere bildung ist behrervissi Zerknirschung (59, 5). 
Die übrigen sind fast alle denominativ vgl. Gr. II 2 308, verbal 
rebarmtssi (gl. Lipa.) euthnllung, refangnussi (gl. Lips.) Wider- 
legung, giruornus&i (65,9) regung, farhugnissi (gl. Lips.) Ver- 
achtung, testdrnussi (72, 19) zerBtörung. 

Die grosse mann i^ faltigkeit der formen, welche das alt- 
hochdeutsche aufweist, läsat sich teils durch zeitliche, teils 
durch dialektische grenzen in folgender weise bestimmen: 

1. die a-formen -nassi -nassi gehören bloss der älteren 



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zeit an, finden sich aber hier sowol ober- ale mitteldeutsch. 
Fürs alemannische sind zu nennen: gl. Ker., gl. Paul., gl. Slett.; 
fürs bairisehe: Fa., Exhori., gl. Em., Freisinger gl. zu Isidor; 
fürs mitteldeutsche: Tatian. Durch die in Pa. und den gl. K. 
vorkommenden formen auf -nesst glaubt sich Kögel, da in die- 
sen denkmälern der umlant noch nicht durchgeführt ist, zum 
ansetzen einer e-form berechtigt. Mir scheint aber die an- 
nähme, dass der umlaut iu diesen Wörtern früher eingetreten 
sei, als sonst in safSxsilben, viel weniger gewagt, als dass sich 
ein e bei ableitendem -ja- erhalten haben soll. 

2. Die t- formen -nissa, -nisst, -nissi sind zwar alten Ur- 
sprungs, haben sicli aber spater auf kosten der a-formen aus- 
gebreitet. Ihr gebiet ist das alemannische and mitteldeutsche, 
weniger das bairisehe. Die Verteilung der formen auf die ein- 
zelnen ahd. Schriftsteller bei Grimm II 306. Im alemannischen 
finden sie sich in der Benedictin erreget, den Hymnen, gl. Jun., 
selten bei Notker (hänfiger die erweiterte form -nisseda). Ans 
dem bair. habe ich die beiden auffallenden formen thienes in gl. K., 
indechnes in Ra auf -nissa zurückgeführt (andere Kögel s. 26); 
auch findet dies sich in den fragm. theot. (vielleicht aus der 
fränkischen vorläge übertragen) und unhäufig in späteren denk- 
mälern (Weinhold, bair. Gr. 207). In der mhd. zeit ist die 
endung -nisse oberdeutsch nicht beliebt, vgl. Gr. II 309, 
Weinhold, al. Gr, 216, mhd. Gr. 223. Dagegen ist das mittel- 
deutsche das eigentliche gebiet der nü-form, was sich schon 
aus ihrem vorkommen in einem so alten denkmal, wie dem 
Isidor, und in einem poetischen werk, wie dem Otfried ent- 
nehmen lässt. Deshalb teilen auch die mhd. dichter in md. 
zeit nicht die abneigung gegen diese bildung; sie findet sich 
bei Herbort, in der Elisabeth, der Erlösung, dem Passional. 
Durchs md. ist die form im nhd. wieder lebendig geworden. 

3. Die «-formen -tiussa, -nussi, -nussi gehören vor allem 
dem bair. an und finden sich hier schon in alten denkmälern : 
Pa., den gl. Hrab., gl. Teg. und gL Mens. In mhd. zeit begeg- 
nen sie bei bair. Schriftstellern, vgl. Weinhold, bair. Gr. 207. 
208. Auch im alemann, finden sie sieh, aber erst in späterer 
zeit al. Gr. 216. 

Die erweiterten formen -nissida, -nussida erklären sich 



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126 

ganz so wie -nissi, -nussi etc. ans dem bestreben dem deno- 
minativen Charakter der ableitnng aasdrnck zn geben. Die 
erster« begegnet im alem. (bei Notker) und im bair., letztere 
nur hier, namentlich in den gl. Teg. und den Windb. psalmen. 
Wie aber -nusse, -nüsse spater auch ins alem. eindringt, so 
auch -nussida (das sich wol ans gründen des wolklangs besser 
erhielt als -nissida): es liegt vor in -nussede (z. b. behalt- 
nussede, Haupt 68, 3) im alem. hohen lied und wahrscheinlich 
in dem späteren -rätst, -nüst, in dem ich nicht mit Weinhold, 
al. Gr. 216, mhd. Gr. 224 ein „unechtes" oder „epithetisch es" 
t sehen mag. 

Diese snffiie, deren abgrenznng im einzelnen noch einer 
näheren bestimmung bedarf, sind im ahd. ganz überwiegend in 
denominativem gebrauch. Von 98 bildnngen, die ich bei Graff 
angegeben gefunden habe, sind nur 12 sicher verbal Es 
sind dies folgende: dhtnessi (Gr. I 109) persecutio (ähten). — 
int-deknessi (Gr. V 101) apocalypsis (decken). — untar-fuor- 
nissa {Gr. III 600) subvectio (fuoren). — gi-hörnessl (Gr. IV 
1008) auditus (hören). — gi-ruomessi (Gr. IV 1178) motus 
(hruoreri). — ar-lösnessi (Gr. II 278) redemtio (lösen). — ffi- 
miscnis&i (Gr. II 880) confusio (miscen). — rätissa -ttssa -nissa 
-nussa (Gr. II 467) propositio (rätan). — ar-suochnissa (Gr. VI 
87) experimentum (swchen). — spreilnisst (Gr. VI 39S) dia- 
persio (spreiten). — tvartnissa -wissi (Gr. I 959) corrnptio 
(märten). — rverdnissa -nussa -mtssi (Gr. 1 1013) jnstificatio 
(werden). 

Wie im ags. kommt es vor, dass ein nis'-suffis an daa 
part. antritt und so gewissermassen eine verbale bildung ent- 
steht, z. b. funtannissa (Gr. III 535) adinventio, gi-naltannissa 
(Gr. IV 908) pndicitia, far-loranissa (Gr. II 266) perditio — 
das einfache n erklärt sich durch ausgleiehung mit der de 
nominativen bildnng far-lornissa — ■, int-lohhanassi (Gr. II 142) 
reserratio etc. Die bildnngsweise gelangt nicht zu besonderer 
ausdehnung, da -t im ahd. als denominatives suffix noch leben- 
dig ist und in diesem falle anwendnng findet. 



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II. Das auflebeq neuer bildungsweisen für verbal- 
abstracta innerhalb des germanischen. 

Der erste abschnitt meiner Untersuchung konnte * dem 
schöpferischen geiste der deutschen spräche nur zum kleinen 
teile gerecht werden. Wir sahen wie der grösste teil der 
Suffixe fflr verbale abstractbildung, welche vom idg. her der 
spräche zu geböte standen, nach grösserer oder geringerer 
Wirksamkeit im urgermanischen, in den ei nzel sprachen seinen 
Untergang fand, wie nur einige, durch verbalableitende elemente 
verstärkt, sich in diese hinübevretteten. Aber diese allein 
konnten dem in der entwicklnng der spräche immer mehr 
hervortretenden streben nach abstracter ausdrncks weise nicht 
genügen. Auch von anderer seite her musste ein Zuwachs 
der bildungsmittel für verbale abstracta erfolgen; dies geschah 
durch heranziehung von snffixen, welche ursprunglich 
anderen wortkategorien eigen waren. Es handelt sich 
hier durchweg um „falsche analogie"; die spräche tat nach 
der banalen ansieht einen fehlschlnss, indem sie, bald durch 
begriffliche, bald durch rein formale momente bestimmt, ein 
suffix zur verbalen abstractbildung verwandte, das ursprünglich 
einem anderen zwecke gewidmet war. Der Vorgang fällt in 
verschiedene Zeiten, teils in die urgerm. periode und aus- 
schliesslich in diese, teils in die ei nze (sprachen , doch so, dass 
ein gewisser urtypna schon im urgerm. vorhanden sein kann. 
Die Scheidung in lebende und tote suffixe findet auch hier ihre 
volle anwendnng. In ihrer grossen mehrheit haben wir es 
aber gerade mit solchen Suffixen zu tun, welche bis in die 
neueste zeit lebendig geblieben sind und in hervorragender 
weise über die entwicklnng der deutschen spräche, namentlich 



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128 

Dach der begrifflichen seite hin licht verbreiten. In keiner 
spräche, das slavische vielleicht ausgenommen, tritt ans eine 
solche falle in der b egriffsbe Zeichnung , ein so lebhafter ans- 
tausch und eine so reiche Vermehrung der biefttr bestimmten 
bildungs mittel entgegen, als im germ. Es bietet sich uns hier 
ein reicher schätz zur ergründung der altgerm. denk- und 
. anachaunngsweise. 

Die von mir im folgenden gegebenen ansfuhrnngen sollen 
keineswegs alle Übergänge, welche hier zn bemerken wären, 
erschöpfend behandeln, Bondern nur die hauptsächlichsten vor 
äugen führen. Eine weitere Scheidung zwischen germ. und 
einzelsprachlichen bildnngen nehme ich nicht vor, da sich die 
unterschiede aus der darstellung selbst ergeben. 

A. Der Übergang instrumentaler bildnngen zn 
verbalabstracten. 

Die nomina instrnmenti sind eine abart der nomina agentis 
nnd beweisen, dass die bezeichnnng der lebenden, tätigen wesen 
eine frühere schöpf nng der spräche war als die des leblosen. 
Es ist ein für den geist des idg. in hohem grade characteristischer 
zug, dass man die bezeichnnng des toten dings mit Vorliebe dar- 
aus entnahm, welche stelle es im Organismus der natnr ausfüllte 
nnd so sein dasein als ein handeln auffasstc. Besonders 
bei dingen, welche im gebrauch des menschen standen, fand 
diese bezeichnnng anwendung; man übertrug die tätigkeit des 
handelnden menseben auf sein Werkzeug. Sie ist sowol dann 
statthaft, wenn das ding hier direct als mittel, also activisch 
zu betrachten ist, als anch, wenn die tätigkeit des menschen 
sich bloss auf das ding erstreckt, dies also in passivischer 
beziehung steht. In allen diesen fällen konnte das betreffende 
Substantiv die bildung eines nom. ag. haben, es gibt kein snffix 
für dieses, welches nicht anch für jenes hätte anwendung finden 
können. Wol aber werden gewisse suffixe mit vorliebe zur 
bezeichnnng des mittels oder werkzengs verwandt. Es sind 
dies die suffixe -mo-, -men-, -lro~, -ro- und -lo-. 

Die geschieht« dieser suffixe geht ans nur soweit an, als 
sie ihrer ursprünglichen bedentnng untreu geworden sind und 



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129 

als bildungs mittel für abstracf.ii auftreten. Das Domen instru- 
mcnti war daza bestimmt uls verbindendes glied zwischen der 
so divergirenden bedentnng eines nom. agentis und nom. actiouis 
ku fungiren. Ein nom. ag. , welches als nom. instr. verwandt 
wurde, ging damit von der Sphäre des lebenden in die des 
leblosen über und indem der verbalbegriff dadurch ins passi- 
vische gewandt wurde, konnte die bildung, sich in ihrer be- 
deutung immer mehr erweiternd und schliesslich über die Sphäre 
des sinnlichen hinausgehend, abstractbedeutung annehmen. An 
zaireichen beispielen führt Osthoff in Beinen Forschungen I 134 f. 
diese entwicklung vor äugen. War ein solcher Übergang in 
einer reihe von bildnngen erfolgt, so konnten sich nun neu- 
bildungen in der weise anschliessen, daas man mit beiseite- 
lassung seiner ursprünglichen function dem Buffix abslraet- 
bildende kraft beilegte. So treten neben die ursprünglichen 
nom. instr. gleicligebildete, aber in der bedentnng abweichende 
abstracta. Versuchen wir uns diesen Vorgang naher zu ver- 
gegenwärtigen, soweit das sprachliche material dazu ausreicht. 



1. Die sufttze -mo- und -tuen-. 

Die auffixe -mo- und -men- mit ihren Weiterbildungen 
(vgl. Brugman in den Morphol. Unters. II, 148 ff.) haben sich 
im idg. in grosser mannigfaltigkeit entwickelt. Das germ. zeigt 
eine grössere Übereinstimmung mit dem skr. als z. b. mit dem 
griech. und lat: in beiden sprachen kommen nur -mo- und 
-men- in grösserem maBsstab zur auwendung, während die im 
griech. und lat. so ungemein verbreitete Weiterbildung -mnto 
sich hier wie dort nur in spuren findet. Die bedeutung der 
suffixe ist eine wechselnde, doch leuchtet die eines nom. ag. 
oder instr. in allen sprachen besonders hervor. Im skr. be- 
zeichnet -ma- „die person oder sache, welche die durch die 
wurzel ausgedrückte Handlung vollbringt oder an welcher sie 
vollbracht wird" (Bopp § 805). Abstracta werden durch dies 
suffix nur wenig gebildet. Umgekehrt sind bei -man- die nom. 
ag. oder instr. in der minderiieit und zu den abstracten ge- 
hören vor allem die zaireichen neutra. 

Wenn auch nicht abgeleugnet werden soll, daas die suffixe 



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130 

-mo- und -men- sclion in der gm nd spräche abstractbedeutung 
hatten, so ist doch nicht za verkennen, dass der Übergang zu. 
der letzteren teilweise erst in der einzelsprache erfolgt ist. Im 
gern), hat ein grosser teil der bildungen noch concrete bedeu- 
tung, teils uneingeschränkt, teils so, dass sieb ein allmählicher 
abergang ins abstracto gebiet wahrnehmen lässt. Die entwick- 
lung dieser bildungen geht vom einzelnen ins allgemeine: dies 
ist der gegenzug gegen das bei den alten abstracten hervor- 
tretende bestreben die handlung auf einmal einzuschränken 
und so za dem concreten gegenständ, durch welchen die hand- 
lung bedingt ist, hinüberznleiten. Nach unserem Sprachgebrauch 
ist ström und fluss fast gleichbedeutend, sowol wenn die Wörter 
concret angewandt werden als auch abstract z. b. fluss der zeit, 
ström des lebens. Fluss ist aber das alte abstractum und be- 
deutet das fliesseu, ström dagegen ursprünglich nom. ag. mit 
der bedeutung „der messende". In dieser weise erfolgte ein 
vollkommener austausch der alten bedeutung. Ein solcher 
Übergang braucht aber nicht in jedem einzelnen worte erfolgt 
zu sein, vielmehr setzten sich -mo- -men- schon im urgerm. 
schlechthin als abstractsuffixe fest; einige abstracto bildungen 
dürfen noch höher hinauf gerückt werden. Aufs urgerm. be- 
schränkt sich aber auch die anwendung der suffixe überhaupt. 
Neubildungen dürfen wol kaum angenommen werden; der um- 
stand, dass fast alle worte in mehreren dialekten belegt sind, 
spricht dagegen. Nur im altfries. sind sie unverkennbar. 
a) suffix -mo-. 

Fürs skr. gilt die regel, dass bei den nom. ag. auf -»wi- 
der ton auf dem suffix, bei den verbalabatracten auf der Wur- 
zelsilbe ruht {Lindner s. 90, Whitney 1168); doch ist dieser 
gebrauch nicht consequent durchgeführt und gewis jüngeren 
Ursprungs. Saussure s. 74 f. stellt stärkste stufe als regel auf, 
während er bez. der betonung kein durchgehendes prineip aus- 
findig zu machen weiss. Ich kann mich dem fürs germ. nur 
anschliessen. Sowol wurzel- als suffixbetonung ist in einzelnen 
Wörtern sicher bezeugt, erstere durch *epma- *fapma- *svapma-, 
letztere durch *SSma- *tauma- (aus *(augmd') *drauma- (aus 
draugtmä-). Einmal zeigt dasselbe wort Wechsel der betonnng 
("epma- und *etima-). Bez. des wurzelvokals ergibt sich 



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131 

Steigerungsstufe als ein fast durch gehen des principe Die 
ausnahmen sind wenig zahlreich und werden z. t nachher ihre 
erklarting finden. — Mit dem Suffix -mo- scheint verschmolzen 
das suffix -mi-. Auf dies weisen einige formen im goi und 
ags. Da nicht einzusehen ist, warum hier ein willkürlicher 
Übergang zur t'-decl. erfolgt sein soll, sehe ich {in ihnen reste 
des gebrauchs jenes auch im skr. vertretenen Suffixes (Whitney 
1167), das mit dem -mo- die gleiche fnnetion ausübte und 
diesem später ganz gewichen ist. 

Die ableitiingen durch -mo- sind masculina, hie und da 

ins ntr. schwankend. Ich versuche nach der fnnetion einzuteilen. 

a) Reine concreta. Von Wörtern, welche die bedeutung 

eines nom. ag. oder instr. ungestört beibehalten haben, erwähne 

ich die etymologisch klaren: 

germ. *barma- (fbarmi-) schoss, eigentlich „der tragende", 
got. barmt (ist) an. barmr, ags. bearm, as. ahd. barm. 

germ. *haima- {*haimi- *heimd-) wohnstätte, haus. got. 
fiaims (fem. (-st, aber im plur. haimds), an. keimr und 
schw. heimi, ags. h&m, afr. Mm m. und kerne f., as. kSm 
(m. und n.), alid. heim (nach den adv. keime und heimi 
ist ein masc. oder neutr. a-st, und ein fem. i'-st. anzu- 
setzen) und heima. Fick III 75. 

germ. *helma- heim, eigentlich „der bergende", got. hilms, 
an. hjälmr, ags. afr. as. ahd. heim. Bngge in Bezzeu- 
bergera Beitr. II, 118 vergleicht skr. cärman schirm, 
Schutzdach, lit. szalmas } apr. salmis heim. 

germ. "iaima- lehm, eigentlich „das flüssige, formbare", ags. 
läm, ahd. lehn (und leimo, so auch and.). Nahe ver- 
wandt ist: 

germ. "Hma- leim, klebemittel, an. Hm n., aga. ahd. lim m. 
Fick III 268. 

germ. *maipma- geschenk, eigentlich „das gegebene", got. 
maipms, an. meiern, ags. mätium, as. miSom, mhd. meidem (?), 
za lat. mutttus aus *moituos. 

germ. *malma- (*maiman-) und "melma- staub, eigentlich 
„das zerriebene", got. schw. malma, an. malmr, ags. 
mealm; as-, ahd. melm. 



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132 

germ. *muma~ naht, eigentlich „das genähte", an. sa 
ags. seam, ahd. mw». Pick Hl 326. 

germ. *sküma- schäum, an. sküm n., ahd. «cum m. Im mlid. 
auch scoum, was als Österreichische form angesehen wird. 
Nach Fick 111 336 von idg. sfceu bedecken. 

germ. *svarma- Bchwarm, eigentlich „der schwirren de ", alid 
srvarm. Fick III 362. 

germ. *parma- dann, eigentlich „der (durch den leib) hi: 
durchgehende/ (Schade Wb. - 96: der von der spei sein aase 
durchschritteue kanal), an. parmr (nur im pl.), aga. pearm, 
afr. therm, ahd. daram, darm. Fick III 131. 
Weniger klar ist die ursprüngliche bedeutuug in: 

gern). *bagma- bäum, got. bagtns, au. baftmr, aga. beam, 
afr. bäm, as. hiim, ahd. io«»i. Die abweichenden formen 
des alt n. und gotischen erklären sich durch Spiranten- 
vertauschung; westgerm. *bauma- entstand aus bagma- 
wie ahd. soum, last, aus ady/ta. Zu gründe liegt eine 
wurzel bhagh skr. banh, wachsen: die ableitung von bhü 
ist unhaltbar. 

germ. *bufcma- boden, aga. botm, as. bodom (nur dat. bödme), 
aiid. bodam vgl. gr. xv&fttjv. Im altn. öoin, was skr. 
budhna-, lat, fundus entspricht Der Wechsel der m- und 
«formen ist duukel. 

germ. *felma- haut, got. in us-filma erschrocken, an. felm, 
ags. film, vgl. gr. ziliia sohle. In Weiterbildung aga. 
/item membrana, afr. filmene f. liaut. Ein *felma- * falma- 
in abstracter bedeutuug liegt zu gründe der an. sippe 
/Ütea hinschwanken, /Wmr erschrocken etc. Fick 111 182. 

germ. *rauma- milchrahm, ags. ream, nd. rom, mhd. ro«m. 
Daneben an. rjömi achwach. 

ß) Conereta, in die abstracto Sphäre hinüber- 
streifend: 

germ. *epma- (*Spman- *SSma-) hauch, geist, ags. <e8m, 
afr. ethma, as. älhom, ahd. älum. Mit dem akr. ä'tman- 
stimmt in bez. auf den stammauslaut nur das fries. wort, 
in der betonung alle formen ausser der hochd. 

*germ. farma- eigentlich „mittel zum fahren" oder „das 
gefahrene", au. farmr, ags. fearm Schiffsladung, ahd. /arm 



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133 

nachen. Aber as. form: fahren, vordringen (Heyne, Hei. 
183). 

germ. * fapma- eigentlich „das ausgebreitete", an. fatimr 
klafter, nmarmung, ags. feeüm klafter, Umfassung, afr. 
fethm klafter, as. fathmbs beide ausgestreckte arme, ahd. 
fadam faden (einmal „cnbitus" Graff III 452) Fick I 135. 
III 173. 

germ. "flauma- eigentlich „das fliessende", an./fOKmrströ'mung, 
menge, ags. fleam fliehende menge, flucht, ahd. in tvorutt- 
floum (Otfr.). Ob mit Schade 207 das nhd. flaeme häut- 
chen hierher zu ziehen ist, bezweifle ich, nicht der be- 
deutung wegen, die sich vermitteln Hesse, sondern weil 
der Übergang von ou zu ä in diesem schon früh bezeug- 
ten wort (D. W. III 1768) unwahrscheinlich ist. 

germ. *skerma- i^sketmi-'i) eigentlich „das schützende", 
ahd. scerm, sclrm' gegenständ, der zum schntze dient, 
dann übertragen schütz. 

germ. * stürm®* (* stürmt-?) eigentlich „der zerstreuende", 
an. slormr, ags. slorm, as. storm, ahd. stürm: stürm, 
kämpf, angriff. 

germ. *strauma- eigentlich „der fliessende", an. Stratum-, 
ags. slream, afr. strätn, as. ström, ahd. ström: ström, 
Strömung. Im würz ei vokal entspricht ir. sruaim, wäh- 
rend gr. fovfta einem germ. *streumen- gleich wäre. 

germ. *iauma- (ans *taugvmä-) eigentlich „das ziehende" 
oder „gezogene", an. taumr, and. tom, ahd. zoum zäum; 
ags. kam das gezogene = nachkommen schaft, afr. liim 
1. zäum, 2. Nachkommenschaft, geschlecht Die her- 
kömmliche ableituug von got. taujan, mhd. zoutven „von 
statten" gehn, befriedigt nicht. Es liegt w. deuk zu gründe; 
aus *laugvmä- entwickelte sich "tauma- nach Sicvers' gesetz. 

germ. "prusma- eigentlich „der bewegliche" (?), ags. prosm 
dampf, rauch. Zu skr. tras zittern, trasa beweglich, gr. 
TQito etc. Curtius 5 226. 



1 Nach Paul, Beitr. VI 83 hatte der nom. acc. sg. wahrscheinlich 
einmal i und ist erst nach den übrigen casus e eingedrungen. Dar- 
nach wäre die anuahme einer suf fixform -mi- hier entbehrlich. 



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134 

7) Reine abstracta. 

Bei den meisten bildungen ist eine ursprüngliche instru- 
mentale bedeutung nicht zn erkennen oder nie vorhanden ge- 
wesen. 

germ. - *äauma- und *f*auma- dunst, duft, ahd. loum und 
dotan. Nicht richtig stellt Fick III 118 auch an. dämr 
geschmack hierher. Eb entspricht (im würz et vokal nicht 
genau) skr, d/lümäs, gr. dvpöq, tat. fumus, Curtius 6 258. 
Die formen mit anlautendem d sind nicht mitteldeutsch 
(in den ältesten quellen noch mit th Graff V 141); sie 
gehen wo) auf eine andere würzet (etwa teil schwellen, 
stark werden Fick I 94) zurück. 

germ. *döma- urteil, gericht, stand, würde, goi döms, an. 
dömr , ags. aa. dorn, ahd. tuom vgl. skr. dh&man-, 

germ. "drauma- (ans draugvmä-) treiben, fröhliches treiben; 
tranm, an. draumr , ags. dream, afr. drdm, as. drdm, 
ahd. troum. Das an. afr. ahd. wort hat nnr die bedeatung 
„träum", während die bedeutung „leben", „fröhliches 
leben" (im ags. specialiairt zu „muaik", „gesang") dem 
as. vorwiegend, dem ags. ausschliesslich zukommt, lieber 
die aufgestellten etymologien vgl. Schade 959, Wacker- 
uagel's Vermutung, dass das wort zu driugan gehöre, 
halte ich für zutreffend, aber nicht zu ahd. triugan be- 
trügen, sondern zu got. driugan kriegadienste tnn, ags. 
dreogan leben, erleben, gemessen. Dies wort scheint — 
worauf mich Brugman aufmerksam macht — verwandt 
zn sein mit gr. TQVpäa» (wurzel dhreugth) ein üppiges 
leben führen und vielleicht lat. frui. Die ursprüngliche 
bedeutnng ist dann „leben und treiben" , wie sie be- 
sonders noch im Heliand erscheint; es dürfte schwer 
halten dieselbe auf die bedeutung „trugbild" zurückzu- 
führen. Dagegen passt letztere für den träum allerdings 
vortrefflich vgl. as. gidrög, ags. gcdreag erscheinung, 
vision, träum. Sollten in drauma- zwei verschiedene bil- 
dungen zusammengefallen sein? Ueber den ausfall des 
g vgl. oben "tauma-, Grein's Zusammenstellung mit gr. 
d-QÖog befriedigt nicht; wie soll sich aus der bedeutnng 
„musik" die bedeutung „leben" entwickelt haben? 



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135 

germ. *dvalma- (* dvahnan-) hindernis, as. dtvalm , ahd. 
Iwaim. Im ags. sehw. dwalma (dwolma) error, chaos; 
got. in dvalmon. Zum stv. ahd. Iwelan. Fick I 121. 

germ. *elma- (?) geräusch, an. jd/mr (Eg. 446). 

germ. *flilma- streit. Zu entnehmen ans aga. unflittne un- 
bestreitbar (Beow. 1098). Ganz gl eichgc bildet iat unhlytme 
ungeteilt (Beow. 1130) zu hlytm loss. Zu ftitan stv. be- 
müht sein, wetteifern. 

germ. "gaima- achall, aa. alid. galm zu gellan stv., nicht 
mit Fick III 104 direct zu ^-atoi Bingen (dessen ^-wnrzel 
erat im germ. eutwickelt ist). 

germ. *glaima- glänz, aga. gfrem, vgl. glimen-. 

germ. *glauma- fröhlielikeit, jubel, aD. glaumr, ags. gleam. 
Von derselben wurzel iet daB ntr. an. gly, ags. gleo, st. 
*gteuja- abgeleitet. Fick III 113- 

germ. "glöma- dämmeruug, ags. glom zu glotvan atv. 

germ. *hlutmi~ loss, ags. hlytm zu hleotan stv. 

germ. *hr'aima- und *hrauma- gesrfirei, an. hreimr, aga. 
hream. Ettmüller a. 503 setzt beide Wörter gleich, indem 
er an. hreimr für hreymr nimmt; wie wäre aber dann 
der umlaut zu erklären? Ich stelle das wort zu schreien; 
von der vorgerm. form *$kraima- fiel das auslautende * 
ab und k wnrde zu h verschoben (vgl. Möller in den 
Engl. Studien III 157). Vollkommen entspricht, nur mit 
erhaltenem s engl, scrram geschrei. Uebei- ags. hream 
läsat bIcIi nichts näheres beatimmen, jedenfalls darf es 
nicht mit Schade 425 zu ahd. hruom gestellt werden; 
auch an. römr geschrei, beifall vergleicht Fick III 85 
mit unrecht. Vielleicht ist dies = *vröhma- (vgl an. rag, 
as. wröht anschuldigung). 

germ. *hrdma- rühm, prahlerei, aa. hröm, ahd. hruom. Von 
derselben wurzel die gleichbedeutenden stumme *hröpu- 
und "hrobra-, 

germ. *karmi- lärm, ags. cyrm (umgelautet ans *cearm). 
Vgl. mhd. karmen klagen nu ger tönen, rufen Fick I 72. 
III 42. 

germ. *kauma- wehklagen, gotländ. kaum n. geheut. Bugge 



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in Bezzenbergers Beitr. II 119 vergleicht gr. yoog, lit. 

gausii wehklagen. 

germ. *kvalma- quäl, todeapcin, ags. cwealm, as. qualm, 
ahd. qualm zu quelan stv. 

germ. *skaima- glänz, mhd. schäm (schwach bezeugt). Da- 
neben s kirnen- . 

germ. "staima- *slxma- gedränge, an. stim n. a struggle 
mlid. Stetm und srim m. gewllhl. Fick I 245. 

germ. *$valma- gehweben, ags. in twämian verschwinden, 
d-sw&man vagari, mhd. sweim, zu smnan atv. Daneben 

germ. "svalma- und *svelma- (*sue/mi-) wallung des wassera 
oder feuers, ahd. srvalm Strudel und engl, swelm glnt, 
ahd. swilm Bopor zn swelan stv. Fick I 842. 
germ. *svapma- ansdUnstung, dampf, mhd. stvadem zu ahd. 

swedan brennen. Fick III 361. 
germ. *valma- (*valmi-) hitze, »gs. rvr.alm und rvytm, ahd. 

tvalm zu got. vulan stv. 
germ. *i>öma- (für vöh-mal) achall, an. (v)ömr, ags. mom 
(häufiger tvöma). Wahrscheinlich zu skr. väc schallen, 
schreien (Fick I 204). Oder zur wnrzel vek, die im 
germ. ale A wurzel erscheint (ahd. gawahan etc.)? 
Es verdient hervorgehoben zu werden, dass diese Wörter 
vorzugsweise solche zustande bezeichnen, die stark auf die 
sinne einwirken: lärm oder geschrei (7), ausdunstung (3), 
glänz (2), hitze (2), Wasserflut (3). 

Dass Steigerungsstufe des wurzelvokals mit der ableitung 
durch -mo- der regel nach verknüpft ist, lehren die Zusammen- 
stellungen. Es gilt jetzt die ausnahmen zu erklären. 

Mittelstufe haben: *htlma- *Hma- *melma- *feima- *skernta- 
*stima- "svelma-. Das unsichere *elma- nnd "forma-, dessen 
alte wurzel per ist, kann bei seit« bleiben. 

Schwächste stufe haben : * bu&ma- *sturma- "prwma- 
*ßtma- *hlutmi-. 

Von diesen zwölf Wörtern werden vier anch regelrecht ge- 
bildet: "laima- *malma- *$ta>ma- und *svalma-. Von den beiden 
ersten haben wir noch eine dritte form *laimen- maiman-. 
Diese lehrt uns, dass eine Vermischung zwischen der mo- und 



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137 

WCTi-ableitung eingetreten ist. Letzterer kommt, wie wir nach- 
her sehen werden, mittlere oder schwächste wurzelstufe zu. 
Von hause ans existirte ein *laima- *malma- und ein *&men- 
"melmen- 1 ; durch contamination dieser bildungen entstand 
einerseits *laimen-, "malmen-, andrerseits "lima- *melmi-. Drei 
dieser vorauszusetzenden formen haben sich erhalten. Ebenso 
entstand *svelma- *stima- durch ein Wirkung von "svalma- 
"stoima-. Bisweiten hat aich der alte »-atamm in den ver- 
wandten sprachen erhalten. Dass "felma- ein ■ *felmm- zar 
Voraussetzung hat, wird durch gr. "^sifiar- wahrscheinlich; 
"butSma- steht gr. xv&(i^v, *helma~ skr. farman- gegenüber. 
Darnach wird es erlaubt sein auch bei den übrigen alte 
w-stärnme zu vermuten, obgleich äussere Anzeichen fehlen. 1 In 
aga. *flitm, hlylm könnten vielleicht auch aeeundäre bildungen 
(zu den ntr. flit, hlot) stecken. 

Secundärer art sind ohne zweifei folgende bildungen, wo 
sich an eine vorausgegangene dentalableitung noch einmal das 
auffix -mo- (-ffii-) angeschlossen hat: 

mhd. blddem blähung vgl. ahd. blät, ags. btäft flatus. 
ahd. brädam duft, dampf vgl. ags. br&ft f. odor. 
as. brahtum, ags. bearhtm lärm. Zu gründe liegt das gleich- 
bedeutende as. ahd. braht. 
mhd. *tddem tod in alem. todimi Sterblichkeit, lodemic, 
toedemic und toedemlich sterblich. Ableitung vom st. 
*daupu-. 
ags. fultum beistand. Verwandt ist jedenfalls ags. fylst, 
ahd. /ulieist, doch liegt eine einfachere Stammform zu 
gründe. Ettmüller stellt das wort unter fi/han. Sweet, 
Anglia III 151 erklärt es dagegen für ein compositum 
aus füll und team. 
ahd. krädam geschrei; vgl. das fem. *krät in hanokrät. 



1 Diese form iet nicht aus der luft gegriffen, sondern im litau. 
erhalten: melmü gen. melmans der stein, gries (die krankheit) Fick 
II 435. 

* Ableitungen durch -mo- und -men- vou derselben wurzel, die 
sieh nicht vermischt haben, liegen vor bei *rauma- und Teumen- 
*skaima- und *skimen-, * svaima- und 'sv'men-. 



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138 

mhd. fadem geschrei; vgl. lüt, das selbst eine dentalablei- 

tnng zur w. kleu ist 
ags. tv&stm (grandform 'wasfumi- PedI, Beitr. VI 52), aa. 
rvastum, das wachsen. Zu gründe liegt got. vahslus. 1 
Der Versuchung, unser wachstum hierher zu stellen, muas 
man widerstehen, da das wort erst im späteren mhd. vor- 
kommt <D. W. II 116) und vielmehr eine ableitung vom 
maBC. tvahs (in comp ob. wie nnnwahs weinberg) re prä- 
gen tirt. 

Der bedentung nach gehören fünf dieser Wörter unter die 
oben von mir hervorgehobene kategorie. 

Von femininen Wörtern, mit auf fix -mä- abgeleitet, kenne 
ich ausser dem schon erwähnten "kaimo- nnr: 

genn. *gaumö- das schmecken, wahrnehmen, an. gaum (vor- 
wiegend gaurflr Btm.) aufmerke am keit, as. g&ma bewirtung, 
mahl, ahd. gouma schmaus, aufmerken, got in gaumjan 
wahrnehmen. Nach Schade 346 ist die grand bedentung 
„aufsperren des mundes" zu ahd. gitven. 
germ. *kümö- klage, ahd. c/iüma; davon das adv. hämo 
aegre, viz. Ein mhd. adj. kam, das von Lexer I 1768 
angenommen wird, ist mir sehr zweifelhaft; an den an- 
geführten stellen kommt man mit dem adv. aus. Vgl. 
*kauma-. 
b) auffix -men-. 

Für das skr. gilt die regel (Whitney 1168, Lindner s. 91), 
dasB die neutralen verbalabstracta auf der wurzel betont sind, 
die masculinen, ebenso wie die nom. ag. auf dem auffix. Ans 
dem griech. ergibt sich ungefähr dasselbe Verhältnis, vgl. de 
Saussure s. 130 f. Der wurzelvokal erscheint bei ersteren 
regelmässig auf mittlerer, bei letzteren auch auf schwächster 
stufe. Von einer solchen Bcheidang findet sich im germ&n. 
nichts und sie kann auch nicht als alt gelten. Hier ist der 



1 Das wort macht den eindrnek der contaminatlonsbildnng ana 
*vahstu- und *vahsmeit-. Ebenso scheint das ags. blästma ans 
dem vorauszu setzen den * bläst (mhd. blvost) und bldma contami- 
nirt. In umgekehrter weise geschah die Verknüpfung der snffixteile 
im an. bLömstr. 



gmzeflfy GOOgk 



139 

wurzelvokal mit ganz geringen aasnahmen teile auf mitt- 
lerer, teila auf schwächster stufe. Es ist sehr wahr- 
scheinlich, dass ursprünglich beide in einem paradigma ver- 
einigt waren. Es handelt sich hier um einen fall des „zwei- 
silbigen ablauta". Es sind an zeichen vorhanden, dasa derselbe 
bei den stammen auf -men- ehemals vorhanden war, vgl. an. 
svimi neben ags. swima, *skimen- neben *sk\tnen-, got laüh~ 
muni grundf. *lukmm neben an. Ijömi grundf. *leükmo. Bei der 
auagleicbung drang die mittelstste in die meisten bildungen ein: 
im skr. haben fast sämmtliche guna, hn griech. findet sich 
schwache stufe nur bei den Wörtern auf -jit/v (SauBsnre s. 131). 
Da e im nom. sg. erst auf Übertragung beruht (Juli. Schmidt, 
Kuli n 's zs. XXV 28), so kann hierin nichts altertumliches liegen. 
Im german. bilden die Wörter mit schwacher stufe etwa ein 
drittel. 

Reichen auch die neutralen abstraeta auf -mm- allem an- 
Bchein nach bereits ins idg. zurück, so lässt sich doch auch 
im germ. noch vielfach der fibergang dieser bildungen vom 
concreten ins abstracte gebiet verfolgen. Fast durchweg ist 
tnasc. geschlecht durchgedrungen; einige neutra bewahrt das 
altnordische (sitna und mit Übergang zur a-decl. blöm und 
hjöm). 

a) Reine concreta. Etymologisch klare bei spiele sind 
folgende ; 

germ. *bermen- tiefe als „die tragende, treibende", dän. 

härme, ags. beorma, nhd. bärme (fem.) zu heran stv. 
germ. "bUksmen- blitz als „der glänzende", as. bliksmo, mnl. 

blkceme. Zn blican stv. 
germ. *blömen- blume als „die blühende", got. blöma, an. 

blömi (anch blöm n.), as. biomo, ahd. bluomo, auch bereits 



germ. "brosmen- brosame, eigentlich „das zerbröckelte", as. 
brosmo, ahd. gewöhnlich fem. brosma. Man fasst meist 
brosmo = brohsmo und leitet es von ahd. brochosön ab; 
sicher unrichtig, denn das suffix -men- tritt nie an ein 
abgeleitetes verbnm. Vielmehr ist es zu stellen zu dem 
ags. bri/san conterere, brosnian rumpi (Bttrn. 324). 

germ. "heuhmen- häufe, got. hiuhma (daneben hiuma, was 



fftizedDy GOOgk 



von Bemhnrdt LIII ;ils Schreibfehler erklärt wird), an. 

hj6m n. „any frothlike snbstance.* 1 Jedenfalls verwandt 

ist *hauha- hoch nnd *hauga- anhohe. 
germ. *hleumen- was hört oder gehört wird, got. hliuma 

(ihr, an. hljötni ton, laut. Eine Weiterbildung von diesem 

stamm ist das ahd. hliumunt. 
germ. "kirnen- der au fsp riessende keim, as. ahd. /dmo, zu 

hinan stv. 
germ. * Jahnen- lelfm, as. leimo, Umo, ahd. leimo. Auch 

*latma-, 
germ. 'malmen- staub, got. malma. Sonst *ma!ma- und 

melma- s. oben, 
germ. "rennten- riemen, band, ags. reoma, as. riomo, ahd. 

riwffjo. Fick I 744 vergleicht gr. (ivpa. 
germ. "seltnen- "saltnen- lager, bettBtelle, ags. sealma, afr. 

in bed-selma, as. se/mo. Verwandt mit *so/t- wohnang. 

Genau entspricht gr. aiXfia getäfel. Fick I 798. III 320. 
germ. *simen- seil als „das bindende", an. sima n., ags. 

jiffia, as. simo. Genau entspricht skr. simdw- m., gr. l/iag. 

Fick III 321. Morph. Us. II 223. 
germ. *stömen- grundlage, gegenständ, got stöma. Vgl. 

skr. Sthäman- n. kraft, lat. stämen, gr. Ozrjftwv aufzug am 

Webstuhle, 
gerra. "paihsmen- Sauerteig, weicher gedeihen, zunehmen 

macht, ags. p&stna, ahd. deismo. Ueber den ausfall des 

h vor * + cons. vgl. Kögel Beitr. VII 193 f. Von der- 
selben wurzel {wie hier mit dem determinativ s verstärkt), 

jedoch mit regelmässiger ablautsstufe ist das abstractum 

"fiihsmen- abgeleitet. 
germ. "pümen- danmen, eigentlich „der starke", ags. afr. 

püma, ahd. d&mo = zd. tüma stark zu w. teu stark sein. 

Fick III 135. 

Nicht sicher in ihrer ableitung Bind: 
germ. *besmen- besen, ags. besma, ahd. besamo. 
germ. *gomen- gaumen, ags. gdma, ahd. guomo. Im altn. 

st gömr. Wird gewöhnlich mit *gaumö- zusammen- 
gestellt 



fftizedDy GOOgk 



141 

germ. "miihmen- wölke, got. milhma. Die ableitnng Bopps 
aus migan ist unhaltbar. 

germ. *reumen- milchrahm, an. rjdmi, weatgerm. *rauma-, 
ß) concreta, in abstracte bedeutung übergehend. 

germ. "glimen- *gleimen- eigentlich „der leuchtende", ahd. 
glimo, gleimo, gltihwürmchen. Aber as. gUmo glänz, 
sehimmer. 

germ. *leuhmen- eigentlich „der leuchtende", as. Homo 
stral. Aber an. Ijömi, ags. leoma auch übertragen : glänz, 
licht Vgl. got. lauhmuni blitz. 

germ. "seinen- same, Baat, auch übertragen: nachkommen 
schalt, as. ahd. sämo. Fick I 789 f. 

germ. "skelmen-, "skalmen- eigentlich „der erschlagende 11 , 
ahd. scetmo, scalmo seuche. Zu gründe liegt skel scheiden, 
schlagen (nach der einen seite entwickelt in au. skil 
Unterscheidung, skilja etc., nach der anderen in got. 
skilja fleiBcher). Hierher gehört auch an. skdlm kurzes 
suhwert und ostpreuss. schalm „durch hau durch den 
wald" (Schade Wb. ! 776). Fick I 814 vergleicht lat. 
calamit&t- verderben. 

germ. "skimen- eigentlich „der leuchtende", got. skeima 
leuchte. Aber an. sklnü, ags. setma, as. ahd. seimo glänz, 
Schimmer. Dasselbe wort, nur mit anderer wurzelstufe 
(vgl. au. svimi gegenüber ags. snnma) liegt vor in ags. 
seima, as. (gl. Arg.) seimo, md. schime, scheine schatten, 
Schattenbild. Es ist das nicht „lucus a uou lucendo", 
sondern der schatten gilt auch als eine art von abglanz. 
Auch mlid. schin kann „Schattenbild" bedeuten (Leier 
II 747). 

germ. *svimen- *svimen- eigentlich „der (vor den äugen) 
schwinden machende", an.twimi, ags. afr. stvima schwinde!, 
Nicht mit Schade 916 zu sniimman, sondern zu smnan 
(wie "kirnen- zu kinan, skimen- zu skinan). Ebenso hängt 
uuser „Schwindel" mit „schwinden" zusammen. 

germ. "vahsmen- eigentlich „der wachsende", ags. tvtesma 
in here-tveesma heerkraft, and. (Ps.) tvasmo, ivahsemo frucht, 
ahd. wasmo, wahsamo Wachstum. Eine weiterableitung 
hievon ist nihil, wahsmunt (ahd. nur in tvahsmuntigi opu- 



fftizedDy GOOgk 



lentis)' nnd ist aufzufassen wie hUumunt, got. sniumundö. 
Leser III 644 denkt dagegen an Zusammensetzung und 
vergleicht vrastmunt freimütig, was bahuvrihi-compoaitnm 
ist und nicht hierhergehört, 
y) Reine abstraeta. 

germ. * ahmen- geist, got. ahma. 

germ. *dvalmen- Irrtum, ags. drvalma (dwolma). Sonst *avalma- 
s. oben. 

germ. * glafomen- freu de , ags. glmdma. Die würze! ist 
ghladh mit A Tgl. lit. glodas ksl. gladnkü (Pick III 112). 

gerra. "gRtmen- glänz, ahd. glizamo, got in glitmunjan 
glä ijsen. Für die länge des t in ahd. gRzamo spricht 
die analogie zahlreicher andrer bildungen; das Verhältnis 
zu got. glitmunjan ist dann dasselbe wie das von *leith- 
men- zu got lauhmum. 

germ. "ruSmen- röte, an. roSmi, ahd. rotamo Pick III 257. 

germ. *rusmen- (aus rutf-smen) röte, ahd. rosamo aerugo, 
mhd. roseme Sommersprosse (Lexer II 493). Um das 
wort mit dem vorausgehenden zusammenzubringen muss 
man zu der annähme einer su filiform -smen- greifen. 
Offenbar verwandt ist rost. Letzteres ist man versucht 
aus *rut-ta- zu erklären, vgl. mhd. rot aerngo. Nun hat 
aber Kögel in den Beitr. VII 171 f. Oberzeugend nachge- 
wiesen, dass die lautgruppe tt bei sufßxbetonung — dass 
diese für *rutla- als ursprunglich anzunehmen wäre, 
lehrt der geschwächte vocal — sich in st verwandelt 
Man mttsste daher bei diesem worte spätere Verlegung 
des accentes auf die Wurzelsilbe annehmen, was die ganze 
erklärung zu einer unsicheren macht. 

germ. * smakmen- geschmack, ahd. gesmagmo (bei Notker). 

germ. * sneumen- eile. Nur in Weiterableitungen: got sniu- 
mundö adv. eilig, as. ahd. sniumi schnell etc. Fick III 351. 

germ. * limen- zeit, an. ttmi, ags. tima. Eine andre ableitung 
bietet das gleichbedeutende *lUi- dar. 

germ. *vomen- schall, aga. wdrna, vereinzelt st rvöm, wie 
an. {v)6mr. 

germ. * pihsmen- und *pihsmen- gedeihen, ahd. dihtamo 
(die länge ist nicht gesichert) und fram-dehtmo. Die 



fftizedDy GOOgk 



143 

lautgesetzliche form ist nach Kögel S. 106 *de$amo (ein- 
mal (hesemen), das h ist vom vcrbum wieder eingeführt. 
In dem verwandten deismo geschah das nicht, weil man 
den Zusammenhang nicht mehr fühlte. 
genn. *presmen- duft, ahd. dräsamo flagrantia. Wir haben 
die verba draehen und dräsön, die sich ungefähr zu 
einander verhalten wie blaejen und bläsan. Das wurzel- 
determinativ erscheint auch in der nominalen bildung 
*presmen-, die man natürlich nicht direot auf ahd. dräsön 
awv. zurückfuhren darf. 1 

Die Wörter , welche anrege! massig er weise s tei ge- 
rungsatufe aufweisen, sind *laimen-, * malmen-, *sal- 
men-, *paihsmen-, *fflaimen-, *skatmen-, *dvalmen-, 
'smakmen*. Neben *laimen-, *malmen-, *dvalmen- 
haben wir *laima-, *malma-, *dvalma- und es ist nicht 
zu zweifeln, dass dies die ursprünglichen formen, 
der Übergang zur n-decl. aeeundär ist. Ebenso haben 
wir auch grund zu vermuten, dass *salmen-, * paihsmen-, 
*fflaimen-, *skalmen~ ursprünglich * salma- , paihsma-, 
*glaima-, *skalma- waren und durch die daneben stehenden 
*selmen-, *pihsmen~, *gRmen-, *skelmen- zur n-deel. 
hinubergeführt wurden. Bin gleicher Übergang mag bei 
dem noch allein übrig bleibenden "smakmen- erfolgt sein. 
In *blömen-, *presmen- begegnet uns „das verbale suffix 
&- Brugmaus. 

Auch -men- erscheint in einzelnen seeundären bildungen 
(über die altfries. in der anm.): 

1 Ich reibe die afr. Wörter auf -ma, die alle auf neubildung zu 
beruhen scheinen, hier an. Von starken v. mit präsenastufe gebildet 
sind die abstraeta: brekma (lt. G99) eigentlich „brach" (nur in wetir- 
brekma wasserein brach), gewöhnlich „strafe", fretma (B.TIM) eine 
(zehrende?) krankheit, selma [E. 1008) saizung, sprekma {R. 1043) 
sprechen. Von diesen bildungen aus — die Vermittlung war der mit 
dem inf. übereinstimmende vokal — trat -ma anch an den stamm 
abgeleiteter verba: siama (R. lull) wunde (zu sia swv.), sirima (R. 
1010) Verletzung (zn seria swv.). Endlich trat -ma auch an nomina 
an. Hierher gehurt: notma (EL 956) frucht (von dem gleichbedeuten- 
den no(), sn/Uma (R. 1061) sllaaigkeit (von stvit adj.), werthma (R. 
1143) Schätzung (zu tvertli pretium). 



9 mz eaE y Google 



144 

got. aldöma alter. Hierher ags. ealdom, alid. altluam (zu 

weilen öflwom)? 
agB. blöstma blilte; vgl. das im rahd. nebe» &/uof erschei- 
nende bluost. 
ags. waftumi flut, eigentlich „die sich bewegende". Nicht zu 
ags. rvadan, sondern verwandt mit aga. watfol herum- 
sei) weifend, ahd. wadalön vagari. Vgl. auch aus-wademen 
bei Leser III 629 vaporare, was vielleicht mehr als ein 
blosser Schreibfehler ist Zu gründe' liegt die wurzel ve, 
an die zunächst dentalableitung getreten ist 
agB. weoifoma, ahd. widamo mitgift, Schenkung. 
Was zunächst die westgerm. bildungen betrifft, so fasse 
ich diese, wie die ähnlichen auf -mo- (blddem etc.) als weiter- 
ableitungen von stammen auf -tu- auf. Besonders deutlich ist 
dies bei mhd. 'tödem, ags. futtum, ags. wwstm, as. mastum, 
ags. tvaifuma, tveo&oma (tveobo- ans *tvi$u- wie freo&o ans 
*/WÖ«)- Meist ist das u syncopirt worden, im lid. dann wie- 
der durch svarabhakti ein a entwickelt. Die zu gründe liegen- 
den («-stammt: sind nur zum kleinen teil erhalten (daupus, 
vahslus, vielleicht blät, brdht), zuweilen stehen (/-stamme neben 
der weiteren ableitung durch -mo-, -men-. Da aber, wie wir 
gesehen haben, oft aus derselben wurzel ableitnngen durch 
-ti- und -tu- hervorgegangen sind , dürfen letztere vorausge- 
setzt werden. Auch mag schon frühzeitig -Öuma-, Swnen- 
als einfaches suffix gefühlt worden sein. Es vergleicht sieb 
so durchaus dem schon besprochenen -ijupi-. 1 

Will mau das got. aldöma mit den weatgerm. bildungen 
in Übereinstimmung bringen , so muss man in dem nur einmal 
belegten wort o = u nehmen, was Kluge, Beitr. VI 377 f. für 
mehrere fälle wahrscheinlich gemacht hat. Da auf der anderen 
seite aldöma lat. bildungen wie cerlämen, solämen auf ein haar 
gleicht, so wird mau vorziehen, darin eine, allerdings sehr 
isolirt stehende, ableitung von einem schwachen verbalstamm 
zu sehen. 



1 Nach Leo Meyer, Got. Sprache s. 143 f. wären in den bespro- 
chenen Wörtern vielmehr die spuren eines idg. suffix.es -tmo- zu sehn. 
Seine ausfuhr migen Imbun aber nichts überzeugendes. 



fftizedDy GOOgk 



145 

Zu erwähnen sind auch die got. abstracto fraislubni, vun- 
dufni f., fa&tubni, valäufni, vitubni n., welche Sievera, Beitr. V 
150 aus einer suffixform -nrnja- (uom. sg. auf -mm-) erklärt, 
wol mit recht. 

2. Das suffix -tro-. 

Hier bin ich in der angenehmen läge auf der reichhal- 
tigen, nur fürs altnord. nicht ganz erschöpfenden Zusammen- 
stellung des materials durch Sievers Beitr. V, 519 ff. fassen 
zu können. Es ist nun meine aufgäbe einiges über bedeutuug 
und anwendung des Suffixes hinzuzufügen. 

Den durch -tro- hervorgerufenen bildungen hat die be- 
deutuug eines nomen instrumenti von hause aus in viel höherem 
grade angehaftet als denen durch die suffixe -mo- und -tnen-. 
Im skr. bezeichnet das neutrale Suffix -tra- ort oder Werkzeug 
der handlung vgl. Lindner II § 58, Bopp § 815. ■ Vereinzelt be- 
geguet die feminine form -irä-. Uebe reinstimmend im zend, 
im grieeb. und lat. (hier z. t. in der form -cro- -clo- -cuto- 
Osthoff, Forschungen I, 1 ff.). Nomina ageutis hat das snffix 
wol nie gebildet — auf die bei Lindner s. 82 verzeichneten 
ist kein gewicht zu legen — dafür trat das nahe verwandte 
-ler- ein. Dagegen lässt sich der Übergang in die abstracte 
Sphäre mehrfach beobachten. Vom Werkzeug des handelns 
stellte sich dann leicht der Übergang zur handlang selbst her, 
wenn ersteres nicht bloss als aeeidens, sondern als das ent- 
scheidende momeut fungirte, gewissermassen die handlung 
machte. Mau wählte dann das sinnliche zum aasdruck des 
abstracten. Ans dem skr. ist nur weniges, was hierher gehört: 
dishlrä auweisung, neträ leitung (als uom. inBtr. äuge), Jnälra 
einsiebt etc. Aus dem zend führt Bopp S. 198 abstracte Sub- 
stantive, welche mit suffix -tro- gebildet sind, an. Im griech. 
und lat. haftet die ursprüngliche bedeutung fast durchweg. 
Im germ. haben diese bildungen teils concreto, teils abstracte 
bedeutung und es ist vom Standpunkt dieser spräche bloss 
eine hypotaese, dass in letzterem fall die eines nom. instr. zu 
gründe gelegen habe. Allerdings können wir in einigen fällen 
den übertritt ins abstracte gebiet selbst verfolgen und ihn in 
anderen fällen als vorausgegangen annehmen ; aber das suffix 



»Nzedny GOOgk 



146 

-tro- hatte sich im urgerm. als ein bild ungern ittel für abstraeta 
schlechthin herangebildet: daher finden wir es auch zum ans- 
druck rein geistiger Vorgänge verwandt, wo es unmöglich ur- 
sprünglich das werkseng der handlang bezeichnet haben kann. 

Da» suffix erscheint im germ. i» den formen -pro- -pio- 
und -Öro- -Ö/o-; ausserdem erscheinen seltsame formen mit 
Wandlung des dental 8 in den labial, die Sievers ins rechte lichi 
gesetzt hat, die uns aber liier nicht berühren. Die doppelhei 
des anlauts scheint darauf zu deuten, dass der accent teils auf 
der wurzel- teils auf der sufSxsilbe ruhte. So ist auch das 
Verhältnis im skr. Doch stimmen hier beide sprachen bloss in 
einer nenerung überein. Dass wurzelbeton uug als das ur- 
sprüngliche anzusehen ist, wird durch die Behandlung des 
wurzelvokales sehr wahrscheinlich: das skr. gunirt denselben, 
das germ. hat vorwiegend mittlere stufe. Von den etymologisch 
klaren beispiclen haben nur wenige schwächste stufe oder 
Steigerung und dann — wie ich vermute — durch die Ein- 
wirkung verwandter bildungen mit anderem suffix z.B. *murpra- 
nach dem muster von *murpa-, *vuipra- durch die einwirkung 
von *vuipu- etc. Trotz des auf schwächster stufe stehenden 
vokals ist die alte Wurzelbetonung hier bewahrt. Warum der 
accent in anderen fällen auf das suffix gerückt ist, ist nicht 
festzustellen. Dass z. t. bloss durch einwirkung des auslauten- 
den wurzelconsouanten p in Ö übergegangen .sei, wie Sievers 
s. 552 meint, glaube ich nicht. — Für die feminina läset sich 
die ursprüngliche betonung nicht mehr festeteilen. 

Noch ein wort über das geschlecht der bildungen durch 
-tro-. Das neutrum ist durch die Übereinstimmung der idg. 
sprachen als das ursprüngliche gesichert. Auch im got. bieten 
hierher gehörige Wörter nur das ntr. Aber die anderen germ. 
sprachen gehen sehr auseinander. Namentlich im altn., seltener 
im ags. hat sich der Übergang ins masc. vollzogen. Im ahd. 
erhielt sich dagegen das neutrale geschlecht. So stellen sich 
einander gegenüber: 

Got. Ahd. Ags. Altn. 
aitar n. ealdor a. aldr m. 

hlahtar n. hleahtor m. hldtr m. 



»Nzedny GOOgk 



Got. Ahd. Aga. Altn. 

hliodar n. hleo&ör m. 

hrdftor m. ArdÖr m. 

— — gealdor n. galdr ro. 

hulistr n. huistr m. 

ruodar n. rSÖor n. rtiÖr ra. 

Eine reibe von bildungen, die mir im altn. belegt sind, 
haben masc. geschlecht, ao gröSr, attslr, bläslr, lestr, bakstr, 
bldmstr etc. Das m-aprUu gliche neutrale geschlecht ist erhal- 
ten in lautfr, fö&r, lälr, slätr, foslr, also namentlich da 
die concreto bedentung fortbestand. Ausserdem durchweg bei 
den /-formen mit ausnähme von preskoldr. 

Ich mache jetzt wie bei den stammen auf -mo-, -men- auf 
die u Handlungen der bedeutung aufmerksam, 
a) Reine concreta z. b.: 
germ. *laupra- reinigungsmittel, an. lauSr n., ags. lealfor n. 
Da die wurzel leu zu sein scheint, ist die wurzelstufe 
nnregelmässig. 
germ. *teupra- bindseil, an. tj&tir, afr. tiader. Gewiss nicht 
mit Möller, Kuhns zs. XXIV 512 = dämlra- mittel zum 
binden. Es fuhrt vielleicht nebst *tauma- auf eine un- 
erweitertc wurzel deu = deuk. 
germ. *smerPra- schmeer, got. smairpr n. 
germ. */"ÖÖra- scheide als das aufbewahrunga mittel, an. 
föiir n., aga. födor n., ahd. fuotar n. = skr. pätra 
gefäss. 
germ. *lahtro- lager, an. lälr (wurzelstufe un regelmässig). 

Gehurt ahd. lehtar gebärmutter auch zu got ligan? 
germ. *reustra- pflugsehar, ahd. rioslar n. (auch riostra f.). 
Zu einer wurzel reud, wovon auch riuljan. Eine bildung 
mit suffix -ro- ist an. rjöGr n. rodung. (Vielleicht direct 
zur nnerweiteiterten w. reu zu stellen; denn verhält sich 
an. rjdtSr zu ahd. riottar wie fötira- zu fös(ra-). 
germ. *helstra- versteck, ags. heolslor n. Das got. hulistr, 
an. hulstr n. hülle wird denominative bildung sein. 
Die /-formen (Sievera s. 528 f.) halten an der conereten 
bedeutung fest mit ausnähme von *mapla-. Ebenso durch- 
weg die feminina z. b. *hlaitfro- leite r, eigentlich mittel zum 



»Nzedoy GOOgk 



steigen, "kritSrä- sieb, als mittel zum sichten des getrei- 
des etc. 

b) Concreta iu abstracte bedeutung übergehend: 
germ. *rdpra- eigentlich das ruderwerkzeug. Aber im an. 

abstract: rdSr m. das rudern. 

germ. "hleupra- eigentlich das gehörte. Dann in weiterem 
sinne: schall, geräusch, hören. 

germ. *morpra- mord als mittel des tötens. 

germ. *meßra-, "maltira- eigentlich das gemahlene: an. 
maldar, ahd. maltar. Aber an. meldr {Eg. 660) actuB 
moleudi (häufiger ist die concrete bedeutung), 

germ. *slaktra- eigentlich Werkzeug zum schlagen. Das 
an. sldtr bedeutet „butehers meat", das engl, slaughter 
dagegen allgemein „das schlagen". 

germ. *blö$tra- und *getstra-. Hier entwickelte sich aus 
der concreten bedeutung „opfern" eisen" u. dgl. die ab- 
stracto „opfer". 

germ. "föslra- ursprünglich nahrungsmittel, dann allgemein: 
nahrang, erzieh ung. 

Ebenso ist bei an. artfr das pflügen, austr das schöpfen, 
blästr das blasen, bakstr das backen u. dgL die abstracte 
bedeutung aus der sinnlichen leicht zu entwickeln. 

c) Reine abstraeta: 

germ. *hröpra- rühm, an. hrdtfr m., ags. AröÖor m. 

germ. "gröpra- wuchs, an. gr68r m. 

germ. "vulpra- herrlichkeit, goL vulpr n., ags. wuldor m., 

ahd. tvoldar- (in eigeunamen). 
germ. *altfra- alter, an. alSr m., ags. ealdor n., as. aldar 

n., ahd. altar n. 
germ. *gatftra- und *galstra- zaubergesang, an. galdr m., 

agB. geaidor n., ahd. galstw n. 
germ. *hlahtra- gelächter, an. hldtlr m., ags. hleahtor m., 

ahd. hldhtar n. 
germ. *latitra- und "lahstra- tadel, ags. leahlor, as. ahd. 

lastar u. 
germ. *lestra- lesen, an. lestr m. 
germ. *rekstra- vertreiben, an. rekstr {auch rakstr) m. 



fftizedDy GOOgk 



149 

germ. *mapta- reue, got. mapl n., an. mal n., ags. tncetjl n., 
as. ahd. mahal {madal- in Zusammensetzungen). 
Die deuominativen bildungen mit suffix -Iro-, wobei letz- 
teres meist auffällige lautliche umgestä Illingen erführt, berühren 
uns hier nicht. Nur eine classe derselben verdient hervorgehoben 
zu werden. S. 529 f. fuhrt SieverB Wörter an, in welchen das 
suffis -iro- die Umgestaltung zu ld erfahren hat, z. b. ags. fcß- 
reld = an. fnrald, ags. hefeld = au. ha/ald. Diese Wörter, 
welche ursprünglich Substantive zur Voraussetzung haben, aber 
leicht aus verbum angeknüpft werden konnten, zogen im altn. 
einige verbale bilduugen nach sich, so ka/ald Schneefall zu 
kafa, rekald Schiffbruch, wrack zu reka. Auch andere idg. 
sprachen zeigen das suffix -Iro- in dieser weise an den präs.- 
stamm angetreten, z.b. skr. patalram flllgel, gr. qdqtTQOV bahre, 
lat. aratrum pflüg u. dgl. 

8. Die aufftxe -ro-, -/o-, -slo-. 

Die geachichte der sufßxe -ro- uud -lo- in den idg. apra- 
rchen hat Osthoff im ersten bände seiner Forschungen s. 157 ff. 
verfolgt und den Übergang, den sie von ihrer ursprünglichen 
bedeutung eines nom. instr. zum nom. act. einschlagen , mehr- 
fach betont. Nur weniges bleibt mir zur ergänzung seiner 
ausführungen zu sagen übrig. 

Die zahl der mit suffix -ro- gebildeten substantiva ist im 
germ. nicht gross und es ist deshalb kaum möglich, dessen 
funktion in seiner allmählichen entwicklung vor äugen zu 
führen. Sehr klar tritt die ursprüngliche bedeutung eines nom. 
instr. in Wörtern hervor wie germ. *felgra- (in got filigri ver- 
steck), */6iSra (an. fö8r, ags. ßdur, ahd. fuotar) nahrungs- 
mittel, *legra- {got. Ugrs, ags. leger, as. ahd. legar) lager, 
*tuntfra- (an. lundr, ags. tynder, im ahd. f, zunlra); auch in 
den fem. germ. *feprö- (an. fjoSr, ags. feder, as. fethara, 
ahd. fedara) feder, fittig, "skeurö- (ahd. skiura) schenne. Auch 
adjeetiva bildet das snffix (Gr. II 1 129 f. 136). Nomina act. 
dagegen sind: 

germ. *canra- Jammer, an. in amra, aÖ, ahd. ämar, Jämar. 
Fick in 20. 



»Nzedoy GOOgk 



■-:no:. ') 

160; ■■Vs& 

""""""germ. *angra- kummer, an. aiigr, Fick HI 12. 

gern). *lanSra- glut, an. in tandra, aÖ entzünden, ahd. z<m- 

foro glühende kohle. Fick III 117. Man vgL damit daa 

nom. ag. *tuntira-. 
germ. *lau$ra- zauber, an. tau/r (modern töfr), ahd. zoubar. 

Fick IH 115 will taufira- ans labra- herleiten, was nicht 

angeht. 
germ. *vökra- gewinn, wucher, got. vökrs, an. dkr, agB. 

wdcor, ahd. wuochar. Daneben steht das nom. ag, *va- 

kra-. Fick 111 281. 

Wie man sieht, nur wenige, ins uvgerro. zurückreichende 
bilduogen. Eine bedeutend grössere Wirksamkeit fand das ver- 
wandte suffix -lo-. Abgesehen von den verbaladjectiven auf 
-ala-, -ula-, -Ha-, welche ihrem Ursprünge nach denominativ 
sind, sind hier nom. inatr. (durebgehends mit mittlerer wurzel- 
stufe) zu nennen, wie *seul&- (ahd. stula, dän. stjet) schuster- 
ahle, *setla- sitz, *skeula- (an. skßl, afries. in sket-skialc 
[R. 10291 viehBtall) obdach, *stekla- becher (von seiner stechen- 
den spitze), *pvahla- bad. An diese schlingst sich das got. 
fairveitl Schauspiel, welches leicht den Übergang zu den nom. 
actionis bildet. Die unerweiterte form -lo- kam allerdings 
für diese kaum in anwendung; als ein urgevm. beiapiel weiss 
ich blosB zu nennen : *atla- kraft (an. aß n. und afli m., ags. 
abal, vgl. got. abrs heftig und ahd. afalön arbeiten). Von 
femininis sind zu nennen: *hvil<}- ruhe, weile, zeit (got. hveila, an. 
hvil — hier noch concret: ruhebett — ags. htvil, as. ahd. htvila) 
zu lat. quies (Fick III 7ö) und *leulo- arbeit (engl, toil, afr. 
Hole, ndl. tuyt) zu got. taujan. Aus dem altn. fübrt Grimm, 
Gr. II 1 95 f. eine grosse reihe von abstracten an, die durch 
das suffix -lo- gebildet scheinen. Indessen sind mir dieselben 
dringend verdächtig, spät gebildete, z. t. onomatopoetische Wör- 
ter zu sein. 1 Zu letzterer kategorie gehören jedenfalls hildun- 



1 Wahrscheinlich stammen diese zunächst aus einem verbum auf 
-la, das meist nebenher belegt ist. Auf dieselbe weise entstanden 
die mhd. abstracto auf -et: Handel, wandet (doch mandil schon bei 
Korker, vielleicht subst. verbaladj.), schüttet, mangel et«., wie schon 
Jaeobi, Untersuchungen s. 51 erkannt bat. 



fftizedDy GOOgk 



151 

gen wie braml (Cl. 76) lärm, bumbl resonantia, hehl (Ol. 302) 
gewiaper D. a. Dagegen können alte bildungen vorliegen in: 
brutl (CL 83) Verwüstung zu brjdla Btv. 
gutl (Cl. 221) gurgeln des wassere zu gßta stv. 
svaml (Cl. ß06) geräuschvolles schwimmen zu svimma stv. 
Ein wirklich lebendiges bildungsmiflel wnrde das auffix 
erst in der erweiterten form -slo-. Dasa diese form wirklich 
nur eine erweiterte und nicht etwa produet einer Zusammen- 
setzung ist, scheint mir nach den ausführungen Ost hoffe in 
den Beitr. 111 335 ff. vollkommen erwiesen zu sein. Auch die 
geschichte der suffixform in den germ. dialekten hat Osthoff 
schon in ihren hauptzügen gezeichnet. Von alten, wurzelhaften 
bildungen haben folgende abstraetbedeutung: 

germ. *hunsla- opfer, got. hunsl, an. husl, ags. hüsl n. 

Schwerlich mit Fick 111 79 zu zend. cpan stark sein, 

nützen, fpenfa heilig. Nach Osthoff an klnpan, eigentlich 

„das eingefangene opfertier". 

germ. 'knbsla- geschlecht, ags. cnösl, as. kndsal, ahd. knuosal 

n. Pick III 40. 
germ. *süsla- qnal, ags. silsl n. vgl. seoslig gequält. Das 

an. sysl ist zunächst vom v. sysa abgeleitet. 
germ. *viksla- Wechsel, an. vixl, ags. tvrixl, afr. rv/xle, 
ahd. tvehsal n. (lautgesetzlich wehsal tvesles Kegel Beitr. 
VII 195) zu an. vifeja stv. (länge des i im altn. ans dem 
pracs. übertragen), 
germ. *p>rinhsla- bedrängnia, got. ^reihst n. Wenn es erlaubt 
ist auf *hunsla- und *viksla-, wozu sieh got. svum/sl 
schwimmplatz gesellt, eine regel aufzubauen, so hat hier 
anlehnung ans praea. stattgefunden. 

Dass das auffix -slo- in seiner weiteren entwicklung sich 
eng an die schwachen verba der ja-klasse angeschlossen hat, 
hat Osthoff a. a. o. S. 339 f. richtig hervorgehoben. Ea darf 
jedoch gefragt werden, haben die bildungen auf -isla- direct 
von den schwachen verben ihren Ursprung genommen z. b. 
got svarlizl von svartjan oder ist erst später ein anBchlnss an 
diese erfolgt? Ich halte letztere ansieht für die riehtigere. 
Läge eine alte bildung von svartjan vor, so müasten wir 



»Nzedoy GOOgk 



152 

* svartei-zl erwarten, gerade wie fullei-p von fulljan oder laisei-ns 
von laisjan. Dagegen erklärt sich svartizl als denominative 
bildung zu svartis- sehr wol; ebenso ist es erklärlich, daas, 
da die Vorstellung eines Suffixes -slo- der spräche von bil- 
dungen wie hunsl, preihsl her ganz geläufig war, man die 
suffixabtrennung an einer falschen stelle vornahm und in svarti- 
den stamm des schwachen verbs sah. Welche Wörter sonst 
noch anlass zu dieser falschen auffassung gegeben haben 
mögen, lässt sich schwer feststellen; wahrscheinlich ist es 
für hruotnisal u. a. Mit Sicherheit möchte ich hierher stellen 
das germ. *redisla- (aga. r Adels, ahd. rdlisli), in dem Osthoff 
eine vereinzelte Übertragung der endung -ist auf ein starkes 
verbnm sieht. Das ist jedoch für diese alte bildung sehr un- 
wahrscheinlich. Nun haben wir im ahd. neben rdlisli die gleich- 
bedeutenden rätisca und r&tissa, die auf seeundftrer abteitung 
beruhen. Vielleicht berechtigen uns diese zur ansetzung eines 
Stammes redes-, jedenfalls wird aber dadurch auch der deno- 
minative character von r&tisli erwiesen. Man wird darnaeh 
auch in anderen fällen, in denen eine bildung auf -säl formal 
sowol ein nomen als ein verbnm zur grundlage haben kann 
(Ostboff s. 342 f.) z. b. gruonisal zu gruoni oder gruonen 
erstere annähme nicht von der liand weisen dürfen. 

Die instrumentale und die abstracto bedeutung des Suffixes 
slo- gehen auch jetzt noch nicht auseinander. Allerdings 
treten bestrebungen hervor das bildungBelement der abstraeta 
von dem der concreta zu differenziren. Dies geschah in der 
weise, dass man die bei abstracten am häufigsten begegnenden 
thematischen ausgänge an das ableitende -si hinten anfltgte. 
Es sind das die ausgänge -an- (masc), -ö- -»- (fem.), -Jo- (ntr.). 

Im altnordischen ist eine Scheidung der abstracten und 
concreten bildungen fast ganz erfolgt. Letztere haben die alte 
endung -sl oder erweitert -sli z. b. beisl zflgel, kynsl ungeheuer 
(= kynslr, denominativ zu kyti), rennsli rinnsal, smyrsl salbe, 
pyngsl last (zu pyngja). Die endung -elsi, die OL XXXIII* an- 
führt, ist keine in der altn. spräche organisch entwickelte, 
sondern findet sich nur in entlehnten Wörtern: reykelsi (CL 495 
nach dem ags. recels gebildet), fangelsi (Cl. 141 „a rare and 
unclassic word" wahrscheinlich aus dem schwed. feengeUe). Ftti 



fftizedDy GOOgk 



153 

abstracto hat dies -*/ und sli allerdings auch anwcndung ge- 
funden, so in: 

hermsl (Cl. 268) verdruss (hermask) = ahd. harmisal. 

hneyxl, hneyxli (Eg. 366) schände (hneykja, Ö). 

kennst (Cl. 337) keimzeichen (kenna, d). 

meifol (Cl. 422) beleidigung (meföa, d). 

pinsl, pisl (Gg. 638) peinigung (pina, d). 

sfcirsl (Eg. 729) reiniguug (skira, Ö) neben skirsla f. 

sysl (Eg. 607) beschäftigt! ng (sysa, t) neben sysla f. 

pröngsl (Cl. 748) n. pl. bedrängnis (wol denominative bil- 
dung zu prang f. vgl. nhd. drangsal). 

pyrmsl (Cl. 15h) n. pl. heilige Verpflichtung (pyrnm, Ö) 
neben pyrmslur, pyrmslir f. pl. 

Aber ungleich häufiger ist die ableitungsenduug -slö~ (mit 
schwacher decl.), welche zahlreiche abstrae.ta von schwachen 
verben der ersten classe bildet. 

beiSsia (Cl. 56) verlangen (beitia, d). 

dengsla (Cl. 99) hämmern (dengja, d). 

eytisla (Cl. 135) Verwüstung {eyÖa, d). 

foedsla- (Eg. 169) ftttterung (foeSa, d). 

at-foersla (Cl. 29) mut {foera at). 

gaezla (CL. 223) wacht (gaetta, l). 

geymsla (Cl- 199) aufsieht (geyma, d). 

greiSsla (Eg. 208) bezahlung (greiÖa, d). 

herSsla (Cl. 267) härtung (HerSa, $} vgl. as. herdisli. 

hiriSsla (Cl. 264) obaebt (hirÖa, Ö). 

hraebsla {Eg. 395) furcht (hraetfa, d). 

kaersla (Cl. 368) anklage (kaera, Ö). 

leitete (Cl. 381) führung (leitia, d). 

neyzla (Cl. 464) Benutzung (neyta, t). 

reiSsla (Cl. 490) bezahlung (rcita, d). 

reynsla (Cl. 496) erfahrung (reyna, d). 

roegsla (Cl. 606) verläumdung {roegj'a, Ö).. 

vartfsla (Eg. 855) Sicherung (varSa, aÖ). 

veizla (Cl. 691) bewilligung {veita, i). 

vigsla (Cl. 715) einweihung (vigja, 8). 
Nur ein wort weiss ich anzuführen, wo das -sla an den 
stamm eines starken v. getreten ist: hla'Ösia (Cl. 269) aufladen 



ffuzedoy Google 



154 

zu hlatfa stv. Auch denominafive bildungen sind mir bei ab- 
stracten ausser dem oben angeführten pröngsl nicht bekannt 
Im angelsächsischen erfolgt wie in den neu. nordischen 
sprachen (Gr. II S 318) ein lautgesetzlicher Übergang des sl vor 
ableitendem i (in primären bildungcn bleibt sl: hüsl, stisl) zu 
Is. Beispiele des concreten gebranchs bei Grimm II 1 317. 
Uebergänge ins nbatracte gebiet erfolgten nur ganz wenige: 
frecels gefahr, r<kdels ratsei; mit anfügung einer fem. ab- 
leitung: rmdelse (Ettm. 254) ambignitas, myrrelse (Ettm. 208) 
afflictio. Im altfriesischen begegnen einige schwache mase. 
mit abstracter bedeutung: lamelsa (R. 891) lähmung, tvlgeisa (E, 
1147) weihe, mlemmelsa (R- 1167) Verletzung. Im alt säch- 
sischen haben die abstracte durchweg Weiterableitung: ent- 
weder zu neutr. ya-stämmeii : döpisli taufe , mendisli freude 
(Ps.); oder zu fem. «-stammen: herdisli kraft; oder endlich 
zu mase. M-stämmen: herdislo = herdisli, tnendislo, errislo 
irrtum (gl. Prud.), rädislo (gl Prud.). Letztere formen hat erst 
Sievers richtig erkannt Beitr. V 146 f. Auch tnendislo und 
wegtslo in dem Dint. I 289 f. veröffentlichten gloBsar, welches 
einen sprachlichen m i seh zu stand zeigt, reclamirt er als hierher 
gehörige formen. Bemerkenswert ist, dass die nenniederd. 
dialekte die Umstellung des sl zu Is ebenfalls kennen vgl. 
Schlüter, snffix Ja s. 92. 

Im hochdeutschen tritt eine solche durchgreifende 
Scheidung zwischen concreten und abstracten bildungen, wie 
wir sie im altn. wahrgenommen haben, nicht hervor. Auch 
die abatraeta gehen im abd. meist auf -sal ans. Zahlreiche 
beispiele bei Osthoff s. 340, denen etwa noch druzisal (Graff 
V 249) ekel, gimerisali (Graff II 839) Zuwachs hinzuzufügen 
wäre. Aber auch die Verleihung des fem. characters kommt 
einzeln vor. Mit der endung -sala sind belegt: hruomi- 
sala (Gi-. IV 1140) ostentatio, wartsala (Gr. I 959) cor- 
ruptio. Häufiger begegnet -seil: hruomiselt (IV 1130) = hruo- 
misala, neiziseli (II 1130) afflictio, marriselx (11831) impedi- 
mentum = aga. myrrelse, rvartiseli (I 959) = wartsala, brut- 
tesali, irreseti, sümeseH vgl. Weinhold, AI. Gr. § 253. Im mbd. 
ist die neutrale form auf -sal (auffallend sind die mase. gruozsal, 
trüebesal Weinhold mhd. Gr. § 251) die alleinherschende ge- 



»träoy Google 



155 

worden. Die vereinzelt erscheinenden fem. harlsal (bei Ayrer 
Weinhold bair. Gr. § 210), riutvesal (im Servatius), trüebesal 
(Lexer II 1537) sind aber noch nachklänge der ahd. bildungH- 
weise. Ein Überblick über die zahlreichen bildungen des mhd. 
auf -sal ist ans Weinholds Gramm, an den schon citirten 
stellen zu gewinnen. Man sieht, wie das ursprünglich auf 
schwache verba beschränkte bildungsprincip auch denominative 
anwendung gefunden hat (Osthoff s. 342): Wörter wie fluklsal, 
rachsal, imancsal, zuhtsal lassen sich doch wol nicht anders 
auffassen. 

Im nhd. haben sich die besprochenen bildungen in solche 
auf -sal und solche auf sei geschieden. Ancli dieser Scheidung 
liegt das bestreben die abstraeta auch formal von den concreten 
loszureissen zn gründe: heraeht auch keine atrict durchgeführte 
regel, so kann man doch sagen, dass diesen -sal und jenen 
■sei zukommt. Woraus entsprang diese Scheidung? Grimm ver- 
mutet, dass die endang -sei entweder aus der Volkssprache ein- 
gedrungen sei oder „neutra zweiter decl." — also mit der ab- 
leitung -jo- — zu gründe liegen. Letztere Vermutung erscheint 
recht plausibel, wenn wir auf die bedeurung der ^-bildungen 
sehen: fast alle haben collectivischen sinn vgl. gemengsei, 
geschreibsel, Überbleibsel u. dgl. Von diesen aus könnte sich 
-sei bei den concreten festgesetzt haben, während die „ durch 
ihren Wortlaut edlere" form -sal den abstrauten verblieb. 



11. Der Übergang denominativer bildungen zu 
verbalabstracten. 

In keiner spräche ist die grenze zwischen denominativer 
und verbaler ableitung eine haarscharfe und die sonderung der 
dem einen oder anderen zwecke gewidmeten elemente eine 
durchgehende. Häufig begegnet es, dass ein primärsuffix nebenher 
die funetion eines denominativen ableitungsmittets hat. So haben 
wir den denominativen gebrauch der snffixe -es-, -ti-, -tu- be- 
obachtet. Seltener ist der umgekehrte fall. Dass ein denomi- 
natives auf fix ohne weiter.es auch zur verbalen ableitung ver- 
wandt wird, wird sich aus dem germanischen kaum durch ein 

MODERN LANdUMJU 

FACULTY UWM1 

OXFORD. 



156 

beispiel belegen lassen. Nur dann war dieser fall möglich, 
wenn ersterea Hn einem vorausgehenden ableitnngselement eine 
stütze gewonnen halte. Es wiederholen sich hier erscheinungen, 
wie wir aie im ersten abschnitt wahrgenommen haben. Wir 
sahen dort, wie einige alte idg. primärsuffixe dadurch in den 
germ. aprachen neu lebendig worden, dass sie sich mit voraus- 
gehenden verbalableitenden dementen fest verbunden hatten : 
so lebte das alte -m- in -im- -6ni- -aini-, -tu- in -dpu- -assu- 
wieder anf. In den fällen, die ich jetzt besprechen will, ver- 
läuft der akt der Verschmelzung so, das« das abstractbildende 
secundäisuffij (-ä- , -Ja- [nom. -i] , -tä- kommen hier in be- 
tracht, dazu fürs mhd. daa entlehnte -te), welches an eine no- 
minale ablcitung angetreteu ist, mit letzterer zu einem suffise 
verschmilzt: auf diese weise entsteht ein neues büdnngsprineip, 
indem sich die Vorstellung erzeugt, als ob es nicht das nomen 
sei, welches eine Weiterbildung erfahren habe, sondern der 
stamm des verbums, welches dem nomen zu gründe liegt oder 
neben ihm steht Diese entwicklung geht bald mehr von der 
begrifflichen, bald mehr von der formalen aeite her vor sich. 
In ersterer hinsieht handelt ea sich darum, dass der begriff 
des znstandes, welcher der ursprünglich denominativen bildung 
anklebt, sich hinüber!'! Ihren lässt in den der tätigkeit, in for- 
maler aber darum, dass anknflpfungspunkte da sind, welche 
den nach ablösung der ableitungsendung erscheinenden stamm 
als verbnlstamra erscheinen lassen und so Analogiebildungen 
das feld eröffnen. Ich will versuchen diese Vorgänge im fol- 
genden an mehreren fällen anschaulich zu machen und schliesBe 
mich dabei der chronologischen aufeinanderfolge an. 



1. Die endung -ipa. 
Ich möchte dio seenndäraufnxe , soweit sie von hause ans 
consonantisch anlauten, in zwei classen scheiden : in solche, 

welche ihren ursprünglichen character bewahrt haben , d. h. 
ohne weiteres an den stamm des nomens antreten , das weiter 
zu bilden ist, und solche, welche bereits mit einem voraus- 
gehenden vokalischen dement fest verwachsen sind, das, ob- 
gleich ursprünglich themavok&l, zur ableitung hinüber gezogen 



gmzeflfy GOOgk 



157 

worden ist und vor dem jetzt der auslantentende vokal des 
weiterzubildende!] nomens schwinden muas. Zur letzteren clause 
gebärt das auffix -lä- oder wie man ee vom Standpunkt des 
germ. aus nennen muss -ipd-. 1 Diese form nahm ihren aus- 
gang vou den -*- und -^a-stämmen z. b. germ. *hraini-p&- 
reinbeit zu st. hraini-, *ferni-pö- (lautgesetzlicli aus *ftrnji-po ) 
alter zu st. fernja-. Von liier aus aetzte sich -ipd- auch bei 
den a- und «-stammen fest z. b. germ. *hauh-ipö- höhe zu 
st. hauha- (zu erwarten wäre *hauhepö-), *kaur-ipö- schwer 
zu st. kauru-. 

Seinem gebrauch nach war das Suffix im urgerm. gewiss 
ausschliesslich deuominativ; mit nnrecht setzt Fiek im wb. 
folgipa und garvipa als germ. an, weil hier nordisch und alt- 
hochdeutsch zufällig in einer neubildung übereinstimmen. Nuch 
im got lassen sich alle bildungen auf -ipa (zu -ida dissimilirt 
in aupida und vairpida) als denomiuativa auffassen, wie schon 
Grimm II 2 230 bemerkt hat. Vargipa und veitvödipa sind 
vou den subst. vargs (iu iautiuvargs) und veitvöds, nicht vou 
den verben vargjan, veUvödjan abgeleitet, was bei vargipa 
Bchon die bedeutuug („verdammniss" nicht „ächtung 1- ) ver- 
bietet; svegnipa (svignipa) hat allerdings nur das v. svegnjan 
(svignfan) ueben sich, aber nichts steht im wege ein adj. 
*svegns „frohlockend" mit Leo Meyer zu vermuten. — Aber 
in allen anderen germ. diaiekten hat das siittix neben der deno- 
minativen in ausgedehntem masse verbale anwendung gefunden. 
Der gruud des Übergangs ist hier ein rein formaler. Die 
meisten nomina, welche eine Weiterbildung durch -ipa erfuhren, 
hatten ein abgeleitetes v erb um auf -Jan neben sich und man 
hatte um so mehr grund die ableitung auf diese zu beziehen, 
da das -i ein charaeteristicum der ersten schwachen conj. bildet. 
Allerdings galt es die begriffliche differenz zwischen dem ver- 
balen abstraci, welches die handlung bezeichnet und dem deno- 
miuativen, das zustände ausdruckt, zu überwinden. Indessen 
fiel dieser unterschied bei vielen bildungen nicht so schwer in 
die wagschale. Für das got. soignipa z. b. ist es der be- 

■ Obne den vokalischcn anlant erscheint das auf fix nur in got 
junda Jugend = lat. juventa. 



»Nzedoy GOOgk 



158 

deutung nach ganz gleich, oh man es von svegnjan oder von 
einem vorauszusetzenden *svSgns abgeleitet ansieht. Von Wör- 
tern der ai't aus entwickelte sich -ipa zu einem beliebten bil- 
dungsmittel für abBtraets von v erben der ersten schwachen 
conj. Eine noch grössere erweiternng seiner function erfuhr 
es dadurch, dasa es auch über die grenzen der ersten schwachen 
conj. hinaus anwendung fand. In dieser hinsieht sind die dia- 
lekte einzeln zu betrachten. 

Im altnordischen ist das suffix -if/o- (hier in der ge- 
stalt -5, nach s k und f als -t , nach l tu n d als -d) seht 
häufig vertreten, aber ganz überwiegend in deno initiativem ge- 
brauch. Cl.-V. XXXlI b . Tamm s. 32 f. Schwache verba der 
1. conj. liegen folgenden Wörtern zu gründe: 

bygtf (Eg. 89) wohnung (byggja, bygSa). 

ä-byrgti (Eg. 3) Verantwortlichkeit (äbyrgja, Ö). 

deild (OL 98) teilnähme (deila, d). 

dengS (Cl. 99) hämmern (denyja, Ö). 

eirif (Cl. 123) Schonung (eira, Ö), 

efnd (Eg. 119) erfullung (efna, d). 

fylgt (Eg. 213) begleitung {fylgja, Ö). 

geymd (CL 199) aufmerksamkeit (geyma, d). 

gorS (Eg. 248) bereitung (göra, Ö). 

greind (Cl. 214) Unterscheidung {greina, d). 

hefti (Cl. 245) loss or gain of claim-by lapse of time (haß, 
Ö, in besitz nehmen). 

hegnd (Cl. 247) bestrafung (hegna, Ö), 

hilft) (Cl. 271) schütz (hllfa, Ö). 

hvild (Eg. 424) ruhe (holla, d). 

leyftf (Eg. 614) lobpreisung (leyfa, S), 

leynd (Cl. 386) geheimniBs (leyna, d). 

tiefnd (Cl. 450) bezeichnung (nefna, d). 

riefst (Cl. 451) züchügung (nefsa, 5). 

reist (CL 491) erhebung (reisa, t). 

rengti (CL 493) anklage (rengja, Ö). 

reynd (OL 496) erfahrung (reyna, d). 

roekt, roektS (Cl. 506) liebe (roekja, t.) 

skemmd (üg. 723) schände (skemma, d). 

tengöir pL (Cl. 628) Verwandtschaft (lengja, Ö, verbJDden). 



Dig.tized oy GoOgle 



159 

vernd (Cl. 698) Verteidigung [verja, vartfi). 

paegS (G1.75Q) annehmlichkeit (paegja, Ö.) 
Ganz vereinzelt kommt ableitung von starken verben vor: 
tekt (Cl. 627) empfang zu taka stv., vielleicht auch lygft (Eg. 
539) lüge zu ijüga stv., wenn nieht lieber, zu lygi f. zu stellen; 
lykt (Kg. 639) ende wird nicht zu ttika stv., sondern zum ab- 
geleiteten lykja praet. lukü zu stellen sein. Dagegen gehören 
die vou Timm 8. 42 angeführten, die vom starken verbum mit 
Steigerung abgeleitet zu sein scheinen, nicht nur „eigentlich" 
zu einem abgeleiteten nominalstamm, sondern können ihrer be- 
deututig nach nur zu diesem und nicht direct zum verbum ge- 
stellt werden, so gaefti (Cl. 222) Sanftmut zu gae/r sanft- 
mütig, vaerä (Cl. 720) ruhe zu vaerr ruhig ete. Die bedeutung 
des stammverbums liegt hier ganz ab. — Ich erwähne schliess- 
lich noch vtld (Eg. 879) guter wille, das wol von viij'a, viel- 
leicht auch vom subst. vili abgeleitet ist. 

Im ags. sind diese bildungen nicht häufig. Mir sind im 
ganzen nur 44 ableitungen auf -Ö -Öo -<*<< (über die form 
Sievers Beitr. I, 500 f.) aufgestossen. Die meisten sind de- 
nominativ, nur wenige rühren wahrscheinlich von verben her: 

ä-bylgÖ (Ettm. 282) beleidigung (dbylgan). 

ge-dryhtf (Ettm. 575) klugheit (gedreogan?). 

smeaft (Ettm. 708) nachdenken (smean). 

swämÖ (Ettm. 353) Zwietracht {swwman). 

rtÖ (Gr. 11 532) Zugeständnis (teon). 

ütö (Ettm. 520) pflege (Hlian). 

VergSu (Gr. U 662) fluch, verdamnis = got. vargipa (gehört 
vom Standpunkt des ags. entschieden zu vergan, vyrgan, 
ursprünglich aber vielleicht zu vearh). 

PyngiSu (Ettm. 596) würde (pynegan). 
Aus dem altfries. sind kemede (Richth. 862) anknnft, 
lemet/ie (R. .891) lahmung und lovethe (R. 913) belieben als 
verbale bildungen anzuführen. — Im altsächa. sind die bil- 
dungen auf -ifttt nicht zalreich und verbale ableitungen darun- 
ter gar nicht vertreten. Aus den and. Psalmen sind von letz- 
teren nur zu nennen bivida (gl. Lipa) zittern und gihoritha 
(gl. Lips., auch iu der as. beichte) auhörnng. 



fftizedDy GOOgk 



Ganz andere- Schicksale hat das BDffix im hochd. erfahren. 
Es hat in ausgedehnter weise auwendung gefunden und zwar 
vorwiegend als verbales bildungs mittel. In Grafts Sprachschatz 
habe ich 80 wörter auf -ida gefunden, die ohne zweifei nonüna 
znr gruudlage haben; diesen könnten sich noch weitere 23 
zugesellen, bei denen dies zweifelhaft ist Anf der andren 
seite stehen 178 bildnngen, die nur von verben abgeleitet sein 
könuen. Im ahd. ist also -ida im wesentlichen als ein verbales 
siiffix anzusehn. Natürlich findet es vor allem in der 1. schwachen 
conj. anwendung. Aber auch bei verben auf -en und -du, so- 
wie bei starken verben bedient man sich seiner, worauf schon 
Grimm s. 232 aufmerksam gemacht hat. Ausser den schon 
von ihm genannten bildungen führe ich noch folgende an: 

1. von schwachen verben auf -ön : 
far-manida (Graff II 771) diBpectio (farmandn). 

2. von schwachen verben auf •in: 
ar-borgida {Gr. III 177) sponsio (arborgen). 
bi-färida (Gr. III 579) seditio (bi/'aren). 
frägida (Gr. UI 814) expressio (fragen), 
gi-habida (Gr. IV 735) habitus (gihaben). 
selb-tvarlida (Gr. I 957) arbitrinm [martSn). 

3. von starken verben : 

gi-faldida (Gr. III 514) flexura (gifaidan). 

ubar-fleozida (Gr. III 743) anperfluum (ubarfleozan). 

ant-findida (Gr. III 636) compassio {anlfindan). 

ir-grabida (Gr. IV 304) celatura {irgraban). 

ant-heizida (Gr. IV 1084) libamina {anlheizan). 

hruofida {Gr. IV 1137) altercatio (firuofim). 

phiigida (Gr. III 368) perieulum (phlegan). 

gi-seihida (Gr. VI 416) caBus {giscekan). 

untar-seeitida (Gr. VI 437) diacriminatio {unlarsceilan}. 

gi-sizida (Gr. VI 302) territorium (gisizzan). 

swerida (Gr. VI 896) jusjuraudum (smeran). 

gi-rechida (Gr. I 1135) nltio (girechan). 
Für die ableitungen ans schwachen verben der ersten conj. 
brauche ich wol das bei Grimm II- 230 f. Weinhold AI. Gr. 
§ 249. Bair. Gr. § 207. Mhd. Gr. § 245 enthaltene reichhaltige 
material nicht zu vermehren. 



fftizedDy GOOgk 



161 

Grimm hat bemerkt, dass das suffix schon im ahd. vor 
unseren angen an boden verliert, indem in der Bit. und den 
glosseil die bildungen zalreich sind, seltener bei Otfrid und 
Tatian, noch seltener bei Notker. Im mhd. endlich ist die 
bildungsweise nicht eigentlich mehr lebenskräftig, bat aber zal- 
reich e reste hinterlassen. 

In seiner lautlichen gestalt hat das Suffix -ida im ahd. 
einige modificationen erlitten, die z. t. auch einen Wechsel des 
genns herbeigeführt haben. Nicht der fall ist dieB bei der en- 
dung -idi, die ihr dasein ohne zweifei einer combination der 
suffixc -ida nnd -i verdankt. Mit Übergang zum neutralen ge- 
schleekt verbunden ist die weiterableitung des Suffixes durch 
-ja-. Ueber diese bildungen, die später auch ohne Vermittlung 
eines subst. auf -ida direct aus dem verbum abgeleitet wurden 
vgl. Schlüter s. 112. Schwieriger zu beurteilen sind einige 
masc. bildungen. Es begegnen abstracta auf -id mit vermut- 
lich männlichem geschlecht: chimeinidh bei Isidor, chlagid, 
habid bei JSotker. liier kann der abfall des a im nom. sg. 
lautgesetzlicb erfolgt, vielleicht auch dadurch Wechsel des genus 
eingetreten sein, wie bei den abstracten masc. auf -unc. Aber 
es begegnen anch schwache masc auf -ido -ado ausgehend 
(Gramm. II 237, hruomido ist aber als unsicher zu streichen). 
Sievers Beitr. V 147 stellt auch diese zu den ableitungen auf 
-ida nnd vergleicht das Verhältnis der sio- bildungen, wo auch 
schwache masc. begegnen. Es ist indes zu beachten, dass als 
endung vorwiegend -ado erscheint, aus der sich zwar die form 
-ido erklären lässt, aber nicht umgekehrt (bei den fem. begegnet 
-ada für -ida meines Wissens nur in miltada Denkm. LXXVI11 
10 in der hs. B). Auch scheinen mir die Wörter eine bestimmt 
ausgeprägte bedeutung zu haben. Ich stelle alles, was hierher 
gehört, zusammen. 

maga-bizzado -ido (Gr. 111 231) magenweh, 

brurmido (Gr. 111 310) dunst des feuers. 

irrado -ido (Gr. I 451) irrung. 

juckido (Gr. I 593) jucken, kratze. 

smelido abnähme „si brachium es ipsa percnssione decre- 
verit a sna grossitudine , quam prius habuerit, quod 
smelido dicnnt* I. Fris. add. 3, 35 (Richthofen 1038). 



»Nzedoy GOOgk 



162 

stechedo (Gr. VI 637) pleuritis. 

swebido (Gr. VI 856) taumel. 

swechado (Gr. VI 864) geatank. 

swerado -ido (Gr. VI 889) schmerz. 

vülido (Gr. III 494) fäulniss. 

wullido, tvillido, auch rvillod (Gr. I 838) nausea. 
Alle diese Wörter bezeichnen einen unangenehmen zustand, 
ein ilbelbefinden z. t. apeciell eine krankheit Dass das nicht 
anf zufall beruht, wird durch das interessante factum erwiesen, 
dass auch im ags. dergleichen bildungen vorkommen: 

bl&cba (Ettm. 312) hantansBchlag. 

cleve&a (Ettm. 392) scalpnrigo. 

sogoba (Ettm. 668) herzklopfen. 

spiveSa (Ettm. 718) erbrechen. 

sweolatio (stvdla&o) und swealoft (Grein II 508) bitze. 
Bei dieser Übereinstimmung ist an eine späte abzweigung 
aus den fem. auf -ipa, die sich uns schon aus lautlichen grün- 
den als sehr unwahrscheinlich erwies, nicht zu denken. Da- 
gegen scheint mir die zuerst von Bopp vgl. Gr. § 832 aufge- 
stellte ansieht sehr beachtenswert, dass die bildungen von 
banse aus denominativ sind, der zwischen a und i schwankende 
mittelvokal also dem zu gründe liegenden nomen angehört. 
In dem ableitenden ahd. -do , ags. -Ufa sieht Bopp das suffii 
-iva-, das sich im got. fijapva, salipva zeigt. Es mflsste dann 
im westgerm. die erweiterung von -pva- zu -pvan- mit bestimmter 
festsetzung der bedeutung erfolgt sein; der lautliche Übergang 
von -pvan- zu -pan- lässt sich fürs westgerm. rechtfertigen. 
Die form -ido, die eigentlich nur bei i-stammen berechtigt ist 
(im got. ist salipva zu dem im got. nicht belegten st sali- 
ahd. sali, as. seit, ags. sele zu stellen) , griff dann weiter um 
sich und wie bei den fem. auf -ida, wnrde sie spater direct zu 
den schwachen verben anf -Jan gestellt. So erklären sich neu- 
bildungen wie juckido, das nur vom verbum jucken abgeleitet 
werden kann. 

Eine andere anffassung der bildungen wäre ebenfalls mög- 
lich. Es gibt im germ. ein auffix -dp-, das mit 4p- wechselt. 
Seiner fuuetion nach ist es nicht sehr ausgeprägt, meist nom. 
ag. bildend; es erscheint in got. mitaps niasa = an. mjötutfr, 



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163 

ags. meotod, na. metod Schöpfer, ahd. leilid, auch leilido herzog 
und anderen Wörtern, welche Paul, Beitr.VI 189. 227f. anführt. 
Auf dies Suffix gehen die im altu., aber fast ausschliesslich in 
der alten, poetischen spräche beliebten nom. ag. auf -a8r -wÖr 
zurück vgl. Grimm Gr. III 241. Outline« XXXI V Auch 
unsere subslantiva können hierher gehören; vielleicht nahmen 
auch sie ihre entwicklung vom begriff des nom. ag. aus (vgl. 
die in der bedeutuug verwandten «-stamme oben s. 45 ff.). Für 
sieh steht der bedentung nach daB and. holodo foramen. 

2. " Die endungen -unga, -inga. 

Ich komme jetzt auf das verbreiteste und allgemeinste 
bilduugsmittel flir abstracta zu sprechen, das sich iu den germ. 
sprachen vorfindet. Als das allgemeinste müssen wir es bezeich- 
nen seiner bedeutnng und seiner anwendung nach. Es kann das 
abstractum zu jedem verbum bilden ohne dass sich eine engere 
beschränkung der bedeutung entwickelt hätte; es kann an jeden 
verbalstamm antreten, sowol an ' abgeleitete verba, als an ein- 
fache; an häufigkeit des gebrauchs endlich steht kein neuerer 
germ. dialekt vor dem anderen zurück, alle bedienen sich mit 
gleicher Vorliebe jener bildungssilbe , die bei schwankendem 
vokal durch die consonantengruppe ng characterisirt wird. 

Und doch ist dieses in allen germ. sprachen gleichmäßig 
verbreitete bildungs mittel sehr jungeu Ursprungs. Habe ich 
die ss-suffixe als die dritte Schicht der germ. abstractbildung 
bezeichnet (die erste waren die bildungen mit primären Suffixen, 
die zweite abteitungeu auf -dpus, -ipa etc.), so tiitt uub hier 
die vierte entgegen. Haben wir es überhaupt mit bildungen 
zu tun, die ihrem urtypus nach ins urgerm. zurückreichen? 
Ich glaube schwerlich, dass wir zu dieser annähme berechtigt 
sind. Das got hat von der un^-bildung, wie wir, was hierher 
gehört, kurz bezeichnen wollen, noch keine spur; die anderen 

1 Bierher zu stellen werden auch einige mit -jo- weilergebildete 
neutra, der bedeutuug nach colleetiva und abstracta, sein, wie as. 
melUthi geschäft des malzens, ahd. juhhidi joch ochsen. Andere bil- 
dungen aus dieser spräche (sie berühren sich mit den oben erwähn- 
ten neutren auf -idi) führt Schlüter s. 113 an. 



»Nzedoy GöOgk 



164 

sprachen haben sie, unabhängig von einander, wenn auch in 
früher zeit, geschaffen. Aber die grundbedingungen für die 
ausbildung der abstracto anf ung lagen allerdings schon im 
urgerm. Sie benihen in einer ursprünglich denominativeu bii- 
dung, welche das fundament für die abstracta abgeben sollte: 
ich meine die durch -ung, -ing gebildeten appellativa, anf 
deren entstehnng ich zunächst etwas eingehen muss. 

Ueber den Ursprung der subst auf -ung, -mg, welche meist 
persönliche wesen bezeichnen, habe ich eine ansprechende Ver- 
mutung von Leo Meyer vorzutragen. In Bezzenbergers Beitr. 
II 161 f. kommt er auf einen gedanken zurück, den er schon 
in Kuhns zu. VI 7 angedeutet hatte. Er glaubt, dass in dieser 
endung das secundäre uuffix -ka- stecke, welches an einen 
n-atamm angetreten Bei und vergleicht skr. räjaka Verkleine- 
rungswort zu rüjan- köuig, üdaka wasser = üdan- und ähn- 
liches. Dass in dieser weise das deutsche -ung, -mg eine 
suffixverbindnng ist aus einem substantivischen nnd einem ad- 
jektivischen ableitungselemen^ hat durchaus nichts unwahr- 
scheinliches, wenn man berücksichtigt, dass sich das auffix -ko- 
im gerra. nie als solches, sondern nur in Verbindung mit einer 
vorausgehenden endung vorfindet In den enduugen -ags und 
-eigs ist bereits der vokalische anlaut mit dem ursprünglichen 
suffix fest verwachsen; sie entstehen nicht in dem einzelnen 
falle durch das zusammentreten des auslautenden themavokals 
mit dem suffix. Allerdings ist bei der anwendungen der endun- 
gen der themavokal insofern noch massgebend, als -ags nur 
bei stammen auf -a- und -w-, -eigs bei stammen auf -i- und 
-ja- antritt Es wäre aber doch grün d verkehrt, gridags direct 
aus *grgdu-ga- (handugs hat Paul, Beitr. VI 192 mit recht 
als späte anlehnung an handus erklärt), mahteigs aus *mahti-ga- 
herleiten zu wollen, sondern der anlautende vokal bildet einen 
integrirenden teil der ableituugsendung. Das suffix -iska- nahm 
ebenfalls wahrscheinlich seinen Ursprung durch antritt von -ko- 
an stamme auf -is-. Entsprechend diesen analogien ist die 
annähme nicht zu kühn, dass sich die endung -unga-, -mga- 
durch Verschmelzung des ko- mit dem anslaut von n -stammen 
gebildet bähe. 

Schwierig ist es die doppelte form der endung au erklären 



fftizedDy GOOgk 



165 

vgl. Paul Beitr. VI 236. 546 f. Die form -unga- führt auf ein 
idg. -l\kö- zurück, wie z. b. in junga- majuvnk6-\ dasw-theniü 
steht in schwächster form mit geschwundenem vokal, das be- 
tonte -ko- ist regelrecht in -ga- übergegangen ; -inga- lässt 
sich dagegen auf diesem wege rein lautlich erklaren. Die form 
-unga- macht nun den eindruck der älteren, die später dem 
moderneren -inga- gewichen ist. Sie findet sich in alten bil- 
dungen vgl. die völkernamen Trutungi, Juihungi, Greuthungi 
(Gr. II 1 341). Im altn. ist -ungr in älterer zeit neben -ingr 
in gebrauch. Im ahd. hat sich -ung fast ausschliesslich für 
eigennamen festgesetzt und macht dadurch den eindruck der 
altertflmlichkeit ; im mhd. haben wir -unc (abgesehen von den 
etgennamen) nur in vier Wörtern: vierdunc, hornunc und 
billunc, nidwic, die ursprünglich eigennamen sind, dann aber 
auch als appellativa verwandt werden. Aber doch wäre es ver- 
fehlt -inga- als entartung ans -unga- aufzufassen, denn es 
reicht in dasselbe altertum hinauf wie letzteres, findet es sich 
doch schon im got. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir 
es mit zwei gleichberechtigten formen zn tun, die jetzt aus- 
einander getreten sind, früher aber zu einem system gehört 
haben. Panl hat s. 545 bestimmte beweise für das schwanken 
in der betonnng bei abieitungen durch -ko- beigebracht Für 
betonnng auf der mittelsilbe spricht got. stainaks, vaurdahs 
etc., die ahd. neutra auf -ahi. Panl sucht nun die abieitungen 
auf -ung- -ing- und die auf -ig- dadurch zn verknüpfen, dass 
er annimmt, es habe sich lautgesetzlich bei betonnng auf der 
vorletzten silbe -ik-, auf der letzten -ung- ergeben, hieraus 
dnreh partielle ausgleichung -ig- -ing-. Diese annähme er- 
scheint mir darnm sehr bedenklich, weil ein Zusammenhang der 
adjeetiva auf -ig- mit den nom. auf -ing- -ung- durchaus nicht 
mehr ersichtlich ist. Was Paul dafür anführt, das nebenein- 
anderbestehen von ahd. einig und eining, dass zu Vermischungen 
im gebrauch geführt bat oder mhd. haelinc , minmc will sehr 
wenig besagen. Daas accentwechsel der doppelheit der i- und 
«-formen zu gründe liege, halte ich allerdings für sehr wahr- 
scheinlich. Die grundformen sind dann in folgender weise an- 
zu setzen. Wir haben eine form -enlco = germ. -inha- 4ha- 
und eine form -nkö- = germ. -unga- anzunehmen. Die erste 



fftizedDy GOOgk 



166 

kam dem nom. acc., die zweite den obliquen casus zu. Eine 
ausgleichung trat schon urgermanisch in der weiae ein, das» 
die consonantengruppe ng in allen casus durchdrang (man vgl 
dazu unser dringen gegenüber dem laatgesetzlichen got preihan). 
Dagegen retteten sich die formen mit dem i nnd u in der ab- 
leitiing in die einzelsprachen hinüber und erst hier gewann 
die i-form allmählich die Oberhand, während sich die u-form 
auf ältere büdungen beschränkte. Eine nachwirkung der zweiten, 
später zurückgedrängten form darf man aber darin sehen, dass 
das I der endung beim wurzelvokal nicht durchweg umlant 
hervorrufe; besonders gilt dies für ags. 1 

Ein anderer einwurf gegen Leo Meyers, von mir adoptirte 
erklärnng des -in/ja- -unga- nnd zwar mit rttcksicht auf die 
bedeutuog könnte sieb dahin richten, dass das sut'fix -fco- im 
germ. sonst nur adjeetiva bildet, die besprochene endung aber 
nur snbetantiva hervorruft. Dieser einwurf wiegt indes nicht 
schwer, da adjeetiva nnd subatantiva, welche tätige wesen be- 
zeichnen, sich aufs nächste berühren. Auch im skr. bezeichnet 
■ka- mitunter substantiva, namentlich diminutiva. Ich denke 
mir, dase wir eine Verschmelzung des in -an- liegenden begriffe 
persönlicher wesen mit dem in -ko- enthaltenen adjeetiv. be- 
griff der Zugehörigkeit anzunehmen haben. Die zu gründe 
liegenden bildnngen mit -an- verloren durch antritt von -ko- 
nicht ihren substantivischen Charakter, sondern wurden nur in 
ihrer bedeutung modificirt. 

Die ableitungsendung -inga- ist keine ausschliessliche 

1 Umlaut haben wir in brenling, eyning, pending, er fehlt in 
hearding , hdrmg. Umgelautete und unumge lautete formen gehen 
neben einander her bei earming und yrming, ßeatning nnd ftlming. 
Durchweg tritt umlaut ein im alt- resp. mittel hoch d. und im altn. bei 
-ingr. Daneben haben wir in dieser spräche -ingi. Leffler, Om i'-om- 
Ijudet 8. 15 führt aus, dass diese endung keinen umlaut hervorrufe; 
wo derselbe bei bildungen auf -ingi vorhanden sei, rühre er vom 
grundwort her, z. b. bei leysingi freier mann vom v, leysa , raeningi 
räuber vom v. raena. Es scheint mir indes nicht erwiesen, dass nicht 
doch die nomina lauss, rdn zu gründe liegen ; smaclingi kleiner mann 
kann nur von smdt abgeleitet werden. Leffler will weiter -ingi über 
um gelautet es *-engi aus *-angi ableiten; hierauf komme ich an einem 
anderen orte Burttck. 



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167 

Schöpfung des gern. , sondern erscheint auch im lit. -inkas 
vgl. J. Schmidt, VocalismuB I 82 f.; vielleicht darf «ach mit 
diesem das abg. -ikü direet verglichen werden. In diesen 
. sprachen bezeichnet das suffix wie im germ. persönliche, tätige 
wesen, so dass an der vollkommenen Identität nicht zu zweifeln 
ist. J. Schmidt glaubt aber noch ein engeres band zwischen 
den germ. und den lituslav. bildungen annehmen zu dürfen. 
Es ist ihm nämlich wahrscheinlich, dass die slav. suffix Verbindung 
-inikü sich aufs schönste im germ. -Hing, wie es z. b. das got 
gadiliggs biete, wiederspiegele; falle der Wandlung eines älteren 
n zu / in aufläsen seien gar nicht selten, meint er und ver- 
weist auf got. himins: ahd. html, ahd. tougan : lou/jal u. a. 
Die meisten der von ihm gemachten Zusammenstellungen decken 
sich aber gar nicht vollständig, sondern bieten verschiedene 
ableitungen bei gleicher wnrzel dar. Was nötigt z. b. ahd. 
tougan und iougal lautlich zu identificiren ? Kur ein beispiel 
kann ich als stichhaltig anerkennen: ags. eorclanstdn ■— eorc- 
nanstän. Der grund der veränderuug liegt aber hier nicht in 
einem willkürlichen Wechsel zwischen l und n, sondern ist auf 
dissimilation zurückzuführen. Dieselbe Ursache könnte auch 
bei -Hing, wenn dies wirklich = -ining ist, tätig gewesen sein. 
Aber eine andere eiklärnng liegt doch viel näher. Sie ist im 
wesentlichen auf dem wege zu erreichen, den schon Grimm 
eingeschlagen hatte. Grimm sah in -ling eine erweiterung von 
-in «/■ nllerdinga war es unrichtig, wenn er bemerkte „das -ling 
neben -mg ist fehlerhaft entsprungen und setzt immer ein 
älteres -mg voraus." J. Schmidt konnte mit recht gegen diese 
auffassnng ein wort wie got. gadiliggs, ags. gwdelmg, as. ga- 
duling, alid. gatiling anführen: „es müsste ein sonderbarer Zu- 
fall sein, der diese falsche bildung in jedem der vier sprach- 
äste unabhängig von dem anderen gross gezogen hätte." Viel- 
mehr liegt dem Vorgang eine erweiterung der ableitungsend ung 
zu grunde, die im urgerm. in wenigen beispielen vorgebildet, 
in der späteren sprachentwicklung zalreiche andere fälle nach 
sich zog. Es wiederholt sich die schon bei der ableitnng 
-nassus von uns wahrgenommene erscheinung: ein selbst schon 
componirtes suffis erweitert sich durch das ansichreissen einer 
vorausgehenden nominalen ableitungssilbe. Hier sind es die 



fftizedDy GOOgk 



168 

nomina agentis auf -ala- -ila- , an die sich das suffix -inga 
anlehnt. Die doppelheit des anlaute erklären wir mit Paul 
aus ursprünglichem schwanken der betonung. Bei der Kombi- 
nation mit -inga- entstand -iiinga-; sparen der a-form in s.a.. 
gadulmg, ahd. gataling neben getiling, ahd. quemaVtng, kome- 
Ung neben kumilitig, ahd. zuhaiing. Im altn. wurde der an- 
lautende vokal durchweg synkopirt, im ags. nach langer, oft 
auch nach kurzer eilbe. Umlaut erscheint in dieser spräche 
nicht durehgehends; oft gehen formen mit nnd ohne o miaut 
neben einander her z. b. dfyrling nnd deorling, worin man viel- 
leicht auch einen rest der alten a-form sehen darf. 

Wenn ich behaupte, dass die abstracta anf -ungS- von den 
appellativen auf -inga- abgeleitet sind, so muss das für den 
ersten augenblick Widerspruch hervorrufen. Erstere sind eine 
verbale, letztere eine denominative ableitnng. Jedoch sind wir 
in der läge diese scheinbar mangelnde Übereinstimmung recht 
wol erzielen zn können und zwar mit hilfe des altn. Im 
westgerm. sind die masc. auf -ing -ung — von der er- 
weiterten form -Hing zunächst abgesehen — keineswegs sehr 
häufig vertreten: sie finden sich nur in einer beschränkten 
anzal Wörter, wobei die einzelnen dialekte meistens Über- 
einstimmen. Wirklich lebendig ist aber das suffix im altn. 
Es steht sowol in denominativem als in verbalem gebrauch nnd 
gewährt so aufs schönste eine brücke zn den verbalabstracten 
auf -ung. Dass die anwendung des suffixes zur nominalen ab- 
leitung die ältere ist, unterliegt wol keinem zweifei; ausschliess- 
lich denominativ ist auch das lit. -inkas. Von den germ. dia- 
lekten kennt das got. und alts. nnr den denominativen gebrauch 
der hierher gehörigen soffixe. — Welches war die ursprüng- 
lichste bedeutung? Grimm bemerkt 11 346 zu den ableitungen 
durch ng überhaupt: es liegt darin vorwaltend ein begriff der 
abstammung oder lieber Verwandtschaft. Diese definition 
ist offenbar zn eng. Wie lässt sich die ableitung von adjec- 
tiven oder verben hiemit vermitteln? Auch was aus dem lit 
hierher gehört, zeigt nicht den begriff der Verwandtschaft. Ich 
glaube, dass man von einer viel allgemeineren bedeutung aus- 
gehen muss, der der Zugehörigkeit. Die verschiedenen 
nflancirungen , die hervortreten, lassen sich dann vornehmlich 



fftizedDy GOOgk 



an der hand des ahn. recht wo) vermitteln. Ich beschränke 
mich zunächst auf die appellativa auf -mg -ung. 
1. Ableitung von Substantiven. 

b) Der begriff der Zugehörigkeit stellt sich zunächst rein 
äusserlich dar in der bezeichnung der abstammung oder 
Verwandtschaft, was Grimm für die ursprünglichste bedeu- 
tung hielt. Hierher gehören vor allem die patTonymica. In 
diesen erhielt sich das suffix -mg, -ung im westgermanischen 
lebendig. Das ahd. weist es zahlreich auf und in Ortsnamen 
ist es ja noch heutzutage ungemein verbreitet. Im ags. kann 
die ableitung Jedwedem mannsnamen hinzutreten nnd bildet 
dann den namen oder zunamen des sohnes oder nachkommen". 
Im altn. ist das viel weniger der fall. Eigennamen anf -ingr, 
•ungr finden sich wenige, häufiger im plur. zur bezeichnung 
eines geschlechts: Niflungar, Välsungar, Skjoidungar etc. 
Nicht selten werden gentilia von ländernamen in dieser weise 
gebildet: Gyftingar, Fareyingar etc. Hier findet sich auch 
die endung -Ungar: Ynglingar, Knytlingar. Grimm findet die- 
sen gebrauch „sonderbar", er erklärt sich aber sehr einfach 
ans dem begriffe der Zugehörigkeit. 

Dasselbe liegt auch bei Verwandtschaftsbezeichnungen ver- 
schiedener art zu gründe: 

got. gadiliggs verwandter — - ags. g(Bdeling (Grein I 373) 
genösse, aB. gaduling, ahd. gatuling, gataling und getilinc 
verwandter. Dass ags. geed societas direct zu gründe 
liegt (J. Schmidt, Voc. 184) ist keineswegs sicher; einen 
st. *gatiala- bietet allerdings keine Sprache, wol aber 
*gaüara (ags. geador, mhä.gater). 
an. dtlungr (Eg. 29) und aettingi (Eg. 143) verwandter (zu 

Alt geachlecht). 
an. sifjungr (Eg. 702) verwandter (zu sifjar pl. schwager- 

schaft) = ags. sibling. 
ahd. kunniling (Gr.IV442) contribulia (zu kunni geschlecht; 
kuning stelle ich nicht hierher, sondern zur folgenden 
kategorie). 
an. broedrungr (Ol. 85) a first consin (zu brddir). 
au. feÜrungr solin in belr-feÜrungr und verr-feÜrungr. 



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.170 

hu. systrungr (Ol. 61fi) matterschwesterBohn (zn systir), vgl. 
afr. susterling (R. 1061) BchweBterkind. 

afr. smiarmg (R. 1061) Schwiegersohn und -vater. 

ahd. kebesiling (Gr. IV 369) söhn einer kebsfrau (kebesa). 

Aus dem späten mhd. ist breutung hräutigam auszuführen 

(Uhland, Volkslieder II 780), das aber nnr auf entatellung von 

briulegom beruht (Lexer I 356 fuhrt die formen briutegunt, 

briutgung an).' 

Hierher ziehe ich auch die im altn. allein dastehenden 
fem. auf -ing , weiche frauen bezeichnen: dritlning (Eg. 110) 
herriD als die zum herrn gehörige, neben ihm stehende. Ebenso 
kerling (Eg. 460) alte. Bloss movirte fem. Bind broe&rwtga a 
female first cousin, systmng oder systrunga mutterschwester- 
tochter. Das ags. faftrunga mutter. eigentlich „die zum vater 
gehörige" würde, wenn besBer gesichert, hier genau entsprechen. 
Eine andere im altnordischen erscheinende wortkategorie 
dürfte anch hierher zu stellen sein, die diminuliva auf -iingr. 
Da das suffix in dieser erweiterten form im altn. fast gar nicht 
vertreten ist, wird hier -ing an das an sich schon verkleinernde 
-la~ angetreten sein, ebenso wie hd. -Im durch combinatioD 
zweier suffixe entstand. Ursprünglich mag die Vorstellung 
massgebend gewesen sein, dass das kleine znm grossen gehöre, 
wie in der tierweit daB junge zu seinen eitern. Aehnliches im 
griech.: Cnrtlus, Etym. 5 647. Ich nenne beispielsweise: kifi- 
lingr (Eg. 463) böcklein zn kiti bock, titlingr (Ol. 633) Sper- 
ling zu ülr, bitlingr (Cl. 64) biss zu bili, boeklmgr (OL 91) 
buch lein zu bok. Andere spuren eines verkleinernden -ing bei 
Grimm III 683. 

ß) In der weiteren entwicklung wurde aus der rein flusaer- 
lichen beziehnng, welche das snffix ursprunglich darstellt, zu- 
gleich eine innerliche: das neu gebildete wort wird jetzt 
nicht allein durch ein äusserüches band mit dem zu gründe 
liegenden Substantiv verbunden, sondern tritt mit demselben 
durch begriffliche Verknüpfung in irgend welchen tieferen Zu- 
sammenhang.' Allmählich trat dann der begriff der äusseren 



1 Das vielbesprochene sunufatarungo (Hild. 4) zeigt i 

dva- com Position den begriff der Zugehörigkeit zu dem der Zusammen- 
gehörigkeit t 



fftizedDy GOOgk 



171 

Zugehörigkeit immer mehr zurück und es bildet sich das prin- 
cip aus, dass ein persönliches wegen oder appellativum dann 
von einem snbatantiv durch unser suffix abgeleitet werden kann, 
wenn beide in engem, begriffliebem zusammenhange stehen, 
indem das zu gründe liegende dem neu zu bildenden wort das 
Hauptmerkmal gewährt und ihm seine Wesenheit verleiht. 

Ich erwähne zunächst solche ableitungen, bei denen es 
noch statthaft ist äussere beziehungen zum stammworte an- 
zunehmen : 

an. bandingi (Cl. 51) gefangener, der in banden liegt (zu 

band pl. fesseln). 
an. brautingi (Eg. 77) bettler, land st reicher, der immer un- 
terwegs ist (zu braut weg). 
an. byrtfingr (Eg. 91) laetschiff (zu byrtSr last), 
an. eitrungr (Eg. 129) giftschlange (zu eitr gift). 
an. erfingi *(Eg. 129) erbe (au arfi erbe). 
an. espingr (Cl. 134) boot aus espenliolz (zu espi espenbolz). 
an. ftngrungr (Cl. 154) fingerring (zu fingr). 
an. goeSingr (Cl. 222) a man of property (zu g6tS). 
an. grunnungr (Eg. 275) gründling (zn grunnr grund). 
an. heiÜingi (Eg. 316) wolf, der auf der heide lebt (zu heidr). 
an. Mftiingr (Eg. 373) häuptling (zu hÖfuty = ags. heafod- 

ling, af r. Jtavding. 
an. hyrningr (Cl. 304) a horned man (zu hörn). 
an. konungr (Eg. 473) könig = ags. cyning, as. ahd. kuning 
(die gewöhnliche erklärmig „abkümmling eines edlen ge- 
schlechts" ist nicht zu rechtfertigen, denn got kunl hat 
in keinem dialekt die bedeutung „edles geschlecht". Da- 
her bedeutet auch abd. kunniling einfach „contribulis". 
Grimms ableitung [RA. 230] von an. konr, also „ab- 
kömmling eines adligen", scheint mir auch der bedeutung 
nicht gerecht zu werden. Ich fasse künftig als den das 
geschlecht anfuhrenden , gleichsam in seiner person re- 
präsentir enden [man vgl. mhd. daz riefte] und leite es 
nicht direct von kuni ab — das verbietet an. konungr — 
sondern von dem zn gründe liegenden stamm kuna-, den 
got. kuna-vida, ahd. kuna-with, an. -konar (adv. gen. -= 
lat. -modi) in alls konar etc. aufzeigen). 



gz ?ca , Google 



172 

»n. oeSlingr (Eg. 637) freieitzer (zu 6hal besitztnm). 

an. skörungr (OL 666) anfuhrer (zn skör schar, erklärt sich 

ganz in derselben weise wie kommgr). 
an. vlking (Eg. 879) freibeuter (nach Vigf. 716 zu vlk 
bneht, also entweder n der sieh in buchten aufhält" oder 
„der bnchten mit plttndernng heimsucht") = sgs. vtcing. 
In der altn. poesie Bind dergleichen Bezeichnungen unge- 
mein verbreitet, wie überhaupt die bildnng eine der altgerm, 
epik dnreh and durch eigene ist Persönliche wesen, tiere, 
Sachen, namentlich solche, die im Vordergrund des germ. lebens 
standen, wie das schiff etc. wurden in dieser hoch poetischen 
weise dorch eins ihrer merkmale bezeichnet. 

Viel vereinzelter treten die büdnngen im westgerm. auf. 

Ich reihe die älteren anf -ling mit an, weil diese, wie noch 

vielfach nachzaweisen, solche auf -ing znr voraussetzang haben. 

ags. bedling (Ettm. 292) effeminatns, der weichlich aufbetten 

liegt (zu beet). 
ags. cäsering (Ettm. 386) kaiserliche münzen ahd. keisuring. 
ags. eordling (Ettm. 38) glebae adBcriptns. 
ags. mcesHng (Ettm. 202) mesaing = ahd. messing (zu lat 

massa). 
ags. pending (Ettm. 271) pfenning — ■ ahd. phending (wird 

von phand abgeleitet). 
ags. räpling, r&pling (Ettm. 267) gefangener (zn r&p fessel). 
ags. silfring (Ettm. 637) silberling — ahd. silabarling 

(Graff VI 216). 
aa. druhting (Hei.) brantfflhrer (zu druht- in comp.) = ahd. 

truhting (Graff V 519). 
ahd. b&weiing, büling, büring (Gr. III 18. 20) baner (zn bit 

nnd bür habitatio). 
ahd. füstiüng (Gr. 111 726) fansthandachub. Im mhd. be- 
gegnet auch das einfachere viustinc (Gramm. II 334). 
ahd. hovilmg (Gr. IV 831) höfling. 
ahd. hüslnga (Gr. IV 1059) penates, die zum hause gehören. 

Im afr. h&sing (R. 832) bansmann, 
ahd. kamarling (Gr. IV 402) k&mmerling. 
ahd. kisiling (Gr. IV 601) Wiesel (zu kis glarea). 
ahd. sarling (Gr. VI 267) miles (zu saro rflstirag). 



fftizedDy GOOgk 



173 

ahd. scubiling (Gr. VI 409) inductilis («u scubil). 

ahd. sicheling (Gr. VI 90) garbe (zu sikhila siohel). 

ahd. siditing (Gr. VI 311 arca-, /aw(-) ausiedler (zu ««da/ 

sitz). 
ahd. snitiling (Gr. VI 843) aurculus (zu snit schnitt vgl. 

rebesmt ebenda). 
ahd. zentring (Gr. V 686) copadinm (zu zanturo kohle). 
ahd. zuhaling (Gr. V 615) halbstiefel (zu zuhil, zugil zügel, 
ursprünglich allgemeiner: mittel zum ziehen). Vgl. h/xnt 
ziichilincha (Graff a. a. o.) altilia, mhd. lant-züglinc 
(Lerer I 1829) colonas. 
mhd. bertmc Klosterbruder (zu hart). 
mhd. hendelinc funsthand schuh (zu hand). 
mhd. Ugerling bettlägeriger (zu leger) n. a. vgl. Weinhold 
mhd. Gr. § 258. 

Die Stellung, die daa grundwort der ableitung gegenüber 
einnimmt, ist vornehmlich eine dreifache: 1. erateres bezeich- 
net der Stoff so an. espingr „boot aus espenholz", ahd. messing, 
süubariing, zentring. 2. die bezeichnung ist vom ort herge- 
nommen: an. brautingi „der sich immer unterwegs befindet", 
fingrtmgr „ring am finger", heiftingi heidewolf, &ga.bedling „der 
auf betten liegt", ahd. füsliling „fausthandachab", hüsing „der 
im hause ist" etc. In mehr übertragenem sinn erscheint die 
locale beziehung in an. höftSingr, eigentlich „der an der spitze 
steht", konungr der das geschlecht, skörungr der eine schar, 
aa. druhting der den hochzeitezog anführt, an. oeÖlingr der anf 
seinem freisitz, ahd. büling der auf seinem acker, hoveling der 
am hofe wohnt etc. 3. das hauptmerkmal dient zur Charak- 
teristik einer persou oder sache an. bandingi, ags. räpting „der 
in banden liegt", an. byrtfingr „laatschiff", ags. cäsering „münze 
mit dem bildniss des kaisers", ahd. sarling „soldat, der in der 
rüatung steckt", zuhaling „halbstiefel mit zftgen", mhd. bertmc 
„bärtiger k loste rb rüder" etc. Sehr frei ist die durch -ing an- 
gedeutete beziehung in modus Carelmanninc etc. „Sequenz, die 
von einem Karlmann etc. handelt" (Denkm. * 331 f.). 

-/) Kommt man bei diesen Wörtern noch grösstenteils mit 
der rein ausser liehen Zugehörigkeit oder abhängigkeit aus, so 
gibt es dagegen andere, wo ein ausschliesslich begriff- 



fftizedDy GOOgk 



174 

lieber zusamro e nhan £ existirt. Ea sind dies solche, wo das 
suffix an abstraut» antritt Dies ist der entaehetdenBte schritt, 
welchen das suffix in seiner entwicklung tat : jetzt ist es aus 
der rein sinnlichen in die begriffliebe Sphäre übergetreten. 
Hier wird folgendes anzuführen sein: 

an. flaemingr (Eg. 183) flüchtling = ags. flSmbtg (nach Ettm. 
362 zu fleam flucht, das an. wort aus dem ags. entlehnt?) 
an. gärungr (Eg. 224) possenreisser {zu gär possen). 
an. hildingr (Eg. 336) könig, der zum kämpfe führt (zn 

hildr). 
an. morfiingi {Ol. 434) mörder (zu morfy. 
an. ntöingr {Eg. 602) ehrloser (zu nity = ags. räding 

(Ettm. 249). Im deutschen als eigennamen. 
an. raeningi (OL 506) ränber (zu rän raub), 
an. vetrungr (Ol. 701) tier einen winter alt (zu velr). 
ags. höring (Ettm. 449) adulter = ahd. huorilmc (Gr. IV 

1012) spnrius. Zu grnnde liegt got. hör n. ehebruch. 
ags. hyreling (Ettm. 489) mercenarins (zu hyr conduetio). 
ags. neadling (Ettm. 246) servaB (an nead). 
ahd. festinung (Graff III 724) vigax (zu feslina munitio). 
ahd. Uumendinga (Gr. IV 1102) Favores (personifich-ung von 

hliumund). 
ahd. mahting (Gr. II 619) nnmen, das durch seine übernatür- 
liche kraft characterisirt ist (zu mäht). 
ahd. tvendeling (Gr. I 766) convertibiüs (zn tvantal). 
ahd. mhseling (Gr. I 717) wechselbalg (zn tvehsal). 
ahd. zumftel'mg (Gr. V 667) pacatus (zu zumft pactum), 
mhd. vundelinc findelkind n. a. 
Von diesen bildnngen ist der Übergang nicht schwer zu 

2. ableitungen von adjeetiven. Hier kann das 
siiftix nur ein rein begriffliches Verhältnis ausdrücken. Das 
zu gründe liegende adjeetiv macht das hauptmerkmal des neu 
zu bildenden wortes, vorwiegend einer person, ans, ist nicht 
nur eine Eigenschaft, sondern characterisirt sein wesen. 

an. armlngi (Ol. 25) armer tenfel"(zu armr) = ags. earmmg, 

yrming (Grein II 775) ahd. arming (Graff I 422). 
an. birtmgr (Eg. 55) 1. glänzender fisch, 2. berühmter mann 
(zu bjartr glänzend). 



fftizedDy GOOgk 



175 

an. dyrlingr (Eg. 116) freund (nach Cl. 112 heiliger mann) 
(zu dyrr teuer) = ags. deorling und dyrting (Gr. 1 
194. 215). 

an. glöggvingr (Eg. 252) vir parcus (zu glöggr sparsam). 

an. jafningi (Cl. 322) consors (zu jafn gleich) = ags. efat- 
folg (Ettm. 25). 

an. maeringr (Eg. 563) vir excellens (zu maerr berühmt). 

an. ndtmgr (Eg. 593) nachb&r (zu na, nur in couipos. er- 
halten). 

an. smaelingi -ingr (Cl. 573) a amall man (zu smäl). 

an. snillingr (Eg. 754) hervorragender, redebegabter mann 
(zu snjallr berühmt). 

an. spekmgr (Cl. 582) weiser (zu spakr weise). 

an. unglingr (Cl. 654, modern) jüngling (zu ungr) — ags. 
geonglmg (Ettm. 73) ahd. jungeling (Graff I 607). 

an. vitringr (Cl. 713) weiser (zu vitr weise). 

an. öldungr (Eg. 602. Cl. 763) 1. jähriges rind, 2. aldermann 
(zu aldr). 

Hierher gehören die ableituugen aus zalwörtern um einen 
1 zu bezeichnen: 

an. helmingr hälfte = ags. helfling, ahd. helbeling. 

an. pritijungr drittel =■ ags. prihing (aus *pri$ing durch 
dissimilation?). 

an. fjortiungr viertel = ags. feorÖung, ahd. fiordung. 

an. fimmtungr, settungr etc., vgl. Wimmer § 105 b, die in 
den anderen dialekten nichts entsprechendes haben. 

ags. brenting (Gr. I 139) schiff (zu brant, steil, hochgehend). 

ags. hearding (Gr. II 59) vir strenaus (zu heard) =■ ahd. 
herting (Gr. LV 1024). 

ags. lytling (Ettm. 191) infans (zu iytel). 

afr. friliny (R. 766) freier (zu /M). 

afr. sundering, -ling (R. 1056) besonderer (in adjeet. ge- 
brauch). Daneben das gleiohbedeutende sundroch, sun- 
derch. Im ahd. steht das adv. suntringün neben dem 
adj. sunlrig. 

and. verseung, -ang (Preck Hr.) frischling = ahd. /riscing 
(Gr. III 832). 

ahd. aftarling (Gr. I 190) extoles (zu aftar). 



»Nzedny GOOgk 



176 

ahd. bosilmg (Gr. III 216) nugax (zu bösi). 
ahd. ediling (Gr. I 144) nobilis (zn adal). 
ahd. emwk/ (Gr. I 329) aliquis (zu ein). 
ahd. hintring (Gr. IV 705) impoator (an hinlaro). 
ahd. kumilmg und komeüng (Gr. IV 673), advena, daneben 
quemaling, -Hing in niu- quemaling, -Hing advena (ein 
verbaladjectiv kumil, komal ist zn erschliessen ans uochu- 
mil racemus, nähchomel successus [Gr. IV 674]. Die for- 
men quemaling, -Hing sind vielleicht mit anlehnung an 
das abstr. quemi entstanden), 
ahd. umbiling (Gr. I 262) circuitas (zu umbi praep). 
ahd. wisiling (Gr. I 1072) philosophns (za wisi). 
ahd. zehaning (Gr. V 630) decanus (zu zehan). 
ahd. xtriailmg (Gr. V 729) geminus (zu ztvinal). 
Ganz vereinzelt steht ein fem. smelenge (bei Wack. Fred. 
B, 33) niedrige persou, das Sehade, Wb. 832 für eine bildung 
wie arming etc. mit fem. Charakter erklärt; so auch Wacker- 
nagel bei Lexer II 1006. Weinhold hält es für identiseh mit 
smelunge, von smeln abgeleitet, in der bedeutung „Schwachheit 11 . 
Ein solches smehmge konnte aber wie das afr. smelenge nur 
„schmäleruug', „ Verringerung " heissen und nie diese intransi- 
tive bedcutung erhalten. 

Sehr beliebt Bind diese ableitungen von adjectiven, wie 
auch die von abstracten zur bildung von eigennamen. Hier 
tritt der allgemein zur chaiacteristik dienende zng des Suffixes 
mit einer gewissen symbolischen bedentnng schön hervor vgl. 
Hruoding der ruhmreich ist oder werden soll, Liubing etc. 

3. Ableitung von verben. Im westgerm. beschränkt 
sich das suffix -ing, -tmg in der besprochenen weise auf den 
denominativeu gebrauch. Fälle, in denen es verbal angewandt 
ist, treten hier nur ganz sporadisch auf. Als ein urgerm. bei- 
spiel wäre vielleicht anzuführen: got. skilliggs = an. skilüngr, 
ags. &s. ahd. scUling. Nach der herschenden, zuerst von Pott 
aufgestellten ety Biologie ist das wort von scellan abzuleiten. 
also eigentlich „klingende münze". Ausserdem sind aus dem 
westgerm. noch zwei Wörter anzuführen , wo verhale ableitung 
angenommen werden kann: ags. stvelting (Grein II 503) das 
schwellende segel, das doch nur zu swellan gehören kann und 



»iraoy GOOgk 



177 

and. tvinding, ahd. winting fasciale, wo ebenfalls directe ablei- 
tnng vod windan wahrscheinlich ist. Manchem anderen der 
anter der nomi aalen ableitung angefahrten wörter kann eben 
so gut eine verbale zu gründe liegen, wie z. b. ahd. hintrinc 
sich dem sinne nach sogar besser znm v. hintaren als zu 
hintaro stellt. — Sind also nur geringe spuren des verbalen 
gebrauche unsres Suffixes im westgerm. vorbanden, so haben 
wir doch — seibat wenn wir auf das vereinzelte skilling nicht 
allzuviel gewicht legen wollen — allen grund, zu vermalen, 
dass derselbe dem urgerm. ehemals eigen war. Im altnord., 
namentlich in der alten epischen spräche, ist uns derselbe er- 
halten. An den verbalstamm angetreten bildet die endnng 
-ingr, -ingi nomina agentis and zwar solche, welche eine 
dauernde tätigkeit oder beachäftigung bezeichnen, nicht ein 
einmaliges tun. Der im verbalstamm liegende begriff ist 
wiederum das merkma! der bezeichneten person. lieber die 
entstehung dieser blldungsweise laust sich vermuten, dass sie 
aus der vorher besprochenen kategurie von bildungen unmittel- 
bar geflossen ist. Bei ableitungen, welche von adjectiven er- 
folgten, die ein abgeleitetes verbnm neben eich hatten, konnte 
sieb ganz in der weise, wie wir es beim suffix -ipet gesehen 
haben, allmählig die anachauungsweise herausbilden, dass der 
stamm dieaea verbams zu gründe läge. Ein wort wie kunningi 
(Cl. 359) freund z. b., das gewis durch ableitung von kunnr 
entstanden ist, konnte in der volkstümlichen anschauung auch 
zu kunna v. gestellt werden und noch eher leysingi (CL 387) 
a freed man statt von laus von ieysa abgeleitet werden. Nach 
solchen mustern schuf man directe bildungen, zunächst von ab- 
geleiteten, dann auch von starken verben. Ich nenne beispiels- 
weise: 

bendingr (Eg. 46) vibrator (zu benda, d). 

blifingr (Eg. 56) der wartende (fti'Öa stv.). 

blendingr (Eg. 62) mischling (blanda stv.). 

dretlingr (Cl. 106) faulenzer (dratia, aö 'to trail or walk 
like a cow'). 

gyrÜmgr (Eg. 282} qui clreumd&t (gyrda, d). 

hlaupingi (Cl. 269) landläufer (hlaupa stv.). 

naeringr (Eg. 693) erbalter (naera, Ö). 



Dig, : .z eaD y GOOgk 



178 

Diese Wörter kommen grösstenteils ausschliesslich in der 
alten, poetischen spräche vor. Wir sind um so mehr ver- 
anlasst die bildungs weise für alt anzusehen; sie wurde später 
aufgegeben, weil für nom. agentis andere snffiie an geböte 
standen. 

Ueber die geschiente der ableitung -mg im westgerm. sei 
mir hier eine kleine absohweifung gestattet Es handelt sich 
um die Verdrängung der alten form -mg durch die form -Hing. 
Ich habe schon oben hervorgehoben, dass ich mir dieselbe nicht 
mit Schmidt ans -ining hervorgegangen denke, sondern in ihr 
nur eine jener häufigen anffix er weiterangen erblicke. Besonders 
gut lässt sich dieselbe an der hand des ahd. verstehen. Hier 
sind 25 bildungen auf -Hing belegt: b.ei 10 derselben gehört -il- 
aber zu dem abzuleitenden nomen (kisiling, scubiling, sicfieling, 
sidiling, zuhaling, tvendeling , wih$eling f ediling, kumiling (?), 
zwineling) und es ist recht wol begreiflich, dass durch diese be- 
trächtliche zal sich die Vorstellung eines sutfixes -Hing erzeugen 
konnte, was dann analogiebildungen zur folge hatte. Allem 
anschein nach fällt dieser Vorgang bereits ins urgerm. Ich 
schliesse das weniger aus dem vereinzelten * gaftilinga-, denn 
hier ist ja die möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass zunächst 
ein st *ga$ila- zu gründe liegt, als aus dem umstände, dass 
auch das altn. die erweiterung des Suffixes kennt. Wir haben 
die form -lingr in völkernamen (Vigf. XXXU), bei den dimi- 
nutiven (wo vielleicht als suffixverbind ung aufzulassen oben 
s. 170), and in drei ableitangen von adjeetiven: dyrlingr, 
Ijüfiingr und unglingr. Letzteres entspricht uwar aga. geong- 
ling, ahd. jimgeling (der grund der erweiterung war hier 
offenbar der wolklaug, man wollte die directe aufeinander- 
folge der laute ng vermeiden), Ist aber erst späteren Ursprungs 
nnd wahrscheinlich wie auch Ijüfiingr (vgl. bei Cl. 396) aus dem 
deutschen herUbergenommen. Auf diese paar fälle beschränkte 
sich aber der gebrauch des erweiterten suffixes im altn. 

Anders im westgerm. Hier bleibt mg (daneben -ung) 
nur in den patronymicis lebendig, während es sonst dem -Hing 
allmählich platz macht Es lässt sich beobachten, wie dies er- 
weiterte suffix auf kosten des alten um sich greift: oft hat ein 



3y Google 



179 

dialekt noch die form auf -big, ein anderer die auf -Hing. 
Einiges hat schon Grimm s. 366 angeführt Es lassen sich 
noch gegenüberstellen: 

an. sifjmgr = ags. sibling. 

an. hö/Ömgi, afr. haväing = ags. heafodling. 

ags. sil/ring =■— ahd. silabarl'mg. 

an. heimmgr = ags. helfiing, ahd. helbeling. 

an. jafningi = ags. efenling. 
Im ags. sind die bildungen anf -ling schon sehr im über- 
gewicht Durch meine Sammlungen haben sich mir 12 Wörter 
auf -ing, 20 auf -ling ergeben. Im hochd. ist ebenfalls die 
bildung auf -ing im aussterben, während die auf -ling noch in 
der gegen wart reiche anwendung findet Im ahd. beschränkt 
sich -Hing noch so ziemlich anf die i- und /a-stämme, während 
die «-stamme sieb mit dem einfacheren ing begnügen. Aber 
wir haben doch auch schon silubarling, aftarling etc. Im mhd. 
begegnen fast nur solche Wörter auf -ine, die schon im ahd. 
belegt sind; bei neubildungen fand -linc ausschliesslich an- 
wendung. Belege bei Grimm II 336, Weinhold al. Gr. § 228, 
bair Gr. § 217, mhd. Gr. § 231. Im nhd. ist -ling ein beliebtes 
sul'fis zur bildnng von bezeicbnnngen für persönliche wesen 
(auch in den anderen neugerm. sprachen, in den nordischen 
wol durch deutschen einfluss). Es schliesst sich an Substantive 
nnd adjeetive an, seltener an verba. Der verbale gebrauch 
entwickelte sich in der schon mehrmals betonten weise vom 
nominalen aus: bildungen wie Hebung, Sträfling veranlasste 
das Sprachgefühl an verba anzuknüpfen. In dieser weise wurden 
neu gebildet: ankommling, flndling etc. 

Aus den substantiva auf ~ung -ing , deren entwicklungs- 
geschichte wir hier kurz vor äugen fuhren mussten , sind die 
adverbia hervorgegangen, die ihrem ausgang nach in den 
einzelnen dialekten nicht ganz übereinstimmen : got. auf -iggö, 
ags. auf -unga -inga (-linga), as. anf ungo, fränkisch auf -ingon 
(-ilittgon), oberdeutsch auf -ingün (-ilingün). Die ansieht, welche 
rein von Seiten der bedentung aufzustellen möglich war und 
auch aufgestellt worden ist (vgl. Grimm II 340), dass sie viel- 
mehr als ein erstarrter casuB der abstraeta auf -ung zu be- 
12* 



CDy Google 



180 

trachten seien 1 , ist mit rüeksicht auf die lautliche form natür- 
lich fallen zu lassen. Die ganze entwicklung derselben , das 
allmähliche aufkommen der durch / erweiterten form ist gerade 
so wie bei den appellativen auf -iiig. Allerdings müssen zu- 
nächst adjeetive den adverbialen bildungen zu gründe gelegen 
haben. Aber das suffix -unga- -inga- ist ja Beinern Ursprung 
nach adjeetivisch und es fehlt auch weiterhin nicht an spuren 
dieser ursprünglichen bedeutung. Adjeetiv ist das ahd. afr. 
along, alang, as. alung (vgl. ags. cdtkmga adv.), ahd. eining. 
Weniger gewicht will ich darauf legen , dass auch im mhd. 
bildungen auf -ing -ling in adjecL gebrauch vorkommen vgl. 
Weinhold mhd. Gr. § 258. — Sehr schwierig ist eB die Ver- 
schiedenheit des ausganges zu erklären. Die hochdeutschen 
und die nicht hochdeutschen formen stehen sich einander nahe, 
decken sich aber auch nicht völlig. Während sonst im ags, 
den gut. adverbien auf -6 solche auf -e entsprechen, haben 
wir hier ein -a wie im Geu. Plur. (ags. pfena = got giöS). 
Nach Paul (Beitr. VI 185) erklärt sich das a gegen sonstiges e 
daraus, daBS ein nebenton auf dem vokale lag. Eiu regel- 
rechtes -inge ist im afries. belegt {unwarlinge). Aber auch 
die hochd. formen decken sich nicht. Bei Otfrid und im Tatian 
erscheint -ingon (im Tat. auch vereinzelt -ingun, wie im acc. 
sg. maac. der adjeetiva -un neben -on, Sievers s. 46), im oberd. 
(gl. Ker., gl. Em., Notker) -ingün, sicher mit langem ü, denn 
dieses hätte sich sonst nicht bei Notker erhalten können (vgl. 
Braune, Beitr. II 148), auch ist es hier z. t, mit dem circumflex 
versehen (Grimm, Gr. Itl 234). Wie verhält sich nun die classe 
der hochd. und der nichthd. formen zu einander? Ganz un- 
glaublich erscheint, dass erstere auf einer ncubilduug beruhen. 



' Ein paar formen im Keronischen glossar, die für diese annähme 
zu sprechen acheinen, verdienen erwiihnung. Uloss. I 199, 10 wird 
ineidiia in gl. K- durch farunkom, in iia durch in farungom gegeben: 
das ist der dat. pl. von färunga, niuht das adv. färingun. welches 
z. b. 148, 21. 1%, 34 erscheint. Schwieriger aufzufassen ist Ixloss. I 
248, fi tarningom in Ka latenter, wofür gl. K. Uirnäkü hat: die erste 
form mnss entstellt sein, turttükä könnte aber auf eine ältere bildung 
durch -utigün hinweisen. Dafür wäre auch wiforomssttngu in Ra. 
(Glosa. I 14a, 20) fonuilu anzuführen. 



»Nzedny GOOgk 



181 

Wie sollte man dazu gekommen sein eine beliebte adverbial- 
bildang aufzugeben und sie durch eine ganz nn gewöhn liehe, 
die etwa auf einen casus eines schwachen fem. zurückzuführen 
wäre, zu ersetzen? Anch dazu, dass die bildung des ahd. die 
ältere und in den anderen dialekten durch die gewöhn- 
liche adverbialbildung ersetzt worden sei, wird man sich nicht 
leicht verstehen, wenn man sieb auch auf unser nhd. -lings 
gegenüber dem mhd. -lingen berufen könnte. Mir scheint die 
annähme durchaus zwingend, daas die hochd. und die nicht-hochd. 
bildung auf ein prineip zurückgebe; um dieses ausfindig zn 
machen, wage ich folgende hypothese, die ich natürlich mit 
allem vorbehält gebe. Die adverbia auf ~6 werden gewöhnlich 
auf den idg. ablativ = -öd zurückgeführt, so noch neuerdings 
von Malilow, Die langen vokale s. 135. Diese annähme lässt 
sich lautlich nicht rechtfertigen, da eine bloss durch d geschützte 
länge urgerm. verkürzt wird. 1 Osthoff hat sich in Kuhns Zs. 
XXIII 90 f. dahin ausgesprochen , dass die adverbia den lant- 
geuetzlichen acc. sg. der o-stämme, der im got durch den nom. 
vertreten wird, repräsentiren. Mahlow hat hiegegen a. a. o. 
s. 59 eingewandt, dass der acc. sg. der o- stamme im alid. auf 
-a ausgeht, während die adverbia das ursprünglichere -o be- 
wahren und allerdings macht dieser umstand Osihoffs annähme 
zn einer sehr mislichen. Ich sehe in den adverbien den alten 
iristru mentalis der fem. o-stämme. Wie Mahlow s. 70 f. richtig 



1 Mahlow's atisftihrnngen Uher die germ. auslautgesetze (s. 48 ff. 
aeiner Schrift) veranlassen mich nicht von den durch Paul aufgefundenen 
sicheren grundpvineipien abzugehen. Eine durch die ultima ratio der 
mehrfachen laugen scheinbar herbeigeführte grössere consequenz kann 
unB nicht über die gewaltsam k ei t und innere uu Wahrscheinlichkeit 
der aufgestellten regeln hinwegsetzen. Für sein gesetz urgenn. g + 
nasal = got. a kommen in der decl. fünf fälle in betracht: 1. n. sg. 
hana, 2. n. sg. tuggö, 3. n. sg. hairtd, i. gen. plnr. gibd, 5. ace. sg. 
giba; es fusst also auf dem ersten u.iri letzten, wo bisher mit gutem 
gründe analugiehildiing nach dem aec. resp. nom. angenommen norden 
ist. [gesenüiier Mahlow's expect»rationen s. 57 genügt es auf Morph. 
Unters. I 273 /.u verweisen). Auch Müller vertritt in seinem mir eben 
zugehenden Anf-atte .Germ, ä E ö in den endungen des nomens" 
(Beitr. \ II 492 fiT.) die ansiebt, dass germ. -an, -an im got. zu 6 werde 
(s. 484). 



fftizedDy GOOgk 



182 

bemerkt, lautet dieser idg. bei den nominibus auf an (oder 
-am), bei den pronom. auf -ajän {-ajam) ans. Hieraus muuate 
sich im germ. -6n entwickeln ; daraus mit Verflüchtigung des 
nasale got -<> , an. -a, ags. -a, as. ahd. -o. Um das ahd. 
-an hiemit zu vereinigen,, müssen wir annehmen, dasa im urgerm. 
neben der lautgesetzlichen form auch eine solche vorhanden 
gewesen sei, an die sich das bekannte -a angefügt habe, wie 
im acc. sg. masc, nom. acc. sg. nentr. der adjectiva; ans -6na 
entstand im ahd. lautgesetzlich -an wie in herzün = got. 
hairtöna. Es hat nun allerdings etwas auffallendes , dasa sich 
die erweiterte form nur im ahd. und zwar nur bei vereinzelten 
bildungen wie gdh&n subito und den adv. anf -ingün erhalten 
haben soll. Aber die Verteilung der erweiterten und unerweiterten 
formen bat sich überhaupt ziemlich willkürlich gestaltet: in der 
3. plnr. des opt praet. ist das -a nur im got angetreten, im 
ntr. hat nur das got., altn. und ahd. die form auf -a auch im 
adj. (die' übrigen dialekte nur im pron.). Darnach wird auch 
die Verteilung der formen, wie ich sie annehme, nicht undenkbar 
sein. Wenigstens sehe ich sonst keinen answeg die ahd. nd- 
verbia auf -ingün zu erklären. Leider müssen auch so die 
frank, formen anf -ingon unerklärt bleiben. 

Im vokal der ersten silbe weichen die adverbialbildungen 
von den masc., die ihre gmndlage bilden, z. t. ab. Es ist das 
wol mehr als ein blosser Zufall nnd hängt von den Schwankungen 
des acceutes ab. In den männlichen subst siegte die i'-form, 
die ursprünglich wol nur dem nom. acc. sing, zukam, welche 
die vorletzte silbe betonten: in den adverbien dagegen, von 
hause aus femininiaefaen bildungen, war die endsilbe betont, das 
Suffix musste daher in schwächster stufe, also mit u in der er- 
sten silbe erscheinen. So ist es auch der fall im alt- und angel- 
sacbB., in letzterer spräche drang — vielleicht durch den einfluss 
der substantiva — wieder z. t. die i-form durch, was auch in der 
vereinzelten got. bildung und im ahd. durchweg geschehen ist 
Hat in dieser ganzen frage auch noch die hypotheee den wei- 
testen Spielraum, so scheint mir doch die annähme, dasg die 
adverbia aus den subst. auf -ung -ing stammen, dadurch nicht 
an Wahrscheinlichkeit zu verlieren. Und wenn diese als mittel- 
glieder zwischen einem zu gründe liegenden nomen uad dem 



fftizedDy GOOgk 



183 

adverb so gut wie gar Dicht erbalten sind, so muss man sieb 
daran erinnern, wie frühzeitig sich hier nach wenigen mustern 
ein festes bildnngsprineip hergestellt haben kann. 

Ich führe anhangsweise die adverbialbiidungen, die in den 
germ. sprachen erhalten sind, auf und scheide die von subatant. 
und adjeetiven abgeleiteten. 

1. Von Substantiven. 

got, un-veniggS unverhofft (zu vens hoffnung) -= ags. me- 

ninga (Grein IT 660) beinahe, vielleicht 
ags. ort btscling (Grein I 76) retrorsum (zn btec). 
ags. un-ceapunga (Grein II 616) gratis (zu ceap). 
ags. ffarmga (Gr. I 277) plötzlich (zu f&r Überfall) «= as. 

fd.rv.ngo (Hei.), ahd. färingftn (Graff III 578). 
agB. fyrdinga (Ettm. 332) haufenweise (zu fyrd schar), 
ags. hälunga -mga (Gr. I 94) vergeblich (bu hfl loquela 

inanis). 
ags. malscrunga (Ettm. 205) fascinato (zu malscra fascinatio). 
ags. un-myndlinga -mendlinga (Gr. II 642) inopinato (zn 

ge-mynd gedanke). 
ags. neadunga, nQdinga (Ettm. 246) necessarie (zu nedd not). 
ahd. hruckilingün (Gr. IV 1149) supiuns (zn hrucki). 
&\tä. statin ffün, slulingün (Gr. VI 669) clam. Der ersten 

form liegt stäla zu gründe; ein subst mit u in der 

wurzcl ist nicht belegt (doch vgl. as. stulina). 
ahd. stuzzelingün (Gr. VI 736) temere. Ein subst. stuz 

(intensive bildung zu stiiz) ist im ahd. nicht belegt, wol 

aber im mhd. (Lexer II 1283). 
ahd. un-n>aringän (Gr. I 912) fortuitu (zu mara aufsieht) 

= afr. un-tvarlinge (Richth. 1107) unversehens. 
mhd, flügelingen fliegend (zu fluc). 
mhd. kreizlingen circulatim (zu kreiz). 
mhd. sitelingm seitlings (zu die). 
Im nhd. sehr verbreitet Gr. s. 339. 

2. Von adjeetiven. 

ags. änunga -iwga (Gr. I 33) prorsus (zu an) vgl. ahd. 

eining adj. 
ags. deamunga -inga -mga (Gr. I 189) clam (zu dyrne 



fftizedDy GOOgk 



geheim = as. damwiffo (Hei.), ahd. tarnlngän (Graff 

V 468). 
ag*- gegnunga -inga (Gr. I 407) plane (zu on-gegn) = as. 

gegnungo (Hei.). 
ags. coZ/MMga -inga -enga (Gr. I 243) pro raus (zu eall) vgl. 

as. ahtng, afr, ahd. a/fw? adj. 
agB. on hinderling (Gr. H 76) retrorBum (zu hmder adv.). 
agB. niminga (Gr. H 299) denuo (zu Miwe). 
aga. rafoinga (Ettm. 250) protinus (zu raÖe BchDell). 
agg. samnunga, semninga (Gr. II 388.431) subito (zu <et- 

to-samne). 
agB. yrringa (Gr. II 776) irrate (zu yrre). 
as. missungo (Hei.) sicherlich. 

ahd. blintilingon (Graff III 25C) blindlings (zu 4/iM), 
ahd. gähingün (Gr. IV 131) aubitaneas (zu jrtiAi). 
ahd. sama-haflmgün (Gr. VI 36) freqnenter (zu samahaft 

contimius vgl. samahafling cunctalia bei Notker) in Pa. 

Gl. K. haben an derselben stelle (GIobb. I 178, 20) sama- 

hefticum, was ich als Schreibfehler betrachte. 
ahd. Ualingün (Gr. I 154) frnstra (zu ital). 
ahd. chrwnbeiing&n (Gr. IV 610) curvatim (zu krvmb). 
ahd. suntringän und suntringon (Gr. VI 62) singulatim (zu 

suntar) vgl. mhd. sunderlingen (h. ü 1309). 
ahd. unfora-wissingün (Gr. I 1098) fortuito (zu ga-wiss etc.). 
mhd. einzelingen einzeln (zu einzel). 
mhd. vinsterlingen im lineteru (zu vinster). 
mhd. niutvelingen neulich u. a. 

Nicht sicher zu beurteilen sind die Wörter: 

aga. arrvunga (Ettm. 31) difficulter = ahd. arawingm (Gr. 

I 429) gratis. 
ags. eaminga (Ettm. 59) palam. 
agB. swlunga (Ettm. 763) cum silentio. 

Die entwicklnng des euffixes im deutschen (im engl, hat 

ea keine ausdehnung gewonnen) zeigt dieselben zage wie bei 
den maac. Substantiven. Die erweiterte form -lingen ist im 
mhd. fast die allein vorkommende (doch gehört das l z. t. dem 
abzuleitenden nomeo an). Im nhd. entspricht -lings, das recht 



fftizedDy GOOgk 



weite ansdehnung gewonnen hat. Auch hier zeigen sieh spuren 
des verbalen gebrauche (Grimm m a. o.). 

Die appellativa auf -ung -mg, welche diesen adjectivischen 
bil dangen zur grundlage gedient haben, sind nun auch die 
quelle der ung- ab atraeta. Bloss vom Standpunkt des westgerm. 
ans wäre allerdings eine Vermittlung beider nicht leicht. Wol 
aber scheinen sich mir die altn. nom. agentis auf -ingr an- 
gesucht zur erklärung deB Übergangs zu den abstracten bil- 
dnngen darzubieten. Dieselben sind ohne zweifei alt: schon 
im altn. können sie als veraltend gelten, sie kommen fast aus- 
schliesslich in der alten epischen spräche, in der prosa nur in 
einzelnen ausdrücken vor. Im westgerm., wo die zal der bil- 
dnngen auf -ing überhaupt eine beschränkte ist, kann es uns 
nicht wunder nehmen, gerade die verbalen Ursprungs fast voll- 
ständig geschwunden zu sehen, denn für diesen gebrauch standen 
zalreiclie andere suffixe zu geböte, während die nominalen bil- 
dungeii eine so charaeteristisehe bedeutung hatten, dass sie 
nicht ganz entbehrt werden konnten. — Der Übergang von den 
abstracten erfolgte nun in der weise, dass man appellativen, 
welche persönliche wesen bezeichneten, durch weiterableitnng 
mit dem snffix -d- oder richtiger durch Verleihung des feminin- 
characters die bedeutung eines nomen actionis beilegte. Dass 
dies ein für das altgerm. giltiges bildnngsprineip ist, habe ich 
schon Öfters hervorgehoben; erst im leben der germ. sprachen 
trat -i für die bildung seeundärer abstraeta iu den Vorder- 
grund. Nach dem alten pr'incip gebildet sind im altn. auch die 
denomiu. abstraeta auf -ska (Vigf. Outlines XXXII h ): dieselben 
haben ursprünglich adjeetiva auf -skr zur Voraussetzung, werden 
dann aber auch direct von nominibns abgeleitet; ans dem ahd. 
entspricht diutisca, chindisca etc. vgl. Grimm II 355. Auch 
ahd. suntriga Privilegium (vom adj. mntarig) und manches 
andere wäre hier anzuführen. — Die doppelheit der u- und 
i'-form findet sich auch bei den abstracten auf -ungö- -ingö-; 
doch tritt erstere mehr in den Vordergrund als bei den masculinen. 
Dass abweichende betonung diesen unterschied veranlasst habe, 
lässt sich vermuten; vielleicht liegt der grund darin, dass die 
endung der abstraeta länger zweisilbig blieb. Die t-form ist 



fftizedDy GOOgk 



186 

ihrem Ursprung nach gleich alt, wie die «-form, wenn auch 
nicht zu verkennen ist, dass sie später am sich greift, wol 
durch den einfluss der bisbc. auf -»(17. Das allmähliche zurück- 
weichen der u-form vor der i-form lässt sich im altn. und ags. 
recht wol wahrnehmen. Im altn. findet kein Wechsel zwischen 
der t- und w-form statt, sondern -ung steht in einer bestimmten 
anzal Wörter, die ich sogleich anführen werde. Im ags. hat 
dagegen -ing das alte -ung allmählich verdrängt vgl. Gr. II 337. 
In der poesie sind nur 18 -ing gegenüber 48 -ung belegt, in 
der prosa ist -ing das häufigere. Grinmi hat darauf aufmerksam 
gemacht, dasB die abetraeta, die aus verben auf -eltan -erian 
-elian herrühren, das -ing nicht zu leiden scheinen. Diese be- 
merkung lässt sich dahin erweitern, daes überhaupt die verba, 
deren stamm ein weiteres ableitungselement enthält, am -ung fest- 
halten. Ee seheint hier ein gewisses rhytmiscbeB geaetz zu walten : 
nachdem bereits ein schwächerer vokal auf den wurzelvokal 
gefolgt war, griff man nach dem volleren u. Ich erwähne: 
ägenung (E. 52) besitz, mendung (E. 68) befehl, fefnung (E. 26) 
abend, beaenung (E. 299) wink, bletsung (Gr. I, 127) Segnung, 
brosnung (Gr. I, 144) verderben, byrigung (E. 286) gesehmack, 
bysnung (E. 301) beispiel, bytlung (E. 304) gebäude, cl&nwng 
(E. 394) reinigung, dyderung (E. 562) Verhöhnung, ege- 
sung (E. 4) drohung, eofolsung (E. 25) blasphemie, flBstnung 
(Gr. I 273) Bestätigung, fosgnung (E. 339) freude, gitsung 
(Gr. I 512) verlangen, kdlgung (K. 474) consecratio, hälsung 
(Gr. II 9) absecratio, Hergang (463) angriff, gaffietfung (E. 408) 
spott, hdrnung (E. 449) moechatio, leahtrung (E. 158) anschul-' 
digung, Hcetung (E. 184) heuchelei, lyffetlung (E. 176) an- 
betung, matfelung (E. 199) geschwätzigkeit , metegung (Gr. II 
235) denken, medemung (E. 204) mässigkeit, m&rsung (E. 223) 
Verherrlichung, Sfesiung (E. 1) eile, oferung (E. 43) überfluss 
[cf. got. ufaratsus, an. o/rä&r], täenung (E. 636) bezeich- 
nung, sicceltung (Gr. II 442) seufzen, wteterung (E. 102) 
bewässernng, weder ung (E. 88) gewttter, witegung (E. 142) 
divinatio, mgelung (E. 137) augurium, reordlung (E. 110) ser- 
mocinatio, tvuldrung (E. 116) Verherrlichung, tvundrung (Gr. II 
953) bewunderung, peostrung (E. 606) dämmerung. 

Im deutschen hat sich die ung- form erhalten. Die neben- 



»tizedDy GOOgk 



187 

form -inge findet sich im hchd. sehr selten (Weinhold, al. Gr. 
§ 264), häufiger im ind. and schon sehr frühzeitig am nieder- 
rhein: hier begegnet sie bereits in den and. Psalmen (häufiger 
als -unga -onga) und dann in mhd. seit vgl. Weinhold, mhd. 
Gr. § 269. Ebenso ist im ndl. -ing durchgedrungen. Auch 
das friesische kennt nur -inge, -enge. 

Wir haben anhaltspunkte anzunehmen, dass die entwickhing 
der abstracta aus dem masc. auf -ing, in mehreren schich- 
ten erfolgt ist. Zn gründe liegen können natürlich nnr solche 
Bildungen, bei welchen die Zugehörigkeit, welche bezeichnet 
wird, eine rein begriffliche ist, also von den denominativen ab- 
leitnngen nur die, welche sich an ein abstractos subst. oder 
ein adj. anschlössen, ferner die verbalen Ableitungen. Wie 
wir letztere als allmählich erst ans den denominativen ent- 
wickelt betrachtet haben, so sind anch gegründete anzeichen 
vorhanden, dass zuerst bei denominativen bildungen der aber- 
gang zu abstraften erfolgte. Abstracto auf -ungS-, welche 
nomina zur Voraussetzung haben, finden sich im westgerm. nur 
vereinzelt; im altn. sind sie in grösserer anzal vorhanden und 
haben grösstenteils die endung -ung , welche sonst in dieser 
spräche fast überall dem -ing gewichen ist. Ich irre wol nicht, 
wenn ich hierin ein zeichen ihres früheren entstehena erblicke. 
Ea ist hier folgendes anzufahren: 

äjör/ung (CL 101) kahnheit (zn djarfr kühn). 

eining (Eg. 125) einheit (zu ein«.). 

häSung (Eg. 307) beschimpfung (zn häÖ spott). 

hörmung (Eg. 381) Verlegenheit (zu harmr sorge). 

hrö&ung (Eg. 405) eile (zn nraÖr schnell). 

iU'tng (Eg. 436) Schlechtigkeit (zn ilir schlecht). 

iaunung (Cl. 375) geheimnis (zu laun, was dieselbe bedeu- 
tung hat). 

lausung (Eg. 500) betrag (zu lauss lose). 

nauifunff (Cl. 446) nötigung (zn nauÜr not). 

nfjjmg (CL 459) neuheit (zu m)r neu). 

tvenning (Cl. 645) zweiheit (zu tvennr zweifach). 

verÖimg (Eg. 871) leibwache (zu vertS pretium). 

viking (Eg. 879) f reib enterieben (zu vlk bucht nach Vigf.716). 

prenning (Eg. 918) dreieinigkeit (zu prennr dreifältig). 



fftizedDy GOOgk 



188 

Es ist gewig unrichtig hier mit Grimm II 344 verlorene 
verba djarfa, harma, haeSa etc. anzusetzen. Vielmehr haben 
wir es mit einer alteren bild angeschient zu tun. Als solche 
erweist sie sich: 1. durch das meint erhaltene u des suffixes 
(dasselbe wird niemand mit Grimm a. a. 0. anf den vollen 
vocallaut der Wurzelsilbe schieben wollen); 2. dadurch, dass 
die bildungen in alten denkmalern enthalten sind. Während 
die verbatabstracta anf -ing der eddischen spräche fast ganz 
fremd sind, begegnet von den oben angeführten hdtiung, lausung, 
vertfung, viking in der älteren edda. — Ans dem weatgerm. 
ist wenig anzufahren, was sich mit Sicherheit hierher stellen 
Hesse. Dem an. lausung entspricht ags. leasuni-ing (Gr. II 171) 
lüge — > and. iösunga-inga (Heyne 140), dem an. vertiung ahd. 
tverdunga in der allgemeineren bedeutung: solemnitas, celebritas, 
dignitaa (schwerlich zu werddn). Das ags. dmoling, afr. dtvaiinge 
torheit fahren anf got. dvals. Aus dem ahd. ist z. b. zu nennen: 
kleinunga (Graff IV 563) minutiea, zehanunga (Gr. V 630) 
decaria 1 , ferner einige interessante bildangen, deren denomin- 
ativer Charakter ihre weiterableitung hervorrief: g&ringi f. 
traarigkeit (zu got gaurs) und heimingi f., heimingi n. heimat 
(zu heim), beide bei Otfrid belegt 

Mit der bildung der denominativen abstracta auf -ungd- 
hatte die spräche den ersten schritt getan, mit der Schöpfung 
der verbalen tat sie den zweiten, der von ungleich grösserem 
erfolge begleitet sein sollte. Man kann darüber im zweifei 
sein, ob man diese neuen abstracta als von den denominativen 
noch sich gezogen oder direct aus den nom. agentis anf -inga- 
gebildet betrachten soll. Der erste Vorgang allein dürfte zur 
erklärung Dicht ausreichen und nichts steht im wege die nom. 
agentis heranzuziehen. Im altn. stehen neben einander: 
birtingr glänzender gegenständ (fisch etc. auch Übertragen: 
berühmter mann) UDd birting glänz, ginnungr gauklet* und 
ginning betrug, minningr vir magni ingenii, eigentlich „der 



1 Abgeleitet d. h. nach einem auf urgenu. suffixbildung beruhen- 
dem Wechsel verhüll dib geschaffen von zehaning decavins. Ebenso 
sieht festinung vigax neben festiniinga (<>r. 1U 724), das recht wol 
denominative bildung (zu festina) sein kann. 



9-izedDy GOOgk 



189 

denkende" und minning gedächtnis. Seiner ausbreitung nach 
überragt das suffix -ungö- in diesem gebrauch weit die früher 
behandelten anwendnngen. Eb wird das verbreiteste und all- 
gemeinste suffix für verbale abstractbildung. Es verdankt das 
nicht zum kleinsten seiner eigenschaft den reinen ausdruck 
der im verbum liegenden tätigkeit darzustellen. Das zu gründe 
liegende nomen actionis bedeutete, dass die person durch den 
im verbum liegenden begriff characterisirt werde: beim nomen 
actionis ist es die handlnng, welche in dieser weise eine be- 
stimmung erfuhrt Die bedeutnng ist also eine viel allgemeinere 
als z. B. beim snffix -öpu-. Auch vou den localen beschrän- 
kungen, welchen z. b. die ableitung -nassu- unterliegt ist unser 
Suffix frei: vom skandinavischen norden bis zu den endlichsten 
hochd. stammen erfreut es sich gleicher beliebtbeit. Doch ist 
Aber seine anwendung in den einzelnen dialekten noch folgendes 
besondere zu bemerken. 

Vigfusson schreibt in seinen Outlines p. XXXI die bildnug 
durch -ing nur der 1. und 2. (bei ihm 2- und 3.) schwachen 
conj. zu, bei der 3. (1.) glaubt er sie durch die auf -an ersetzt. 
Indess existiren doch sichere beispiele , dass auch von dieser 
conjugation abstracto auf -ing vorkommen z. b. egging (Ol. 117) 
anreiznng zu eggja, aÖ (neben eggjan), gisling (Kg. 243) vergeise- 
lung zu gisla, alf, kvisting (Eg. 48..) ermordung zu kvista, ab (aber 
got. qistjan), laekning (Eg. 510) heilnng zu laekna, aÖ, jdting 
jätning (CL 826) bekenntuis zu jata, aÖ (neben Jdtan), reikning 
-ingr (Eg. 661) berechnung zu reikrta, aÖ (neben reiknan), 
refsing (CL 488) bestrafung zu refsa, a5 (neben refsan). Diese 
ableitungen von schwachen verben der ö - classe haben gar 
nichts auffallendes, wie es andrerseits natürlich ist, dass sie 
wegen der nebenher gehenden bildungsweise auf -an keine 
grössere Verbreitung fanden. Ungeheuer zalreich sind die von 
der ja-clasae gebildeten abstraeta. Ich verweise auf die Out- 
lines a. a. o. und erwähne ausserdem noch folgende ans der poe- 
tischen Sprache: blekking (Eg. 62) betrug (biekkja), eyÖing (Eg. 
147) desolatio (ej/Öß), gisting (Eg. 24a) hospitium (gista), gteyming 
(Eg. 251) Vergessenheit {gieyma), hoefing (Eg. 307) erhebung 
{hoefa), haetting (Eg. 333) gefahr (haetta), hnekking (Eg. 366) 
hinderuis {huekkja) , nennmg (Eg. 598) eifer (nemo) , ntstmg 



»Nzedoy GOOgk 



190 

(Eg. 601) nähen (nista), reiting (Es*. 652) besehimpfnng (reita), 
remming (Eg. 6&6) Stärkung (remma), yring (Eg. 902) rieseln 
i^ra). Die knrzsilbigen dieser classe haben als endung -ning; 
um dieselbe richtig zu verstehen , müssen wir erst die ablei- 
tnngen von starken verben betrachten. Diese werden mit der 
endnng -ning und mit der voealstufe des part. praet gebildet 
z. B. riining zu rila, lotning zu lüla, getning zu geta. Vigfnsson 
glaubt, dass diese bildnng ohne zweifi-1 auf das part praet. 
zurückgehe und wenn die endnng -ning sich auch bei den 
knrzsilbigen auf -ja- (der dritten schwachen oonj.) finde, so 
sei dies ein beweis von der ehemaligen ansdehnnng der pari 
auf -inn. Diese autfassung werden wir durch eine bessere er- 
setzen kennen. Die denominative Verwendung der endnng ing 
fanden wir auch im altn. anf eine bestimmte anzal falle einge- 
schränkt und es ist nicht wahrscheinlich, dasa sie, wie wir mit 
Vigfusson annehmen mtlssten, auch in der späteren zeit leben- 
dig blieb. Auch darf diese erweiterung doch kaum anders 
beurteilt werden wie die von -aÜr zu -naifr. Daher scheint 
mir folgende anschauung zweifellos die richtige zu sein. Es 
liegen ursprünglich gar keine ableitungen von starken verben 
vor, sondern von den passiven anf -na, die neben jedem star- 
ken vertram bestehen oder bestanden haben (Outl. XXXIV"). 
Indem sich der passivische sinn dieser absträcten bildnngen 
verwischte, stellte man sie direct zum starken verbum and 
schuf darnach neubildungen. Das -ning bei den verben der 
ja conj. wird sich teilweise organisch erklären lassen : «neb 
hier bestehen verba auf -na in passivischem sinn neben denen 
anf -ja (allerdings nicht von diesen, sondern dem zn grnnde 
liegenden nomen abgeleitet) z. b. glatina neben gleiSja: von 
ersterem ist eiue bildung wie glaftning ursprünglich abzuleiten. 
Später bildete sich die regel ans, dass die knrzsilbigen verba 
der ja-cong. -ning als ableitung erhalten (von langsilbigen kenne 
ich nur beföning neben befäing [Cl. 55] verlangen). Zut er- 
gänznng der in den Ontlines gesammelten belege führe ich 
noch an: framnmg (Cl. 170) Verrichtung (fremja), stuSning 
(Gl. 599) Unterstützung (stutSja). Von starken verben: aukning 
(CL 34) Zuwachs {auka), ä-btdming (Cl. 39) anblasen (bläsa), 
Ükning (CL 400) bezahlnng (iüka) , vinningr (Eg. 885) gewinn 



»Nzedoy GOOgk 



191 

{vm.na). Die beiden letzten Bind vom präsenstamm gebildet und 
wahrscheinlich jüngeren Ursprungs. — Häufig, besondere in 
der späteren spräche, findet sich neben dem fem. das masc. 
geschlecht oder letzteres ausschliesslich. Die eracheinnng ist 
auf eine späte Vermischung mit den nom. ag. zurückzuführen. 

Lieber den Wechsel zwischen -ing und -uxg, der bei der 
bildnng der behandelten abilraeta im angelsächsischen zu 
tage tritt, habe ich schon oben gesprochen. Spuren der er- 
weiter ung des auffizes durch n, welche das altn. kennt, finden 
sieh auch hier, doch so, dass der grund derselben d. h. das 
mittelgUed eines rerbums auf -man noch meist vorhanden ist. 
Neben costing, costung kommt auch costmmg in der gleichen 
bedentung „Versuchung" vor (Grein I, 167), doch ist hier ein 
v. cosienian belegt Neben ftestnung (Grein I, 273) befestigung 
begegnet ein in der bedentung etwas abweichendes feesting 
(Ettm. 338) eouimendatio; zu gründe liegen die ziemlich gleich- 
bedeutenden v. fastan und ftBstenjan. hörnung (Ettm. 449) 
moeehatio hat kein v. horenian neben sich, das sich aber 
nach got hörinön vermuten läset, murenung oder mureung 
(B. 209) stellt sich zum v. murenian oder murc'tun. Auch 
sind die an. bildungen wie kosning , ritning ganz analogen 
bromung (Gr. I 144) verderb zu bromian, mtnmg (E. 142) 
strafe zu »Union zu erwähnen. Wie man sieht, sind die an- 
sitze zu einer ähnlichen entwicklung wie im altn. vorhanden, 
aber die ausbildung derselben zn einem System ist nicht er- 
folgt- Wir haben etwas ähnliches schon bei an. -näfir gegen- 
über ags. -ÖÖ wahrgenommen. Der grund, daas das altn. uns 
hier und in andren punkten einen festeren grammatischen bau 
zu haben scheint, ist leicht einzuaehn. Im ags. haben wir die 
Verschiedenheit der mundarteu, im altn. eine auf einem kleinen 
räum ausgebildete und darum grammatisch einheitliche spräche. 

Die freies te auwenduug hat die ableitung -ungd- im hoch- 
deutschen gefunden. Was ihre lautliche Weiterentwicklung 
betrifft, so ist die bekannte tataache zu erwähnen, das bei 
laidor und im gl. ßeronis lautgesetzlich entwickelte nom. ag. 
auf -Mic vorkoramea vgl. u. n. Kögel s. 148. Irgendwelche 
Abweichungen im gebrauch bei starken oder schwachen verben 
oder dialektische unterschiede sind nicht zu bemerken. Eine 



fftizedDy GOOgk 



192 

gewisse abueigung, welche namentlich in dichtungen gegen 
die anwendnng der ung - bildnngen besteht, beruht einzig and 
allein auf der sehen vor prosaischer au sdrucka weise und bildet 
kein objeet der grammatik. Sehr reichhaltige znaammenstel- 
lungeii des materials findet man bei Grimm II 1 342 f. Graff 
II 1136 f. Weinhold al. Gr. § 265. bair. Gr. § 220. mhd. 
Gr. § 269. 

8. Participialbildungen. 

Abstracta, welche in anschluss an partieipia gebildet 
werden, sind an sich gerade bo denominativ, als ableitungen 
von adjeetiven irgend welcher art; aber sie bergen den keim 
verbaler bildnngen in sich. Gewann nämlich in ihnen das rein 
abstracto element über die allen participialbildungen noch inne- 
wohnende zeitliche beschrankung die überhand, so bezeichnen 
sie nichts mehr und nichts minder ala den reinen verbalbegriff. 
Zur Voraussetzung hat eine solche entwickhing, dass das ab- 
leitende element einen SO ausgeprägt abstractbildenden charae- 
ter hat, dass es die Verflüchtigung der ursprünglichen tempo- 
ralen beziehung des part — namentlich das pari, praet wird 
hier in betracht kommen — her bei führt und die spräche sich 
seiner fernerhin als einer verbalen ableitung bedienen kann. 

Am leichtesten war der Übergang vom part praea. aus. 
Vom lebendsein zum leben, vom werdendsein zum werden ist 
nur ein kleiner schritt Mau hat einige alte abstracte bildnngen 
mit dem suffii -und-, -ind- (meist mit -jo- weiter abgeleitet), 
die z. t. ins urgeem. zurückgehen, als ursprüngliche part. praes. 
ansehen wollen. Ich kann mich dieser ansieht nicht anschh'essen 
und zwar deshalb, weil als grundlage der bildnngen überall 
nomina entweder angesehen werden müssen oder sehr wol an- 
gesehen werden können. Das suifis finden wir wieder im slav. 
-et- (Mikl. II 190 f.), das in der funetion allerdings abweicht, 
aber auch in denominat gebrauch steht, vgl. abg. tntade j kind 
zu mladü zart etc. Hierher gehört got huiundi hole, in dem 
man ein part aor. hat sehen wollen; viel einfacher wird es 
als seeundäre bildung zu *hula- angesehen. Aehnlich gebildet 
ist ahd. kotodo foramen. Mit persönlicher bedeutung, daher 
zur /i-decl. übergetreten ist zu nennen ttShvundja naehbar zu 



:z„: ;) y Gt)Ogle 



193 

*nShva-, vgl au. ndnd f. naclibarsuhaft und das ahd. adv. nä- 
hunt nahe. Das altn. besitzt eine anzahl von neutralen ah- 
stracten auf -indi- 1 {Gr. II* 326 OutL XXXIII'); zwei dersel- 
ben finden in den anderen dialekten entsprechuug: 

an. erindi, orindi, eyrendi botschaft, auftrag = age. terende, 
-as. arundi, ahd. arunti, arinti (auch arant m.). 

an. leibintSi absehen ~ ahd. leidunt f. beschuldigung. 
Dass die nebenformen des an. erindi nicht mit J. Schmidt 
(Voc. II 477) zur ansetzung einer grundform * arvjandja- ver- 
leiten dürfen, sondern sich nur ans einem ine urgerm. zurück 
reichenden Wechsel 'arundja-, *arindja- erklären lassen, hat 
Faul, Beitr. VI 237 t. bewiesen. Derselbe halt an der annähme 
participialer ableitung fest. Aber das Hesse sich höchstens bei 
*arundia- hören, wenn wir dies wort mit Fick HI 21 direct zur 
würzet ar stellen (wol besser zu *arva- alacer, paratus). Alle 
übrigen Wörter auf -indi (nie mit nmlaut in der würz einübe 
verbunden) sind von adjeotiven abgeleitet, z. b. harftindi härte 
von harSr, heüindi gesnndbeit von heilt, llkindi Wahrscheinlich- 
keit von Wer, sannindi Wahrheit von sannr, tiSindi neuigkeit 
von titfr (oder zu (tö f.?), särm&i aorge von särr etc. Von 
diesen zu trenneu als wirkliche ableitungen von pari, sind die 
fem. bindandi oder bindendi Enthaltsamkeit, hyggjariöi (später 
hygyindi u. durch die analogie der obigen) verstand und 
kunnandi klngheit. — Schwer zu beurteilen sind einige 
westgerm. feminina: ahd. leidunt (nnr im dat. leidunt, noch 
als consonant st. zu betrachten?), westgerm. *Juguntfi-, dis- 
aimilirt aus */ungunifi- (ags. geoguS, •A.juguti, ahd. jugund), 
*dugunÖi-, -tnfti- (ags. dugutS, ahd. tugund, -ind) und 
mhd. mugent. Neben ahd. tugund, -ind steht tugad, ~id; 
letztere form entspricht wieder genau an. dygti, der ersteren 
afr. duged, vielleicht ags. dugoft. Man vergleiche das Verhält- 
nis von ahd. holodo zu gut. hulundi. Man darf wol durchweg 



> Neben -indi begegnet als endnng -yttdi und -endi. Ersceres (in 
heylyndi, reltyndi, sannyndi) entspricht got. -undL Die form -endi 
erklärt Leffler, Um t-omljudet s. 16 f. aus *andia- und lässt hieraus 
durch weitere einwirkung des j -indi hervorgehen. Hierin kann ich 
ihm nicht beistimmen; wol möglich aber, liass neben *india-, *undia- 
nooh als dritte stufe *andia anzunehmen ist. 



»Nzedoy GOOgk 



194 

denominative ableitang annehmen. Das mhd. mugent wird 
jüngere nachbilduug nach tugent Bein. 

Ausser den erwähnten altnord. formen — ihnen ist anzu- 
reihen aus dem afriua. bemde (R. 627) tracbt, warande (R. 1137) 
gewähre — erfolgten abstractbildungen im anschlass an pari 
praes. im bochd. mit dem fem. suffix -».' Die bildungsweise 
beschränkt sich fast ganz anf die ältesten quellen, namentlich 
Im gloas. Ker. ist sie beliebt z. b. hrüafandi ruf, rögenti an- 
klage, vgl. Grimm. Gr. JI 2 unter den nachtragen s. 975, ver- 
einzelte beispiele aus jüngeren quellen s. 326. Vollkommen 
entsprechen lat. bildnngen wie tolerantia, patientia etc. Der 
grund, warum diese art abBtracta so frühzeitig ausgestorben ist, 
iat nicht ersichtlich. 

Viel beliebter war es, an das part. praet anzuknüpfen. 
Logisch scheint allerdings das geworden sein mit dem werden 
nicbt 80 leicht vereinigt werden zn können. Aber eine Ver- 
mittlung lässt sich doch finden. Mag ursprünglich auch nur 
die vollendete bandlung bezeichnet worden sein, so konnte 
durch die kraft der das abstractum ausdrückenden ableitungs- 
endung allmählich der Übergang zur handlang schlechtweg er- 
folgen. Ein altes beispiel steht uns aus dem got. zn geböte: 
gamaitanö die zerschneid ung. Hier war die fem ininen düng 
mit schwacher flexion noch hinreichend zur bezeicbnung der 
abBtracten bildung. Die bedentnng ist zwar nach dem sinn 
der stelle, an der das nur einmal belegte wort vorkommt 
(Philipper 3, 2) noch passivisch, aber doch ohne temporale be- 
Bchranknng. Ans dem ags. gehört eine erBcheiuung hierher, 
die ich schon oben b. 123 f. besprochen habe: -ness, in dieser 
spräche das bauptblldungsmittel für secnndäre abstracta, tritt 
an participia an, nm den verbalbegriff schlechtweg auszudrücken, 
vereinzelt an part. praes., sehr häufig an part. praet. schwacher 

1 Das part. praos. dient auch sonst als brücke zwischen denomi- 
nativer und verbaler ableitnng. Durch Zusammensetzung mit -üh wer- 
den im ahd. durative verbaladjactiva gebildet, teils in a et irischem, 
teils in passivischem sinn, z. b. ierantl'ih funetuosus, ungidoUntCih 
Intolerabllis. Diese bildungsweise erstreckt sieb im deutschen auch 
nur anf die ältesten quellen, ist aber im ags. nnd altn. sehr verbrei- 
tet, vgl. Urimm 11 679 f. 



fftizedDy GOOgk 



195 

and starker conjugation. Wörter wie corennes, hrysedness be- 
zeichnen das „auswählen, zerreiben", nicht etwa das „ausge- 
wählt — zerriebenwordensein". Im ahd., wo -i als denomina- 
tives suffix lebendig ist, trat dies auch an die part. praet star- 
ker und schwacher verba an. 1 Die so gebildeten abstracta 
verlieren jede temporale beschränkung, z. b. gatwalli, einfach 
„das zögern", „langsamkeit". Aber abgesehen von wenigen be- 
legen bei Otfrid {ebanöti I 9, 36. I 23, 24) entwickelte sich ein 
gleiches bildongsprincip wie im ags. nnr im oberdeutschen. 
Reichhaltige belege für ableitungen aus starken verben gibt 
Grimm s. Iö5, ans schwachen s. 249, vgl. auch Weinhold, bair. 
Gr. § 205. Da ich nnr wenige ableitungen von verben der 
ersten schwachen conj. angeführt sehe, trage ich folgendes 
nach: gi-irti (Graff I 452) eversio. — ar-k$rtx (IV 479) in* 
flexio. — gi-roupti (II 360) fri-tum. — gi-stirntt (VI 724) con- 
utellatio. — gi-ttvalti (V 552) tarditas. — gi-weihti (I 714) 
inflexio. 

Anch die bildungen auf Stt- und -öti- sind im ganzen 
nicht häufig; ausser den bei Grimm und Weinhold erwähnten 
verzeichne ich noch: gi-habiti (Graff IV 735) detentio. — 
Rhhis6tH (U 119) figmentum. 

Letztere sind von den masc abatracten auf -öd nicht 
immer scharf zu scheiden, wie ich schon oben s. 108 hervor- 
gehoben habe. 

Im mlid. konnte diese bildungsweise aus naheliegenden 
gründen keine lebenskraft mehr besitzen, da das ableitende -!, 
welches doch der hauptfaktor der verbalen abstractbildung war, 
hier zu e geschwächt werden musste. Dennoch haben sich 
reste namentlich solcher bildungen, die part. starker verba zur 
grundlage haben, erhalten, vgl, Grimm s. 155 gelegene, ge- 
tvizzen, getaene, dazu bedrozzene (Lexer I 142) überdiuss n. a. 
Die in der schweizer mundart (Weinhold, AI. gl. s. 209) so 
verbreiteten feminina auf -ele, die abstracto oder collectiviBche 



1 Spuren dieser bildungsweise hat auch das aHfries., vgl. lerne 
(R. 627) tracht, kemne (E. 862) kommen = ahd. quemani, risne (R. 
994) niesaen, sälane, eigentlich zerreissen in send-slitane (R. 1018) 
eendstilruDg (vgl. ahd. hari-sliz). 

13* 



,:*»-* Google 



bedentung baben, könnten vielleicht auf die alten abetracta anf 
-eti, -od zurückgeht! ; näher liegt es aber, an die ableitungs- 
endung -ida zn denken. 

4. Bildungen auf -ie. 

Dass die mhd. ableitnng -ie ans dem romanischen stammt, 
ist bekannt. Hier dient sie dazu, um deuominative abetracta, 
seltener collect) va zn bilden, vgl. Diez, Gr. II* 302 f. Zahl- 
reiche, ans dem alti'ranz. ins mhd. herubergenommene bildungen 
wie massenie, vilanie gaben die Vorbilder zur aelbstständigen 
Verwendung des Suffixes ab. Fast ausschliesslich wird daB&elbe 
an bereits abgeleitete Wörter gefügt, an solche auf -cm: arzenie 
arznei (ein nomen auf -eii ist aus ahd. nrzinen, arzinari, mhd. 
arzentuom zu entnehmen 1 ), lächeme heilmittel, samenie ver- 
Bammlung; auf -et: wände (ie (Gr. Il 91 aus dem j. Tit.); auf 
-er: dörperie bäurisches wesen, vischeHe recht zu fischen etc. 
Dass nun in der folgezeit -erde, -tue, -erle zu einem suffix 
vnrschmilzt, ist dem, was wir im vorausgehenden über -unga, 
-andi, -ani etc. bemerkt haben, durchaus analug. Nur selten 
begegnet -erde in dieser weise: buobetde (mit anlehnung an die 
obliquen casus) büberei , für -elie ist mir aus dem mhd. kein 
beispiel bekannt. Die Verbreitung der form -erie wurde durch 
das romanische befördert, wo ja anch bekanntlich diese er- 
weiterung vorkommt: fr. btjoterie, cavaierie etc. (Diez s. 304). 
Beispiele aus dem mhd. sind buoberie, zegerie Zaghaftigkeit etc. 

Mit dieser erweiterung der suffixform ging auch eine er- 
weiterung der funetion des Suffixes hand in band. Die ältesten 
bildungen sind denominativ. Aber wie leicht konnten z. b. 
samenie, wandele statt zu den nominibus, zu den verben sa- 
menen, wandeln gestellt werden und sich so ein verbaler ge- 
stellt werden und sich so ein verbaler gebrauch des Suffixes 
herausbilden! In der tat haben wir auch samelie neben sa- 
menie (Lexer II 594), wo sicher das verbum samelen zn gründe 
liegt Aber hauptsächlich geschah die Überführung unseres 



1 Hau wird wol besser in all dieses Wörtern anlebnung an 
lächeme, lächmen, lächenaere, lächentuom annehmen. 



»tizedry GOOgle 



197 

Buffixea zum verbalem gebrauch von der form -erie ans. Wir 
haben hier eine schöne parallele zur Ausbildung der -nng- 
abBtraeta von den nom. agentis auf -inga- aus. Hier wie dort 
ist die ursprüngliche bedeutung: eigenschaft des handelnden in 
die allgemeinere der handlung abergegangen. Im mhd. ist 
die erster« noch die vorwiegende, vgL vischerie recht zu 
fischen, nie das fischen selbst, jegerie jägerknnst (z. b. Trist. 
2952), mollerte pilgerfalirt Später werden dann, gewiss unter 
einfluss des französischen abstracta direct durch -erie gebildet, 
vgl. bei Lexer rouberie, vrezzerie etc. (wie Weinhold § 241 
hervorhebt, sind diese feminina besonders in den kölnischen 
Schriften des 14. und 15. Jahrhunderts häufig, wol durch franz. 
einfluss). Im nhd. hat sich ein festes princip, verbalabstracta 
durch -erei zu bilden, herausgestellt; auch denominatlve bil- 
dungen sind häufig, wie büberei, sämerei, Schelmerei, schiveinerei 
(nachbildungen des frz. cochonnerie), 

Die nhd. abstracta auf -ei zerfallen, von wenigen zwei- 
silbigen abgesehn, in drei classen: 

1. solche auf -enei, nur Wüstenei und veraltete bildurigen 
wie rechenei, schaff enei umfassend; 

2. solche auf -rief, von Substantiven auf -el und verben 
auf -ein, x. b. teufelei, heuchelet; 

3. solche auf -erei, zunächst von Substantiven auf -er und 
und verben auf -ern (gärtnerei, schilderei), dann von einer be- 
stimmten anzahl von Substantiven (s. oben), endlich von jedem 
verbum zu bilden, meist mit tadelndem nebensinn. Ich er- 
innere an raserei, Ziererei und viele andere, die der lebendigen 
Sprache angehören, aber nicht ganz schriftgerecht sind, wie 
iau/erei, singerei. Dieser pessimistische zug, der den älteren 
bildungen fischerei, Jägerei noch nicht anhaftet, ging wol von 
verben auf -ern aus, die z. t-, besonders in der Volkssprache, 
eine frequentativ- tadelnde bedeutung haben (diese beiden be- 
griffe verbinden sich sehr leicht) vgl. Grimm II 5 133. Der- 
selbe zug macht sich auch bei den Wörtern auf -elel geltend, 
vgl. frömmelet, tändelei (schon im Renner köufRe) und hat eben- 
falls analogiebildungen hervorgerufen: anäächlelei, liebelei etc. 

Ich wiederhole kurz die moraeute, welche bei der ausbil- 
dung der endung -erei in betracht kommen: 



»Nzedoy GOOgk 



196 

1. Mit der frz. endung -ie fand iinch deren erweiternng 
-erie im. deutschen selbstst&ndige anwendung; 

2. die enduog -erie wnrde dadurch als verbales suffix 
besonders beliebt, dass man sie in bildnngen wahrnahm, die 
von hatiae ans in denominativer weise von nom. agentis auf 
-er ans entstanden, dann aber durch Verdunkelung des mittel- 
gliedes direct zn den zu gründe liegenden verbeu gestellt 
wurden; 

3. mit diesen abetracten auf -eret vereinigten sich andere, 
die die frequentativa zur grnndlage haben, und gaben der 
ganzen classe eine frequentativ-tadelnde bedentung. 

C. Per Übergang colleclivisclicr bildaiigen zn 
verbalabstracteD. 

Der tibertritt von cellectivis zu verbalabstracten beruht 
im grnnde auf demselben Vorgangs, der anch in den im vorigen 
abschnitt besprochenen fällen denominative bildnngen zu ver- 
balen werden liess: aber die Ursache des Übergangs ist hier 
eine ganz besonders hervortretende. Ea erfolgte geradezu ein 
schritt vom concreten ins abstracte gebiet und zwar deshalb, 
weil die mit ga- componirte, den colleetivbe griff in sich 
Behliessende bildung als geeignet erachtet wurde, für die dar- 
atellung des die handlung in ihrer allgemeinheit repräsentiren- 
den abstraeta. In der älteren Schicht der von uns zu be- 
sprechenden bildungen (in Wörtern wie mbd. geberc, getverp) 
wenigstens wird durch das vortreten des ga- nur der aus- 
schluss der einmaligen handlung bestimmt hervorgehoben, wah- 
rend in der jüngeren (z. b. in gerede, geschtvätz) meist der 
begriff der wiederholten handlung, also eine der ursprünglichen 
collect! vischen sehr nahe stehende bedentung zum ausdruck 
kommt Dadurch unterscheidet sich diese bildung von allen 
übrigen, bei denen der übertritt anderer wortkategorien zu der 
der verbal abstracto zu beobachten war: bei allen diesen handelte 
es sich um die vollständige ersetzung der ursprünglichen be- 
dentung durch die neugewonnene. Nur hier bleibt die grund- 
bedeutung dieaelbe, indem allerdings an die stelle der Mehr- 
heit im räume die der mehrheit in der zeit trat. Aber zu 



fftizedDy GOOgk 



199 

diesem inneren , logischen verbind ungBgliede mnaste noch ein 
äusseres hinzutreten: der zu gründe liegende nominalstamm 
mnsste sich zu einem verbalen hinüberführen lassen. Diesen 
Vorgang hoffe ich im folgenden anschaulich machen zu können: 
Grimm scheidet in seiner grammatik II 2 724 f. die durch 
compoaition mit der partikel ga- gebildeten nomin a in zehn 
classen : 

1. GesellschaftBbegriffe , von sächlichen subst. abgeleitet, 
wobei gewöhnlich schwache form eintritt (got. gadaila zu 
dails etc.). 

2. Colleetiva mit der ableitung i (= ja), ans persön- 
lichen oder sachlichen Substantiven gebildet (ahd. gadigani zu 
dag an etc.). 

. 3. Substantiva „ohne derivationsmittel" aus starken verben 
gebildet (got. gafalis zn fahan etc.). 

4. Fem. abstracta mit lingnalableitong (got. gabaurps zu 
bairan etc.). 

6. Neutra mit der ableitung i (=jo), denen sich kein 
Substantiv als unterläge nachweisen lässt und die unmittelbar 
aus schwachen verben erwachsen (ahd. gichdsi aus chösön etc.), 

6. Adjectiva aus subst, jedes geschlechts durch weg- 
werfung der substantivischen flexion entsprungen (got gaguds 
zu gup). 

7. Adjectiva, mit dem laut oder ablant starker verba ge- 
bildet (got. gahvairbs zu hvairban etc.). 

8. Adjectiva der ableitung i (= jo), aas starken und 
schwachen verben entspringend (ahd. gediene zu dienfm etc.). 

9. Adjectiva mit consonantischer ableitung. 
10. Adverbia. 

Unsere aufmerksamkeil wird zunächst Grimms dritte classe 
auf sich ziehen. Dieselbe besteht ausschliesslich ans abstracten 
oder solchen Wörtern, die aus abstracten hervorgegangen sein 
können, mit ausnähme von ahd. giscaf schöpf er, ginöz genösse, 
gitwerc zwerg, mhd. gesol Schuldner, gesovga milchschwester, 
gestapfa verlobte: diese sind teils nom. agentjg vom compo- 
nirten verb, teils gehören sie zur ersten classe. Die abstracta 
denkt sich Grimm durch Zusammensetzung entstanden. Dieser 
auffassung steht aber verschiedenes im wege. Zunächst fehlen 



fftizedDy GOOgk 



200 

sehr hfcufig die nach Grimm voran Bin setzen den einfachen Sub- 
stantivs. Ich kenne im ahd. kein *breh, das dem gibreh, kein 
*feht, das dem gifeht, im ags. kein *belh, das dem gebellt, 
kein *beorg, dag dem gebeorg zu gründe liegen könnte etc. 
Ueberdies scheint die partikel vollkommen bedeutungslos zn 
stehen; ein unterschied des angeblich eomponirten worts von 
dem einfachen in der bedeutung ist nicht zn erkennen. Aber 
durch eine viel allgemeinere erwägtmg werden wir davon zu- 
rückkommen bei den abstracten einfache composition mit ga- 
anzimehmen. Bei coneretis erscheint nämlich ga- nie in der 
karm ad häraya- composition, sondern an sschli esslich in der babu- 
vribi- composition. Die ältesten bildnngen sind die von Grimm 
unter 6. aufgeführten adjeetiva. Dieselben bezeichnen: 

a) seltener die Übereinstimmung in etwas vgl got ga- 
leiks denselben leib habend, gleich, gavitßs denselben willen 
habend, ags. gemSd Concors, ahd. giherz Concors (aber auch 
„cordatus") , giminni amans invicem (aber auch „dilectus"), 
giliub amans invicem; 

b) sehr häufig das versehensein mit etwas z. b. got. 
gaguds der gott im herzen hat, giskohs calceatus, ags. gefeax 
comatus, ahd. gislaht inditns etc. 

Ans diesen adjeetiven scheinen mir die ge sei lach aftsbegriffe 
und die collectira unmittelbar abgeleitet werden zn müssen. 
Erstere sind weiter nichts als durch -an- substantivirte adjeetiva 
vgl. Osthoff, Forschungen II 125 f. Got. gadaita, gahlalba setzen 
durchaus kein *dalla, *hlaiba voraus, sondern lassen auf *ga~ 
dails, 'gahleibs schliessen; natürlich müssen diese mittelglieder 
nicht notwendig überall vorhanden gewesen sein, da sich schon 
früh ein festes bildungsprineip hergestellt hatte. Got. gaarbja stelle 
ich in dieser weise zn arbi, da es nicht als karmadharaya zn 
arbj'a gefasst werden darf. Seltener erfolgt die substantivirung 
ohne angehängtes -an-, so in gimah genösse neben gimahho, 
gibär bauer, eigentlich „gleiche wohuung habend". Auch got 
gadraufits kriegsmann, eigentlich „dieselbe seh aar habend", mnss 
mit Osthoff, Verbum s. 172 a. hierher gestellt werden, obgleich 
es auffallend ist, dass das compositum wie das simples l-stamm 
ist; ags. gedryhta ist regelrecht gebildet. Bei den femininen 
erscheint -6- auslautend, so ahd. gimahha genossin, hierher auch 



fftizedDy GOOgk 



201 

gesouga milchsch wester , eigentlich „an demselben soug en- 
teil habend", gestapfa nnpta, eigentlich «die mitechr eilende" 
(zu stapf). 

Schlössen sich die gesellschaftswörter mehr an die unter 
a) aufgezählten adjectiva an, so scheinen mir die unter b) fal- 
lenden die grnndlage der collectfva auf -jo- zn sein. Auch 
bei diesen ist an Zusammensetzung im einzelnen nicht zn denken. 
Schlüter, snfnx ja s. 110 führt allerdings einige collectlvbil- 
dnngen an, wo bereits mit ableitendem -je- versehene Wörter 
zu grnnde Hegen, so ahd. gagarawi zu garawi, mhd. gelüppe 
zn got. iubja-, geslüppe zu ahd. stuppi etc. Indessen ist es 
schwer glaublich, dass die collectiva, die sich als sehr alte bil- 
dungen erweisen, von diesen vereinzelten Wörtern ihren ans- 
gangspunkt genommen haben sollten. Dagegen ist die ableitung 
aus den adjectiven begrifflich und lautlich wo! zu rechtfertigen. 
Das ableitende -jo-, das mit besonderer Vorliebe an abgeleitete 
Wörter tritt (vgl Schlüter s. 104 f.) diente zur substantivirung. 
Die begriffliche Vermittlung vom „mit bergen versehenen", „ge- 
birgigen" zum „gebirge" ist leicht gefunden. Hat sie für einige 
Wörter Schwierigkeiten z. b. got. gaskbhi paar schuhe gegen- 
über gasköhs beschuht, so rauss man sich auch hier daran er- 
innern, dase sich schon früh ein festes bildungsprincip ausge- 
bildet bat Es stehen sich noch gegenüber ahd. gifedar mit 
federn versehen (gifedare alites Graft* 111 449) und mhd. ge- 
vider geGeder, ahd. giiuppi vergiftet und mhd. gelüppe gift, 
ahd. gimuot, gimuoti animum habens und gimuoli animus. Ich 
glaube, dass man auch das got gaman als collectiv aufzufassen 
hat, dem bloss das ableitende -jo- fehlt. Das wort hat einmal 
die bedentung „gcmeinsch&ft" (2. Kor. 13, 13), diese kann auch 
der gewöhnlichen „genösse" zu gründe liegen, gerade wie got 
gaskalki , ahd. giknihti einfach für „knecht" steht. Ein ver- 
einzeltes karmadhäraya -compositum in gaman zu sehen, ver- 
hindert das neutrale genus. Collectiva ohne ableitendes -jo- 
sind auch as. gisunfadar und gi&tvestar. 

Haben wir so wahrgenommen, dass ga- bei personen und 
Sachen nie in der karmadh&raya-composition erscheint, so ist 
es von vorn herein unglaublich, dass bei den abstracten 
wirkliche composition vorliegen sollte. Die übertragene be- 



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202 

deutung, io 3er die partikel bei fliesen erscheint — sie ist 
allerdings kaum mehr merklich — , setzt doch die entwicklung 
aus der ursprünglichen, localen bestimmt voraas; da aber das 
germanische allem nnschein nach niemals karmadhärayas ge- 
bildet hat, wo das ga- in seiner sinnlichen bedeutung zn 
nehmen ist, so fehlt die grundlage, auf die sich die behandelten 
abstracta hätten aufbauen können. Vielmehr liegt diesen im 
einzelnen nieht composition, sondern ein bildungsprincip zu 
gründe, gerade wie bei den gesellseliaftsbegriffen auf -an- und 
den collectiven auf -jo~. Das vortretende ga- und die ablei- 
tungsendung machten vereinigt dun wortbildende element aus. 
Es fragt sich nun, worin der Ursprung des uns entgegen- 
tretenden bildungsprincips zu sehen ist. Es ist mir auch hier 
wahrscheinlich, dass man auf die bahuvrihiseheu adjectiva zu- 
rückzugehen hat. Grimm erwähnt unter 7. adjectiva, welche 
aus dem laut oder ablau t starker verba entspringen. Das 
verbum liegt jedoch nicht direct zu gründe, sondern nur durch 
Vermittlung von verba labstraten : so geht got. galeiks ähnlich 
zunächst auf leiks leib, ahd. gihlos gehorsam zunächst auf Mos 
hören zurück etc. (in anderen fällen stammt das vortretende 
ga- aus dem verbum, d. h. das Verhältnis des einfachen verba 
zu dem mit ga- componirten hat auch ein mit ga- zusammen- 
gesetztes adjectiv neben dem einfachen hervorgerufen, so bei 
ahd. gihel neben hei etc. und bei ginuog, gisunt et«, wo das 
Simplex ganz verloren ist). Durch substantivirung dieser ad- 
jectiva konnten neue verbal ab straeta entstehen, welche die be- 
deutung der einfachen nur in verstärkter weise wiedergaben. 
So setzte das got. galiug ein adjectiv *galiugs lügnerisch 
voraus und bedeutete eigentlich „das lügnerische", wozu seine 
bedeutungen „götzenbild", „fälschung" sehr gut stimmen. Weiter 
spricht es für diese auffassung, wenn sich im ahd. gimah aptus 
und gimah n. commodum, gireh promptus, emendatus und 
gireh n. integritas gegenüberstehen. — Aber ein anderer ent- 
stebungsgrund der abstraeta wäre ebenfalls möglich. Schon im 
im got. stellen die mit ga- componirten verba gewöhnlich nur 
eine Verstärkung des im siraplex liegenden verba lbegrifrs dar 
vgL Grimm Gr. II 1 819 ff. Sehr häufig, namentlich in den 
späteren sprach stufen , gehen einfaches und componirtes verb 



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mit ga- nebeneinander her ohne deutlich erkennbaren unter- 
schied der bedeutung. Sehr leicht konnte daher ein von dem 

zusammengesetzten verb abgeleitetes (richtiger: im anschluss an 
das zusammengesetzte verb nach analogie des Verhältnisses vom 
einfache« verb zum verbalabstract geschaffene*) absti-actum 
direct auf d:is einfache verb bezogen'werden und das ga- im 
ersten glied als worbildendes dement gefühlt werden. Die 
leise differenzining der bedeutung, welche demselben noch an- 
haftete, Übertrag sieh dem Substantiv in der form, daes es 
seinen abstraften ehiracter verstärkte. Das got. hat z. b. die 
gleichbedeutenden Wörter filhan und gafilhmt; als verbalab- 
stract begegnet aber nie filh, sondern nur gafilh, indem 
diese form als die deutlichere den vorzng bekommen hat: 
da aber gafilh sich begrifflich ebenso gut zu filhan. als zu 
gafilhan stellt, konnten nach diesem muster Analogiebildungen 
entstehen. 

Natürlich ist es im einzelnen schwer zu sagen, wo das 
ga- bereits als bilduugsmittel anzusehen und wo es ausschliess- 
lich dem componirten verbum anzuschreiben ist. Im got. steht 
gafahs m. neben gofahan, gafilh n. neben gafilhan, während 
galiug n. kein galiugan neben- sich hat. Aus dem hochd. sind 
folgende masc. anzuführen, deren ga- dem zu gründe liegenden 
verbum nicht entnommen zu sein braucht: ahd. giberg (auch 
n.), gidanc, gidwang (auch n.) , gifal (auch n.), giheiz, giläz 
(auch n.), girih, gisang (auch n.), gisic (auch n.), gispring (auch 
n.), gisuoh (erst nhd. n.) mhd. gebär, gebruch, gebrüch, ge- 
brust, gebü, gedranc (auch n.}, geJunc, gehall, gelimpf (im ahd. 
n.), gelinc, gemanc, geniez, geranc (auch n.) und gerinc, ge- 
ruch, geschal, geschrei (meist n.), getwing, gemalt, gewerf, 
geztc , gezoc (auch n.). Haben auch diese Wörter fast aus- 
nahmslos mit ga- componirte verba neben sich, so deutet doch 
in den meisten fällen alles darauf, dass sie nicht diesen, son- 
dern dem simples ihre entstehung verdanken. Mhd. geruch, 
gesmac z. b. werden schwerlich von den Beltenen geriechen, 
gesmechen, sondern direct von riechen, smechen abgeleitet sein. 
Beachtung verdient das schwanken im germ. und im wurzel- 
vokal : letzterer wird bei den jüngere» bildungen mit Vorliebe 
aus dem praes. entlehnt Es wiederholt sich hier das, was wir 



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204 

bei den mit suffix -e- gebildeten nom. aetionis beobachtet haben. 
Hier, bei diesen verhältnismässig jungen bildungen konnte man 
um so leichter nach dem praeaensvokal greifen , als das eigent- 
lich abstractbildende element in der vorsilbe ga- liegt, der lant 
der Wurzelsilbe also ohne weiteres ans dem praes. herüberge- 
kommen werden konnte. Daher haben wir unter 26 Wörtern, 
die ein starkes verbum neben sich haben, bei 14 praesensvokal 
und letzterer greift noch nm sich, wie man ans mhd. getwmg 
neben ahd. gidtvang, mhd. gerinc und geranc sieht Noch 
durchgängiger tritt er bei den neutralen bildungen hervor. 
Nur bei einzelnen und älteren Wörtern erscheint der wurzel- 
vokal hier in gesteigerter oder schwächster form. Für den 
ersten fall ist anzuführen got. gaprask (hat concrete bedentung 
angenommen), ags. gedreag, geläd, geprang (daneben geprmg), 
abd. gtgiz (das n. ist nicht gesichert), giflSz, giwant. Die 
zwischen m. und n. schwankenden sind oben erwähnt. Häufiger 
begegnet schwächster wurzelvokal: westgerm. *gabutia-, *gas~ 
kuta-, ags- gebroc, gebrot, gefic, gehlot, gerif, gestric, gestrod, 
gestun, gesvic, ahd. gisliz, gislof (Grimm hat unrichtig gislöf), 
gisworc, gitrog (daneben gitreog), mhd. gezog. Bei weitem 
am häufigsten erscheint aber der vokal des präsens und erst 
hier tritt uns ein wirklich lebendiges bildungsprincip entgegen. 
Zur ergänznng des schon recht reichhaltigen materials bei 
Grimm s. 729 f. trage ich folgendes nach: 

Aus dem got.: galiug. 

Aus dem ags.: gebrerd (Grein 1382) vibratio, gedelf (Ettm. 
559) effossio, geäeorf (Ettm. 559) laboratio , gedrep (Gr. I 393) 
ictus, gedrinc (Gr. I 394) convivium, gefair (Gr. I 395) espeditio, 
gegrind (Gr. I 408) collisio, geheav (Gr. I 412) hauen, gehl&g 
(Gr. I 412) irrisio, gefireow (Gr. I 413) lamentatio, gerne! (Gr. 
I 428) menaura, gerec (Gr. I 440) regimen, geseeorf (Ettm. 681) 
rosio, gescrxf (Ettm. 698) censnra, gespan (Gr. I 456) illectatio, 
junetura, gesprec (Gr. 1 456) facultas loquendi, geswell (Ettm. 
752) tumor, gemeorf (Ettm. 754) spuma metallornm, gesvins 
(Gr. I 461) modulalio, gestveorp (Gr. I 481) jactus, geml (Gr. 
I 481) voluntas, gepresc (Ettm. 610) verber, gefrring (Gr. I 473) 
tumultns, geptveor (Ettm. G18) agitatio. 



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205 

Aus dem and.: gewin (gl. Lips.) erwerb, gelbuing (gl. 
Lips.) zwang. 

Aus dem ahd.: gidresc (Griff V 265) tritura, gigrim (Gr. 
IV 325) Stridor dentium, giskin (Gr. VI 510) Phantasma, gistver 
(Gr. VI 889) dolor. 

Die bildungs weise ist also besonders im ags. beliebt, 
während sie im hochd. , wie schon Grimm bemerkt hat, immer 
mehr abkommt. Dass sie auf einem fest normirten princip 
und nicht auf blosser Zusammensetzung beruht, ist unver- 
kennbar. 

Eine bedeutend jüngere Schicht von abstracten, welche 
daher auch die alte bedeutung des vortretenden ga- noch 
besser erkennen lassen, sind die von Grimm unter 5. behan- 
delten substantiva, welche direct ans schwachen verbis er- 
wachsen. Diese ausdrucks weise J. Grimms ist für eine spätere 
spracbstnfe vollkommen zutreffend; stellt sie aber auch den 
Ursprung dieser bildnng richtig dar? Grimm bemerkt selbst 
a. 733 „ein got. beispiel kenne ich gar nicht und einige ahd. 
sind zweifelhaft" Zn diesen zweifelhaften beispielen zält er 
jedenfalls Wörter wie chiklösi, die von hlotin oder vom adj. 
gihios, girvsti, die von hrmten oder vom subst krust abzu- 
leiten sind etc. Zu diesen würde sich auch ein got wort 
stellen: gavaurki, da aowol zu vaurk als zu dem schw. v. 
vaurkjan zn gehören scheint Wenn man näher zusieht, kann 
es durchaus nicht zweifelhaft sein, in welcher weise diese 
scheinbaren Schwankungen aufzufassen sind. Offenbar liegen 
ursprünglich durchweg substantiva zu gründe, von denen nach 
Grimms regel 2. collectiva gebildet wurden: diese collectiva 
bezog man auf das vom subst. abgeleitete schwache verb und 
schuf darnach neubildnngen. ' Aber noch kaum im ahd. Hier 
hatte die directe ableitung eines Wortes wie gibägi von bägen, 
gisteigi von steigön etwas sehr auffallendes, während diese 
wdrter als collectivbildungen zu bäg, steig sich begrifflich und 

1 Aehnllch ist es zn beurteilen, wenn im infränk. neben den 
collectiven auf -ze auch abstraeta dieser bildnng begegnen: gedingeze 
Übereinkunft, gedeihe teilung neben gebirchze gebirge, gebeinze ge- 
bein (Weinhold, mhd. Gr. § 248»>). 



:z„: ;) y G00gle 



206 

lautlich leicht erklären. Die ändernng in der bedentnng voll- 
zog sich in der richtnng, dass das mehrfache Vorhandensein 
der handlung in anlehnung an das verb als ein mehrfaches, 
intensives handeln aufgefasBt wurde z. b. gisteigi, eigentlich 
„mehrfache Steigung", dann „mehrfaches steigen", „steigen" 
überhaupt. Nachdem dieser process in mehreren bei spielen 
durchgedrungen, wurden neubilduugen direct vom verb ohne 
dazwischenliegen eines subst. geschaffen. Im ahd. Bind hievon 
erst wenige spuren. Ich betrachte die vorhandenen bildnngen 
mit ergänzung der beispiele bei Grimm aus Graffs Sprachschatz : 

gib&gi (Oraff III 23) schisma zn bäg. 

gibiutve (Graff 111 18) wohnung zu bü. 

(gipbsi bei Grimm substantivirtes adj.). 

gidingi (Graff V 193) conditio, spes steht neben giding n. gi- 
dingä, gidingi f. gidingo m. nnd ist wie diese zu beurteilen. 

(gifuori bei Grimm snbstant adj.) 

gigarawi zu garawi subst. oder garo adj. 

gihlosi vermutlich subst adj. zu giftlos. 

gikösi zu kösa f. 

girusti zu hrust f. 

gimäli scheint allerdings von malen nicht zu trennen zu 
sein. Indessen kann sich zur not auch aus einem col- 
tectiv zu mal (nota, stigma) die bedentung „pictura" ent- 
wickelt haben. 

glredi (Graft II 447) gerede zn reda f. 

gireiti zu reita f. 

gireizi zu reiz m. 

gisalbi (Graft* VI 192) nngnentum zu salb n. oder »alba f. 

giscirmi (Graff VI 548) defensicutum zn scerm m. 

gisprächi zu sprächa f. 

gisteigi zu steig m. 

gtstritt (Graff VI 749) schisma zn strit m. 

gistriuni (Graff VI 755) lucrum. Das nur in sehr alten 
quellen belegte wort kann nicht wol erst aus strömen 
entwickelt sein. Ich betrachte es als collectiv zu * streunt' 
= aga. sireon vgl. s. 81. 

gimhsli (Graff I 717) mutuum zn wehsal m. 

(gizämi bei Grimm substant. adj.) 



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207 

Auch von den aga. and alts. bildnngen nwss keine not- 
wendig als verbale ableitnng angesehen werden. Im Holland 
begegnet: gibäri benehmen (vgl. ahd. gibäri adj.), gigengi reihe 
(au gang), gilesti tat = ags. geläst (direct zu got laists? vgl 
galaista begleiter, nachfolge r) , tvord-gimerki Wortzeichen (zu 
einem nach an. mark, mhd. marc zu erst hlit'BBen den n. •warft 
aeichen), girädi hilfe (zu räd), giskefti bestimmung (zu *skaft f.), 
giwirki tätigkeit (zu werk). In den kleineren and. denkra&lern 
ausserdem: gistridi streit (zu strid), githingi einspräche (zu 
thing), in den Psalmen: gerotwi beute (zu rouf). Bei einigen 
dieser Wörter wie ahd. gimäli, aa. gilSsti ist die mögliehkeit 
einer ableitung aus dem verbum nicht geradezu zu bestreiten. 
Im mhd. sind verbale bildnngen sehr zalreich vertreten vgl. 
Schlüter b. 111. Noch beliebter aind sie im nhd. geworden. 
Die von schwachen verben abgeleiteten scheiden sich in zwei 
«lassen: ältere bildungen mit Umlaut in der Stammsilbe, die 
das auslautende e meist abgeworfen haben {gefühl zu /liftlen, 
geräusch zn rauschen etc.) und jüngere bildungen ohne um- 
lant und mit erhaltenem e, falls der verbalstamm einsilbig ist 
{geschluchze zu schluchzen, geplauder zu plaudern etc.). Die 
verschiedene behandln ng des auslautenden e hat keinen laut- 
gesetzlichen, sondern einen sprachgeachi cht liehen grund. Die 
bildungen gehören ihrem ganzen Charakter gemäss der Volks- 
sprache an und sind daher Stark dialektisch beeinflusst. Bei 
den abstracten der ersten art ist das auslautende e durch den 
einfluas der süddeutschen mundarten abgestossen worden, wäh- 
rend die anderen aus den mitteldeutschen mundarten eingeführt 
sind, welche ein e im auslaut bewahren, dagegen dem u miaut 
abgeneigt sind. In der Schriftsprache haben wir nun z. b. 
nebeneinander geräusch und gerausche. Letzterer bildung 
haftet die frequentative bedeutung in höherem maese an; wol 
deshalb, weil die ableitung vom verbum in der lautlichen form 
mehr hervortritt. 

Auch bei starken verben haben sich frequentative abstracta 
herausgebildet. Hier haben die mit ge- gebildeten abstracta, 
die wir im nhd. haben, einen dreifachen Ursprung gehabt. 
Erstens alte collect ivbildungen , die sich aber nahezu als ab- 
stracta zu den betreffenden verben stellen z. b. gedränge, von 



fftizedDy GOOgk 



drang abgeleitet, aber Überwiegend als verbale bildung zu 
dringen aufgef'asat, gefäll, das Beinern Ursprung nach zu fall, 
in der idee aber zu fallen gehört. Zweitens reate der von 
Grimm unter 3) besprochenen abatracta. Diese sind schon im 
mhd. selten nnd geh>n in die anatogie der von schwachen 
verben gebildeten ober z, b. gewerbe neben dem älteren gewerf. 
Neben diesen haben sich nun auch neue bildangen mit aus- 
gesprochen frequentativer bedeutung geschaffen, wie gefalle, 
gelaufe etc. Dieae sind nach aoalogie der ans schwachen 
verben hervorgerufenen t'requentativa gebildet Man siebt wie 
die spräche es verstanden hat aas einem ursprünglich zufälligen 
nebeneinander durch begriffliche gliederung eine reiche falle 
von sprachtornieu za erzeugen. 



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Excurs zu s. 120. 

Dass der Wechsel zwischen hellerem und dumpferen vocal 
in Ableitungssilben auf alter stamm abstufung beruht, d. li. dass 
die verschiedenen suffixformen ehemals in einem paradigma 
vereinigt waren — darin stimme ich mit Paul oberem. Ich 
glaube jedoch dies abstufungsverhältnis in folgenden punkten 
etwas abweichend von Paul fassen zu sollen. 

1. Am unzweifelhaftesten liegt die Sache bei den alten 
«-stammen. Wir haben im idg. den Wechsel os-es, im germ. 
willkürliche Verteilung dieser beiden formen. In allen übrigen 
fällen liegt in keiner der verwandten sprachen noch gtammab- 
stnfnng vor. Wol sind indicien vorhanden, die auf dieselbe 
z urück seh li essen lassen, aber das alte verhältniss ist überall 
vollständig ansgeglichen. Da erregt es denn die grÖBSte Ver- 
wunderung, dass bei den adj. auf -ag im fränk. die alte ab- 
stufung noch erhalten sein soll, indem in unflectirter form a 
erscheint, in den übrigen formen e (Paul a. 230 f.) Daas in 
diesem wechael wirklich noch ein idg. gesetz nachwirken soll, 
ist mir höchst unwahrscheinlich. Zur erklär ung der eracheinnng 
kommt man, wie ich glaube, vollkommen mit dem von Paul 
s. 136 .«iit gutem gründe aufgestellten priueip aua, daas „die 
dreisilbigen Wörter im nom. und acc. den nebenaccent auf der 
zweiten, in den übrigen casus auf der dritten silbe" hatten. 
Nicht als ob e in unserem falle abaohwächung von a wäre, 
es ist von hause aus gleich berechtigt, aber auf grnnd des 
obigen gesetz es haben sich dil formen im fränk. verteilt. 
Ebenso verhält es sich im part. perf. auf -an -en (s. 238 f.), 
wo auch nur das fränkische Wechsel hat, während in den an- 
deren dialekten eine der beiden formen 'durchgeführt ist. Das 



»Nzedoy GOOgk 



210 

germ. empfing hier wie überall als erbte il von der grund- 
spracbfi bloss die beiden formen mit dumpferem und hellerem 
vokal; hat sie dieselben später wieder in eiu bestimmtes wech- 
Bel Verhältnis gebracht, so ist das rein gerni. entwickeluug. 
Nicht für richtig halte Ich es aber, wenn Paul das entstehen 
der doppelformen selbst in gewissen fällen erst ins germ. setzt, 
nämlich da, wo es sieh am die Vertretung eines nas. oder liq. 
sonans handelt (s, 235 f.)- Er bemerkt „in ursprünglich vor- 
letzter (auch drittletzter) entwickelt sich teils u, teils e {*) — 
und zwar vertritt w, wie schon nach der Übereinstimmung mit 
der Wurzelsilbe zu vermuten ist, die stärkere Intensität d. h. 
unsere mittlere stufe , e die geringere d. h. unsere schwache 
stufe." Darnach wäre also die doppelheit bei ung, ing so zu 
beurteilen, dass erstere form ursprunglich dem nom. acc, letz- 
tere den anderen casus zukomme. Ich glaube nicht, dass 
Paul noch an dieser anschauung festhält; wenigstens lässt sieb 
das, was er Beitr. VI 545 f. ausgeführt hat, nicht damit ver- 
einigen. Darnach geht das i von -ing auf ein betontes idg. e 
zurück und das ist auch meine ansieht. Ein gleiches gilt für 
-ind neben -und u. dgl. , worauf ich schon oben gelegentlich 
hingewiesen habe. 

2. In den fallen, in denen Paul annimmt, dass die formen- 
doppelheit in derselben weise entstanden sei, wie bei den &■ 
stammen , führt er auch alle erscheinenden vokale auf ein ur- 
gerra. e-o zurück. Das kann aber nicht überall ohne zwang 
geschehen. Bei den s- stammen selbst erscheint der schwachen 
stufe entsprechend stets i und Paul muss s. 85 einen spontanen 
Übergang des e in i vor z zugeben. Derselbe scheint aber 
als ein urgerm. lautprocess auch in anderen fällen vorzuliegen. 
So bei -ap- ~ip-, beide formen in Verallgemeinerung; wenn 
wir im ahd. im gen. dat. magadi und magidi, im nom. nur 
mag ad haben, so kann hier unmöglich, wie Paul will , die alte 
Stammabstufung erhalten sein. Eine e-form tritt nirgends her- 
vor, weder wenn die ursprünglich consonantisehen stamme 
nach art der a-stämme fleetiren, noch wenn sie in die n-dccl. 
übergehen (über diese «Weitungen auf -ado und -ido oben s. 161 f). 
Auch bei -o(- {-ot- -ut-) — -it- ist eine spur der «-form 
nicht vorhanden vgL die zur a-declin. übergetretenen ahd. albiz, 



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211 

kurniz, emiz, gremiz. Diese form -it- erscheint denn auch in 
dem westgerm. -nisso- (agB., vereinzelt ahn", -nes). Auch bei 
den ableitungen auf -na- erscheint, wo doppelförmigkeit vor- 
liegt, die hellere vokalstufe als i. Allerdings nicht in den part 
perf. : hier lasst sich ein i für e fast durchaus aus folgendem 
i, j erklären. Aber sicher bei den ableitungen anf -ana- vgl. 
oben s. 62 f. Die e- forme«, die Paul s. 241 f. beibringt, sind 
nicht beweisend: in den altsächs. wie mögen, hefien könnte das 
a aus e entstanden sein, wie im inf. und einige agB. auf -en 
ohne umlaut mögen durch contamination mit den on- formen 
entstanden sein. Fast durchgängig steht neben der ß-form 
eine i-furm bei den /-ableitungen und da diese a-stamme sind, 
ist es nicht wahrscheinlich, dass „das durchgebende -it auf 
einer weitergehenden Verallgemeinerung" beruht. Endlich ist 
auch bei den s. 248 aufgezählten partikeln das e sehr häufig 
weiter zu i geworden. 

Ich glaube, dass es feststeht, dass e in mittelsilbcn vor 
gewissen consonanten weiter zu i entwickelt worden ist; dass 
man aber vorsichtig sein muss das frühere Vorhandensein der 
e-form anch nur zu supponiren. Ea scheint mir gar nicht 
erwiesen, dass das ab laut Verhältnis durchweg nur das von 
e-o war. Den suffiien -ap- -ip-, -at- -it- entspricht im griech. 
kein -or- -st-, -od- -£<S-, sondern den letzteren, wie ich oben 
auszuführen versucht habe, -aß- -i$-. Was die doppelheit 
-ap- — -ip- betrifft, so weiss ich lat. caput capitis nieht 
sicher zu beurteilen, aber was aus dem griech. hierhergehört, 
zeigt -ax- z. b. yovvaxa, ovsloara. Bei den ableitungen auf 
-ano- zeigt das griech. bekanntlich auch a, ebenso bei den m- 
und /- ableitungen (Curtius, Grdz. 5 642 a.). Wie dies « hier 
zu beurteilen ist, ob durchweg als A , ob in einzelnen fällen 
als „schwa" (Fick in Bezzenbergers Beitr. III 157 ff.) d. h. jener 
„bindevokal", der in der 1. plur. perf. in allen idg. sprachen 
erscheint — das muss weiterer Untersuchung überlassen bleiben. 
Aber ich glaube, dass es auch jetzt schon als vollkommen be- 
rechtigt angesehen werden kann, wenn ich oben von grund- 

formen -at- (-ut- -ot-) it- und nicht -at- (-ut- -ot-) — -et- 

ausge gangen bin. 

Beachtenswert scheint mir auch die von Paul nicht heran- 
H* 



»tizedDy GOOgk 



212 

gezogene erscheinung zn sein, dsaa einem a in dem zweiten 
teile eines comnositums, der aber tatsächlich als ableitungs- 
Bilbe empfunden wurde, ein i gegenübersteht. Ich meine hier 
vor allem das im alt«, neben -skepi stehende -skipi, afr.- skipi, 
ags. -scipe; ferner aa. -biki, -stiäi {auch afr. -biki, -«tri 
Heinzel, GeBchäftBBprache s. 74) in Ortsnamen. Leffler, welcher 
diese falle zusammenstellt (Om i-omljudet s. 289 ff,), glaubt, dass 
das umlaut e sich hier weiter zu t entwickelt habe. Auf die- 
selbe weise erklärt er auch zwei ableitungssilben des altn. 
■mdi an» -andi (oben s. 193) und -ingi aus *angi (a. 166). Zur 
begrUndung des von ihm angenommenen laut Übergangs ver- 
weist er auf pidirpi, figiri (nach Kugel s. 3 Schreibfehler) in 
Pa, minnisco in der RR., as. binithion, hhtgimta, gifrimld und 
zalreiche fälle aus dem fries. und ostnord. Ich gebe zu, dass 
dieselben nicht durchaus auf zufall beruhen können, aber zur 
begrUndung von -skipi, welches im alta. an häuhgkeit dem 
-skepi gleich steht, im altfries. und ags. allein herecht, scheinen 
sie mir doch nicht auszureichen. Dagegen spricht wol nichts 
gegen die annähme, daas ein in ableitungasilbeu als regel em- 
pfundener Wechsel hier in Silben auwendung fand, denen er 
an sich ganz fremd war. 




«am, Ornat wa K. Aar 



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